Zchliichtemer Zeitung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. es. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. «S.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.
32 15. Mittwoch, den 21. Februar 1912. 63. Jahrgang.
Amtliches.
Landespottzeiliche Anordnung, betreffend die Bekämpfung der Maul- und Klauenseuche im Kreise Schlächtern.
J.-Nr. 2062. Meine landespolizeiliche Anordnung vom 30. Dezember 1911 — A III. 6480 II. — be- rreffend die Bekämpfung der im Kreise Schlächtern aufgetretenen Maul- und Klauenseuche, Amtsblatt Nr. 52 a, S. 512/13, wird hierdurch aufgehoben.
Der Kreis Schlächtern ist demnach wieder ohne Sperr- und Beobachtungsgebiet.
(A III. 1016 II.)
Cassel am 15. Februar 1912.
Der Regierungspräsident: Graf v. Bernstorff.
J.-Nr. 1539. Im Interesse der Kreisbevölkerung wird wiederholt darauf hingewiesen, daß die Sprechstunden bei dem Landratsamte, der Einkommenfteuer- Veranlagungskommission und dem Kreisausschuß wie seither auf Dienstag und Freitag, vormittags 9 bis 12 Uhr, festgesetzt sind.
Schlüchtern, den 6. Februar 1912.
Der Königliche Landrat:
V a l e n t i n e r.
Unterrichtskursus an der Königlichen Fachschule für die Klei«, eisen- und Stahlwaren Judustrie zu
Schmalkalde«. '
Die Anstalt beginnt zu Ostern 1912 einen neuen Unterrichtskursus und nimmt hierzu neue Schüler auf.
Sie bietet befähigten jungen Leuten Gelegenheit, in den mit neuzeitlichen technischen Hilfsmitteln reich aus- gestatteten Musterwerkstätten eine sorgfältige und vielseitige, auf der Grundlage neuzeitlicher Technik fußende praktische Ausbildung in der Eisen- und Stahlver- arbeituns, besonders in der Werkzeugtechnik, zu erlangen, und jene zeichnerischen, fachtheoretischen und wirtschaftlichen Kenntnisse zu erwerben, welche unter den heutigen Anforderungen des Gewerbebetriebes für künftige Vorarbeiter und Werkmeister oder für selbständige Gewerb- treibende in der Kleineisen-, Werkzeug- und Metall- waren-Jndustrie unbedingt erforderlich sind,
Aufnahmefähig sind junge Leute mit guter Elementarschulbildung nach erfüllter Schulpflicht. Vorherige praktische Tätigkeit ist erwünscht, aber nicht Bedingung.
Die Kursusdauer beträgt je nach Fähigkeiten 2 bis
3 Jahre, das Schulgeld für preußische Schüler 60 M., für solche aus dem nichtpreußischen Deutschland 160 M. jährlich.
Absolventen, welche die Reifeprüfung abgelegt haben, sind von der Gesellenprüfung befreit.
Minderbemittelten und würdigen Schülern preußischer Staatsangehörigkeit können Stipendien und Schulgelderlasse gewährt werden.
Nähere Auskunft auf Anfrage durch den Unterzeichneten.
Anmeldungen werden baldigst erbeten.
Der Direktor der Königl. Fachschule: Beil.
Tagesordnung
der 5. Generalversammlung des Verbandes der Biehverstcherungsvereine im Regierungsbezirk Cassel
am Sonnabend, den 2. März 1812 nachmittags 3 ‘/a Uhr, im „Evangelischen Vereinshause" in Cassel, Kölnische Straße.
1. Feststellung der anwesenden Vertreter der Vereine.
2. Vorlage des Protokolls der 4. Generalversammlung am 10. Februar 1911.
3. Bericht über die Tätigkeit des Verbandes für das Jahr 1911.
4. Kassenbericht über das Geschäftsjahr 1911.
5. Antrag auf Abänderung des § 17 der Satzungen dahingehend, daß die Beiträge für den einzelnen Verein von 10 Mk. auf 5 Mk. herabgesetzt werden.
6. Antrag der Rindvieh-Versicherungsgesellschaft Battenhausen betreffend Abänderung der Jahresbeiträge.
7. Anträge und Wünsche aus der Versammlung.
8. Vortrag über: „Das neue Viehseuchengesetz vom
26. Juni 1909 und seine Ausführungsbestimmungen." Referent: Dr. Sprenger.
NB. Die Teilnahme von Mitgliedern noch nicht angeschlossener Vereine ist sehr erwünscht.
Der Vorsitzende des Verbandes der Viehversicherungsvereine im Regierungsbezirk Cassel A. Vaupel.
Aus der Rede des Reichskanzlers vom 16. Kebruar.
Was sich gewandelt hat.
