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Industrie Rücksicht nehmen. Ein Äusgleichfonds, wie ihn tags vorher Abg. Liesching (fortsch. Vp.) angeregt habe, ließe sich bei den Reichseisenbahnen nicht durch- führen, da die Rente zu gering sei. Auch die scharfen Angriffe der sozialdemokranschen Redner könnten ihn in seiner Stellungnahme zu den Reichseisenbahnen nicht erschüttern. Am Montag konnte die Beratung des Etats der Reichseisenbahnen nicht beendet werden, da sich Beschlußunfähigkeit des Hauses ergab. In einer eine halbe Stunde später anberammen Sitzung wurde mit der zweiten Lesung des Kolonialetats begonnen. Abg. Erzberger (Z.) hob die Verdienste der Mission um die Hebung der Kultur in unseren Kolonien hervor und befaßte sich eingebend mit der Abschaffung der Haussklaverei. Abg. v. Böhlendorff-Kölpin (kons.) be­tonte, daß es mit unserer Kolonialwirtschaft vorwärts ginge, besprach die Verkehrsfragen der Kolonien und vertrat schließlich die Auffassung, daß der oberste Ko- lonialgerichtshof nach Berlin gehöre. Abg. Frhr. v. Richthofen (natl.) hielt dagegen Hamburg für den ge­eignetsten Platz und beschäftigte sich im übrigen mit Kolonialarbeiterfragen.

Das preußische Abgeordnetenhaus setzte am Sonnabend die zweite Lesung des Etats des Innern fort. Abg. Hammer (kons.) sprach scharf gegen die Unterstützung der Sozialdemokratie durch die Fort- schriitler. Abg. Dr. Bell (Z.) beklagte sich über an­gebliche Benachteiligung der Katholiken bei Besetzung höherer Beamtenstellen. Minister des Innern v. Dall- witz erwiderte ihm, von einer Benachteiligung der Katholiken könne ebensowenig die Rede sein, wie von einer Bevorzugung der Agrarkonservativen. Mit der Wahlrechtsfrage beschäftigten sich die Abg. v. Woynar (frkons.), Dr. Lohmann (natl.) und Dr. Pachnicke (fortsch. Vp). Der Abg. Liebknecht (Soz.) holte sich wieder drei Ordnungsrufe. Abg. Riffen (Däne) führte Beschwerde über die Behandlung der sog.Heimat­losen" in Nordschleswig, während der Minister von Dallwitz in längeren Ausführungen die Haltung der Regierung rechtfertigte. Am Montag sprach zuerst Abg. Schifferer (natl.), der sich lebhaft gegen die dänische Agitation wandte und die Lösung des Problems der Heimatlosen durch einen Staatsvertrag mit Dänemark wünschte. Die Abg. Johanffen (frkons.) und v. Arnim- Züsedom (kons.) verlangten ein energisches Vorgehen gegen die dänische Agitation. Bei der nun folgenden Besprechung des Zigeunerunwesens schildert Minister v. Dallwitz in längeren Ausführungen die von der Regierung getroffenen Maßregeln. Die Abg. Dr. Flesch (fortsch. Vp.) und Dr. Ehlers (fortsch. Vp.) trugen Wünsche auf Reforme in der Kleinhandelsstatistik und in der statistischen Aufnahme der Arbeitsbedingungen staatlicher Arbeiter vor. Die von dem Abg. Leinert (Soz ) gegen den Landrat des Kreises Teltow gerich­teten Angriffe wies Minister v. Dallwitz als völlig unbegründet zurück.

Avsland.

Die Schließung der Dardanellen besteht fort, da sich die Türkei weigert, die Dardanellen für die neutrale Schiffe wieder zu öffnen, bevor ihr von den Großmächten Zusicherungen gegeben werden, daß kein neuer Vorstoß der italrenischen Flotte gegen die Türkei erfolge. Rußland soll durch seinen Botschafter ange­kündigt haben, daß es bei längerer Schließung der Dardanellen eine Entschädigung für den russischen Handel von der Türkei verlangen werde.

Wie die Blätter aus Asuncion melden, l at der Bürgerkrieg in Paraguay wieder begonnen. Vier Re- gierungsschlffe griffen die revolutionären Streitkräfte des früheren Präsidenten Jara an, die sich in dem Fort Engarnacion festgesetzt hatten. Das mörderische Feuer der Revolutionäre zwang sie aber, sich mit Havarien zurückzuziehen.

