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Schlkchtemer Äitung

mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. 65. Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat". Telefon Nr. es.

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.

H Mittwoch, den 22. Mai 1912. 63. Jahrgang.

Deutsche, Reich.

Straßburg. Am vergangenen Mittwoch fand Manöver bei Mörchingen statt, das gegen 1 Uhr be­endigt wurde. Der Kaiser hielt eine Besprechung mit den Offizieren ab. In Mörchingen wurde der Kaiser von der Bevölkerung lebhaft begrüßt. Dann nahm der Kaiser den Vorbeimarsch des Armeekorps und der baye­rischen Brigade ab. Nachdem der Kaiser eine Anzahl Auszeichnungen verliehen, begab er sich nach Amman­weiler und setzte die Reise zur Besichtigung der Forts fort.

Der Kaiser und Elsaß-Lothringen. In ziemlicher Uebereinstimmung meldeten Pariser, Straßburger und Berliner Blätter, der Kaiser habe bei Gelegenheit des Essens, das im Palais des Staatssekretärs Zorn von Bulach stattfand, den Bürgermeister Dr. Schwander in ein Gespräch über die politische Lage in ElsaßeLothringen gezogen. In sehr ernster Weise und in nachdrücklichem Tone habe dabei der Kaiser gesagt:Hören S'ie ein­mal, Sie haben uns bis jetzt hier nur von der guten Seite kennen gelernt. Ich kann Ihnen aber sagen, daß Sie uns auch von der andern Seite kennen lernen können. Das kann so nicht weiter gehen hier. Wenn die Dinge aber so weitergehen, dann heben wir einfach die Verfassung auf und verleiden Sie Preußen ein." Der Kaiser soll diese Worte so laut gesagt haben, daß sie auch in der weiteren Umgebung gehört sind. So ist es zu begreifen, daß diese Worte, die natürlich in keiner Weise für die Oeffentlichkeit bestimmt waren und chie ihre Echtheit vorausgesetzt besonderes Auf­sehen erregen werden, in die Zeitungen gekommen sind, r, Köln. DerKölnischen Zt^." wird aus Berliy telegraphiert: Bisher liegt noch keine vollständige Er- ßärung über die Aeußerungen, die der Kaiser in Straß- mrg getan haben soll, vor. Soviel scheint indessen Her zu sein, daß er in der Tat seiner Verstimmung ^yr scharfen Ausdruck gegeben und darauf hingewiesen hat, daß es so, wie bisher, nicht weiter gehen könne. Daß der Kaiser nicht die Verfassung von Elsaß-Loth­ringen über den Haufen werfen und die Reichslande ohne weiteres dem preußischen Staate einverleiben kann, ist selbstverständlich. Wenn der Kaiser sich wirklich so geäußert haben sollte, so würde man es wohl nur in dem Sinne aufzufassen haben, daß er seinem Mißver­gnügen, über die in so unnötiger und kopfloser Weise geschaffene Lage kräftigen Ausdruck gebe und die Elsässer darauf Hinweisen wollte, daß auch das größte Wohl­wollen die äußerste Geduld erschöpft. So wie die Dinge

sich jetzt entwickelt haben, ist die Regierung fest ent­schlossen, an ihrer bisherigen Stellungnahme festzuhalten und dem Grafenstadener Werk solange keine Bestellungen zu geben, als bis diese sich in ihrem politischen Ver­halten nach den herrschenden Verhältnissen eingerichtet haben werden. Darin herrscht in den leitenden Kreisen vollständige Uebereinstimmung. Die Tatsache, daß die Aeußerungen des Kaisers zuerst in Pariser Zeitungen bekannt geworden sind, möchten wir übrigens als eine neue Taktlosigkeit ansehen, deren sich einige Herren, die an dem Frühstück teilnahmen, schuldig gemacht haben.

Eine Aenderungen der Thronfolge in Reuß j. L. ist durch das infolge Scharlachs herbeigeführte Ab­leben des 18jährigen ältesten Sohnes, Heinrich 43., des Erbprinzen Heinrich 27. eingetreten. Letzterer führt bereits seit 1893 die Regentschaft des Landes' anstelle seines nunmehr 80 jährigen Vaters. Da Fürst Heinrich 24. Reuß ältere Linie der letzte Sproß des Zweiges Reuß-Greiz infolge Geistes­krankheit regierungsunfähig ist, hat Erbprinz Heinrich 27. seit 1902 auch die Regentschaft dieses Fürsten­tums inne, so daß dessen zweiter Sohn Prinz Heinrich 45, gerade an seinem 17. Geburtstag Thronfolger in den beiden Fürstentümern wurde.

