mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 65. Oierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. «S.
Erscheint Mittwoch und Sanistag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.
M 44 Samstag, den 1. Juni 1912. 63. Jahrgang.
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Jugendpflege Berufsberatung und Lehrstellenvermittlung
Wenn man die sozialen Bestrebungen und Arbeiten der letzten Zeit durchmustert, so fällt vor allem ins Auge, daß man der Jugend, die man lange arg vernachlässigt hat, insbesondere der schulentlassenen Jugend, besondere Aufmerksamkeit zuwendet. Man hat diese Bestrebungen sozialpädagogischer Art unter dem Namen „Jugendpflege" zusammengefaßt und versteht darunter Maßnahmen zur geistigen und körperlichen Kräftigung der Jugend. Jugendpflege ist sicher eine notwendige und gute Sache, es will jedoch scheinen, daß man vielleicht einem Punkte zu wenig Gewicht beigelegt hat. Die Grundlage jeder Erziehung der schulentlassenen Jugend ist die richtige Berufswahl nach der körperlichen und geistigen Eignung für den Beruf und die Beruf ausbildung. Es soll hier nur darauf hingewiesen werden, daß die Berufswahl oft ohne genaue Prüfung der Berufsverhältnisse, der Berufsaussichten und Eigenschaften vollzogen wird, ferner darauf, daß so viele Eltern, teils infolge gedrückter wirtschaftlicher Verhältnisse teils aus Mangel an Verantwortlichkeitsgefühl den Schulentlassenen keine Berufsausbildung zukommen lassen. Es seien auch die Schwierigkeiten nicht verkannt, mit denen jeder zu kämpfen hat, der diese Verhältnisse bessern will. Die Tatsache, daß die meisten Eltern erst dann die sozialen Einrichtungen benutzen, wenn es zu spät ist, d. h., wenn die besten Stellen schon besetzt sind, deren Furcht, man wolle in ihr Selbstbestimmungsrecht eingreifen, auch die Neigungen der jungen Leute, die zum Teil aus unbegründeten Vorurteilen ein bestimmtes Gewerbe erlernen wollen, das ihnen nur unter schr günstigen Bedingungen und bei sehr guten Kenntnissen Aussicht auf Erfolge bieten kann, bereiten große Schwierigkeiten. Neben den inneren Schwierigkeiten kommen noch die äußeren, die Zersplitterung der Kreise, die sich für die Frage interessieren, Mangel an Mitteln zur Organisation, Fehlen einer Verständigung mit Interessenten gleicher Art in Stadt und Land. Es sollte deshalb der besseren Organisierung der Berufswahl, oder besser der Berufsberatung, die größte Aufmerksamkeit geschenkt werden.
Ein Bedürfnis dazu ist zweifellos vorhanden, und zwar ist das Bedürfnis größer, als man anzunehmen geneigt sein mag. Bei dem Mitteldeutschen Arbeitsnachweisverband, der in diesem Jahre durch Herausgabe eines „Nachweises der offenen Lehrstellen und der Lehrlinge sowie Lehrmädchen" für das Großherzogtum
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Hessen, die Provinz Hessen-Nassau, das Fürstentum Waldeck und die rheinische Kreise Kreuznach und Wetzlar Material für die Lehrstellenvermittlung beizubringen versucht hat, waren im ganzen 950 offene Stellen und 680 Lehrlinge und Lehrmädchen gemeldet. Einige Stellen waren zwar doppelt gemeldet, aber das kommt für die Beurteilung der Bedürfnisfrage nicht in Betracht. Der größte Teil der Stellen war vom Lande übermittelt, von den Großstädten hat sich nur der Verein Jugendwohl in Frankfurt a. M. in .