Die persische Bewegung gegen die Russen nimmt chren Fortgang und die Beschießung der Moschee in Mefched durch die Russen hat die Bewegung unter den Mullahs gefördert, die mit dem heiligen Krieg gegen die Fremden drohen. Der Hauptführer Said Ali ist wegen aufrührerischer Reden verhaftet worden. Eine Abordnung von Mullahs hat dem Regenten erklärt, daß er abgesetzt werden würde, wenn er im gegen­wärtigen Augenblick Persien verließe. Man glaubt, daß Nasr el Mulks Reise nach Europa infolge der Haltung der Mullahs aufgegeben werden dürfte.

Fokales und Provinzielles.

Schlüchtern, den 3. Mai 1912.

* Kreisobsbauverein. Für kommenden Sonntag haben die Obsibauvereine Schlüchtern und Steinau die Vorstände der schon bestehenden Obstbauvereine des Kreises und Freunde des Obstbaues nach Steinau in den Saal des GasthausesZum weißen Roß" einge­laden, um einen Kreisobstbauverein zu gründen. Der Zusammenschluß der bis jetzt ohne einheitliche Führung gebliebenen Vereine ist aus mehrfachen Gründen dringend erwünscht. Die steigende Nachfrage nach gutem und dauerhaftem Obst bringt steigende Preise und hohe Erträge. Der Kreisobstbauverein will den Anschluß an die großen Obftmärkie suchen und die Verschleuderung des Obstes, also den Schaden des Obstzüchters ver­hindern. Er will Kreisobslausstellungen veranstalten

und hierdurch Interesse und Wetteifer anregen. Er will durch seine Arbeit den Bewohnern der obstbaulich zurückgebliebenen Gemarkungen die Einsicht verschaffen, daß bei gutem Willen dort ebensoviel geleistet werden kann als bei den sogenanntenguten" Lagen. Der Kreis Schlüchtern könnte den zehnfachen Obstertrag haben, wenn die alberne Redensart:Bei ons woasse nur Krübbs" nicht mehr geglaubt würde. Gerade unser Kreis hat ausgezeichnete Vorbedingungen für hohe und gute Obsterträge! Nur wirtschaftliche Rückständigkeit und eingewurzelter grundsätzlicher Widerstand gegen gutgemeinte Verbesserungsvorschläge Hintern den Fort­schritt. Möchten doch bald die im behaglichen Ruhe­stand verharrende Gemeinden ihre Obstbauvereine gründen und sich sofort dem in Aussicht stehenden Kreisobstbauverein anschließen! Sie würden ab­gesehen von dem materiellen Gewinn ihren oft hoffnungslos aussehenden männlichen Nachwuchs auf eine schöne Betätigung seiner Triebe und auf Freuden Hinweisen, die keinRauchklub" und keinTanzverein Frohsinn" schaffen kann.

* Am 24. April d. Js. fand die Gesellenprüfung der Weißbinderlehrlingen für den Kreis Schlüchtern statt. Daran beteiligten sich aus Schlüchtern 3, aus Mottgers 2, aus Slerbfritz 1 und aus Vollmerz 1 Lehrling und bestanden dieselbe. Die Gesellenprüfung für die Maurerlehrlingen findet erst in 46 Wochen statt.

* Nachdem die Spiritus-Zentrale in Berlin am 20. März einen Aufschlag von 8 Mark erfolgen ließ, erhöhte sie nun dieser Tage die Sprittpreise wiederum weitere 6 Mark. Es liegt dies zum Teil an der vor­jährigen schlechten Kartoffelernte und ist der Spiritus- vorrat daher sehr knapp. Auch werden die Preise ge- fteigect, da die Liebesgabe jedenfalls in Wegfall kommt. Die Wirte und Branntweinwiederverkäufer sehen sich dadurch veranlaßt, demnächst ebenfalls einen kleinen Aufschlag eintreten lassen zu müssen.

* Montag, den 6. Mai er. abends 8 Uhr Sitz­ung der Stadtverordnetenversammlung. Tagesordnung: 1. Fortsetzung der Verhandlung über den Schulbau- Platz. 2. Vorlage eines Ortsstatuts über die Anlage und Unterhaltung der Bürgersteige und die Aufbring­ung der hierfür aufgewendeten Kosten. 3. Vorlage eines Ortsstatuts betr. die gewerbliche Fortbildungs­schule. 4. Mitteilung der Ansicht des Magistrats über den Umfang der städt. Hutegerechtsame.

