mit amtlichem Rreisblalt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. «5. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. «S.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.
Samstag, den 11. Mai 1912.
63. Jahrgang.
Das ganze Deutschland soll es sein!
Navigare necesse est. Mit diesem tapferen, entschlossenen Wort hat der Mensch sich das Weltmeer Untertan gemacht. Jetzt gilt es, die Lufträume zu erobern, soweit sie dem Menschen zugänglich sind. Und wieder heißt es: navigarenecesseest. Einer Jahrtausende alten Sehnsucht der Menschheit ist Erfüllung geworden, die Bahn ist frei für einen neuen Triumph des Menschengeistes, und — mit berechtigtem Stolz dürfen wir es sagen — es ist ein Deutscher, der zuerst, ausgerüstet mit den Mitteln angewandter Wissenschaft, den Kampf mit den Elementen ausgenommen und, allen Hindernissen und Schicksalsschlägen zum Trotz, siegreich durchgefochten hat. Soll soviel Wissen und Wollen umsonst aufgewendet sein? Und ist nicht das deutsche Volk, das vor wenigen Jahren dem Grafen Zeppelin in stürmischer Begeisterung zujubelte, das ihm, den das Unglück nicht zu beugen vermocht, in schwerer Zeit die Treue hielt, vor allen anderen Nationen berufen, alles daran zu setzen, daß Deutschland auch nach dem Auftreten der Flugmaschine in der Luftschiffahrt die Führung behält oder, wenn sie berits verloren gegangen, sie wieder in die Hand bekommt? Es ist das für uns eine nationale Ehrensache. Das deutsche Volk darf nicht dulden, daß andere ihm zuvorkommen, daß andere schneller vorwärts kommen. Zu viel steht auf dem Spiele!
Es wäre weder ehrlich noch richtig, die Ueberlegen- Heit der französischen Flugtechnik und der französischen Fliegerleistungen bezweifeln oder ableugnen zu wollen. Aber gerade weil wir uns dieser Ueberlegenheit b?wrtzt sind, weil wir es tagtäglich miterleben, wie in Frankreich das Flugwesen mit einem ungeheuren Aufwand von Energie in richtiger Bewertung aller Zukunfls- möglichkeiten gefördert wird, und weil die Opferwilligkeit, die das französische Volk bei der Aufbringung einer Nationalspende für die französische Luftschiffahrt gezeigt hat, unbedingte Bewunderung verdient, dürfen wir Deutsche keinen Augenblick länger säumen, sondern müssen mit aller Energie Hand ans Werk legen, um den Vorsprung, den andere Länder gewonnen haben, möglichst schnell einzuholen. Eine solche Anspannung aller Kräfte fordert vor allem das Interesse der Landesverteidigung.
An Männern, die entschlossen sind, für die Lösung der Aufgabe, wenn es sein muß, ihr Leben cinzusetzen, fehlt es uns nicht. Woran es uns gegenwärtig noch fehlt, das sind lediglich die Mittel, mit 'denen die
patriotischen und opferwilligen Kräfte, die in unserem Volke vorhanden sind, zum Wohle des Ganzen nutzbar gemacht werden können. Deshalb ergeht der Ruf an das deutsche Volk: durch eine Nationalflugspende die Mittel zu beschaffen, die erforderlich sind, um unaufhaltsam weiter zu arbeiten an der Vervollkommnung der Flugzeuge, an der Ausbildung der Flieger, an der Erhöhung ihrer Leistungen, an der Verminderung der Gefahren. Mit Recht kann sich der Aufruf zu einer Nationalflugspende an alle Berufsstände und Erwerbsschichten unseres Volkes wenden, mit Recht kann der Hoffnung Ausdruck gegeben werden, daß auch in den Kreisen unserer Arbeiterbevölkerung für das deutsche Flugwesen Verständnis und Opferwilligkeit vorhanden ist. Denn es ist ohne weiteres klar, daß, wenn mittels einer Nationalspende die benötigten reichlichen Geldmittel herbeigeschafft sind, die Entwicklung der Flug- lechnik, die Geschäftslage vieler mit dem Flugwesen in Verbindung stehender Industrien, mächtig gefördert werden wird, und das hat natürlich zur Voraussetzung, daß sich in großem Umfange neue Arbeits- und Erwerbsfelder erschließen, die' nicht zuletzt für die deutsche Arbeiterschaft reiche Frucht tragen werden.
