Schüchterner Zeitung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. es. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. «S.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.
M 48. Samstag, den 15. Juni 1912. 63. Jahrgang.
Präsident Freiherr v. Erffa P.
Ein vortrefflicher Mann ist vom Tode dahingerafft worden: der Präsident des preusischen Abgeordnetenhauses Freiherr v. Erffa ist den Folgen des Schlaganfalls, der ihn traf, erlegen. Freiherr v. Erffa war eins der ätlesten Mitglieder des preußischen Abgeordnetenhauses und seiner konservativen Fraktion. Der Sechsundsechzigjährige vertrat seit dem Jahre 1885 den Wahlkreis Erfurt 5 (Schleusingen-Ziegenrück). Geboren war er am 31. Juli 1845 in Ahorn bei Koburg als Sprößling eines zum ältesten Adel der fränkischen Ritterschaft gehörigen Geschlechtes. Er war Besitzer des im Jahre 1870 gestifteten Majorats Wernburg im Kreise Ziegenrück. In der Klosterschule in Roßleben erzogen, studierte er in Genf, Bonn und Göttingen die Rechts- und Staatswissenschaften und dann in Hohenheim Landwirtschaft. Nachdem er den Krieg gegen Frankreich als Leutnant der Landwehrkavallerie mitgemacht und sich das Eiserne Kreuz 2t Klaffe erworben hatte, übernahm er 1872 seinen Grundbesitz in eigene Verwaltung. 1880 wurde er Mitglied des Deutschen Landwirtschaftsrates und des Landesökonomiekollegiums, an deren Beratungen er stets einen hervorragenden Anteil nahm. In der konservativen Fraktion des Abgeordnetenhauses war er eins der tätigsten Mitglieder. Er galt namentlich in nationalökonomischen, insbesondere in landwirtschaftlichen Fragen als große Autorität. Als Nachfolger 'des Herrn v. Kröcher wurde er zum Präsidenten des preußischen Abgeordnetenhauses gewühlt. Welche Kämpfe ihm als solchem die widerwärtige und unanständige Opposition der sechs Sozialdemokraten im preußischen Abgeordnetenhaus aufgezwungen haben, ist noch in aller Erinnerung. Keiner seiner Vorgänger M Präsidentenamt hat während noch so vieler Jahre so viel widerwärtige Schwierigkeiten zu überwinden gehabt, wie Freiherr v. Erffa in den wenigen Monaten seit seiner am 16. Januar dieses Jahres mit 347 Stimmen fast einstimmig erfolgten Wahl. Er hat den Kampf mit diesen Schwierigkeiten mit höchst würdiger Entschlossenheit geführt. Nach lange geübter Geduld hat er den großen moralischen Mut bewiesen, der dazu gehörte, mit Anwendung des äußersten Mittels das Ansehen des Parlaments gegen die systematischen Rüpeleien der Sozialdemokraten zu wahren, was ihm den giftigen Haß der Sozialdemokratie zuzog. Diesem Haß entsprach die Dankbarkeit und das Ansehen, das Freiherr v. Erffa durch seine Haltung sich bei allen anständig und national fühlenden Leuten gewann. Ihm
Das Geheimnis der Akuten.
Roman von Jenny Hirsch. 43
„Ruhe, die gibts für mich nicht viel," lächelte der Konsul und deutete mit der Hand nach dem Schreibtisch und den daneben befindlichen Repositorien, die mit Briefen, Akten, Geschäftsbüchern usw. hoch bepackt waren; »ich habe gegen fünfzehn Aemter, die Vormundschaftssachen noch gar nicht mitgerechnet, da gibt es Arbeit. Und wie gern wollte ich noch mehr von meiner Ruhe opfern, konnte ich dadurch unsere Lydia dem Grabe entreißen, das ihr leider so vorzeitig zu teil geworden ist," fügte er, eine Träne aus der grauen Wimper wischend, hinzu, sagte aber sogleich mit einer energischen Handbewegung: »Vorbei, vorbei! Das arme, schöne Kind ist tot. Denken wir an die Lebenden. Wie geht es Edith?"
