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SchlüchternerMung

mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. «5. vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat". Telefon Nr. «5.

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.

Mittwoch, den 28. Februar 1912.

63. Jahrgang.

Amtliches.

J.-Nr. 626 K. A. Die Herren Bürgermeister des Kreises lade ich zu einer Besprechung verschiedener all­gemein interessierender Fragen auf

Montag, den 4. März d. Js.

Nachmittags 2^ Uhr

in das Kreishaus ein.

Schlüchtern, den 26. Februar 1912.

Der Landrat: V a l e n t i n e r.

Im nächsten Monat gelangt ein größerer Züchter unserer Genossenschaft in den Besitz einer größeren An­zahl von reinblütigen Simmentaler Saugkälbern, von den Verhältnissehalber nur ein kleiner Teil zur Aufzucht behalten werden kann. Der Rest muß deshalb verkauft werden. Da die Kälber durchweg von erst­klassigen Herdbuchtieren abstammen, ist es ratsam, daß die Viehzüchter unseres Kreises die besten Kälber kaufen und aufziehen. Die Ausgaben für ein solches Saugkalb sind verhältnismäßig gering und der Ankauf ist deshalb auch dem sogenannten kleinen Mann mög­lich. Bestellungen werden schon jetzt im Kreishause entgegen genommen.

Schlüchtern, den 21. Februar 1912.

Die Simmentaler Zuchtgenossenschaft. Valentiner.

Deutsches Reich.

Das Kaiserpaar wird voraussichtlich in der letzten Marzwoche die Reise nach Korfu antreten. Der Aufenthalt dort ist auf etwa 45 Wochen berechnet. Am 1. März hört der Kaiser im Ministerium der öffentlichen Arbeiten einen Vortrag über das Fluß­gebiet des Euphrat und Tigris sowie über die dortigen Bewässerungsfragen, den auf Veranlassung des Ministers v. Breitenbach der Regierungsbaumeister Tolens halten wird.

Der Reichstag führte am Dienstag vergangener Woche die erste Lesung des Etats zu Ende. Die De­batte wurde in der Hauptsache durch die Vorgänge bei der Präsidentenwahl ausgefüllt, und zwar wurde, durch vier Zeugen, die Abgg. Schiffer (natl.), Groeber (Z.), Junck (natl.) und Müller-Meiningen (fortsch. Vp.) einwandfrei festgestellt, daß Bebel, obgleich er es ab-

geleugnet hat, in der Tat gesagt hat, ein sozialdemo­kratischer Vizepräsident werde nicht nur die staatsrecht­lichen Verpflichtungen dem Monarchen gegenüber er­füllen, sondern werde eventuell auch bei Behinderung des Präsidenten zu Hofe gehen und das Kaiserhoch ausbringen. Abg. Schiffer (natl.) erklärte, die Ent­schlüsse der nationalliberalen Partei würden durch diese Vorgänge erheblich erleichtert, und man wisse nun für alle Zukunft, was man von der Sozialdemokratie zu halten habe. Der Etat wurde schließlich der Budget­kommission überwiesen, worauf noch einige Rechnungs­sachen erledigt wurden. Am Mittwoch vergangener Woche kamen die freisinnige und sozialdemokratische Interpellation über zeitweise Aufhebung des Mais­und Futtergerstenzolls und Suspendierung des Kartoffel­zolls zur Besprechung. Staatssekretär Delbrück ant­wortete, in der Frage der Futtermittelzölle hätten die verbündeten Regierungen bereits im Herbst durch er­mäßigte Frachttarife und Vergünstigungen für die. Brennereien soviel getan, daß ihnen nichts mehr zu tun übrig bleibe. Betreffs des Kartoffelzolls erklärte er unter dem Beifall des Hauses, daß den verbündeten Regierungen vorgeschlagen sei, aus Billigkeitsrücksichten für diejenigen Sendungen ausländischer Kartoffeln, welche nach dem 15. Februar bis zum 30. April ein­gehen, den ZoÜ zu erlassen. Ein entsprechender Be­schluß des Bundesrats werde voraussichtlich sofort gefaßt werden. Keineswegs aber handle es sich hier um ein Abweichen vom Zolltarif und von den be° währten Grundsätzen. Die Besprechung bot nichts Bemerkenswertes.

Das preußische Abgeordnetenhaus erledigte am Dienstag vergangener Woche nach unerheblicher Debatte die erste Beratung des Wassergesetzes, das einer be­sonderen Kommission überwiesen wurde. Nach Annahme eines Antrags des Abg. Schifferer (natl.) auf Ge­währung von Beihilfen für die durch die letzte Sturm­flut in Schleswig-Holstein Geschädigten fand ein Antrag Schmedding (Z) der eine Reform des Fürsorgewesens erstrebt, dahingehend, daß mehr der vorbeugende Charakter der Erziehung gewahrt werde, daß man sich auch der gefährdeten Kinder, nicht nur der verwahr­losten annehme, daß die Familienerziehung möglichst den Vorzug bekomme vor der Anstaltserziehung, ein­stimmige Billigung des Hauses und wurde zu möglichst schneller Erledigung der verstärkten Gemeindekommission überwiesen. Am Mittwoch vergangener Woche wurde mit der zweiten Lesung des Justizetats begonnen. Abg.