«xifangreicher Weise an der Mitteilung der Meldunge^2eteiligt. Hierzu kommen noch direkte Meldungen bei Er Arbeitsamt in Wiesbaden mit 256 offenen Lehrstellen und 319 Lehr- stellensuchenden, sowie bei dem Arbeitsamt in Mainz mit 334 offenen Lehrstellen und 205 Lehrstellensuchenden. Die Gesamtzahl der uns bekannt gewordenen offenen Stellen betrug demnach 1540, die Gesamtzahl der Lehrlinge und Lehrmädchen 1204. Das Bedürfnis ist demnach vorhanden, und der Anfang ist gemacht. Jetzt gilt es, alle Interessenten, die das Blatt erhalten, Land- und Kreisräte, Kreisschulinspektoren Arbeitsnachweise, Innungen, Gewerbevereine, Pfarrer, Lehrer, Amtsgerichte, Erziehungsanstalten und Erziehungsvercine (es sind etwa 1300 Adressen) zusammen zu fassen, und zwar auf dem Lande durch eine Organisation nach Kreisen, vielleicht in Angliederung an die bestehenden Kreisarbeitsnachweise, und in der Stadt durch Bildung besonderer Ausschüsse, nach dem Vorbild etwa des Vereins Jugendwohl in Frankfurt a. M. Die öffentlichen Arbeitsnachweise, die mit den gewerblichen und persönlichen Verhältnissen bekannt sind, werden überall gerne ihre Hand zur Mitarbeit bieten. Für den Handwerkerstand wird ein Vertreter des Handwerks, für die kaufmännischen Berufe ein Vertreter des Kaufmannsstandes, zur Prüfung der gesetzlichen Vorbedingungen für die Lehrlingshaltung und die Bedingungen des Lehrvertrages hinzuzuziehen sein. Jedenfalls muß aber neben der lokalen Organisation auch eine solche für den inter- lokalen Verkehr von Ort zu Ort treten, und zwar darf diese nur eine Organisation betreiben. Die Bestrebungen der Lehrstellenvermittlung können nur im Einvernehmen mit dem öffentlichen Arbeitsnachweis befriedigend verwirklicht werden und bedürfen des Zusammenhangs mit den öffentlichen Arbeitsnachweisverbänden, denen die Organisierung des Verkehrs von Ort zu Ort obliegt.
Diese Zeilen sollten allen denen, die sich mit dankenswertem Eifer der Förderung des Lehrftellennachwei- ses bereits in diesem Jahre angenommen haben, eine
Anregung geben, jetzt schon für das nächste Jahr eine wssere Organisation vorzubereiten, sowie die am nächsten interessierten, die Eltern der Schulentlassenen und diese selbst darauf Hinweisen, vertrauensvoll die in ihrem Interesse geschaffenen Einrichtungen, die frei von Bürokratie lediglich Berufsberatung treiben und nach keiner Seite einen Zwang ausüben wollen, auch zu benutzen.
Deutsches Reich.
— Potsdam. Ihre Majestäten mit den Prinzen und Prinzessinnen des Königlichen Hauses besuchten am Pfingstsonntag vormittag den Gottesdienst in der Garnisonkirche zu Potsdam.
— Der Ausschuß des Zentralverbandes Deutscher Industrieller Häl bei seiner kürzlich stattgehabten Tagung folgende Entschließung über den Schutz der Arbeitswilligen angenommen: „Angesichts der Ausschreitungen bei dem letzten Ausstande der Bergarbeiter im Ruhrrevier erachtet es der Zentralverband Deutscher Industrieller für seine Pflicht, erneut und nachdrücklich die Forderung nach einem wirksamen Schutz der Arbeitswilligen zu erheben. Da dieser Schutz bei Arbeitskämpfen größeren Umfanges durch polizeiliche Maßnahmen nicht in ausre chender Weise gewährt werden kann und infolge der terroristischen Verhaltens der Streikposten die Anwendung der gesetzlich gegebenen Machtmittel sich als unzulänglich erwiesen hat, so ist durch eine baldige Neuregelung der einschlägigen Bestimmungen dafür Sorge zu tragen, daß die Unabhängigkeit und Sicherheit des einzelnen in dem Maße gewährleistet wird, wie es im Interesse der staatlichen Ordnung, der Freiheit des Erwerbslebens und der gedeihlichen Entwickelung des allgemeinen Wirtschaftslebens geboten ist." Ferner wurde eine Erklärung angenommen, die sich gegen Uebertreibungen in der Sozialpolitik, vor allem auch gegen die Bestrebungen richtet, den Unternehmer und Arbeitgeber aus der antoriativen Stellung in seinem Beliebe zu verdrängen.
