mit amtlichem Kreisblatt» Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 65. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. «S.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.
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Amtliches.
J.-Nr. 1829 K. A. Am Samstag, der» 23.
März Borm 10 Uhr findet in Schlüchtern an der Stadthalle eine Ziegenbock-Körung statt.
Zu dieser sind außer den noch nicht vorgeführten Böcken auch diejenigen Gemeindeziegenböcke vorzuführen, welche von dem Herrn Kreistierarzt angekört sind, aber ein Körztichen für den Kreis Schlüchtern noch nicht besitzen. Die Herren Bürgermeister wollen in Ihrer Gemeinde für möglichste Verbreitung der vorstehenden Bekanntmachung sorgen. Die Herren Körungskommis- sionsmitglieder ersuche ich, den Termin wahrzunehmen. Im Falle der Behinderung, bitte ich um rechtzeitige Nachricht, damit für Einberufung eines Stellvertreters gesorgt werden kann.
Das Körregister geht dem Herrn Vorsitzenden der Ziegenbock-Körkommission in den nächsten Tagen zu.
Schlüchtern, den 4. März 1912.
Der Königliche Lindrat: Valentiner.
Zum22.Märr.
Der 22. März, der als der Geburtstag des großen Kaisers Wilhelm I. sonst in allen Gauen des deutschen Vaterlandes, in Stadt und Dorf, mit aufrichtigem Jubel gefeiert wurde, wird dem deutschen Volke stets ein stiller, ernster Gedenktag bleiben. Wieder tritt die milde Gestalt des alten Kaisers vor unser Auge, der, obwohl mit kriegerischem Lorbeer überreich geschmückt, nicht müde wurde, den Frieden zu wahren und zu befestigen und die Wohlfahrt seines Volkes zu fördern.
Schicksalsschwere Wendungen hat unser deutsches Land seit der Geburt des großen Kaisers erfahren. Damals dicht vor dem Zusammenbruch und dann nach ruhmreichem, aber kurzem Aufschwung Jahrzehnte inneren Mißgeschicks und äußerer Ohnmacht bis es endlich nach langen aufreibenden Kämpfen gelang, die im deutschen Volke schlummernde Kraft zu stählen, mit mächtiger Hand zusammenzufassen und hinweg über alle Hindernisse zu einem Siege von ungeahnter Größe und weltgeschichtlicher Bedeutung zu führen. Was Kaiser Wilhelm der Große der Nation in diesem Entscheidungskampfe gewesen ist, auf welch vollgerüttelt Maß persönlichen Verdienstes an den gewaltigen Erfolgen er unbestritten Anspruch hat, das steht mit leuchtenden Lettern im Buche der Weltgeschichte verzeichnet.
In Kaiser Wilhelm aber verehren wir nicht nur den Schöpfer der deutschen Einheit, wahrlich, seine
Mittwoch, den 20. März 1912.
Werke des Friedens stehen den Heldentaten und Erfolgen des Krieges nicht nach. Mit der sozialpolitischen Gesetzgebung sind wir allen Nationen vorangegangen; erst allmählich folgten die zivilisierten Völker. Auch in anderer Hinsicht hat Kaiser Wilhelm sich dem Ausbau des Reichs nach innen mit aller Kraft gewidmet; immerdar hat er seinem Volke treu gedient und war besorgt um dessen Wohl, bis sich seine Augen am 9. März 1888 auf immer schloffen. Was Kaiser Wilhelm vor allem die Herzen öffnete, war der Zauber echter, schlichter Menschlichkeit, der seine Gestalt verklärte, war das unerschütterliche Gottvertrauen, war die gerechte Würdigung von Personen und Verhältnissen. Durch alle diese Herrschertugenden ist unser erster Kaiser das Vorbild des modernen Fürsten geworden.
Es würde undankbar sein und würde sicher nicht den Ansichten des großen Kaisers entsprechen, wollten wir am heutigen Tage des Mannes vergessen, der ihm während seiner ganzen Herrscherlaufbahn, in guten wie in bösen Tagen, am nächsten gestanden hat: seines treuesten und besten Beraters, des großen eisernen Kanzlers Fürsten Bismarck. Er hat das Bild des ersten Kaisers des neuerstandenen Deutschen Reichs, wie es uns im Gedächtnis ist, und wie es auch in der Geschichte erhalten bleiben wird, in seiner markigen Weise am treffendsten selbst gezeichnet, als er tiefbewegt und mit zitternder Stimme dem Reichstage Kunde gab von dem Hinscheiden Kaiser Wilhelms L: „Die heldenmütige Tapferkeit, das nationale hochgespannte Ehrgefühl und vor allen Dingen die treue, arbeitsame Pflichterfüllung im Dienste des Vaterlandes und die Liebe zum Vaterlande, die in unserem dahingeschiedenen Herrn verkörpert waren, mögen sie ein unzerstörbares Erbteil unserer Nation sein, welches der aus unserer Mitte geschiedene Kaiser uns hinterlassen hat! Das hoffe ich zu Gott, daß dieses Erbteil von allen, die wir an den Geschäften unseres Vaterlandes mitzuwirken haben, in Krieg und Frieden, in Heldenmut, in Hingebung, in Arbeitsamkeit, in Pflichttreue treu bewahrt bleibe."
