SchlüchtemerMung
mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. vs. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. es.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.
42. Samstag, den 25. Mai 1912. 63. Jahrgang.
Pfingstgebet.
Mit des Frühlings Blütenkerzen Pfingstlich schmückest Du die Welt, Gib, daß auch in unsre Herzen, Herr, der Frühling Einzug hält!
Sende Deinen Geist zur Erde, Wie Du einmal schon getan, Daß es Pfingsten in uns werde, Und auch wir Dein Licht empsahn.
Wie der Erde junges Leben Fröhlich aus der Finsternis, Also laß uns aufwärts streben, Lenzesfreudig, siegsgewiß!
Laß der Liebe goldne Saaten, Still in unsrer Brust gedeih'n, Und die Ernte — wohl geraten, — Einst in Deinem Himmel sein!
Hermann Haase-Gelnhausen.
Pfingsten.
Pfingsten ist kommen! Nun schmückt sich der Wald und die Heide,
Garten und Wiese, sie prangen in festlichem Kleide, Nieden die Flur,
Droben der blaue Azur
Glänzen im Frühlingsgeschmeide.
Ja, Pfingsten, das lieblichste der hohen Feste, ist wieder gekommen. Im frühlingssrischen Pfingstgeschmeide prangt die Natur, überall grünt und blüht, singt und jubiliert es. Das Pfingstfest als Stiftungsfest der christlichen Kirche ist das Fest eines neuen, aus Gott geborenen Lebens. Der christliche Gedanke hat an jenem ersten Pfingsttage in Jerusalem, dessen wir heute gedenken, seine ursprüngliche, auf das Judentum beschränkte Hülle durchbrochen und ist mit seiner Kraft als Weltreligion offenbar geworden, wie im Frühling die schwellende Knospe zur Blüte aufbricht. Und dieses Schwellen des neuen Lebens, das draußen in der Natur alljährlich zur schönen Pfingstzeit uns umgibt, ist nicht bloß ein in sinniger Auslegung gedeutetes Gleiche nis zu dem neuen Leben aus Gottes Geist, nein, es besteht eine wahrhafte Wechselwirkung zwischen dem, was draußen und was drinnen geschieht.
Ob als Priesterwort erklungen, Ob als Lerchenlied gesungen, Tröstende Apostelzungen
Reden Pfingsten sonder Zahl.I
Keine Jahreszeit ist zur Feier des Pfingstfestes geeigneter als der Licht und Leben ^spendende Frühling. Die häufig betonte innige Verbindung des Deuschtums mit dem Christentum, die das deutsche Volk als besonders geeignet erscheinen läßt, der Träger des Christentums zu sein, hat gewiß nicht zuletzt ihren Grund darin, daß gerade in der uns umgebenden Natur die Stimmung für die christlichen Feste gegeben ist, und daß der Deutsche sich besonders innig an die Natur anschließt und in seiner Gemütstiefe empfänglich ist für alle an ihn von außen herantretenden Eindrücke. Dadurch ist das deutsche Volk auch vor allen andern geeignet, Träger des christlichen Glaubens zu sein, der in erster Linie Gemütssache ist; denn keine Religion stellt so hohe Anforderungen an Herz und Gemüt wie die christliche, die Religion der reinsten Liebe und der Selbstlosigkeit, die sich in ihrem Stifter bis zur Selbstentäußerung gesteigert hat. Darum aber machen sich auch diejenigen, die unserem Volk ihr Christentum nehmen wollen, zugleich eines Verrats gegen das Deutschtum schuldig ; darum gehen Entchristlichung, Vaterlands- losigkeit und Umsturz Hand in Hand; darum sehen wir auch in der Umsturzbewegung undeutsche, unchristliche und christenfeindliche Elemente emsig an der Arbeit.
Wir schmücken heute unser Haus mit Maien, eine schöne, deutsche Sitte, so sinnig wie der Christbaum mit seinen strahlenden Lichtern am Weihnachtsseste. Diese Maien sind uns das Symbol, daß nun der Sieg des Lichts besiegelt, der Höhepunkt der Schaffenskraft erreicht ist, das Symbol des Pfingstgeistes. Und dieser Pfingstgeist, er ist kein Wahn. Mit Sturmeswehen ist gekommen und hat die Herzen derer, die offen für ihn standen, in Besitz genommen, ein Wunder in ihnen bewirkend, daß selbst die, die ihn nicht ahnten, staunend vor seiner Wirkung standen und vergeblich nach einer Erklärung suchten. Und wenn heute das frische, hoff- nungsfreudige Grün der Maien 'auch die Hütte des Aermsten freundlich schmückt, ihr ein festliches Aussehen verleihend, so möge auch der Pfingstgeist die Herzen schmücken, daß sie teilhaben an der wahren, echten Pfingstfreude, durch die unser Leben hier immer und immer wieder verschönt werden soll.