Deshalb, deutsche Arbeiter, deutsche Bauern, deutsche Kaufleute, deshalb Ihr Millionen Deutsche, die Ihr in der Heimat oder irgendwo auf dem weiten Erdenrund unter dem Schutz des mächtigen Deutschen Reiches lebt und den Pulsschlag seines nationalen Lebens fühlt, j sorgt Ihr alle dafür, daß die Ehre des deutschen Namens jetzt, wo es gilt, es anderen Nationen an Opferwilligkeit und Willenskraft gleichzutun, sich aufs neue bewährt. Keiner frage, ov der eine oder andere und was er gegeben hat. Jeder handle, wie es Vaterlandsliebe und Ehrgefühl ihm gebieten. Das ganze Deutschland soll es sein!
Der Ausschuß, der sich im Heffenlande zur Sammlung der Flugspende gebildet hat, erstrebt die Beschaffung eines Militärflugzeuges, das den Namen der Heimat tragen soll, das Zeugnis ablegen soll von der vaterländischen Begeisterung, von dem freudigen Opersinn seiner Bewohner. Leider sind uns bisher die meisten deutschen Gaue in den Erträgnissen ihrer Sammlungen weit voraus. Wollen wir uns von ihnen nicht beschämen lassen, so muß immer von neuem der laute Mahnruf in das Hessenland hinausschallen: Sammelt für das Flugzeug Kurhessen!
An die vaterländischen Vereine der Heimat, an alle seine Bewohner, Bürger und Bauern, geht der Ruf.
Eine jede Gabe, und sei sie noch so gering, ist willkommen. Die Geschäftsstelle dieses Blattes wie die bekannten Sammelstellen nehmen Spenden gern entgegen^ ________
Deutsches Reich.
— Abschied von Kofu. Der Kaiser begab sich am Mittwoch vormittag nach herzlicher Verabschiedung von der griechischen Königsfamilie und nach nochmaligem Besuch der Ausgrabungsstätten von Monrepos an Bord der „Hohenzollern." Mit dem Kaiser gingen Prinz und Prinzessin August Wilhelm, Prinzessin Viktoria Luise und die Gefolge an Bord. Die Spitzen der Behörden waren zur Verabschiedung am Landungssteg erschienen. Das Publikum bereitete dem Kaiser herzliche Ovationen. Die Abfahrt der „Hohenzollern" und der „Kolberg" nach Genua erfolgte um 1 Uhr mittag.
— Der Kaiser trifft am 2. August zum Besuch der Stadt Essen und zur Teilnahme an der Jahrhundertfeier der Firma Krupp ein.
— Die Kaiserin trifft am Sonnabend in Homburg v. d. H. zur Kur ein. Die hohe Frau wird sowohl eine Trink- als auch eine Badekur nehmen. Weit- gehende Vorbereitungen sind bereits gettoffen. Prinzessin Viktoria Luise trifft, von Korfu kommend, ebenfalls hier ein und wird bei ihrer kaiserlichen Mutter bis Ende de: Kur verbleiben. Auch steht der Besuch verschiedener hoher Herrschaften zu erwarten. Die kaiserliche Hofhaltung traf bereits am Donnerstag in Homburg ein.
