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Zchlüchtemer Zeitung

mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. 6$. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. «S.

Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.

M 30.

Samstag, den 13. April 1912.

63. Jahrgang.

Allzeit bereit.

Als leicht erregbar haben sich die Franzosen von jeher ausgezeichnet. Unvorhergesehen erfaßt und erfüllt sie eine Stimmung so, daß ruhige Erwägungen der Einsicht und Besonnenheit keinen Platz mehr finden. Ueber Nacht kann plötzlich in ihnen der kriegerische Rausch emporsteigen und zu Verhängnisschweren Schritten fortreißen. Dessen muß sich Deutschland jeden Augen­blick bewußt bleiben, zumal zur Zeit jenseits der Vo- gesen die deutschfeindlichen Strömungen zusehends wachsen. Besonders aus militärischen Kreisen Frank­reichs gehen neuerdings Bestrebungen hervor, die plan­mäßig den Rachegedanken zu züchten oder neu zu ent­fachen suchen. Dazu bringt Frankreich fort und fort ungeheure Opfer, um eines Tages wegen 1870 mit Aussicht auf Erfolg abrechnen zu können. Die Feind­seligkeit trachtet die kriegslustige Zuversicht hauptsächlich dadurch zu erhöhen, daß der Eindruck erzeugt wird, als sei Deutschland nicht mehr im Vollbesitz der Kriegs­bereitschaft und der kriegerischen Tugenden, die es vor 42 Jahren bewiesen hat.

Solchen Eindruck zu verstärken, trägt unsere Sozial- demokratie durch ihre vaterlandslose Haltung erheblich bei. Benimmt sie sich doch gerade angesichts der be­drohlichen Tatsache, daß in Frankreich Deutschenhaß und Kriegswille eine Höhe wie seit lange nicht mehr erreicht haben, so daß das Bedürfnis, diesen Haß zu befriedigen, noch weiter genährt werden muß. Von der Pflicht, unsere Wachsamkeit zu erhöhen, indem un­ablässig darauf hingewiesen wird, daß die Kriegsgefahr im Handumdrehen heraufbeschworen werden kann, will die Sozialdemokratie nichts wissen. Im Gegenteil: Sobald von bürgerlicher Seite heute mit Nachdruck die Notwendigkeit betont wird, daß Deutschland seine Wehr­macht zu Lande und zu Wasser auf der Hohe seiner Leistungsfähigkeit erhält, um jeder Gefahr gewachsen zu sein, erhebt die sozialdemokratische Meute sofort ein fürchterliches Entrüstungsgeschrei. Hierbei genügt den roten Schreiern die deutsche Sprache nicht und sie greisen zu Fremdwörtern, die zu ihrem Handwerks­zeug gehören. In einem Wutausbruch, den sich kürz­lich das Berliner Hauptblatt der roten Internationale leistete, finden sich unter anderen folgende Ausdrücke, womit die gerechte Forderung, unsere Rüstungen so zu vervollkommenen, daß wir unsere Machtstellung be­haupten können, gebrandmarkt werden soll: Chauvi­nistisch exaltiert-politische Ekstase — unverfrorenste Brüskierung der Nachbarstaaten — patriotische Deli­

rien. weitschweifendsten Chauvinismus — Orgien der un­erhörtesten Menschenschlächtereien — skrupelloses Speku­lieren mit dem kostbarsten Gut der Menschheit, dem Frieden.