In der freudigen Hilfsbereitschaft offenbarte sich der Pfingstgeist der ersten Christen; nehmen wir diesen
Pfingstgeist mit hinüber in unser soziales Leben, dann wird das deutsche Volk sich als echten rechten Träger des Christentums bewähren; dann wird das Symbol des Pfingstgeistes, die grünende Maie, zugleich das Symbol des friedlichen Ausgleichs der sozialen Gegensätze sein und damit des christlichen Gedankens, des echten Pfingstgeistes.
Deutscher Reich.
— Nach dem kurzen Besuche in Elsaß-Lothringen hat der Kaiser in Homburg v. d. H., der ehemaligen landgräflichen Residenz, wo die Kaiserin bereits einge- troffen war, Aufenthalt genommen. Die Festspiele in Wiesbaden wurden wegen der Trauer um den in Hamburg so plötzlich verstorbenen König Friedrich von Däneniaxk abgesagt.
— Im Reichstage ist die Branntweinsteuernovelle in zweiter Lesung angenommen worden. Vom „Genossen" Wurm wurde wieder einmal die Spirituszentrale angegriffen, doch erhielt er mit seinen Unterstellungen von dem Direktor der Spirituszentrale Abg. Kreth eine regelrechte Abfuhr unter dem lebhaften Beifall der Mehrheit des Hauses, und andere Abgeordnete betonten ganz ausdrücklich die hohe und segensreiche Bedeutung, die die Spirituszentrale für das Gedeihen der Spiritus- produkticn gewonnen hat. Sonst wäre als heiteres Moment noch zu erwähnen, daß der Vizepräsident Paasche bei dem Aufruf des Genossen Davidsohn diesen als Jsaaksohn bezeichnete, worüber das Haus in minutenlange stürmische Heiterkeit ausbrach. Glücklicherweise steht Vizepräsident Paasche hoch erhaben über dem Verdachte antisemitischer Tendenz, sodaß der Großblock- brudex Gothein als Vorsitzender des Vereins zur W» wehr des Antisemitismus voraussichtlich diesmal wird „Gnade für Recht ergehen lassen.
— Das preußische Herrenhaus hat am letzten Montag wieder einen seiner großen Tage gehabt. Nachdem Herr v. Puttkamer in seiner schlichten, kernigen Weise die wüsten Beschimpfungen des Preußentums im Reichstage energisch zurückgewiesen und dem Reichskanzler seine Anerkennung für sein mannhaftes Auf» treten ausgesprochen hatte, ergriff eines der jüngst eingetretenen Mitglieder des Hauses General der Kavallerie v. Kleist das Wort zu einer großangelegten Preußenrehe, in der er die Regierung aufforderte, sich an die Spitze der königstreuen Elemente zu stellen und der sozialistischen Hydra den Kopf zu zertreten. „Jetzt ist ■ es Zeit," rief der erprobte, alte Soldat unter dem sich
Das Geheimnis der Kluten.
Roman von Jenny Hirsch. 35
„Hören Sie die Stimme des Allwissenden," mahnte Momsen feierlich. „Beharren Sie nicht länger auf einem Märchen, von dem Sie selbst nicht erwarten können, daß ein Mensch es Ihnen glaubt. Bekennen Sie, daß Sie im Zorn die Hand an Lydia von Ruffer gelegt haben."
„Ich habe es nicht getan, Gott ist mein Zeuge," rief Ludolf und wieder verhallten seine Worte im Rollen des Donners, der dem Blitze in wenigen Sekunden folgte.
„Leugnen Sie nicht länger, daß Ihr beklagenswertes Opfer drüben im Schauhause liegt," fuhr Momsen, ohne auf Ludolfs Zwischenruf zu achten, fort.
„Die Leiche, die Sie mir gezeigt haben, ist nicht Lydia von Ruffer; sie lebt. Sie morden sie aber, wenn Sie mich hier zurückhalten."
Die Sprache versagte ihm; als habe der soeben wieder herniederfahrende Blitzstrahl ihn getroffen, sank er zu Loden. Die furchtbare Aufregung, das lange Fasten und zuletzt noch das hereinbrechende Gewitter hatten selbst die volle ungebrochene Jugendkraft erschöpft; eine Ohnmacht umfing seine Sinne.
Als Ludolf Pöplau wieder zu sich kam, befand er sich in einsamer Zelle, die nur erhellt ward durch den Schein, welcher von der auf dem Gange brennenden Gasflamme durch die in der Tür angebrachte kleine kreisrunde Glasscheibe fiel.
