SchlüchternerZeitung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. es. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. «S.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.
Amtliches.
J.,Nr. 4500. Von dem Herrn Seminarlehrer Geisel hierselbst ist eine Wandkarte von dem Kreise Schlüchtern ausgearbeitet worden, die demnächst in Buntdruck erscheinen wird.
Die Karte ist zur Anschaffung sehr zu empfehlen. Der Preis stellt sich für das Stück auf etwa 20 Mark. Bestellungen auf die Karte ersuche ich baldigst hierher einzusenden.
Bei Nachbestellungen wird sich der Preis bedeutend erhöhen.
Schlüchtern, den 10. April 1912.
Der Königliche Landrat: V a l e n t i n e r.
Landespolizeiliche Anordnung, betr. die Bekämpfung der Maul- und Klauenseuche im Kreise Schlüchtern.
Meine landespolizeiliche Anordnung vom 6. April d. Js. A III. Nr. 2217 II Amtsblatt Nr. 14a S. 128, wird wie folgt abgeändert:
Zu dem Sperrgebiete im § 1 tritt in der Stadt Steinau die Mäczgasse vom Hause Nr. 27 bis zum Ausgang in die Hauptstraße bei Haus Nr. 21 und 28.
Cassel, den 11. April 1912.
Der Regierungs-Präsident gez. V. B e r n st o r f f. A III Nr. 2307.
Ireude am Vaterlande.
Zum irdischen Glück, zum erbaulichen Leben und Wirken, gehört die Freude, vor allem die Freude am Vaterlande. Der einzelne gehört nicht sich allein an, sondern zuerst dem Vaterlande. Hat er im und am Vaterlande die rechte Freude, so ist seinem ganzen Lebensglück eine feste, unentbehrliche Voraussetzung gegeben. Lebensfreude ist Gesundheit und Bedingung gedeihlichen Schaffens. Mit Freude seine Arbeit tun, den Beruf ausüben, das sichert und erhöht den Erfolg. Darum muß besonders für unsere Jugend die Freude am Vaterlande gehegt und gepflegt werden, um so die Heranwachsenden zu schaffenssrohen, leistungsfähigen Bürgern zu bilden. Freude am Vaterlande ist der ertragreichste Besitz, der der Jugend auf ihren Lebens weg mitgegeben werden kann. Und schwer kann es uns Deutschen wahrlich nicht werden, zu solcher Freude zu erziehen! Das Herz muß sich freuen an all den Herrlichkeiten unseres Vaterlandes, in der Gegenwart wie in der Vergangenheit. Unser deutsches Vaterland mit seiner Natur, seinen Wäldern und Bergen, seinen
Mittwoch, den 17. April 1912.
Strömen und Städten, seinen Denkstätten der Geschichte, seinen Denkmälern der Kunst: wie unendlich viel Lust und Freude beut es! Dann das Volk und das Volks- tum, das auf deutschem Boden wächst und waltet: welch unermeßlich erquickender, niemals versiegender Born frischen, freudigen, schöpferischen Lebens erschließen sie!
Im Vaterlande wohnt die Liebe, im Vaterlande wohllt die Freude. Wer mit seinem Gemüt nicht mehr im Vaterlande und mit ihm lebt, der ist nicht nur heimatlos, der ist auch freudlos. Das Herz wurzelt am tiefsten im deutschen Mutterboden. Wer fest an die heimische Scholle gebunden ist, der kommt nicht los vom Vaterlande. Darum läßt die Partei der Vaterlandslosen immer wieder den Ruf ertönen: Los von der Scholle! Wer ganz von der vaterländischen Erde abgetrennt ist, der wird fried- und freudlos, in dem nisten der Mißmut und die Unzufriedenheit, der kommt nur zu leicht dahin, das Vaterland in seinem Herzen zu töten. In einer sozialdemokratischen Monatsschrift Oesterreichs, betitelt „Der Kampf", wendet sich soeben mit begreiflicher Schärfe ein Artikel, der „Die Kehrseite des Eigentums" überschrieben ist, gegen die eigenen Häuser der Arbeiter. Der unausgesprochene Grundgedanke ist, daß Eigentum, und vornehmlich Eigentum an Grund und Boden, für sozialdemokratische Verführung unempfänglich macht. In dem Artikel wird festgestellt, daß der Sozialdemokratie durch die Boden- ständigkeit Kämpfer entzogen werden. Der Artikel 6r richtet, daß Arbeiter, die sich eines eigenen Hauses erfreuten, allmählich der Umsturzpartei völlig entfremdet wurden. Sie trennen sich von den „Genossen", um ihrem Hause anzugehören. „Bleiben sie", heißt es in dem Artikel, „dennoch bei der Organisation, so sind sie nicht mehr Kämpfer für die proletarische Sache, sondern nur Mitglieder auf dem Papier, mit denen unserer Sache nicht gedient ist. Wenn wir den Eigentumsfanatismus unserer Klassengenossen fördern, so heißt das, den Klassenkampf und das Klaffeninteresse aufheben oder zu vermindern suchen. Wie die Erfahrung lehrt und die Praxis bestätigt, haftet dem Besitz als hervorstehendes Merkmal an, das Klassenbewußtsein zu vermischen oder ganz aufzuheben".