- Im Reichstage haben die Lorbeeren Borchardts denGenossen" und Vizepräsidenten unseligen An­denkens Scheidemann nicht ruhen lassen, und so hat er denn in der dentschen Volksvertretung ein ähnliches Spektakelstück aufgeführt, wie sich dies sein Freund Z-orchardt im preußischen Abgeordnetenhause geleistet hat. Anlaß hierzu bot ihm die ernste und durchaus ^.rechtigte Warnung, die unser Kaiser jüngst an die Adresse der Elsaß-Lothringer gerichtet hat, deren Un­reife für eine verfassungsmäßige Selbstregierung in geradezu erschreckendem Maße zu Tage getreten ist. Genosse" Scheidemann bekam dabei einen der bei der Sozialdemokratie nachgerade epidemisch gewordenen Tobsuchtsanfälle gegen Preußen. Anwürfe aus solchem Munde können, wie wir schon oft betont haben, natür­lich Preußens Ehre und Ruhm nicht beflecken, sie sind vielmehr ein anerkennendes Zeugnis dafür, daß wir uns in Preußen auf dem einzig richtigen Wege befinden. Der Reichstagspräsident Kämpf legte bei dieser Ge» legenheit eine wahrhaft bejammernswerte Hilflosigkeit an den Tag, indem er auf die unerhörten Beleidigungen Preußens nicht einmal sofort mit einem Ordnungsrufe regierte. Infolgedessen sahen sich der Reichskanzler und die Regierungsvertreter genötigt, den Saal auf

einige Stunden zu verlassen. Später kehrte der Reichs­kanzler wieder zurück und erklärte, daß er die volle Verantwortung für die Aeußerung des Kaisers über­nehme. Von verschiedenen Rednern aus den bürger­lichen Parteien des Hauses aber wurde demGenossen" Scheidemann eine wohlverdiente Züchtigung zuteil.

Ausland.

-- Im englischen Unterhause fragte der Konser­vative Kapitän Faber den Premierminister Asquith, ob die deutsche Regierung die englische Regierung im Jahre 1909 dahin informiert hätte, sie beabsichtige zu dem Flottengesetz von 1908 keine weiteren Bauten vor- zunehmen, und ob die deutsche Regierung trotz dieser Erklärung jetzt ihre Flotte um drei Dreadnoughts ver­mehre. Asquith entgegnete:Von der deutschen Regierung sind keine Zusicherungen gegeben worden, und ich kann nicht sagen, welche Absichten sie zu dieser oder jener Zeit hatte, da es der deutschen Regierung frei stand, ihre Ansicht zu ändern."

In dem letzten französischen Ministerrat ist nicht allein über die Neubesetzung des Wiener Botschafter­postens beraten worden, scndern Ministerpräsident Poincaree hat seine Kollegen auch von den dringenden Schritten verständigt, die der russische Botschafter in Paris, Jswolski, unternommen hat, um eine Beschleu­nigung der Rückberufung des französichen Botschafters in Petersburg, Louis, zu erzielen. Der Petersburger Botschafterposten ist daraufhin Paul Deschanel ange­boten worden, der ihn jedoch abgelehnt hat. Man hofft, daß binnen kurzem eine Regelung gefunden werden wird. Auf. her angeren Seite wird jedoch vielfach auch die Stellung des Botschafters Jswolski als erschüttert angesehen.

In der türkischen Kammer hielt Halil Bei bei der Uebernahme des Vorsitzes eine Ansprache, in der er hervorhob, die zweite Wahlperiode sei für die osmanische Nation vor der Welt eine Prüfungszeit gewesen, deren Bedeutung sich angesichts des ungerechten Krieges noch erhöhe. Die Nation habe dieselbe Festigkeit bewiesen, wie in andern kritischen Zeiten, und die Wahlen ruhig zu Ende geführt. Sie habe die Notwendigkeit der Einigung eingesehen. Man müsse mit Festigkeit und Vertrauen in die Zukunft blicken. Es sei eine politische Pflicht und eine zivilisatorische Forderung für die ganze Welt, die osmanische Nation nicht zu vernichten, sondern zu respektieren. Die Türkei wolle nicht den Frieden bedrohen, sondern die leicht zu entfachenden

Aas Geheimnis der Akuten.

Roman von Jenny Hirsch. 34

Ich war auch wirklich nicht so großmütig," antwor­tete Ludolf in dem gleichen Ton,aber sie bat mich, nicht in sie zu dringen und mir an der Versicherung ihrer tief­sten Reue genügen zu lassen. Später wolle sie mir alles «klären, für heute hätten wir ja so vieles andere zu tun."

Und Sie gewährten ihr diese Bitte?"

Ludolf bejahte stumm.

Fragten Sie denn auch nicht, wie sie in den See Plangt fei ?"

Doch, das fragte ich auch, aber," er zögerte sichtlich, ich bin auch daraus nicht recht klug geworden. Sie ließ «s unklar, ob sie hineingefallen sei oder sich absichtlich hineingestürzt habe."

Und auch das ließen Siesich gefallen? Wahrlich, eine solche blinde Liebe hätte ich in unserem Jahrhun­dert nicht für möglich gehalten. Das erinnert ja an den Minnedienst des Mittelalters," bemerkte der Amtsrich­ter achselzuckend.

Ich wollte mich nicht so abspeisen lassen, ich drang in Lydia mir näheren Aufschluß zu geben, aber meine Mutter legte sich ins Mittel und redete mir zu, nicht kehr wissen zu wollen, als Lydia mir jetzt sagen dürfe tob könne."