— Das preußische Abgeordnetenhaus begann am Sonnabend die dritte Lesung des Etats. Abg. Hoff- mann (Soz.) erging sich in heftigen Angriffen gegen den Kriegsminister und den Minister des Innern und holte sich einen Ordnungsruf. Der Justizminister Dr. Beseler und Minister des Innern v. Dallwitz wiesen diese Angriffe scharf zurück, wobei der Minister des Innern die sozialdemokratische Gesinnung von Beamten wiederum als Eidbruch bezeichnete. Dann wurden einzelne Etats schnell nacheinander erledigt. Beim Bergetat brächte der Abg. Leinert (Soz.) den Streik im Deisterrevier und seine Nachwehen zur Sprache. Handelsminister Dr. Sydow bestritt entschieden, daß die Verwaltung eine Rachepolitik gegen die Streikenden treibe. Bei der Beratung des Justizetats wiederholte der Abg. Dr. Liebknecht (Soz.) die sozialdemokratischen Angriffe wegen der „Mitraileusenjustiz" nach dem Ruhrstreik, wurde aber vom Justizminister Dr. Beseler gründlich abgeführt. — Am Montag gab es zunächst
Aas Heheimnis der Akuten.
Roman von Jenny Hirsch. 31
So sehr sich alle drei in der Gewalt hatten, konnten sie doch nicht ganz die Spannung auf das, was sie nun erfahren sollten, verbergen.
Es war Spätnachmittag, die Luft drückend und schwül; am östlichen Horizont zog schweres Gewölk auf, aber im Westen war es noch klar. Die sinkende Sonne warf ge- orochene Strahlen durch die das einzige hohe Fenster des Zimmers beschattenden Zweige eines breitästigen Nußbaumes, so daß die Lichter bald auf den Gesichtern der beiden Herren hinter der Schranke spielten, bald das auf dem Tische des Amtsrichters stehende Kruzifix trafen.
Ludolf selbst stand im Schatten, er sah bleich aus vnd hielt sich nur mühsam aufrecht. Er hatte sich stand- haftgeweigert, von der Gefängniskost, die man ihm geboten, etwas zu berühren, und fühlte sich nun recht schwach.
Amtsrichter bemerkte es und gestattete ihm, sich zu fitze». Pöplau machte von dieser Erlaubnis sofort Gebrauch und sank auf einen Stuhl.
. »Was haben Sie uns mitzuteilen?" begann der Amts- irchter, „erzählen Sie."
, Es dauerte jedoch noch mehrere Minuten, ehe der 'h"Se Mann sich gesammelt hatte. Im Zimmer herrschte eine tiefe, feierliche Stille, so daß das Summen einer Sofien Fliege als lautes Geräusch erschien.
»Reden Sie, mir warten," mahnte der Amtsrichter.
..Run begann Ludolf nach einem tiefen Atemzug erst bilfe und bedächtig, aber je weiter er sprach, immer leb- Wner werdend: „Sie haben mich gefragt, Herr Amts- W», ob ich mit Lydia von Ruffer verlobt gewesen sei,
'ch habe das bejaht. Ich füge jetzt hinzu, daß mir geliebt haben und seit den Tagen der Kindheit, daß ^'W» sie zu erringen, statt schlecht und recht dem Berufe D-s Vaters zu' folgen und sein Amtsnachfolger in ^Ntal zu werden, wie er der seines Vaters gewesen
ist, die höhere Forstkarriere eingeschlagen habe, und daß ich Lydia mit dem Wissen und dem Segen ihrer Mutter seit dem vorigen Sommer schon meine Braut genannt habe."
„Es wußte aber sonst niemand von der Verlobung?" schaltete hier der Untersuchungsrichter ein. „Weshalb diese Heimlichkeit?"
„Brauche ich das erst zu sagen?" fragte Ludolf. „Frau von Ruffer fürchtete den Widerstand ihres Schwiegersohnes, wie des Konsuls Elster, der Lydias Vormund ist. Es konnte ja immerhin noch ein paar Jahre dauern, ehe ich Oberförster wurde."