Der Grund, warum Arbeiter, die an die Scholle gebunden sind, mit der Sozialdemokratie auf die Dauer nichts gemein haben können, wird nicht angegeben: Wer bodenständig ist, hat Freude am Vaterlande und verfällt nicht der Irrlehre von der freudlosen Eigen-
63. Jahrgang.
WKMMHiHHHBBMHHHBHHK^ tums- und Heimatlosigkeit. Die Sozialdemokratie lehrt, daß man am Vaterlande keinerlei Freude haben kann, sondern nur Mißvergnügen, Aerger und Abscheu; sie weiß, daß, wer nichts mehr sein eigen nennt und nichts mehr zu verlieren ha«, der rechte Umsturzmann werden muß. Vor sechs Jahren schrieb die sozialdemokratische „Bürgerz itung" in Bremen: „Der Besitz eines eigenen Häuschens ist ein die Kampfeslust und Kampfesfähig- keit der Arbeiter außerordentlich hemmender Faktor. Los vom Grund und Boden muß der jArbeiter, bevor er revolutionär denken und handeln kann."
Deutsches Reich.
— Die Kaiserparade am 2. September. Ein militärisches Schauspiel von außergewöhnlicher Bedeutung, wie es Berlin unter der Regierung Kaiser Wilhelms H. noch nicht gesehen, wird sich am 2. September auf dem Tempelhofer Felde entfalten. Während bekanntlich sonst an diesem Tage nur das Gardekorps vor dem Kaiser paradierte, wird diesmal die aus Anlaß des Kaisermanövers stattfindende große Parade deS3. Armeekorps zum ersten Male gemeinsam mit der Herbstparade des Gardekorps auf dem historischen Felde im Südwesten Berlins abgehalten werden. Der am Abend des Paradetages vor dem Königlichen Schloß stattfindende gemeinsame Zapfenstreich des Gardekorps und des 3. Armeekorps wird ein Orchester von einer Klangstärke vereinigen, wie es die Reichshauptstadt ebenfalls feit mehr als zwei Jahrzehnten nicht gehört hat.
— Baron von Korff-Schmysingk, der neuernannte russische Gesandte in München, ist dort kurz nach seiner Ankunft an einem Schlaganfall gestorben.
— Der Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg ist am Sonntag abend 11 Uhr 42 Min. in Berlin wieder eingetroffen.
— In der Frage der Friedensvermittlung der Mächte ist die Situation gegenwärtig die, daß die russische Anfrage wegen eines Schrittes in Konstantinopel an die Mächte ergangen und zum Teil bereits beantwortet ist. Deutschland hat seine Bereitwilligkeit, sich an dem Schritte zu beteiligen, zu erkennen gegeben. Wann er erfolgen wird, ist noch nicht sicher. Die Meldungen aus London über die türkisches Friedensbedingungen sind nur auf private Aeußerungen einzelner türkischer Staatsmänner zurückzuführen. Offiziell kann eine türkische Antwort natürlich erst nach dem Schritt der Mächte in Konstantinopel erfolgen.
Das Geheimnis der Akuten.
Roman von Jenny Hirsch. 23
„Hätten Sie meine Schwägerin gekannt, so würden Sie nie auf eine solche Vermutung gekommen sein," antwortete Noßwitz, während er neben dem Inspektor durch den Vorgarten dem Hause zuschritt. „Sie tat nichts heimlich. Wäre sie wirklich ohne unser Wissen abgereist, so würde sie uns von Lübeck aus schon davon in Kenntnis gesetzt haben."
„Möchten Sie nicht doch nach Hannover telegraphieren ?“
„Das ist geschehen, ich mußte ja Lydias Vormund benachrichtigen, und er hat bereits geantwortet."
„Was?"
„Daß er in hohem Grade erschrocken sei und noch heute hier eintreffen werde."
„So ist sie also nicht in Hannover?"
„Nein," antwortete Noßwitz. Sich ganz dicht zu Knau- thes Ohr neigend, fügte er hinzu: „Ich weiß jetzt nur zu sicher, wo ich sie zu suchen habe. Doch still, still, daß meine arme Frau noch nichts erfährt l"
Er legte seinen Arm vertraulich in den des Inspektors und führte ihn durch einen Seiteneingang in das Souterrain, wo sich die Küche und Wirtschaftsräume befanden. In einem großen, niedrigen Raume, welche der Dienerschaft zum Speisezimmer hielten mochte, denn es stand ein großer Tisch in der Mitte, um den sich mehrere Stühle reihten, traf der Inspektor zwei seiner Beamten, sowie eine ländlich gekleidete ältere Frau und einen jungen Burschen, die sich beide augenscheinlich in großer Angst befanden.
