Zchliichterner Zeitung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr.«». Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. «S.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.
14 Samstag, den 17. Februar 1912. 63. Jahrgang.
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Amtliches.
J.-Nr. 1539. Im Interesse der Kreisbevölkerung wird wiederholt darauf hingewiesen, daß die Sprechstunden bei dem Landratsamte, der Einkommensteuer- Veranlagungskommission und dem Kreisausschuß wie seither auf Dienstag und Freitag» vormittags 9 bis 12 Uhr festgesetzt sind.
Schlüchtern, den 6. Februar 1912.
Der Königliche Landrat: _______________________VaIentiner.
Deutsches Reich.
— Im Reichstag ist eine neue Präsidentenwahl notwendig geworden, da Dr. Spahn (3 ) seinen Rücktritt vom Präsidium des Reichstags erklärt hat. Nach der Amtsniederlegung des Dr. Spahn steht nun vorläufig „Genosse" Scheidemann an der Spitze des deutschen Reichstags, ein Mann, der in der Reichstagssitzung vom 10. Dezember 1909 das Fürstengeschlecht, dem der deutsche Kaiser entstammt, aufs gröblichste und schimpflichste beleidigt hat. Wir haben es wirklich herrlich weit gebracht!
— Das preußische Abgeordnetenhaus beschäftigte sich am Soi nabend mit der nationalliberalen Interpellation über die Maul- und Klauenseuche. Land- wirtschaflsminister Frhr. v. Schorlemer nahm die Tierärzte in Schutz gegen die Vorwürfe, sie benutzten die Seuchen, um sich zu bereichern. Der Beschwerde, daß die Strafen für Uebertretungen des Viehseuchen- gesetzes zu hart seien, hielt der Minister entgegen, daß die Gefängnisstrafen durchweg in Geldstrafe» umge- wandelt würden. Schließlich wurde vom Abg. Rönnies (natl.) die Hoffnung ausgesprochen, daß die entgegenkommende Art des Ministers zur Beruhigung der Bevölkerung dienen werde. Endlich war die im Grunde recht fruchtlose Debatte zu Ende und 'man ging zur Beratung des landwirtschaftlichen Etats über, dessen Einnahme ohne Debatte bewilligt wurden. — Am Montag wurde zunächst die nationalliberale Interpellation über Staatsunterstützung der durch Hagelwetter geschädigten Winzer im Weinbaugebiet der Nahe besprochen. Dann machte Finanzminister Dr. Lentze Mitteilungen über den Slaatsverirag Preußens mit Bayern, Würtiemberg und Baden über die Ausdehnung der Klaffenlotterie auf Süddeutschland. Bei der hieraus fortgesetzten Beratung des Landwirtschaftsetats erkannte Landwirtschaftsminister Frhr. v. Schorlemer die Gewährung eines Versuchsfeldes für die Landwirtschaftliche
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Roman von Jenny Hirsch. 2
„Weit und breit nichts zu erblicken!" seufzte er dann.
Die kleine Stirn der jungen Frau umwölkte sich, die rosige Wange ward um einen Schein blässer, inden dunkelblauen Augen schimmerte es feucht. „Es wird schon ganz dunkel; was sangen wir nun an?" flüsterte sie und sah wie hilfeflehend auf ihren Mann.
„Es bleibt uns nichts anders übrig als abzuwarten, nach welcher Richtung sollen wir denn suchen?" fragt er dagegen.
„Es ist nicht recht von Lydia, uns solche Angst zu verursachen," Frau von Noßwitz sagt eS schmollend. „Sie darf auf keinen Fall wieder so lange ausbleiben, das werde ich ihr ernstlich einschärfen."
„Mit der ganzen Autorität der älteren Schwester, die fie so herrlich respektiert," spottet der Gatte, fügt aber sogleich wieder in seinem hosmeisternden Ton hinzu: „Sie soll überhaupt nicht allein spazieren gehen. Warum geht sie nicht mit Dir und den Kindern?"
„Aber ich bitte Dich!" rief Frau von Noßwitz und schlug die Hände zusammen. „Was denkst Du? Lydia geht ja durch den Wald bis zu dem Punkte, wo sie die Türme von Plön sieht und wieder zurück, und ein anderes Mal sogar bis zum Ukleisee; wie sollte ich denn da mitsammen?“
„Ei, sie hätte sich eben nach Dir zu richten; es ist schlimm genug, daß sie tut und tun darf, was ihr beliebt."
Sietatdasauch, als nochdieMuttermitunshierwar."
"Ja, sie folgt stets dem eigenen Kopfe."