Böhmer (kons.) wünscht, daß den Gerichtsschreibern ein Teil der Arbeiten, welche jetzt den Richtern noch ob­liegen, überantwortet werde, damit der Richtervermehrung etwas mehr Einhalt geboten werden könne. Abg. v. Campe (natl.) sprach über die Ueberfüllung des Richter­standes ; schon auf der Schule müsse vor dem Ergreifen des juristischen Studiums gewarnt werden. Abg. Viereck (frkons.) ist damit einverstanden, daß ungeeignete Assessoren, am besten gleich nach dem Assessorexamen, abgeschoben werden. Justizminister Dr. Beseler ver­breitete sich eingehend über die Ausbildung und An­stellung der Assessoren. Er erläuterte einen Erlaß und gab seiner Freude Ausdruck, daß besonders die von ihm veranlaßte Beurlaubung von Assessoren zwecks Fortbildung auf wirtschaftlichem Gebiete die Zustimmung des Abgeordnetenhauses gefunden habe.

Nach dem am 12. Februar abgeschlossenen Ver­zeichnis der Mitglieder des preußischen Abgeordneten­hauses zählt die konservative Fraktion 150, die frei­konservative Fraktion 61, die Nationalliberalen 65, die Volkspartei 36, das Zentrum 103, die polnische Frak­tion 15, die sozialdeuiokraiische Fraktion 6 Mitglieder. Außerdem gehören dem Hause auf 2 Dänen und 1 Wilder" (v. Kloeden, Abgeordneter für Wiesbaden 7.) Erledigt sind 4 Mandate.

AuslanS.

Eine neue Bekräftigung des Dreibundes enthält eine Notiz der WienerNeuen fr. Presse", nach welcher der neuernannte Minister des Aeußern Graf Berchtold demnächst nach Berlin fahren wird, um sich dem Kaiser vorzustellen und mit dem Reichskanzler v. Bethmann Hollweg und dem Staatssekretär v. Kiderlen-Waechter persönlich in Fühlung zu treten. Sodann wird er nach Rom reisen, um bei König von Italien und den Minister des Aeußern zu besuchen.

Fast täglich ist es zu ernsten Demonstrationen in Agram gegen den Banus und gegen Ungarn ge­kommen. Das Volk will dadurch die Absetzung des Banus erzwingen. Gendarmerie und Polizei sind bereits machtlos, so daß Militär zur Hilfe aus Oester­reich nach Agram dirigiert wurde. Die Regierung hat angeordnet, daß alle Haustore schon um sieben Uhr abends geschlossen werden müssen. Man erwartet bei Wiederholung der Demonstrationen die Proklamierung des Standrechts, da in Agram die allgemeine Agitation im Interesse der Lostrennung Kroatien-Slawoniens von Ungarn zusehends mehr um sich greift.

Das Geheimnis der Akuten.

Roman von Jenny Hirsch. 6

Es kann doch eigentlich nichts Angenehmeres geben, als an der Hand eines Mannes durch das Leben zu gehen, der jedes Steinchen aus dem Wege räumte, lauge ehe der Fuß daran stoßen konnte, der jede Sorge auf sich nahm, neben dem man sich auch mit dem Nach- und Voraus- denken nicht allzu viele Mühe zu geben brauchte.

Bei einer Fahrt über den Königssee hatte Volkmar von Noßwitz endlich den Augenblick für gekommen ge­halten, die Hand nach der langsam für ihn herangereif­ten Frucht auszustrecken; er hatte Edith seine Liebe ge­standen und war erhört worden. In St. Bartholomä feierte der Geheime Kommerzienrat, zu dem der feurige Liebende sofort mit der Bitte um seine Einwilligung ge­eilt war, die Verlobung des Paares in schäumendem Sekt und zog erst nachträglich über die Verhältnisse sei­nes zukünftigen Schwiegersohnes bei diesem selbst, wie bei anderen Erkundigungen ein.

Da kam denn allerdings mancherlei zum Vorschein, was Herrn von Ruffer, der zwar den Grundsatz besaß: leben und leben lassen, aber doch ein vorsichtiger Geschäfts­mann war, etwas stutzig machte.

^ Noßwitz war von gutem, altem Adel, was bei dem neu- *geadelten Kaufmann recht schwer in die Wagschale fiel, und hatte auch ein nicht unbedeutendes Vermögen be­sessen, dieses jedoch nicht nur bereits vollständigverbraucht, sondern auch noch eine, wenn auch nicht sehr beträchtliche Schuldenlast auf sich geladen. Das Leben, welches er bis­her geführt war, wie er dem Geheimen Kommerzienrat freimütig eingestand. allerdings sehr kostspielig gewesen, allein er versicherte, er sei desselben von ganzem Herzen müde und sehne sich danach, an der Seite einer aelieb- ten Gattin ein geordnetes, behagliches Dasein zu begin­nen.