Als es vor fünf Jahren gelungen war, die sozial- demokratische Fraktion auf die Hälfte ihrer Sitze zu reduzieren, ging ein Jubel durch das gesamte liberale und konservative Bürgertum. Und jetzt? Der Feind
von vor fünf Jahren hat HO Sitze errungen, und der Liberalismus hat wieder gejubelt, obwohl er selbst geschwächt aus der Schlacht heimgekehrt ist. Ich begreife es ja, daß Sie vom liberalen Standpunkt aus eine Genugtuung darüber empfinden, daß Sie die Konservativen und das Zentrum geschwächt haben, aber der Schaden der politischen Gegner ist noch lange nicht der Triumph der eigenen Sache, zumal wenn ein solcher Tertius gaudens vorhanden ist wie in diesem Falle. Ja, weshalb haben Sie denn jetzt gejubelt? Ueber den Sieg einer Partei, deren Niederlage Sie vor fünf Jahren so laut begrüßt haben. Was hat sich denn in der Zwischenheit geändert? Etwa die Sozialdemo- kratie? Ich vermute, die Herren würden es mir arg verdenken, wenn ich sie für wandelbar, wenn ich sie für fähig hielte, von ihren Dogmen auch nur ein Titelchen aufzugeben, bin ihren Dogmen des Klaffen- kampfes, der Todfeindschaft gegen die bürgerliche Gesellschaft und gegen unsere monarchische Staatsordnung. Ob die Revisionisten oder die Radikalen das Ueberge- Wicht erlangen werden, müssen wir doch erst einmal abwarten.
Den Entschluß des Fortschritts, Großblockpolitik zu treiben, und die Krisen in der nationalliberalen Partei, deren Zeugen wir in den letzten Tagen waren, kann ich nicht auf eine grundsätzliche Wandlung der Sozial- demokratie zurückführen. Was sich gewandelt hat, das ist der Liberalismus. Er ist weiter nach links geglitten.
In diesem Hohen Hause sitzt mancher alte Parlamentarier. Ich glaube nicht, daß einer unter ihnen schon eine so unsichere und zerfahrene Parteilage erlebt hat wie die gegenwärtige. Von den einst von Benurg- sen und Richter geführten beiden liberalen Fraktionen dieses Hohen Hauses hat sich weitaus die Mehrzahl der Mitglieder bereit gezeigt, dem Abgeordneten Bebel, dem Urheber des Wortes von der Todfeindschaft und vieler ähnlicher, das oberste Amt zu übertragen, über das der Deutsche Reichstag verfügt. Dieselben liberalen Abgeordneten und einige mehr haben dann den Aus- schlag dafür gegeben, daß ein anderer sozialdemokratischer Abgeordneter zum Vizepräsidenten gewählt wurde, der Worte gegen unser Kaiserh aus gebraucht hatte, die nicht vergessen werden können. War das die rechte Antwort auf die ruhige, vertrauensvolle Sprache der Thronrede? Oder sollte damit die Begriffsverwirrung der Mitläufer der Sozialdemokratie bei den letzten Wahlen sanktioniert werden?
Das Heheimnis der Akuten.
Roman von Jenny Hirsch. ' 4
„Verzeihen Sie, gnädiger Herr, die beiden sind schon über eine Stunde fort und suchen das gnädige Fräulein," fiel rasch oor|pringenb die Köchin, eine schon ältere Person von sehr gesetztem Wesen, ein.
„Sie sind fort, ohne meinen Befehl?" rief auffahrend Herr von Noßwitz. „Wer veranlaßte sie dazu ?"
„Ich, ich." antwortete die Köchin. „Als Anna," sie wies auf das Stubenmädchen, „so gegen halb neun Uhr sagte, es könne noch nicht gegessen werden, weil das gnädige Fräulein noch nicht zurück sei, ward mir himmelangst; alle fünf Minuten bin ich hinausgelaufen und habe »achgesehen, ob sie noch nicht käme.
„Als es neun schlug, da konnte ich es nicht mehr aushalten; ich rief Neumann und Drescher und sagte, sie möchten sich aufmachen und sehen, wo Fräulein Lydia geblieben wäre."
„Das ist eine große Eigenmächtigkeit," begann Herr von Noßwitz, aber seine Frau fiel ihm ins Wort. Alle Scheu, welche der ihr so weit überlegene Gatte ihr sonst einflößte, war von ihr gewichen durch die sie jetzt wie Mit elementarer Gewalt überflutende Angst.
„Nein, nein, Sie haben recht gehandelt, Sie haben getan, was wir schon lange hätten tun sollen, Sie haben Ihre Treue bewiesen."
„Und um dieser Treue willen sei Ihnen Ihre Eigenmächtigkeit verziehen," versetzte Herr von Noßwitz'sal- bungsvoll. „Wissen Sie, wohin sie sich gewandt haben?"
.^Drescher wollte durch den Wald nach Plön zu gehen, und Neumann ist nach dem Dieksee hinunter," berichtete Anna, das Stubenmädchen. „Sie wollten auch untenan der Eisenbahnstation fragen, ob irgend jemand das gnädige Fräulein gesehen hat." . •
„So wollen wir nach Malente und nach dem Ukler- Jee zu," sagte Herr von Noßwitz zu dem Diener.