"Und es ist ihr nie etwas geschehen; die Gegend ist vollständig sicher und Lydia allgemein bekannt und beliebt • sie wird sich irgendwo in einem Bauernhause ver- spätet haben und man bringt sie heim," tröstet sie Frau von Noßwitz wieder. Sie war eine ruhige Natur, ihre Bequemlichkeit galt ihr sehr viel, und sie ließ sich nicht
Hochschule in Berlin als dringendes Bedürfnis und teilte weiter mit, daß das Fideikommisgesetz nahezu fertig sei, daß er es aber mit Rücksicht auf die wichtigen Vorlagen seines Ressorts, insbesondere des Wassergesetzes, nicht mehr in dieser Session vorlegen werde. Abg. Heine (natl.) trat für die Befestigung des landwirtschaftlichen Grundbesitzes ein. Schließlich wurde das Ministergehalt bewilligt und die Denkschrift betreffend die Zulassung einer Verschuldungsgrenze für erledigt erklärt.
— Das bißchen Arbeiterversicherung, wie die Sozialdemokratie sich auszudrücken beliebt, zeigt eine im Reichsversicherungsamt gefertigte Zusammenstellung, nach der die Zahl der seit dem 1. Januar 1891 bis einschließlich 31. Dezember 1911 bewilligten Invalidenrenten 1 980 948 betrug. Davon liefen am 1. Januar 1912 940 875. Die Zahl der während desselben Zeitraums bewilligten Altersrenten betrug 504 582. Davon liefen a.n 1. Januar 1912 93 369. Invalidenrenten gemäß § 16 des Jnvalidenversicherungsgesetzes (Krankenrenten) wurden seit dem 1. Januar 1900 bewilligt 127 234. Davon liefen am 1. Januar 1912 15 768. — Das alles aber nennt die Sozialdemokratie eine „Bettelsuppe"!
— Ein Beispiel von sozialdem -kratischem Terrorist mus gegen andere, nicht der Partei angehörende Arbeiter erlebte kürzlich ein Kellner im Restaurant „Täubchen" in Leipzig-Anglr-Crottendori. Der Kellner war auf ein Inserat hin dort eingestellt worden. Nach einiger Zeit wurde er von sozialdemokratischen Gästen aufgefordert, seine Kontrollkarte zu zeigen. Als er dies nicht konnte und es ablehnte, der sozialdemokratischen Partei beizutreten, verhandelten die Gäste mit dem Wirte, der dann dem Kellner wiederholt zuredete, sich dem sozialdemokratischen Verbände anzuschließey. Da der Kellner das zurückwies, mußte er auf das Drängen der Gäste seine Stellung aufgeben. Ein Arbeiter war wieder durch den Terrorismus der Sozialdemokraten arbeitslos.
— Der „Groß Lichterfelder Lokal-Anzeiger" veröffentlicht einen Vortrag, den Herr Dr. med. Dumstrey kürzlich in Lichterfelde über das Märchen von der Teuerung gehalten ^:t. Dr. med. Dumstrey hat in diesem Vortrage auseinandergesetzt, daß ein allzu starker Fleischgenuß weder gesundheitsdienlich noch zweckmäßig sei. Zum Schlüsse seines Vortrags erzählte er, er habe einen längeren Aufsatz über das Märchen von der Teuerung einem sehr großen, einflußreichen Berliner
so leicht daraus aufstören; jede Sorge, jede Unbequemlichkeit schob sie von sich, so lange dies nur irgend angehen wollte.
„Möglicherweise befindet sie sich schon während des ganzen Nachmittags in schützender Begleitung," versetzte Herr von Noßwitz in spitzem Tone.
„Ich fürchte, sie hat wieder ein Stelldichein mit diesem elenden Burschen gehabt."
„O, nicht doch," wehrte seine Frau ab. „Nach allem, was Du in Erfahrung gebracht und mir mitgeteilt hast."
Er zuckte mit einem vieldeutigen Lächeln die Achseln.
„Sie hat versprochen, ihn nicht wiederzusehen, und Lydia hält ihr Wort. Sie ist von Kindheit an grundehrlich und zuverlässig gewesen," verteidigte Edith die Schwester mit einer Lebhaftigkeit, zu welcher sie sich nur selten fortreißen ließ.
„Nun, so schleicht er ihr nach in irgend einer Absicht, ich bin ihm heute hier im Walde begegnet.".
„Bolkmar, was meinst Du?" rief Edith, aus dem Triumphstuhl, auf dem sie sich ausgestreckt hatte, wieder emporfahrend.
„Nichts besonderes," erwiderte er mit einem Tone und einem Gesicht, aus dem alles zu entnehmen war, „aber nach dem, was ich von ihm gehört hab«, ist dieser Herr Ludolf Pöplau zu allem fähig."
„Unbegreiflich," sagte sie, den Kopf schüttelnd, „er war immer ein ganz braver Bursche, die Mutter hielt so sehr viel von ihm, dafür haben wir ja die Beweise, und auch der Vater, als er noch lebte."
„Schlechte Gesellschaft, ich sage Dir, der Mensch..."
Sie wurden unterbrochen. Die Tür des Zimmers war hinter ihnen geöffnet, Kinderfüße trippelten über das Parkett, gefolgt von einer schlanken, blassen Bonne eilten zwei kleine Mädchen von sechs und vier Jahren in weißen Kleidern, mit blonden Locken, rosigen Wangen und Hellen, großen Augen zu den Eltern auf den Balkon.