Herr von Ruffer glaubte diesen Versicherungen nur

zu gerne; Noßwitz hatte es ihm nun einmal angetan; möglicherweise hätte Edith noch leichter auf den Verlob­ten, als er auf diesen Schwiegersohn verzichtet; aber auch auf das junge Mädchen gewann der Leutnant von Tag zu Tag einen größeren, unumschränkteren Einfluß. Herr von Ruffer tröstete sich mit den bekannten Sprichwör­tern, Jugend müsse austoben, und nur diejenigen, welche rechtzeitig ihre tollen Streiche gemacht, würden die besten und gesetztesten Ehemänner. Noch ehe er mit Edith und ihrem Verlobten in die Heimat zurückkehrte, hatte er Ediths finanzielle Verhältnisse vollständig geordnet und überraschte seine Frau mit der vollzogenen Tatsache.

Frau von Ruffer war durch die Wahl ihrer Tochter und ihres Gatten weit mehr erschreckt als erfreut. Der Schwiegersohn gefiel ihr nicht, trotzdem er ihr mit der ausgesuchtesten Artigkeit entgegenkam und sich bemühte, ihre Gunst zu gewinnen. Die Villa auf dem Rodenberg sah damals manche Träne, welche die um das Geschick ihrer Tochter bangende Mutter in der versteckten Laube im Garten oder in der Einsamkeit ihres Zimmers ver­goß. Mit recht schwerem Herzen nahm sie diesmal früher als gewöhnlich von ihrem geliebten Landsitz Abschied, um nach Hannover zurückzukehren, wo die Verlobung Ediths durch ein großes Fest gefeiert werden sollte und an Beschaffung der Aussteuer gegangen werden mußte. Die Vermählung sollte in wenigen Monaten stattfin- den.

Herr von Ruffer hatte den lebhaften Wunsch gehabt, sein Schwiegersohn möge sich zu einem Regiment in Han­nover versetzen lassen. Noßwitz war bereitwillig darauf eingegangen, hatte aber, wie er dem Schwiegervater be­trübt meldete, für den Augenblick keinen Erfolg gehabt, sondern war auf spätere Zeiten vertröstet worden. So folgte ihm denn seine junge Gattin nach seiner Garni­son in Bonn. Der Vater ließ das Paar mit Bedauern, aber doch mit froher Zuversicht ziehen, die Mutter konnte sich banger Befürchtungen nicht entschlagen. Sie vermochte zu ihrem Schwiegersohn kein Herz zu fassen, obwohl sie

sich die größte Mühe gab, dieser inneren Stimme Schwei­gen zu gebieten, und auch äußerlich in einem vollstän­dig freundschaftlichen Verhältnis mit Noßwitz stand.

Wer sich dagegen nicht einmal Mühe gab, seine Ab­neigung gegen ihn zu verbergen, das war die damals zehnjährige Lydia. Das eigenartige und weit über ihr Alter hinaus geistig entwickelte Kind liebte die Schwe­ster leidenschaftlich, und der Vater, wie Noßwitz selbst waren geneigt, ihr abweisendes, ja beinahe feindseliges Verhalten gegen ihn der Eifersucht zuzuschreiben. Die Mutter sah tiefer. Sie wußte, daß in ihrer jüngeren Toch­ter, so jung sie war, sich schon eine große Charakterfestig­keit entwickelt hatte, daß sie fein zu empfinden, gut zu beobachten verstand und in ihren Sympathien und Anti- pathien stets von einem überraschend richtigen Instinkt .geleitet ward. Wenn sie daher Lydias Benehmen gegen den Schwager auch öffentlich tadelte, so war sie doch geneigt, im stillen darin nur eine Bestätigung der eigenen Empfindungen zu sehen.

Wenn man Lydia anfänglich gefragt hätte, was sie denn gegen den Verlobten ihrer Schwester einnehme, so würde sie darauf wahrscheinlich die Antwort schuldig ge­blieben sein. Die ganze Erscheinung des Leutnants, sein geschraubtes Wesen war ihrem geraden Sinn zuwider, sie konnte es ihm nicht glauben, daß er Wich so liebe, eine solche Verehrung für die Eltern habe, wie er zur Schau trug. Noßwitz ließ es sich nicht träumen, welche scharfe Beobachterin er an der kleinen spröden Schwägerin hatte, obwohl er sich oft eines unbehaglichen Gefühls nicht er­wehren konnte, wenn er die aus dem schmalen, bleichen Gesichte hervorleuchtenden großen, dunkelgrauen Augen halb schüchtern und halb forschend auf sich gerichtet sah. Ihr entging es nicht, daß er gegen die alten Dienstboten des Hauses einen sehr hochmütigen Ton anschlug, daß er über die einfache Lebensweise in der Villa die Nase rümpfte und daß er seinen Einfluß auf den Vater sehr geschickt anzuwenden suchte, um darin möglichst bald eine Veränderung herbeizuführen. 191,18*