Der Artikel, dem diese Blutenlese entnommen ist, trägt die Ueberschrift: „Chauvinistische Tollhäuslerei". Es gehört nicht viel Einsicht dazu, zu erkennen, wer eigentlich die Tollhäusler sind: Die, welche auf die Sicherung unserer Grenzen bedacht bleiben und dafür die erforderliche Schlagfertigkeit verlangen, oder die, welche durch Abrüstung oder gar durch Abschaffung unseres Volksheeres in seiner jetzigen Stärke und Ver­fassung unseren Feinden die Gelegenheit bereiten wollen, über uns herzufallen und uns zu Grunde zu richten. Wenn es nach dem Willen unserer Sozialdemokratie ginge, so würden wir am besten tun, immer nur an Frieden, nie an den Krieg zu denken und deshalb unsere Wehrkräfte so zu ermäßigen, daß wir fürderhin nicht mehr Krieg führen können. Sobald aber unsere Feinde sehen, daß wir nicht mehr kriegsbereit sein wollen, so werden sie, so meinen unsere wahnwitzigen roten Friedenspolitiker, großherzig genug sein, das an« zuerkennen und aller Feindseligkeit fortan zu entsagen. 216rüfteit oder nicht mehr in dem Verhältnisse unsere Wehrkräfte verstärken, wie es die anderen in Wettstreit kommenden Mächte tun, hieße die Schranke nieder­reißen, die unsere Feinde zurückhält. Denn diese Schranke bildet die Befürchtung, daß unsere Wehr­macht kriegerischen Auseinandersetzungen gewachsen bleibt.

Allzeit bereit! Das muß heute und voraussichtlich immerdar unsere Losung sein, wenn wir unsere natio­nale Unabhängigkeit behaupten wollen. Wird diese Losung vernachlässigt, so droht uns der Verlust unserer Unabhängigkeit, wie das Bismarck vor 44 Jahren im preußischen Abgeordnetenhause ausgesprochen hat: „Eine schlechte Anstalt für die Landesverteidigung straft sich in sich.selbst." Ein Jahr darauf, als das Ansinnen erhoben wurde, an den Ausgaben für die Wehrkräfte zu sparen, sagte Bismarck im Norddeutschen Reichs­tage : „Wenn Sie hier an dieser Stelle stehen, dann will ich den von Ihnen sehen, der den Mut haben wird, die Verantwortlichkeit für die Entwaffnung des Landes zu übernehmen und das Volk der Bürgschaft des Friedens zu berauben, welche in seiner eigenen Stärke liegt. Jeder Staat, dem seine Ehre und Un­abhängigkeit lieb ist, muß sich bewußt sein, daß sein Friede und seine Sicherheit auf seinem eigenen Degen beruht."

Deutsches Reich.

— Kaiser und Kanzler auf Korfu. Am Sonnabend nachmittag ist Reichskanzler v. Bethmann-Hollweg mit dem Kreuzer „Kolberg" nach scheidiger Fahrt von Brindisi in Korfu angekommen. In Brindisi war er Gegenstand lebhafter Huldigungen seitens der Bevölke­rung. Kaiser Wilhelm empfing den Reichskanzler sofort auf der „Hohenzollern", begab sich dann mit ihm im Automobil nach dem Achilleion, in der Stadt überall herzlich begrüßt. Der Kaiser und der Reichskanzler trafen bald nach 6 Uhr 30 Min. auf dem Achilleion ein, wo für den Reichskanzler eine Wohnung im Schloß selbst bereit gehalten worden war. Bei der Abendtafel saß der Kaiser zwischen Prinzessin August Wilhelm und dem Reichskanzler, neben diesem saß Fürst zu Fürsten­berg.

Sonntag vormittag hielt Militär-Oberpfarrer Goens in der Kapelle des Achilleion Gottesdienst ab, an dem der Kaiser, Prinz und Prinzessin August Wilhelm, Prinzessin Viktoria Luise, der Reichskanzler, die Um­gebung des Kaisers, Gesandter Freiherr von Wangen- Heim und das gesamte Haus teilnahmen. Später machte der Kaiser mit dem Reichskanzler und sämtlichen Herrschaften einen Spaziergang auf den Berg Kyriaki. Gegen Mittag zog eine feierliche Prozession, bestehend aus dem Geistlichen und Einwohnern des Dorfes Gasturi, durch den Park an dem Schlosse vorüber. Der Kaiser, der Reichskanzler und die übrigen Herr­schaften standen auf dem Balkon des Schlosses. Der Geistliche sprach den Segen über den Kaiser, worauf die Musikkapelle „Heil dir im Siegerkranz" spielte.