„Nicht gut," antwortete Noßwitz und sah schweigend und betrübt vor sich nieder. „Ich fürchte Schlimmes," fügte er halblaut hinzu.
„O nicht doch, nicht doch," rief der Konsul erschreckt; »Sie sehen zu schwarz, sind selbst von all den schrecklichen Dingen, die auf Sie eingestürmt sind, erschüttert."
„Das gebe ick> zu, aber ich überwinde das schon, anders steht es mit Edith."
„Sie ist doch eine ruhige Natur."
„Darin liegt es eben; diese ruhige Natur ist gänzlich aus dem Gleichgewicht gebracht. Es muß sofort energisch «was für sie getan werden, und ich will es Ihnen nur Bestehen, daß ' ich in dieser Angelegenheit zu Ihnen ge- lamnien bin."
„Ich stehe Ihnen mit der größten Bereitwilligkeit iu Diensten," versicherte der Konsul zuvorkommend, nur tonn ich gar nicht begreifen, in welcher Weise . . ."
Er brach ab und blickte Noßwitz erwartungsvoll an, 7 aber spielte mit der Quaste des Sessels, schaute ver- "gm darein und wußte offenbar nicht recht, wie er be« ^nen sollte. Endlich sagte er stockend und^ö^ernd: „Es
entspricht das gesteigerte schmerzliche Bedauern, daß allerorten die Nachricht von seiner Erkrankung nnd jetzt die Todesmeldung aus Pößneck erweckte. Dem liebenswürdigen Menschen, dem nationalen Politiker, dem tapferen Mann und Streiter wird als einem der Besten die Dankbarkeit weitester Kreise ein dauerndes Andenken bereiten.
Die Nationalflugspende.
Von Hauptmann a. D. Dr. Hildebrandt.
Die gewaltigen, fast sprunghaften Fortschritte, die wir innerhalb der letzten 5 Jahre in der Flugtechnik gemacht haben, sind, wohl keinem Kulturmenschen, mag er in noch so großer Einsamkeit wohnen, verborgen geblieben. Wie vielseitig aber das Flugwesen ist, wieviel jetzt noch in Kleinarbeit zur Vervollkommnung der Drachen getan werden muß, darüber sind sich viele Laien noch nicht klar. Man ist befriedigt, wenn von Zeit zu Zeit eine neue Leistung gezeigt und durch die Blätter nach wenigen Stunden bekannt gegeben wird, und wenn wieder mal einer der Pioniere am dornenvollen Weg des Fortschrittes geblieben ist,^beruhigt man sich damit, daß man sagt, das neue Verkehrsmittel hat noch viele Unsicherheiten an sich, und die Konstrukteure haben dafür zu sorgen, daß durch bes indere Einrichtungen, wie beispielsweise durch selbsttätige Stabili- sierungsmittel, ein Absturz des Fahrzeuges möglichst ausgeschlossen wird Kaum einer denkt darüber nach, wie schwierig jetzt die Weiterarbeit ist, und wie außerordentliche Kosten die vielen Versuche machen. Probieren geht über Studieren! Beides aber kostet sehr viel Geld. Es gibt noch viel zu studieren, denn alles, was mit der Atmosphäre zusammenhängt, ist noch sehr wenig erforscht, Obwohl man schon jahrtausendelang den Flug der Bögel studiert hat, ist man sich immer noch nicht vollkommen über das Wesen des Vogelfluges klar; immer neue Theorien tauchen auf.