„Ich gehe mit Dir," rief seine Frau, sich an seinen Arm hängend.
„Nicht doch, Kind," entgegnete er, sie sanft abschüttelnd, „Du kannst gar nichts nützen, sondern würdest uns nur ein Hindernis bei unseren Nachforschungen werden.
„Ich kann aber nicht hier bleiben, ich sterbe vor Angst. O Lydia, Lydia, wo bist Du? Hast Du Dich verirrt? Bist Du verunglückt? Hat eine verruchte Hand Dich gemordet? Hast Du selbst ..."
„Schweig. Rede nicht so wirres Zeug," schalt ihr Gatte, aber sie ließ sich nicht beschwichtigen.
Nur mit großer Mühe, und nachdem die Köchin, das Stubenmädchen und die inzwischen auch herbeigekommene Bonne ihr feierlich versichert hatten, sie würden sie keinen Augenblick allein lassen, willigte Frau von Noßwitz darein, in der Villa zurückzubleiben; aber sie bestand darauf, nach dem Balkon zurückzukehren. Sie behauptete, es sei ihr, als müsse bte Decke des Zimmers über ihr zusammenstürzen, sie müsse im Freien sein und lauschen, ob nicht ein Ton an ihr Ohr schlage, der ihr verkünde, daß man die Vermißte gefunden habe und ihr zurückbringe.
Es war eine sch öne, stille Julinacht, eine jener Nächte, durch welche noch ein Schein des Sonnenlichts Hin- durchzuzittern scheint, so daß die Sterne nur matt leuchten und doch nicht volle Finsternis die Erde deckt. Ein frischer Erdgeruch, heroorgerufen durch den auf die son- nendurchwärmten Felder und Wiesen fallenden Tau, stieg zu dem Balkon empor, auf welchem die Dienerinnen ihre jammernde Herrin in Tücher und Decken gewickelt auf einem bequemen Lehnstuhl gebettet hatten. Sie hatte sich anfänglich sehr dagegen gesträubt und darauf bestanden, sie wolle auf einem eisernen Gartenstuhl sitzend die Stunden durchwachen, bis ihr Kunde von ihrer Schwester würde; sie war den Balkon auf und ab gerast und dann doch ermattet in den Lehnstuhl gesunken. Einem Kinde gleich hatte sie sich dort in den Schlaf geweint, aus dem sie von Zeit zu Zeit auffuhr, fragend, was es an der Zeit
sei, und in erneutes Jammern ausbrechend, bis der Schlummer sich wieder auf ihre Augen senkte.
Die drei Dienerinnen saßen beieinander und tauschten flüsternd ihre Vermutungen und Befürchtungen über das seltsame Ausbleiben des Fräuleins aus. Als aber die ersten hellerenStreifenamöstlichenHimmeldaSHeraufdämmern des Tages verkündeten und ein kühler Wind auf» sprang unb überdie Schläfer dahinstrich.da nahm die robuste Köchin die junge Frau, die sie als Kind östergetragen, wieder in ihre Arme und legte sie auf ein Ruhebett, wo sie dem Morgen entgegenschlief, zu einem recht traurigen Erwachen.
Obwohl es schon zehn Uhr vorüber war, alt Herr von Noßwitz mit seinen Begleitern sich aufgemacht, hatte der einem heißen Tage eingetretene Abend voll ruhiger Kühle noch viel der Sommergäste, welche in den großen Logierhäusern und in den Privatquartieren am See und Wald und in den Dörfern wohnten, noch auf ihren Bänken und in ihren Hängematten im Freien festgehal- len. Viele dieser Herren, auch Fischer und Landleute auf den umliegenden Häusern, schlössen sich an, man verabredete Rufe, an denen man sich zusammenfinden wollte dann zerstreute man sich nach allen Richtungen.
Während der ganzen Nacht tauchten zwischen den Bäumen im Walde, an den Seen, auf der Landstraße, an den Knicks (Wallhecken), auf den Feldern die Lichter der Laternen auf, mit welchen die Suchenden sich versehen hatten. Die Nacht wich der Dämmerung, die Dämmerung dem Tage. Die Lichter erloschen, die Rufe verhallten. Bleich, fröstelnd, übernächtig und tief niedergeschlagen fand sich ein Trupp nach dem anderen an dem Orte, den man verabredet hatte, ein. Niemand konnte von einem Ergebnis berichten, weder die Vermißte, noch irgend eine Spür war von ihr aufgefunden worden.
Herr von Noßwitz kehrte gar nicht nach Hause zurück. Er beauftragte seine Leute, der gnädigen Frau zu sagen, daß man bis jetzt von Fräulein Lydia nichts entdeckt habe, und daß er nun Schritte tun wolle, die dunkle Angelegenheit in die Hände der Behörden zu geben. 191,18*