* Es ist zu begrüßen, daß der Polizeihund des Herrn Gendarmerie - Wachtmeister Seng, hier, recht rege in Anspruch genommen wird. Wie verlautet wurde am Montag in einer Baubude am hiesigen Tunnelbau eingebrochen und Carbid entwendet. Der Hund, wel­cher zur Ermittelung des Täters geholt wurde, stellte unter einer Anzahl Arbeiter einen jungen Mann. Der­selbe konnte aber sein Alibi durch Zeugen beweisen und kommt somit als Täter nicht in Betracht; er hatte aber als Erster die Bude morgens betreten und als er die Verwüstungen sah, beging er die Unvorsichtigkeit sich alles genau zu betrachten, wobei er die Spur für den Hund zum auffinden des Täters verwischte. Man sieht, daß der Hund gut arbeitet; dieser Fall hat aber gezeigt, daß man gut tut, bei derartigen Fällen den Tat­art nicht zu betreten. Wie uns ferner aus Ueczell berichtet wird, wurde der Hund von dem dortigen Bürgermeisteramt requiriert. Es wurden dem Land­wirt H. auf seinem Grundstück auf ganz gemeine Art und Weise an 12 Ob schäumen die Krone und Aeste abgerissen. Der Polizeihund nahm vom Grundstück des Landwirt H. aus die Spur direkt nach Uerzell und verbellte den Wetterbrettmacher W- dort. Durch Leugnen verwickelte sich derselbe in Widersprüche, sodaß man annehmen muß, daß er durch weitere Ermittelungen doch der Tat überführt werden wird.

* Die bekannte Rindviehzuchtgenossenschaft in Gersfeld (Rhön) für Simmentaler Hochzucht hält ihren diesjährigen Zuchtviehmarkt am 15. Mai in Gersfeld ab. Die Abhaltung des Marktes ist durch Verfügung des Herrn RegierungsrPräsidenten in Casfel vom 25. April 1912 ausdrücklich genehmigt. Der Kreis ist seuchenfrei. Auf die Bekanntmachung im Anzeigenteil machen wir besonders aufmerksam.

* Geluhauseu. Her Rektor Kaufmann und Frau begingen am Dienstag das Fest der silbernen Hochzeit. Um 7»7 Uhr morgens brachten die Schülerinnen der obersten Mädchenklasse der Volksschule ihrem verehrten Herrn Rektor Kaufmann, anläßlich der Feier der Silberhochzeit, ein Ständchen dar. Nachdem der Choral Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren" verklungen war, trug ein Mädchen ein sinniges Glück- Wunschgedicht vor, das mit dem Wunsche schloß, daß es dem Jubelpaare beschieden sein möge, dereinst auch das goldene Hochzeitfest in Frische und Rüstigkeit zu be­gehen. Hierauf sangen die Kinder das Lied:So nimm denn meine Hände und führe mich." Sichtlich bewegt dankte Herr Rektor Kaufmann für die ihn über­raschende Aufmerksamkeit der Schülerinnen. Auch die Knaben ließen es sich nicht nehmen, dem Jubilare an seinem Ehrentage eine besondere Freude zu bereiten. Sie hatten das Rektorzimmer mit duftenden Tannen zweigen, Blumen und Silber geziert und auf den- weißgedeckten Tische ihre Angebinde ausgebreitet. Das Kollegium der Bürgerschule ließ dem Jubelpaare einen mit Blumen ausgeschmückten, schönen Tafelaufsatz und eine Glückwunschadresse in Gedichtform überreichen

* Geluhauseu. Für das Kaise:stisl, das als Er­holungsheim für geistige Arbeiter deutscher Nation bestimmt ist, wird nach einem Beschluß der Stadtver­ordneten die Stadt ein Baugelände in schönster Lage in einer Größe von 25 Morgen unentgeltlich zur Ver­fügung stellen.

* Klein-Auheim. In der hessischen Gummiwaren- fabrik von Fritz Peter brach DienStag früh.kurz nach 3 Uhr Feuer aus, das seinen Anfang im Mischraum nahm und jedenfalls auf Selbstentzündung von ge­mahlenem Gummi zurückzuführen ist. Das angrenzende Walzwerk ist vollkommen ausgebrannt, wodurch der Betrieb, in dem 300 Arbeiter bejchäitigt sind, min­destens auf 8 Wochen lang lahmgelegt wird. Der Schaden ist bedeutend und erhöht sich noch durch den Geschäftsstillstand gerade jetzt in der Hochsaison. Die Lagerräume sind indes von dem Feuer verschont geblieben. Der Brandschaden ist durch Versicherung gedeckt.