Die Lustwiderstandsgesetze bedürfen noch eingehender Forschungen. Sehr verwickelt sind die Einrichtungen, deren man hierzu bedarf. Der Staat gewährt schon einer Anzahl von Universitäten und technischen Hochschulen die Mittel, Laboratorien zum Messen des Luftwiderstandes einzurichten. Je schwieriger ein Problem ist, desto mehr Kräfte müssen sich ihm widmen. Es ist nun unmöglich, daß der Staat eine große Reihe von Instituten eigens für solche Zwecke ins Leben ruft; es würden zu ungeheure Mittel hierfür erforderlich sein. Aus diesem Grund ist es mit großer Freude zu be>
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ist eine so delikate Sache, Herr Konsul, es wird mir schwer, sie Ihnen vorzutragen, indes ich hoffe, Sie werden mich nicht mißverstehen."
„Bitte, bitte." sagte der Konsul und rückte unruhig auf seinem Sitz umher, unfähig, sich vorzustellen, wo sein Gast eigentlich hinaus wollte.
Noßwitz fuhr sich mit der Hand über die Stirn und sprach dann, ohne den Konsnl anzusehen: „Sie wissen, daß die Schwurgerichtsperiode in Eutin, in welcher die unselige Geschichte zur Verhandlung kommen wird, für den nächsten Monat anberaumt ist?"
Elster nickte. „Gewiß, ich fürchte, ich werde dort auch noch als Zeuge zu erscheinen haben."
„Für mich unterliegt das keiner Frage, ich bin einer der Hauptzeugen," fuhr Noßwitz lebhafter fort, „und man wird auch Ediths Anwesenheit verlangen.
Aber das darf nicht sein, es hieße sie geradezu töten. Ich hatte zuerst die Absicht, bis nach den Verhandlungen hier zu bleiben und dann mit Frau und Kindern während des ganzen Winters nach dem Süden zu gehen; ich habe jetzt diesen Plan geändert. Wir werden schon Anfang der nächsten Woche reisen, ich lasse die Meinigen in der Schweiz und komme zu dem Termin nur auf einen oder zwei Tage nach Eutin. Es soll mir nicht schwer werden, für Edith Dispensation vorn persönlichen Erscheinen zu erwirken."
„Das ist sehr fürsorglich und sehr aufopfernd von Ihnen," stimmte der Konsul zu, „nur sehe ich noch immer nicht ein, was ich dabei tun kann."
„Unsere Abwesenheit von Hannover wird sich auf Monate, vielleicht auf ein Jahr erstrecken, da dürfte es vielleicht doch notwendig sein, die geschäftlichen Angelegenheiten zu ordnen," versetzte Noßwitz. Er schob dabei seinen Stuhl etwas näher zu dem des Konsuls, dessen Gesicht plötzlich einen Ausdruck angenommen hatte, als sei er, nachdem er lange in der Irre umhergetappt hatte, in eine ihm wohlbekannte Gegend gekommen.
„AH, ich versteht Sie sprechen von Lydigs Vermö
grüßen, daß es, ebenso swie in Frankreich, bei uns Privatleute gibt, die sich in ihren Mußestunden mit Erfolg dem Studium der Luftwiderstandsgesetze hingeben. Manche von ihnen haben ihre Arbeiten wegen Geldmangels wieder eiustellen müssen. Solche Leute, deren Erfolge schon anerkannt sind, werden zweckmäßigerweise aus den privaten Mitteln der vom Volk gegebenen Spende unterstützt. Materielle Mittel müssen die persönliche Arbeit privater Forscher unterstützen.
Auch der Wirkungsgrad von Luftschrauben und dff theoretischen Grundlagen hierfür stehen ebensowenig fest wie unsere Kenntnisse von Schiffsschrauben, die man doch schon Jahrzehnte hindurch systematisch untersucht. Mit dem Erproben von Luftschrauben muß sich hauptsächlich die Industrie beschäftigen, die sich bemüht, gute Propeller herzustellen, um die ausländische Konkurrenz in Deutschland auszuschalten. Ein großer Beamtenapparat würde dazu gehören, wenn staatlicherseits geprüft werden solle, welcher Erfinder hier im nationalen Interesse Jtwa einer Unterstützung würdig ist. Die ehrenamtliche Arbeit von Fachleuten, die sich aus Lust und Liebe der Luftfahrt gewidmet Haben, muß einsetzen; durch die vom Volk gegebene Spende können sie in die Lage gesetzt werden, manche aussichtsreiche Arbeiten zu fördern.
