Zchlüchterner Zeitung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 65. vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. 65.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.
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Samstag, den 18. Mai 1912.
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Neudeutschland, £anb und Leute
Von Dr. Heinrich Mittelstaedt.
(Unber. Nachdr. Verb.)
Das Marokko-Abkommeu zwischen Deutschland und Frankreich, welches Monate hindurch die ganze Welt in Aufregung gehalten hat, ist nunmehr zum Abschluß gekommen, nachdem es auch im französischen Senat mit 222 gegen 48 Stimmen angenommen worden ist. Mx weiß, wie dicht Deutschland de/rch die Marokkosrage vor einem gewaltigen Kriege stand, wird etwas erleichtert aufatmen, wenngleich durchaus noch nicht für alle Zukunft feststeht, ob dieser Zankapfel wirklich ganz aus der Welt geschafft ist.
Es dürfte nun von Interesse sein, etwas über das neue Land, welches
an Deutschland gefallen ist, zu erfahren. Unsere nebenstehende Karte und die Angaben stammen, was wir ausdrücklich betonen, aus dem deutschen Kolonialamt, sind demnach authentisch. Das . Gebiet, welches Frankreich an uns abgetreten hat, umfaßt zirka 275,000 qkm, ist also ungefähr so groß wie Württemberg, Provinz und Königreich Sachsen, Westfalen, Schleswig-Holstein, Schle < fien, Rheinland, Posen, Pommern u. Brandenburg zusammen.
Auf diesem langgedehnten schmalen Landstrich, der sich, wie auf unserer Karte ersichtlich, von Norden nach Süden an unser seitheriges Kamerun anschließt, wohnen nur zirka 1 Mil. Menschen. Zur Zeit ist das Land auch nur wenig urbar gemacht und die nun von der der deutschen Regierung alsbald vorzunehmende Durchforschung wird noch näheren Aufschluß über die Beschaffenheit u. Besiedelungsfähigkeit ergeben, daher ist ein endgültiges Urteils noch nicht möglich, ebenso sind übertriebene Hoffnungen nicht am Platze.
Zur wirtschaftlichen Ausbeutung von Französisch-Kongo hatte die französische Regierung einer Reihe von Gesellschaften insgesamt 650,000 qkm überwiesen, also ein Gebiet, welches größer ist als Deutschland. Diese Gesellschaften haben sich zwar große Verdienste um die Aufschließung des Landes erworben, doch treiben sie eine derartige Raubwirtschaft, daß die natürlichen Reichtümer des Landes, als Kautschuk,
Hölzer, Elfenbein usw. bald erschöpft sein werden.
Auch in dem an Deutschland gefallenen Lande besitzen diese Gesellschaften noch Gebiet, dasselbe ist auf unserer Karte mit Nummern bezeichnet, während unten in der rechten Ecke der Name der betreffenden Gesellschaften angegeben ist. Deutschland mußte die Konzessionen dieser Gesellschaften, die bis 1929 laufen, anerkennen.
Die Eingeborenen des an Deutschland abgetretenen Teiles von Fran- zösisch-Kongo gehören dem in Afrika weitverzweigten Stamme der Bantu an, die sich phisisch und sprachlich streng von den Negern unterscheiden. Von Charakter sind sie gutmütig, leichten Sinnes und sehr empfänglich für Schönheit. Die Ehe ist ein Handelsgeschäft und der Mann nimmt soviel Frauen, als er kaufen kann, weil sie für ihn arbeiten müssen. Die Mädchen müssen ebenfalls sehr frühzeitig arbeiten lernen, während die Knaben die Väter auf die Jagd und den Fischfang begleiten. Die Besorgung des gesamten Haushaltes liegt den Frauen ob, sie werden aber nicht so schlecht behandelt wie bei den Negerstämmen Afrikas.
Wegen der außerordentlichen Hitze gehen die Einwohner unbekleidet, dagegen legen sie großen Wert auf Schmuck, welcher in Federn, Muscheln, Elfenbein, Metallen und Holz besteht. Die nakten Körperteile werden auffallend weiß, gelb, braun, schwarz und rot gefärbt. Außerdem wird die Haut oft durch eingeschnittene Muster verziert. Die Haare werden
Karte zum Marokko -Abkommen.
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OSSS Bisherige Ausdehnung veo Kamerun.
®as Ausdehnung von Kamerun nach dem Marokko-Abkommen
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sehr verschieden getragen, zuweilen wird der Kopf ganz glatt rasiert bis auf einen Schöpf an beiden Seiten, die wie Hörner emporgewirbelt werden. Die Frauen flechten eine Anzahl Zöpfe, die nach hinten gehalten werden. Die Eingeborenen sind durchweg schön gebaute Menschen, schokoladenfarbig, mit klarem, freundlichem Blick.
Die Nahrung der Einwohner ist vorzugsweise eine Pflanzenkost, Kartoffeln, Mais, Erd- nüsse und Bananen. Aber auch Fische werden sehr bevorzugt, da der Kongo und seine Arme sehr reich an solchen sind. Die Fische werden gekocht und geräuchert genossen und zwar in verschiedener Zubereitung. An Haustieren halten sie Ziegen, Schafe und Schweine. Hühner laufen scharenweise in den Dörfern umher, da Eier nicht gegessen, sondern alle ausgebrütet werden. Auch Hunde trifft man an, die von den Eingeborenen als der köstlichste Braten gelten und daher nur von den Männern genossen werden.
Das Klima des Landes soll nicht sehr gesund sein, denn die Hitze ist in einzelnen Teilen fast unerträglich und steigt bis auf 46 Grad Celsius. Vor allem ist es die Ungleich- Mäßigkeit, welche den Europäern schädlich wird. Zudem begehen diese meist den Fehler, daß sie ihre Lebensweise dem Lande nicht anpassen wollen.
Jedes Eingeborenendorf hat einen Häuptling, dem in der Regel weitgehende Rechte zu- stehen. Er arbeitet nicht und sein Ansehen ist um so größer, jemehr Frauen er hat. Nach seinem Tode müssen diese fünfzig Tage in der Hütte, unter welcher er begraben liegt, ein« geschloffen verharren.
Die Zukunft kann es erst lehren, ob das neuerworbene Gebiet Deutschland zum Segen wird.
Bis vor noch nicht langer Zeit galt Afrika überhaupt als der dunkle Erdteil, dessen Erforschung nur wenige kühne Männer unternahmen, und heute — heute ist er fast in allen Teilen erschlossen und aufgeteilt. Betrachten wir die nebenstehende Karte, so wird es uns so recht klar, daß es dort nun keinen Raum mehr zur Ausbreitung gibt.
Diese Karte zeigt uns im Maßstab auch, daß trotz des hinzugekommenen Stückes Kongo- land das deutsche Kamerun nur einen kleinen Teil von Afrika ausmacht.
Der Flächeninhalt des afrikanischen Festlandes samt Madagaskar und den übrigen Inseln umfaßt 29,904,254 qkm. Die Einwohnerzahl wird man auf rund 200 Millionen annehmen können. In den letzten Jahren haben fast alle europäischen Staaten, besonders England, Deutschland, Frankreich, Belgien, Portugal und Holland mehr oder minder erfolgreiche Kolonisationsversuche gemacht.