Die Beamten traten an den Inspektor heran und erstatteten Bericht. Sie hatten nichts gefunden; wohl aber hatten sie verschiedene Personen getroffen, ivelche Fräulein non Raffer am Nachmittag gesehen haben wollten.
„Allein oder in Gesellschaft?" fragte Knanthe.
„Allein, immer allein . . ."
„Und immer in der Richtung nach dem Obersee zu," fiel Herr von Noßwitz dem Beamten ins Wort, der ihm viel zu umständlich erzählte, „und dort hat man denn auch eine Spur gefunden?"
„Was?" rief der Inspektor.
„Eine Schildplattnadel. Sie war halb in den Boden getreten. Ich habe sie augenblicklich als das Eigentum meiner Schwägerin erkannt, sie pflegte den Hut damit festzustecken."
Er wies auf den Tisch. Die Nadel, welche dort lag, hatte die Form eines Pfeiles mit einem L. in Goldschrift auf der Spitze.
„Wer hat diese Nadel gefunden ?" fragte der Inspektor.
„Ich selbst," antwortete Noßwitz. „Ich konnte, nachdem Sie weggegangen waren, es nicht mehr ertragen, hier so untätig auszuharren. Ich ließ meinen Jagdwagen anspannen und fuhr nach dem Obersee."
„Weshalb gerade dorthin?"
„Weil es ein Lieblingsplatz von Lydia war," antwortete Noßwitz ohne Zögern. „Nennen Sie es meinetwegen eine Ahnung, kurz es trieb mich dorthin, und ich fand diese Nadel im Moos."
„Weiter nichts?"
„Es ist genug. Ich weiß jetzt, wo wir die Unglückliche zu suchen haben."
„Das ist noch immer kein Beweis."
„So haben Sie hier einen zweiten," fuhr Herr von Noßwitz fort und winkte die alte Frau und den Burschen heran. „Ich traf die Alte unweit des Obersees mit ihrem Enkel. Sie sammelten Reisig, das haben Sie auch gestern getan. Kommt her und erzählt dem Herrn Inspektor, was Ihr wißt," rief er mit sehr lauter Stimme.
Die alte humpelte mühsam herbei und wischte sich die tränenden Augen mit der Schürze; der etwa siebzehnjährige Bursche drehte die Kappe, die er von dem strohgelben Haar genommen hatte, verlegen mit der Hand
und starrte mit den wasserblauen Augen auf die Groß, mutter. Eines stieß das andere an, sich gegenseitig zum Reden auffordernd.
„Nun, so sprecht doch!" ermunterte sie Herr von Noßwitz und fuhr, als sie immer noch zögerten, erläuternd zu dem Inspektor fort: „Sie müssen wissen, die alte Jausen war von jeher eine der „Kundinnen" meiner Schwägerin; sie hat sie wohl selten im Walde angetroffen, ohn« daß sie eine Gabe von ihr erhalten hat."
„Nie, nie, gnädiger Herr, sprach hier die Alte, bei diese wieder sehr laut gemachte Bemerkung die Zunge gelöst haben mochte, in ihrem plattdeutschen Dialekt, „st« gab mir immer etwas. Darum war ich auch so erschrocken, als die Leute erzählten, sie sei nicht wieder heimgekommen, daß ich mich sogar unterstand, den gnädigen Herrn anzureden und ihn zu fragen, ob'« wahr sei. Ich hatte das gute Fräulein doch erst gestern noch gesehen."
„Wo?" fragte der Inspektor schnell.
„Sie müssen lauter sprechen, sie ist fast taub," warf Noßwitz dazwischen. „Erlauben Sie lieber, daß ich mit den beiden verhandle, daran haben sie sich schon etwa« gewöhnt. Es hat Mühe genug gekostet, sie hierher zu bringen, und hätte ich sie nicht sogleich auf den Wagen geladen und mitgenommen, so "könnten wir lange nach ihnen suchen." Hierauf schrie er die Frage des Inspektors der Alten ins Ohr.
„Nicht weit von der Krähenhütte," antwortete die Jansen.
„Sie gab Euch wieder etwas?" schrie nun der Inspektor.
Die Alte schüttelte den Kopf. „Sie sah mich nicht, ich stand im Busch, und als ich Vorgehen wollte, da kriegt« mich Peter beim Arm und sagte: „Sei still Großmutter, da kommt erl"
„Wer kam?"
„Ich weiß nicht, ich kann nicht mehr recht sehen und hören. So red' Du dvch, PeterI" 191,18*