Am Nachmittag fand auf der „Hohenzollern" das übliche Eiersuchen für die Mannschaften statt. Das Wetter war sehr schön.

Militär-Oberpfarrer Goens hielt am Montag vor­mittag auf der „Kolberg" Gottesdienst ab. Viele Deutsche nahmen daran teil. Von Bord wurden Huldigungstelegramme an den Kaiser und die Kaiserin gesandt.

Nachmittags wurde in Gasturi eine uniformierte Musikkapelle, die sich aus jungen Leuten des Dorfes gebildet hat, auf Anordnung des Kaisers im deutschen Wirtshause mit Kaffee und Kuchen bewirtet. Sodann spielte die Kapelle unter den Oliven zum korstotischen Nationaltanz auf, den reichgeschmückte Frauen und Mädchen des Dorfes polonaisenartig ausführten. Nach beinahe anderthalbstündigem Verweilen begaben sich der Kaiser und seine Begleitung nach dem Achilleion zurück.

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Das Geheimnis der Akuten.

Roman von Jenny Hirsch. 22

„Hat Ihnen das Pöplau erzählt?"

„Ach Gottbewahre, der bisse sich lieber die Zunge ab. Seine Mutter hat es mir geklagt. Die gute Frau weiß sich in ihrer Angst und Sorge um den Sohn gar nicht zu lassen, und da sie keinen anderen Menschen hat und auch weiß, daß ich große Stücke auf sie halte, so hat sie ihr Herz gegen mich ausgeschüttet. Ludolf ist ganz wie aus­getauscht. Bald geht er einher wie vor den Kopf geschla­gen, und dann tobt und wütet er wieder.

Hab's selbst gehört, wie er zu seiner Mutter sagte, wenn Lydia in ihrem Trotz beharre, so mache er eines Tages ein Ende mit Schrecken."

„Nun, nun, es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird," warf der Inspektor ein, der seine Gründe hatte, dem Förster noch nichts von Lydias Verschwin­den zu sagen. „Jetzt ist es mir freilich erklärlich, weshalb Pöplau heute nacht der Hirsch durch die Lappen gegan­gen ist, der wird an andere Dinge gedacht haben."

„Ein Hirsch? Heute Nacht? Wo denn?"

„Er war im Tannengrund auf dem Anstand."

Der Förster schlug ein lautes, dröhnendes Lachen auf; als er wieder zu Atem gekommen, sagt er: „Neh- men Sie es nicht übel, Herr Inspektor, aber wer hat Ihnen denn das aufgebunden?"

„Pöplau selbst, ich war schon heute bei ihm in Lin- dental. m

„Wenn er es gesagt hat, da muß es wohl ferne Rich­tigkeit haben," sagte der Förster kopfschüttelnd, „wie aber der Hirsch so plötzlich in den Tannengrund kommt, dar­auf bin ich begierig. Was wollten Sie eigentlich heute in Lindental, sollte mir der Besuch gelten, Herr Inspek­tor?" fügte er hinzu.

„Ihnen und Pöplau. Ich wollte mich erkundigen, ob Sie nichts uun Fräulein von Nasser gesehen oder ge­

hört hätten. Sie ist seit gestern nachmittag verschwunden," antwortete der Inspektor lauernd.

„Fräulein von Ruffer verschwunden?" rief der För­ster und machte eine so heftige Bewegung, daß ihm die Reisetasche, die er in der Hand trug, entglitt. Er bückte sich schnell, sie aufzuheben. Knauthe sah 'aber doch, daß er ganz bleich geworden war. „Wie hängt denn das zu­sammen?"

