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ZchlüchtemerMung

mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr.«». Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat". Telefon Nr. «5.

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.

32 10. Samstag, den 3. Februar 1912. 63. Jahrgang.

AmUiches.

Das 2. Kurhessische Feldartillerie-Regiment Nr. 47 Fulda nimmt zum Oktober 1912 Zweijährig-Frei­willige an.

Junge Leute, die im Besitze eines gültigen Melde­scheines sind, können sich Mittwochs und Sonnabends bis 10 Uhr vormittags auf dem Geschäftszimmer des Regiments zur ärztlichen Untersuchung melden. Schnei-' der, Schuhmacher, Sattler, Köche, Schreiner, Buchbinder, Landwirte, Gärtner, Schlosser, Schmiede, Schreiber usw. werden bei der Annahme bevorzugt.

Der Meldeschein ist beim Landrat zu erbitten.

Hierzu ist erforderlich:

1. eine Geburtsurkunde,

2. eine schriftliche Einwilligung des Vaters oder des gesetzlichen Vertreters,

3. eine vom Bürgermeister auszustellende Be­scheinigung, daß der sich Meldende durch Zivil­verhältnisse nicht gebunden ist und sich un> tadelhaft geführt hat."

Deutsches Reich.

Der Kaiser hat zwei neue Ordensauszeichnungen gestiftet, nämlich das Königlich preußische Verdienstkreuz in Gold mit der Königlichen Krone, das als erster Kriminalkommissär Toussaint-Berlin erhielt, und das Königlich preußische Verdienstkreuz in Silber mit der Königlichen Krone, das als erster der Kapitän der Jacht Nordstern", Rudolf Iahn in Laboe bei Kiel, erhielt.

Das preußische Abgeordnetenhaus trat am 30. Januar wieder zusammen unter Vorsitz des Präsidenten Frhr». v. Erffa und begann mit der ersten Lesung, des Etats. Als erster Redner erklärte der konservative Abg. V. Pappen heim, die späte Einberufung des Land­tages erschwere zwar die Arbeiten, aber es sei auf alle Weise zu versuchen, den Etat roch rechtzeitig ferngzu- stellen. Er mache einen günstigen Eindruck und be­ruhe auf gesunder Grundlage. Bei den preußischen Finanzverhälinisien hätten sich die segensreichen Folgen der Reichsfinanzreform in hervorragender Weise gezeigt. Redner ging kurz aus die einzelnen Etats ein, berührte u. a. die Frage des Kohlensyndikats, die Lage der Arbeiter und Beamten besonders in der Eisenbahnver­waltung, sowie der Altpensionäre und betonte zum Schluß unter stürmischem Beifall, die Aufgabe des Staates sei es nicht nur, auf eine geordnete Finanz- wirtschaft zu halten, es müsse vor allem auch die Auto­rität des monarchischen Staates mit allen Mitteln auf­

recht erhalten werden. Der Zentrumsabgeordnete Herold sprach ebenfalls seine Zufriedenheit mit der finanziellen Lage aus, knüpfte daran aber eine Reihe von Wünschen und forderte, daß von der Regierung der Erhaltung der Religion im Volke mehr Beachtung geschenkt werde. Gegenüber der drohenden Gefahr von feiten der Sozial- demokratie helfe nur die Religion. Zum Schluß be­sprach Redner die Reichstagswahlen und erklärte, die Sozialdemokratie verdanke ihr Anwachsen in erster Linie der unglaublichen Verhetzung durch die liberale Presse. Der Wahlkampf sei zu Ende und die bürger­lichen Parteien sollten sich zu gemeinsamer Arbeit wieder die Hand reichen. Der Sozialdemokrat Hirsch nahm hierauf das Wort zu einigen prahlerischen Bemerkungen über die Wahlen, sowie zu Angriffen auf das Drei- klassenwahlsystem. Dann vertagte sich das Haus auf Mittwoch.

Wegen der Polenkrawalle in Schwetz sind zwölf Verhaftungen vorgenommen worden. Die verwundeten Studenten befinden sich auf dem Wege der Besserung. Den deutschen Geschäftsleuten drohten die Polen, sie würden ihre Geschäfte in Brand stecken. In elf Ge­schäften wurden die Fenster eingeschlagen.

Dem Militärverein zu Blankenberg wurden von der Behörde sämtliche Vorrechte, die den Kriegerver­einen laut Kabinettsorder vom 22. Februar 1842 ge­währt werden, entzogen. Die Verfügung ist auf das Ergebnis der letzten Reichstagswahl zurückzuführen, aus dem geschloffen wird, daß viele Mitglieder die Sozialdemokratie unterstützt haben. Bemerkenswert ist auch nachfolgende Veröffentlichung des genannten Ver, eins:Laut Beschluß der Vorstandssitzung vom 18. d. Mts. fallt die diesjährige Kaisergebuttstagsfeier (Kirch­gang, Konzert und Ball aus."

Ausland.