— Der Entwurf eines Reichsgesetzes zur Bekämpfung der Bienenseuchen ist nunmehr den Bundesregierungen zugegangen. Dem Bundesrat und Reichstag wird er als Borlage jedenfalls im nächsten Spätherbst zugehen. Es handelt sich bei der gesetzlichen Regelung, die den Wünschen der deutschen Bienenzüchter entspricht, in erster Linie um Maßnahmen gegen die Faulbrut, durch welche die deutsche Bienenzucht stark geschädigt wird. Berechnet man jeden Bienenstock mit 20 Mark, so würde in Deutschland ein Betrag von 5 Millionen
Aas Geheimnis der Akuten.
Roman von Jenny Hirsch. 38
„Diana, Diana, mein gutes Tier, Du kennst mich," sagte sie halblaut, und der Förster glaubte noch nie eine frischere, wohllautendere Stimme gehört zu haben. „Wie mich das freut und rührt, aber jetzt gib Ruhe, daß ich mich auch ein wenig nach den Menschen umsehen kann.
Sie klopfte liebkosend den schlanken Hals des Hundes, und dieser ließ von ihr ab und eilte zu dem Förster, als wollte er diesen aufmerksam machen, daß ein besonders werter Gast sich der Schwelle des Forsthauses nahe.
Das junge Mädchen hob jetzt den Kopf, und Horn blickte in ein Gesicht vom reinsten Oval mit fein gerundetem Kinn, in dessen Grübchen der Schelm zu wohnen schien, einen kleinen roten Mund mit weißen, spitzen Zähnchen und einer kleinen Stumpfnase, die recht keck und unternehmend in die Welt schaute. Unter der von irailsem, rötlich-blondem Haar zum größeren Teil bedeckten Stirn blickten ein paar Augen hervor, deren Farbe nicht so leicht festzustellen war, jetzt schimmerten sie grünlich, dann schienen sie grau und dann wieder schwarz zu sein.
„Erschrecken Sie nicht, Herr Förster," redete sie Horn an, und es huschte ein schelmisches Lächeln um ihren Mund denn der sich in feinem gebräunten gutmütigen Gesichte malende Ausdruck des Staunens hatte etwas Komisches.
„Ich bin keine böse Waldfee, sondern das Kind rechtschaffener Eltern."
„Die sich Pöplau nennen," fiel der Förster «in, der sich endlich gefaßt hatte, und bot ihr die Hand. „Das ist eine Ueberraschnng. Seien Sie mir herzlich willkom- -wen, mein Fräulein."
„Sie haben es erraten, oder vielmehr Diana hat es ,ÜW> verraten," «ntMl»(f sie ,munM, Me JMnstfl
Finger in die Hand des Försters legend, „aber können Sie auch sagen, welche von Pöplaus Zwillingen ich bin?"
Der Förster machte wieder ein so hilfloses Gesicht, daß sie nur mit Mühe ihre Lachlust überivand und antwortete aufs Geratewohl: „Fräulein Helene."
„Fehlgeschossen!" rief sie lustig, „ich bin Christine."
„Ich dachte, ich meinte nur," entschuldigte sich der Förster, „weil..."
„Weil man Ihnen Helene als die Ernste und Bedächtige geschildert hat und mich den stets zu allen tollen Streichen aufgelegten Springinsfeld, so wäre jene jetzt hier besser am Platze."