„Brunhilde, Paula, ihr seid noch nicht im Bett!" rief
Blatte an geboten. Der Redakteur sei aber, als er die Ueberschrift gelesen habe, weidlich erschrocken und habe gesagt, er könne den Aufsatz nicht bringen; denn er widerspreche der politischen Haltung seines Blattes, dem die Teuerung sehr zustatten komme und das aus ihr Nutzen ziehe. Der gute Mann war wenigstens offenherzig._________________________________________________
Ausland.
— Der französische Senat hat das deutsch'franzö- sische Marokkoabkommen mit 222 gegen 48 Stimmen angenommen. Der jAnnahme ging eine Rede des Ministerpräsidenten Pomcare voraus, die mit lebhaftem Beifall ausgenommen wurde. Clemenceaus für deutsches Wesen wenig freundliche Rede gegen den Vertrag mit parteiischer Darstellung der Geschichte der letzten 40 Jahre vermochte nur einen kleinen Teil des Hauses ernstlich zu erwärmen.
— Der Rücktritt der Mandschu-Dynastie in China ist nunmehr zur Tatsache geworden, worüber amtlich drei Edikte bekanntgegeben worden sind. In dem ersten nimmt der Thron die Republik an, in dem zweiten erklärt er sich mit den zwischen Puanschikai und den Republikanern,festgesetzten Bedingungen einverstanden, und in dem dritten werden die Vizekönige und Gouverneure davon unterrichtet, daß der Thron von der politischen Macht zurücktritl, um den Wünschen des Volkes zu entsprechen, und es wird an die Führer der Provinz die Weisung erlassen, das Volk ruhig zu erhalten.
— Das Kriegsdepartement der Vereiniglen Staaten hat die Befestigung des Panamakanals beschlossen und angeordnet, sofort mit der Erbauung einer großen Festung auf der Insel Flamenco im Stillen O^ean am Eingänge des Panamakanals zu beginnen. Unter den Verteidigungsmitteln sollen sich 14zöllige Kanonen und der schwerste Typ von in Gruben eingelassenen See- lüftenmörsern befinden. Auf der atlantischen Seite des Kanals soll bald ein gleicher Bau in Angriff genommen werden.
— Bei den Unruhen in Mexiko hat bei Guadalajara an der Eisenbahn des Staates Jalisco ein Gefecht ststtgefuiiden in dem sieben Mann der Regierungstruppen und fünfzehn Revolutionäre getötet wurden. Die Transportgesellschaften weigern sich seit einigen Tagen, Wertsachen zur Beförderung nach den Staaten Jalisco, Guanajuaw und Michoacan anzunehmen. Nach einer in Washington eingelaufenen Depesche des
Herr von Noßwitz und warf der Begleiterin der Kinder einen streng verweisenden Blick zu. „Ich begreife nicht, Fräulein, die Kinder sollten schon vor einer Stunde ihre Milch getrunken haben und..."
„Das haben wir auch, Papa, wir waren im Stall, als die Kuh gemolken wurde," unterbrach ihn die kleine Paula.
„Und weshalb gingt ihr dann nicht sogleich schlafen? Ihr wißt doch, daß ich zu Euch komme, wenn Ihr im Bett seid," sagte Frau von Noßwitz.
„Tante Lydia hilft uns immer auSziehen und in» Bett legen," erklärte Brunhilde.
„Sie ist noch nicht da," fügte die Schwester hinzu, und beide versicherten dann, sie könnten sich nicht niederlegen, ehe die Tante nach Hause gekommen sei.
Auch die Bonne entschuldigte sich jetzt; die Kinder hätten durchaus nicht zu Bett gehen wollen, ohne die Tante vorher gesehen zu haben, da habe sie sich denn keinen anderen Rat gewußt, als mit ihnen hierher zu kommen, um die Befehle der gnädigen Frau zu erbitten.
„Mama, Mama, laß uns bei Dir bleiben, bis Tante Lydia kommt," baten die kleinen Mädchen und hingen sich an die Mutter.
Frau von Noßwitz blickte unentschlossen von den Kindern zu ihrem Gatten, dieser aber schüttelte den Kopf und sagte zu dem Mädchen gewendet: „Sie hätten den Kindern nicht so weit nachgeben dürfen, Fräulein Berta."
„Wo bleibt nur Tante Lydia?" fragte inzwischen die kleine Paula; „sie hat ganz bestimmt versprochen, hier zu sein und mit mir das Abendgebet zu sprechen."
„Sie hat es Dir versprochen," rief Frau von Noßwitz, „und ist doch ausgeblieben?" fügte sie zu ihremMann gewendet leise hinzu. „Das ist doch gar nicht ihre Art, wo sie.. ."
„Bringen Sie die Kinder zurRuhe," gebot der Hausherr laut, während er mit einer ungeduldigen Handbewegung seiner Frau das Wort abschnitt. 191,18*