Kaiser Franz Josef hat das Rücktrittsgesuch des Grafen Aehrenthal abgelehnt in der Erwartung, daß eine längere Erholungszeit die Gesundheit des Ministers des Auswärtigen kräftigen und ihn seinem Amte er­halten werde. Der Kaiser hat ihm einen sechsmonatigen Urlaub zur Wiederherstellung seiner Gesundheit erteilt. Zum Stellvertreter des Grafen Aehrental wurde der erste Sektionschef im Ministerium des Aeußeren Dr. Freiherr v. Müller ernannt.

Die Spitzbergenkonferenz, die in Christiana seit dem 15. Januar zwischen Vertretern Norwegens, Ruß­lands und Schwedens über die Spitzbergenfrage abge­

halten wurde, ist zum Abschluß gelangt. Die Dele­gierten haben sich über eine Reihe von Aenderungen zu dem Konventionsentwurf über Spitzbergen geeinigt, der von den Delegierten der drei Länder im Jahre 1910 in Christiana ausgearbeitet und darauf den übrigen interessierten Mächten zugestellt worden ist. Die Ab­änderungen sind durch Bemerkungen veranlaßt worden, welche verschiedene Mächte zu dem Konventionsentwurf geäußert haben.

Bei der Revolution in China mehren sich jetzt die Bombenattentate. Gegen den Ermandschukomman- danten der Kaisergarde, Liangpi, warf ein Chinese in Osfiziersuniform eine Bombe, als Liangpi vor seinem Hause vom Wagen stieg. Es wurden ihm die Beine gebrochen, außerdem erhielt er andere Verletzungen. Ein Bein mußte amputiert werden. Sein Zustand ist ernst. Der Angreifer, wahrscheinlich ein Revolutionär, ist bei der Explosion umgekommen. Liangpi, der Reaktionär ist, war kürzlich verdächtigt worden, zu einem Angriff gegen die Chinesen in Peking geraten zu haben. Fer­ner wurden auf den Kommandeur von Tientsin, Ge­neral Tschunghuaitschi, einen entschiedenen Gegner der Revolution, als er von Peking zurückkehrte und in einem Wagen in die Eingeborenenstadt von Tientsin einfuhr, von einem jungen Chinesen zwei Bomben ge­worfen. Der Wagen des Generals wurde beschädigt; dieser selbst blieb unverletzt. Der Angreifer suchte zu entfliehen und feuerte auf die Verfolger, von denen ein Polizeibeamter verwundet wurde. Schließlich ge­lang es, den Fliehenden gefangen zu nehmen.

Kokst« uud^rcsmM«.

Schlächter«, 2. Februar 1912.

* Nachdem im vorigen Jahre die Feier des Ge­burtstages Sr. Majestät des Kaisers durch einen Kommers der gesamten Bürgerschaft so allseitigen An- klang gesunden hatte, wurde auch für dieses Jahr be­schlossen, eine gleiche Feier zu verunstalten, zu der sich die auf vaterländischem Boden stehenden Vereine mit allen gleich denkenden Bürgern unserer Stadt zusammen- fanden. Die überausstarke Beteiligung bewies, daß diese Feier die richtige war. Wohl an 400 Männer aller Berufsstände und jeden Alters hatten dem Rufe zur Feier Folge geleistet. Manch' einer hat sich lange vergeblich nach einer Sitzgelegenheit umsehen müssen. Der Saal war von fleißigen Händen mit der Kaiser­büste mit den Vereinsfahnen, Wappen und grünem Schmuck sinnig und schön geschmückt. Der Männer-

Hesühnt.

Roman von G. v. Schlippenbach. 59

Ich hoffe, Sie geben dem Fürsten einen tüchtigen Denkzettel," sagte der Leutnant,seine Feindschaft gegen Sie hat übrigens einen Grund, den Sie vielleicht nicht kennen."

Wieso?" fragte Emil Otto erstaunt.

Felix war im Sommer in Ihre Schwester verliebt, «8 heißt sogar, sie habe ihm einen Korb gegeben. Ich sehe sein Betragen gegen Sie als einen Akt niedriger Rache an."

Sie fuhren an der alten Mühle vorbei, dunkelrot färbte sich Emil Ottos Gesicht und er fühlte die Bit­terkeit jenes Augenblickes, als Alwina ihm die schwere Anklage entgegengeschleudert:Sie haben es absichtlich getan, ich hasse Sie!"

Das Duell verlief für Ebenstedt günstig, Felix schien sehr aufgeregt zu sein, er sah blaß und verstört aus. Lenner ordnete alles mit peinlichster Genauigkeit, das war eine Gelegenheit, dieImmer korrekt" liebte.

Ebenstedt zielte kaum, dann schoß er. Dicht am Kopf seines Gegners pfiff die Kugel vorbei, sie riß ihm das Ohr ab. Degenhart war fürs Leben entstellt, das sagte er sich mit verbissenem Grimm.