„Bei Fräulein von Raffers Vermögensoerhältnissen hätten Sie darauf nicht zu warten brauchen," bemerkte der Amtsrichter.
Pöplau aber entgeguete sehr lebhaft: „Gerade bei ihrem Vermögen war es für mich Ehrensache, sie erst heimzuführen, wenn ich ihr eine Stellung bieten konnte. Wir gedachten unsere Verlobung vielleicht noch zwei Jahre geheim zu halten, bis zu Lydias Mündigkeit. Hätten wir vorhersehen können, daß der Tod uns sobald unseretellere Beschützerin, Lydias gütige Mutter, entreißen wurde, wir hätten vielleicht anders entschieden. So erschien uns die Zeit des Wartens nicht schwer, schien uns das Geheimnis, in das sich unsere Liebe hüllte, so süß, schien uns die Trennung und das Wiederfinden hier auf dem Schauplatze unserer Kinderspiele ein unbeschreibliches Glück."
„Und Sie wußten sich die Zeit des Wartens auch noch in anderer Weise zu verkürzen," fiel Momsen ein. Der warme Ton, in welchem Ludolf die Schilderung seiner Liebe zu Lydia gab, erschien ihm nach allem, was sich ereignet hatte, eine Komödie, die ihn empörte.
„Alles, was man Lydia von Ruffer über mich gesagt hat, ist eine schändliche, nichtswürdige Verleumdung," fuhr Ludolf auf. „Ich have jene Person in Berlin, mit der man mich in Verbindung gebracht hat, nie gekannt, habe nie einen jener Briefe geschrieben."
„Bedenken Sie, was Sie sagen," rief Momsen. „Wissen Sie, wen Sie der Verleumdung, des falschen Zeugnisses zeihen? Zwei hochangesehene, ehrenhafte Männer, ; Herrn von Noßwitz und den Konsul Elster."
„Die beiden Gegner meiner Verbindung mit Lydia,* sagte Ludolf bitter.
„Das ist eine schwere Beschuldigung."
„Man lege mir die Briefe vor, man lasse sie auf ihre Echtheit durch Schristverständige prüfen."
„Sie wissen, daß das nicht möglich ist, weil Fridl» lein von Ruffer sie verbrannt hat."
„So stelle man mir das elende Weib gegenüber, das sich zum Werkzeuge dieser Jntrige hergegeben hat."
„Dieser Wunsch dürfte Ihnen vielleicht eher erfüllt werden, als Ihnen lieb ist," versetzte Momsen. „Die Beweise müssen aber doch sehr überzeugend gewesen sein, da Fräulein von Ruffer ihnen geglaubt hat."
„Ja, es war ein sehr geschicktes, teuflisches Machwerk würdig eines .." er verschluckte den Namen, „und meint arme, unerfahrene Lidya ging in ihre gelegte Schlinge."
„Die junge Dame wird allgemein als sehr verständig und besonnen geschildert. Sie selbst haben uns soeben erzählt, welch innige Liebe sie mit Ihnen verbunden haben soll, da ist es doch auffallend, daß sie sich so gänzlich von Ihnen abwenden konnte, ohn» zu prüfen, ohn« Ihre Rechtfertigung hören zu wollen."
„Ich sagte bereit», die Fälschung war sehr geschickt ausgeführt. Hätte Lydia auch selbst Herrn von Noßwitz mißtraut, ihrem Vormunde glaubte sie. Eben weil sie so besonnen und verständig war und mich so innig liebt«, handelte sie, wie sie es getan. Obwohl man sie von meiner Schuld überzeugt hatte, traute sie doch ihrem Herzen nicht, darum schrieb sie mir den Absagebrief, darum wollte sie mich nicht wieder sprechen, nicht wieder sehen."
„Sie scheinen sich sehr genau in das Wesen der jungen Dame versetzt zu haben, daß sie so anschaulich fctnlg fc™*»"MOÄ :tri±VlMiff