„Ist der Herr Amtsrichter zu Hause?" fragte Herr Don Noßwitz ein sauber gekleidetes Dienstmädchen, das ihm die Tür eines unweit des Gerichtsgebäudes gelesenen, von wildem Wein umranklen weißen Hauses mit teilen' Fenstern und grünen Läden öffnete, in welchem Herr von Momsen seine Wohnung hatte. Das Mädchen bejahte und fragte zuvorkommend, wen sie zu melden
„Sagen Sie dem Herrn Amtsrichter, Herr von Noßwitz sei da und wünsche Abschied zu nehmen, er werde ihn nicht lange stören," antwortete Noßwitz liebenswürdig und trat in ein gut ausgestattetes Zimmer zu ebener Erde, von dessen Fenstern aus man die Aussicht in den Schloßgarten hatte.
Es blieb ihm jedoch keine Zeit, sie zu genießen. Schon im nächsten Augenblick öffnete sich eine zweite Tür, Herr von Momsen erschien, begrüßte seinen Gast mit Lebhaftigkeit und führte ihn in sein Arbeitszimmer.
Kaum hatte er daselbst Platz genommen, so erschien das Mädchen mit Wein und Gläsern; Herr von Momsen goß ein, bot seinem Gast Zigarren und ließ sich nicht abweisen.
„Es ist heute das erste Mal, daß ich die Ehre habe, Sie in meinem Hause zu begrüßen," sagte er, „und habe ich die Meldung des Mädchens recht verstanden, so dürfte ich auch nicht so bald wieder darauf rechnen können; sie sagte mir, Sie kämen, um Abschied zu nehmen."
„Es ist so," antwortete Noßwitz mit ernster Miene und umflorter Stimme, „wir gehen nach Hannover, um eine traurige Pflicht zu erfüllen. Sie werden es begreiflich finden, daß wir nicht wieder zu dauerndem Aufenthalt zurückkehren; unsere diesjährige Villeggiatur hat eine gar zu schreckliche Unterbrechung erfahren."
Die Ueberreste des im Kellersee gefundenen jungen Mädchens waren nunmehr ihren Angehörigen zur Bestattung übergeben worden und befanden sich bereits im wohlverschlossenen Zinnsarge auf dem Wege nach der Heimat, wo sie in dem Erbbegräbnis der Familie beigesetzt werden sollten. Herr von Noßwitz mit Familie und Dienerschaft wollte am nächsten Tage ebenfalls dahin abreisen.
Seine Frau hatte zwar den Wunsch gehabt, der Schwester im Garten der Billa auf dem Rodenberg ein Grabmal zu bereiten, ihr Mann hatte ihr das aber auszu- reden gewußt. Bei ihm stand es bereits fest, daß sie nie dahin zurückkehren, sondern die Besitzung, welche ja jetzt Ediths alleiniges Erbe war, je eher, je lieber verkaufen
würden. Er hütete sich aber wohl, ihr vorläufig etwas von dieser Absicht zu sagen und erwähnte auch gegen den Amtsrichter nichts davon.
Ihre Unterhaltung drehte sich sehr bald wieder um die Untersuchung gegen Ludolf Pöplau. Momsen hatte keinen Anstand genommen, Herrn von Noßwitz als den Nächstbeteiligten in die von dem jungen Forstmann erzählte wunderliche Geschichte einzuweihen, und berichtete auch jetzt wieder, daß derselbe bei seiner Aussage verharre.
„Läge die Arme nicht in ihrem Sarge, man könnte durch seine große Sicherheit, sowie durch die Uebereinstimmung seiner Aussagen mit denen seiner Mutter beinahe irre gemacht werden," fügte er hinzu. „Ich habe mich unablässig bemüht, die Frau bei ihrer Vernehmung in Widersprüche zu verwickeln, aber eS ist mir nicht gelungen; sie haben sich die Komödie gut einstudiert."
„Und wenn eS doch keine Komödie wäre!" rief Noßwitz.
Der Amtsrichter sah ihn verwundert an.
„Lieber, verehrter Herr," fuhr Noßwitz, ihm näher rückend und eine Hand vertraulich auf seinen Arm legend, fort, „ich will es gestehen. Ich bin heute zu Ihnen gekommen, um die SachemitJhnenalsmitdemFreunde, nicht mit dem Richter zu besprechen."
Momsen verbeugte sich geschmeichelt.
„Wenn an der Sache doch etwas Wahres wäre f Wen» wir im Begriffe ständen, eine fremde Leiche im Erbbo- gräbnis beizusetzen?"
Er warf die angerauchte Zigarre in den vor ihm stehenden Aschenbecher, sprang auf und machte ein paar rasche Gänge durch das Zimmer, als ob die innere Erregung ihn nicht auf seinem Sitzedulde.
„Wenn wir Pöplau doch unrecht täten!" rief er.de« Amtsrichter, der sich ebenfalls erhoben hatte, wieder näher tretend, „ich kann Ihnen gar nicht beschreibe», wie mich diese Gedanken peinigen und Myl«»* . 19^H*