Bekannt ist es, daß wir in der Motorentechnik noch viel weiter kommen müssen, wenn wir uns vom Ausland unabhängig machen wollen. Versuche im Motorenbau sind besonders kostspielig; Lohn winkt den Fabriken nur dann, wenn sie in Wettbewerben infolge der Sicherheit ihrer Motoren den Sieg erringen. Nur in Ausnahmefällen kann der Staat seine Kräfte zur Durchführung von Wettbewerben aller Art zur Verfügung stellen, viel zweckmäßiger ist es, wenn solche Veranstaltungen von privater Seite organisiert werden. Die deutschen Luflfahrvereine haben schon Erhebliches geleistet, aber jetzt beginnt sich ein Mangel an Geld für die Durchführung von Wettbewerben zu zeigen, bei denen doch erst das Material seine Feuerprobe bestehen muß.
So viel hat der Feldzug in Tripolis schon gezeigt, daß im Ernstfall die Flugzeuge wichtige Rolle spielen werden. Völlig unmöglich ist es, daß sich die Militärverwaltung schon im Frieden so viel Flugzeuge an« schafft, wie im Kriege erforderlich sind. Man muß unbedingt dafür sorgen, daß auch Privatleute imstande sind, sich die teuren Drachen anzuschaffen und zu unterhalten. Dies ist nur möglich, wenn sie eine Unter
gen," bemerkte er und setzte das an einer Schnur herabhängende Augenglas auf die Nase.
„Dessen einzige Erbin meine Frau ist," fügte Noß- witz hinzu.
„Darüber kann kein Zweifel herrschen, eS liegt alles zu ihrer Einsicht bereit."
„Wo denken Sie hin?" rief Noßwitz erschrocken abwehrend. „Edith darf mit dergleichen nicht behelligt werden, sie würde es nicht ertragen, und sie versteht auch von geschäftlichen Dingen nichts. Ich bin ihr Beschützer, ihr Vertreter, ich bitte Sie daher mit mir zu verhandeln."
„Wir können Edith dabei doch aber nicht ganz um* gehen," wandte der Konsul ein.
„Das soll auch nicht geschehen, aber erst im letzten Augenblick, wenn es sich um ihre Unterschrift handelt. Nicht wahr, Herr Konsul, Sie sehen das ein und wir überlegen, wie sich alles am schonendsten für sie einrichten läßt."
„Wohl, überlegen wir," erwiderte der Konsul gelassen, „bis jetzt weiß ich aber noch nicht recht, was Sie wünschen. Wollen Sie sich nicht näher erklären, Herr von Noßwitz?"
„Ich bat Sie schon einmal, mich nicht falsch zu verstehen."
„Das tue ich auch nicht," der Konsul sagte es verbindlich, und doch schien es Noßwitz, als liege eine gewisse Ironie in den Worten.
Er strich sich mit dem Batisttaschentuch über die Stirn und fuhr fort: „Das Vermögen meiner Schwägerin ist in Papieren angelegt."
„In sicheren Staatspapieren und ersten Hypotheken. Es wäre, wenn man wollte, in ganz kurzer Zeit realisierbar."
„Dessen bedarf es nicht," antwortete Noßwitz, „ich möchte nur als Mandatar meiner Frau um die Auslieferung der Besitztitel bitten."
„Herr von Noßwitz," fuhr der Konsul auf, „dys klingt« ir b-iMLMsrckc' _ „... 22^—201