„Das möchten wir eben gern ergründen," und nun erzählte Knauthe den Hergang.

„Das ist ja schrecklich," sagte Horn, der plötzlich sehr kleinlaut geworden war. „Warum erzählen Sie mir das nicht gleich?"

„Ich trat in der Absicht an Sie heran, Sie teilten mir aber so interessante Dinge mit, daß ich es fürs erste unterließ," antwortete der Inspektor, und dem armen Förster war es, als senkte sich eine Zentnerlast auf seine Brust. „Sollten Sie etwas über den Verbleib der jun­gen Dame erfahren, so darf ich wohl erwarten, daß Sie mich davon in Kenntnis setzen werden. Doch, hier tren­nen sich unsere Wege, ich will wieder nach dem Roden» berg."

Er bot dem Förster die Hand, in welche dieser aber ; nur mit sichtlicher Ueberwindung die seinige legte. Mit nichts weniger als freundlichen Blicken schaute er dem Davonschreitenden nach.

„Der verdammte Schnüffler hat mich ja regelrecht ausgehorcht, darum hing er sich an mich," brummte er, „und ich Tölpel schwatzte auch ahnungslos aus, was ich auf dem Herzen hatte. Habe da am Ende dem armen Ludolf eine böse Suppe einrühren helfen. Verzwickt ist die Geschichte jedenfalls. Das Fräulein verschwunden und er will fort!"

Horn fing plötzlich an zu laufen, er konnte jetzt nicht die Zeit erwarten, bis er seine Försterei erreicht hatte.

91 uif) der Inspektor Knauthe hielt im Weiterschreiten ein Selbstgespräch.

„Sieh, sieh," schmunzelte er, „das war ein glückliches Zusammentreffen, ja, ja, nur immer die Augen offen hal» ten und sich nicht den kleinsten Umstand entgehen lassen.“

Was haben wir da also erfahren? Erstens," er zählte an den Fingern, „Herr Ludolf Pöplau ist heute nacht nicht auf dem Anstand gewesen; zweitens, er beabsichtigt in allernächster Zeit die hiesige Gegend zu verlassen; drit­tens, er hat gesagt, wenn Fräulein von Ruffer in ihrem Trotz beharre, so mache er ein Ende mit Schrecken, und es wird sicher nicht die einzige Drohung gewesen sein, die er ausgestoßen hat."

Er pfiff leise vor sich hin, wie es seine Art war, wenn ; er die erlauschten und erfragten Dinge aneinander reihte und verfolgte dabei gemächlichen Schrittes seinen Weg.

„Ich hörte und sah es ja, daß sie mir die Unwahr­heit sagten; diese Leute sind wahrscheinlich nicht geschickt genug, einen alten Praktikus hinters Licht zu führen, und nun gar erst dieser Horn! Das ist ja ein Bär, der plump und gutmütig mit beiden Beinen zugleich in die ihm gelegte Falle springt; der soll unS noch sehr gute Dienste tun!"

„Gut, daß Sie endlich kommen, Herr Inspektor!" rief Herr von Noßwitz Knauthe zu, dem er bis an die äußerst« Pforte seines Besitztums entgegengeeilt war. Schon seit einer halben Stunde schaue ich nach Ihnen au8.“

„Sie haben Nachricht von Fräulein von Ruffer; fte hat Ihnen telegraphiert ?" fragte der Beamte schnell, denn Noßwitz Gesicht schien ihm den Ausdruck freudiger Er­regung zu tragen, die sich aber jetzt in Staunen verwan­delte.

„Telegraphiert! Wie kommen Sie auf den Einfall ?"

„Nun, es wäre doch möglich, daß sie heimlich nach Hannovergereist wäre, um hier manchem Unangenehmen aus dem Wege zu gehen."

„Ich gestehe, ich bin beschämt, daß ich an diese sehr nahe liegende Erklärung nicht gedacht habe." 191,18)