Den Dank aber, der dem großen Kaiser gebührt, können wir in würdiger Weise nur dadurch beweisen, daß wir seinem edlen Beispiele nacheifern in treuer, arbeitsamer Pflichterfüllung im Dienste des Vaterlandes, und daß wir sein Werk mit allen unseren Kräften, jeder an seinem Teil, schirmen und kraftvoll danach
63. Jahrgang. streben, das, was schwer errungen wurde, für alle Zeiten uns zu erhalten.
Deutsches Reich.
— Die Zusammenkuft des Kaisers mit König Viktor Emanuel in Venedig ist laut „Voss. Ztg." jetzt bestimmt auf den nächsten Montag festgelegt worden. Der deutsche Bctschafter v. Jagow und der Minister des Auswärtigen di San Giuliano werden bei der Besprechung zugegen sein. Der Begegnung wird in politischen Kreisen wegen der Gestaltung des Dreibundes und der Balkanfrage die höchste Bedeutung beigemeffen.
— Das Entlassungsgesuch des Staatssekretärs Wer- muth ist vom Kaiser genehmigt und Unterstaatssekretär im Reichsschatzamt Kühn zu seinem Nachfolger ernannt worden.
— Der Reichstag beschäftigte sich am Donnerstag mit der Zentrumsinterpellation über den Bergarbeiterstreik im Ruhrgebiet, die vom Abg. Schiffer (Z.) begründet wurde. Staatssekretär Dr. Delbrück begann damit, daß die Angelegenheit eigentlich vor den preußischen Landtag gehöre. Dann gab er eine ausführliche Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des ganzen Streiks, um zum Schluß ein Eingreifen der Regierung im jetzigen Zeitpunkt abzulehnen. Die Regierung könne dann mit Erfolg Vermittlungen in Angriff nehmen, wenn die Lage geklärt und beide Teile zu Verhandlungen gewillt seien. Ein jetziges Ein« greifen der Regierung würde das Ende des Streiks lediglich hinausschieben Zum «Schutz der Arbeitswilligen habe er etwa 6000 Polizeibeamte im Ruhrrevier zusammengezogen. Reiche das Personal der Polizei nicht aus, so werde ohne Zögern Militär herangezogen werden. Der Staatssekretär schloß mit der Betonung der unentwegter,Bereitschaft zum Schutze der Arbeitswilligen. Abg. Rogalla v. Bieberstein (kons.) verlangte ebenfalls im Notfalle die Heranziehung des Militärs. Handelsminister Dr. Sydow ergänzte hie Ausführungen des Staatssekretärs Dr. Delbrück, und Abg. Böttger (natl.) stellte sich in der Beurteilung des Streiks auf den Standpunkt der Regierung. — Am Freitag wurde die Debatte fortgesetzt, und es zeigte sich, daß sowohl die Regierung wie Konservative, Reichspartei und Zentrum auf feiten der Arbeitswilligen und der Zechen stehen; sie alle vertraten die Auffassung, daß der Charakter des Sympathiestreiks erwiesen sei und daß keine innere Notwendigkeit zum Streiken vorgelegen habe. Die Sozialdemokraten sind auf der ganzen
Aas Heheimnis der Akuten.
Roman von Jenny Hirsch. 13
Ein Selbstmord wäre also auch ausgeschlossen," fuhr der Beamte fort.
„O schweigen Sie! Schweigen Sie!" rief Edith.
„Aber, meine gnädigste Frau, irgend eine Veranlassung muß das Verschwinden des Fräuleins doch haben," sagte der Inspektor. Sie wollen auch nicht an einen Unglücksfall glauben?"
„Meine Schwägerin kannte die Gegend sehr genau und war immer sehr vorsichtig," nahm Herr von Noß- witz das Wort, „und dennoch, es bleibt kaum eine andere Annahme übrig; sie pflückte gern Wasserblumen und un- / sere Seen sind tief."
Er war ganz dicht an den Beamten herangetreten und hatte ihm die letztere Bemerkung leise zugeraunt, aber seine Frau hatte sie doch gehört. Mit einem leisen Schrei fuhr sie auf: „O Volkmar, Du weißt etwas, Du...“
Sie hing sich an ihn; mit einer Bewegung der Ungeduld, die er nur schwer zu bemeistern vermochte, machte «sich von ihr los und entgegnen vorwurfsvoll: „Aber liebe Edith, wenn ich wüßte, wo Deine Schwester geblieben ist, würde ich doch nicht überall nach ihr suchen lassen und vor allen Dingen nicht die Behörden bemühen." „Wir wollen nicht sogleich das Schlimmste anneh- men,“ warf der Inspektor dazwischen, „junge Damen haben zuweilen ihren Kopf für sich, vielleicht löst sich die Sache noch ganz heiter und harmlos. Sie sind ganz sicher, daß Fräulein von Ruffer nichts von ihren Kleidungsstücken mitgenommen hat?"