Der Förster stieß einen Seufzer aus. „Ach ja, wir sind hier sehr traurig und haben auch alle Ursache dazu."
„Und eben deshalb bin ich gekommen, damit ich meine arme Mutter in ihrem großen Kummer ein wenig auf- richte und tröste. Wo ist sie denn?"
Der neckische Ton, den das Mädchen angeschlagen, verwandelte sich bei den letzten Worten und erhielt eine tiefe, warme Färbung, so daß der Zuhörer wohl merkte, daß ihre zur Schau getragene Munterkeit keineswegs ihr ganzes Wesen erfüllte.
„Die Frau Försterin ist in Eutin," antwortete er, ohne einen Blick von dem jungen Mädchen verwenden zu können.
„Bei meinem armen Bruder?" fragte Christine schnell und wischte sich mit dem Taschentuche verstohlen eine Träne ab.
„Ach nein, man läßt ja noch immer niemand zu ihm. Sie ist wieder zu einem der verwünschten Verhöre geladen, mit denen uns der Untersuchungsrichter plagt, und schon am Vormittag fortgefahren; ich denke aber, sie muß mit dem nächsten Zime zurückkehren."
„So gestatten Sie wohl, daß ich inzwischen meine Tasche ablege. Mein übriges Gepäck wird man mir von der Station herbringen," sagte das junge Mädchen und tat einen Schritt auf das Haus zu.
Horn führ erschrocken zysqmwen. ^Entschuldige^ Sie ^
meine Unachtsamkeit," bat er und nahm ihr trotz ihres Sträubens die Tasche ab, um sie die Stufen hinauf zu tragen. Im Hausflur öffnete er die zu der Wohnung der Försterin führende Tür, ließ Christine eintreten und folgt« ihr.
Sie ging schnell bis in die Mitte des Zimmers, nahm den Hut vom Kopfe, legte ihn auf den Tffch und streifte die Handschuhe von den wohlgeformten, aber die Spuren der Arbeit tragenden Händen. Mit einem einzigen Blick schien sie ihre ganze Umgebung in sich aufzuneh- men, ihre feinen Nasenlöcher sogen den Duft der blühenden Pflanzen ein. „Heimatsluft," flüsterten ihre roten Lippen. „O, wie das gut tut, wieder in meinem Walde, wieder daheim zu sein."
Ihr Blick fiel in den ihr gegenüberhänaenden. von Efeuranken dicht umzogenen Spiegel, und sie gewahrte darin den Förster, der verlegen hinter ihr stand und, da er nichts Besseres zu tun wußte, aufmerksam das goldige Gelock in ihrem Nacken betrachtete.
„Verzeihen Sie, ich vergaß ganz, daß ich eigentlich nicht mehr daheim bin, daß, wenn auch in diesen Zimmern noch alles steht und liegt wie vordem, sich doch viel, sehr viel verändert hat," sagte sie leise.
„O, vergessen Sie es immerhin, Sie können mir gar nichts Lieberes erweisen," erwiderte er lebhaft. „Die Gie- belfenster, die Sie und ihre Schwester bewohnten, stehen ganz zu Ihrer Verfügung; die Magd soll Sie sogleich hinaufführen und Ihnen auch eine Erfrischung bereiten. Wünschen Sie vielleicht eine Tafle Kaffee?"
„Die schlage ich nicht aus," erwiderte sie mit wiederkehrender Munterkeit. „Sie soll mir nach der langen Fahrt trefflich munden, aber mit dem Hinaufgehen hat es Zeit, bis meine Mutter hier ist und man mein Ge- päck gebracht hat. Ich möchte inzwischen mit Ihnen re- den, Herr Förster, ist es Ihnen recht, so trinke ich den Kaffee draußen unter den Linden und Si« leisten mir «äi» ______^ ,."-E' itiasi