*

Zwei Jahre waren vergangen, es hatte sich man­ches geändert. In Doloresruh war ein kleines Mäd­chen geboren, das Glück der Gatten hatten dadurch ihren Höhepunkt erreicht. Die junge Frau Klingberg blühte in frauenhafter Schöne, sie war nicht allein die Seele des eigenen glücklichen Hauses, sie wurde auch von den Arbeitern der Fabrik geliebt, und wo es not tat, griff Nora stets hilfreich ein. Niemand wandte sich vergeb­lich an ihr edles Herz.

, Laugeilholzen war verpachtet, denn Emil Otto hatte

Europa wieder verlassen bald nach dem Duell mit dem Fürsten. Der Termin der Hochzeit Lenners war auf den April festgesetzt, die Gräfin Mören war gestorben und Alwina wurde zurückerwarlet.

Liebe Mutter," schrieb Emil Otto,zürne mir nicht, wenn ich noch einige Jahre der Heimat fern bleibe, ich fühle mich noch nicht seßhaft genug, um schon jetzt dau­ernd in Langenholzen zu bleiben; es zieht mich wieder übers Meer. Wenn ich älter werde, hört wohl auch der Wandertrieb auf, und ich lerne es, mich in die engeren Verhältnisse zu fügen; jetzt scheint es doch oft, daß ich ein Fremder unter Euch bin, Nora muß Dir in dem glücklichen Heim das zu ersetzen suchen, was ich Dir durch meine Abreise nehme. Noch einmal bitte ich Dich, mir zu vergeben, wenn ich Dich abermals betrübe, meine teure Mutter, mit Gottes Hilfe kehre ich aber wieder, und es soll dann meine größte Sorge sein Deinen Le­bensabend durch meine kindliche Liebe glücklich zu gestal­ten."

So war denn Frau von Ebenstedt nach Dolores­ruh gezogen unter den Tränen der Stiftsfräulein, die ihre sanfte, freundliche Aebtissin ungern scheiden sahen.

Emil Otto war nach Transvaal gegangen, da er eine Vorliebe für die Buren hatte; er schrieb sehr selten nach Hause, und oft erreichten ihn die Briefe aus der Heimat erst nach Monaten oder gar nicht, wenn er auf seinen weiten Streifzügen war. So erfuhr er nicht, daß die Ver­lobung des Grafen Lenner mit Alwina Mören ausein­andergegangen und die Komtesse in ein Diakonissenhaus eingetreten war. Nach vielen Kämpfen erst hatten es die Eltern erlaubt. Während der Wochen, die das junge Mädchen am Krankenbett der Großmutter zubrachte, reifte der Entschluß in ihr, Lenner abzufchreiben; der Ernst des nahenden Todes, lange Gespräche mit der from­men Greisin blieben nicht ohne tiefen Eindruck auf Al­winas Gemüt.

Das Unrecht, daS sie zu begehen im Begriff stand, trat ihr klar vor Augen: sie liebte ihren Bräutigam

nicht, ihr Herz schlug für einen anderen, der ihr grollte. Sie streifte den blitzenden Ring vom Finger, und mit ihm wälzte sie die Bergeslast, die sie zu Boden drückte, von ihrer Brust.

Ich erwarte kein persönliches Glück mehr," dacht« Alwina,ich möchte aber meinen Mitmenschen dienen und mich den Kranken und Leidenden widmen."

Durch ihren Bruder Heinz hatte sie einen genauen Bericht über das Duell und die vorhergehenden Er- eigniffe erhalten. Ein grenzenloses Mitleid erfüllte sie, wenn sie an Ebenstedt dachte. Wie mußte er gelitten haben. Nun verstand sie seine Andeutungen, die Trau­rigkeit seiner Augen. Und auch sie hatte sein wunde« Herz verletzt, sie hatte ihn so tief beleidigt, daß er eS ihr nie verzeihen konnte.

Dann schrieb man ihr, daß Emil Otto abermals Deutschland verlassen und sein Wanderleben ihn in die Ferne gelockt habe.

Einmal wollte Alwina noch den Trollhätta wieder­sehen, sie mußte mit der Vergangenheit abschließen, ehe sie den schweren Beruf antrat, nach dem sie sich sehnte.

Wieder stand sie auf der schwankenden Brücke und ließ das mächtige Naturwunder auf sich einwirken. Jetzt war es Winter, weißverschneit der Wald, die Felsufer glitzetten im Eile, seltsame Zacken hingen von den Bor- springen nieder. Lange stand die Komtesse Mören unbe­weglich, sie begrub in den eisigen Wassern alle eigenen Hoffnungen auf Glück, sie machte einen dicken Strich unter das, was gewesen, aber gläubig richtete sie den Blick nach oben und ihre Lippen bewegten sich im stillen Gebet.

Seit zwei Jahren war Alwina Diakonissin, sie trug nun die ernste Tracht der Schwestern, die ihre klassisch« Schönheit noch niehr hervorhob. An vielen Sterbebetten halte sie gestanden und hatte die müden Augen zuge­drückt. - 187,18*