. „Nichts, als was sie trug; ich sah sie fortgehen; sie hatte nichts in der Hand als ihren Sonnenschirm," behauptete Edith sehr bestimmt, „Du mußt das doch auch ttvch wissen, Volkmar. .
t Herr von Noßwitz schüttelte den Kopf und ferne Gat
tin fügte hinzu: „Ach nein, ich besinne mich, Du warst ja schon früher auf die Entenjagd gegangen."
„Wann sahen Sie das Fräulein fortgehen?" fragt« der Inspektor.
Frau von Noßwitz legte die Hand an die Stirn und sann nach: „Es mochte um 4 Uhr sein; wir speisen hier immer schon um 2 Uhr und ich war soeben von meinem Nachmittagsschlaf aufgestanden. Ich rief ihr noch vom Balkon aus zu, sie sollte nicht wieder so weit gehen. O, wie hätte ich denken sollen, daß sie überhaupt nicht wiederkehren würde." Sie brach in einen Strom von Tränen aus und sank ermattet in einen Stuhl.
Der Inspektor sah nachdenklich vor sich nieder; das Ehepaar schien ihm alles gesagt zu haben, was es wußte, und doch konnte er die Empfindung nicht los werden, daß man ihm etwas verschwieg, und daß Herr von Noßwitz seine Frau, in der Besorgnis, sie könne sprechen, was ihm nicht erwünscht sei, nicht aus den Augen ließ. Lediglich, um die Unterredung noch zu verlängern, fragte er': „Sind Sie Fräulein von Ruffer auf Ihren Streifereien nicht begegnet, Herr von Noßwitz?"
„Nein," antwortete der Gefragte kurz und abweisend, schien aber sogleich den dadurch begangenen Verstoß zu fühlen und zu bereuen, denn er fügte sehr liebenswürdig hinzu: „Lassen Sie uns jetzt ins Speisezimmer gehen, Herr Inspektor. Man wird uns dort hoffentlich das Frühstück serviert haben; Sie werden einer Stärkung bedürfen, und auch ich muß gestehen, daß die Natur ihre Rechte fordert; ich bin seit gestern nicht aus den Kleidern gekommen."
„Volkmar, Du solltest Dich niederlegen! Wenn Du krank würdest, was sollte ich anfangen?" rief Edith und blickte ängstlich in das in der Tat recht bleich aussehende Gesicht ihres Mannes.
Er lächelte überlegen: „Ohne Sorge, meine Liebe, ich bin ein alter Soldat und stehe meinen Mann. Ist es gefällig, Herr Inspektor," wandte er sich an diesen und tat einen Schritt gegen die Tür.
„Ich stehe im Augenblick zu Diensten, nur hätte ich zuvor gern noch Ihre Hausgenossen gesprochen."
„Sie werden leider nicht viel von ihnen in Erfahrung bringen, aber ich werde fit Ihnen sogleich zusammenrufen; bitte, kommen Sie," erwiderte Noßwitz sehr artig.
Der Inspektor machte keine Einwendungen weiter. So fest er überzeugt war, daß es hier noch Dinge gab, in die man ihn nicht einweihen wollte, und so fest er entschlossen war, ihnen auf den Grund zu kommen, sah er doch ein, daß er im Augenblick auf eine Fortsetzung der Unterredung mit Herrn und Frau von Noßwitz nicht bestehen durste, denn beide schienen in der Tat wie zum Tode erschöpft.
Noßwitz öffnete die Tür, ließ den Inspektor voraus« gehen und folgte, seine Frau fest am Arme haltend und leise auf sie einsprechend.
Im Speisesaal fanden sie das Stubenmädcheu, welches noch mit dem Ordnen des Tisches beschäftigt war.
„Was tun Sie hier?" fuhr Herr von Noßwitz sie an. „Seit wann ist es Ihre Aufgabe, bei Tische zu bedienen?"
„Ich bitte, um Verzeihung, gnädiger Herr, der Diener ist mit den anderen fort, das gnädige Fräulein zu suchen," begann das Mädchen mit mühsam beherrschter Stimme, aber bei den letzten Worten brach sie in lautes Schluchzen aus und fügte hinzu: „Als ob die auf dieser Erde noch zu finden wäre; die liegt jetzt schon lange auf dem Grunde des Sees!"
„Wie kommen Sie auf den Gedanken, daß Fräulein von Ruffer ins Wasser gefallen sein foK?" fragte er.
Das Mädchen blickte zu Boden und wagte nicht zu antworten. 191,18*
„Reden Sie," gebot der Inspektor und fügte, als sie noch immer schwieg und ängstlich nach Herrn und Frau von Noßwitz blickte, in stremgem Tone hinzu: „Ich verlange Antwort im Namen des Gesetzes, Sie verfallen schwerer Strafe, wenn Sie nicht sagen, was Sie wissen."