* Fulda. Am Sonntag fand in Fulda eine Vor­standssitzung des Provinzialverbandes der Haus- und Grundbesitzervereine der Provinz Hessen-Nassau statt, zu der sich Vertreter aus Kassel, Frankfurt a. M., Hanau, Marburg und anderen Orten eingefunden hatten. Es wurde nach einem Referate des Vorsitzenden des Fuldaer Vereins, Architekten Adam, beschlossen, beim Regierungspräsidenten um Milderung der für Grundbesitzer teilweise unerträglichen Härte der Bau­ordnung 1 nachzusuchen. Besonders der Vertreter Kassels, Professor Schanz, hatte aus Kassel drastische Beispiele für die Härte der jetzigen Bestimmung ange­führt. In Sachen Hypolhekenbeschaffang wurde be­schlossen, darauf hinzuweisen, daß die erste Beleihung bis zu zwei Drittel des Wertes erfolge, damit sich die Aufnahme einer zweiten Hypothek erübrige. Das Ab­geordnetenhaus soll ersucht werden, bei der Schaffung des Gesetzes über die Pflicht zur Reinigung öffentlicher Straßen die Last auf die Allgemeinheit zu legen ohne besondere Heranziehung der Hausbesitzer.

Vermischtes.

Paris. Am Sonntag Vormittag wurde der Aufenthalt des berüchtigten Automobilbanditen Bonnots und seines Kumpanen Dubois in einer Garage des Vorortes Choisy-le-Roi ermittelt. Sogleich begab sich der Chef der Sicherheitspolizei, Guichard, mit einem starken Polizeiaufgebot hin und sie fanden den Räuber, als er im Begriff war, ein Auto zu besteigen. Es entstand eine Revolverschießerei, die vorläufig keinen Erfolg hatte, darauf wurde noch Polizei und Militär aus Paris herangezogen und auch die Bewohner des Dorfes bewaffneten sich und das Haus wurde umstellt. Salvenweise wurde es beschossen und viele Revolver­schüsse wurden aus dem Innern des Hauses abgegeben. Schließlich wurde beschlossen, das Haus mittels Dyna­mit in die Luft zu sprengen. Ein Teil des Hauses fiel ein. Der Chef der Sicherheitspolizei Guichard und sein Bruder drangen mit mehreren Polizisten ins Haus. Im Hausflur fanden sie die Leiche des Anarchisten Dubois, der sich wahrscheinlich vergiftet hatte, da seine Leiche keine Schußwunde aufwies. Der Räuber Bon­not wurde stark blutend zwischen zwei Matratzen ge­funden, er hatte noch die Kraft, einen Schuß abzufeuern, der aber glücklicherweise nicht traf, dann wurde er ver­haftet. Das Publikum wollte den Räuber lynchen, doch brächte die Polizei ihn in einen Wagen. Als sie sah, daß der Räuber im Sterben war, fuhr man nach einem Hospital. Dort verstarb er nach einer halben Stunde. Sein Leib war durch viele Kugeln verletzt, ein Schuß saß dicht unterm Herzen, ein zweiter in der Schläfe, man begriff nicht, wie der Mensch da noch am Leben gewesen sein konnte. In seinem Anzüge wurde ein Schreiben gefunden, in dem er seinen Kum­panen Gazuzy als unschuldig hinzustellen versuchte.

Wie tann man sich auswärts die Bor. teile eine# Warenhauses nutzbar machen? Antwort hierauf gibt die unserer heutigen Nr. bei­liegende Preisliste des großen und gut geleiteten Waren­hauses Mayer Landauer in Ravensbnrg (Württ.), welches infolge seines rationellen Betriebes und Einkaufs in der Lage ist, dem Publikum tatsäch­lich auch nach auswärts sehr beachtenswerte Angebote machen zu können.

P feil dreieck-Seifen

dieses Plakat Darmstadt, kenntlich.

Kirchlicher Anzeiger für Ächlüchtern.

Evangelische Gemeinde: Sonntag, den 5. Mai.

Vormittags 7, 10 Uhr: Herr Pfarrer Rollmann.

Nachmittags 7» 2 Uhr: Herr Superint. Orth.

Chiistenlehre.

Wochendienst: Herr Pfarrer Rollmann. Katholische Gemeinde Sonntag, den 5. Mai.

Vormittags '/, 1° Uhr: Gottesdienst Herr Kaplan Kind