So hat sie sich Ihrer Mutter anvertraut?"

Gesagt hat mir meine Mutter auch später nichts dar­über; aber sie erklärte sich schneller mit Lydias Plan ein= ""standen als ich. Beide wußten mir die Bedenken, welche ich erhob, auszureden. Wir beschlossen endlich, da Lydia darauf bestand, daß sie noch in dieser Nacht fort müsse, w solle mir um einige Tage vorausreisen, damit ich hier ^tine Angelegenheiten erst ordne, keinen Verdacht errege N auch der Anklage entgehe, eine Minderjährige ent= zu haben."

Das haben Sie also auch bedacht?" bemerkte der Amts­

richter.Nun weiter; Sie ließen sich wohl nun, um den Verdacht zu beseitigen, noch einmal in Gremsmühlen se­hen ?"

Ganz richtig," erwiderte Pöplau,ich schrieb auch an den Förster Horn, er möge schleunigst zurückkom- men, denn ich wußte, er wolle am anderen Tage von Lübeck weiterreisen und er traf alle für Lydias heimliche Abreise erforderlichen Vorkehrungen. Als man in der Nacht bei uns anpochte und meine Mutter, anscheinend aus tiefem Schlaf aufgefahren, den Laden öffnete und fragte, wer sie so spät noch störe, hatte sie in Wahr­heit soeben eine kleine Reisetasche für Lydia gepackt."

Mit den nassen Kleidern?"

Allerdings, unter dengeschicktenHändenmeinerMut- 1er und dank der herrschenden großen Hitze waren st« schon wieder hergerichtet, was fehlte wurde aus dem Borrat meiner Schwester im Hause zurückgelassen, ergänzt. Statt des Hutes, der im See geblieben war, band sie ein gro­ßes Tuch über den Kopf, was sie auch davor schützte, er­kannt zu werden. Wir gaben ihr, was wir an Geld be­saßen, ich zog ebenfalls ganz unscheinbare Sachen an, und so gingen wir nach Schwarzenau, wo sie eine Fahr­karte dritter Klasse nach Kiel]ie. Es waren uns auf dem Wege nur ein paar Leute begegnet, und diese hat­ten uns wahrscheinlich für Bauern oder Tagelöhner ge­halten."

Und der Beamte, bei dem die Fahrkarte genommen wurde?"

Ich ging aus Vorsicht nicht mit an den Schalter; er wird Lydia, die das Tuch tief ins Gesicht zog, nicht erkannt haben, da er nicht vermuten konnte, daß Fräu­lein von Ruffer allein in der Nacht in der dritten Klasse von der kleinen Station aus nach Kiel fahren werde.

Als Sie, Herr Inspektor, uns in Lindental auffuch- ten, war ich von meinem nächtlichen Ausfluge erst vor ein paar Stunden zurückgekehrt und durch das Bellen des Hundes geweckt worden," wandte er sich an diesen

und fuhr fort:Lydia wollte von Kiel nach Hamburg und von dort unverzüglich nach England fahren. Mit einem Schiffe der White Star-Linie, die jeden Mittwoch und Sonnabend von Liverpool abgehen, wollten wir die Ueberfahrt nach Amerika machen. Wir hatten berechnet, daß ich am nächsten Mittwoch in Liverpool sein könne» Erst auf bem Schiff wollten wir zusammentreffen."

Warum erst auf dem Schiffe?"

Weil wir alles vermeiden wollten, was eine vor­zeitige Entdeckung herbeiführen konnte. O, Himmel, wie wird sie auf mich warten!"

Er sprang auf, als wollte er wegeilen.

Bleiben Sie nur zunächst; aber ich will Ihnen doch entgegenkommen. Nennen Sie mir das Hotel, in dem Fräulein von Ruffer in Liverpool wohnt, ich will dort­hin telegraphieren."

Ich kenne es nicht."

Sie hat Ihnen keinen Brief, kein Telegramm gesen­det?"

Nein, nein, sie tat er nicht..

Weil sie es nicht konnte," fiel hier der Amtsrichter ein,weil sie auf dem Grunde des Sees lag, weil ihre Erzählung von A bis Z ein Lügengewebe ist. Sie ha­ben Anlage zum Romanschriftsteller, Herr Pöplau, daS kann man Ihnen nicht absprechen, nur müssen Sie sich ein naiveres, glaubensfreudigeres Publikum suchen all uns."

Sie glauben mir nicht ? Ich schwöre Ihnen..

Still, fügen Sie zu Ihren übrigen Verbrechen nicht noch den Meineid," herrschte ihn der Untersuchungsrich­ter an, und wie zur Bekräftigung seiner Worte hörte man das Rollen deS Donners. 191,18*

Im Zimmer war es immer dunkler geworden, ohne daß die Insassen sonderlich darauf acht gegeben hatten. Jetzt erhellte es ein fahler Blitz; geisterhaft wurden die Köpfe des Jnquirenten wie des Verhörten einen Augen-, ü täsÄÄÄfflJ^