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ZchluchternerZeitung

mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. «5. Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat". Telefon Nr. «5.

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.

9. Mittwoch, den 31. Januar 1912. 63. Jahrgang.

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Amtliches.

J. Nr. 577 K. A. Die Herren Bürgermeister wollen die Gemeinderechner darauf aufmerksam machen, daß die restlichen Kreissteuern für 1911 in den ersten Tagen des Februar er. an die Kreiskommunalkasse dahier abzuliefern sind.

Schlüchtern, den 24. Januar 1912.

Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses:

J. V.: gez. Berta.

Hohenfriedberger Marsch.

Durch die Wahlen zum Reichstage ist das deulsche Volk lebhaft erregt worden. Der Bürger hat in Ver- sammlungen und in seiner Zeitung viel große Worte gehört und gelesen. Vom schwarzblauen Block, vom rosaroten Block, von der heiligen Pflicht, sei es diesen sei es jenen zu bekämpfen. Hier stand der Feind rechts, dort stand der Feind links und dem entsprechend nahm dec Aufmarsch der Wähler entgegengesetzte Fronten. Es war ein großer Streit um die Gruppierung der Parteien, nicht um große Ausgaben der Gegenwart und Zukunft; es war mehr Lärm als Gedankenarbeit.

Viel tiefer als dieser Streit dringt in die Volks­seele die Erinnerung an den, dessen 200jähriger Ge­burtstag mit dem Ende des Wahlkampfes zusammen- fiel. Vor den Klängen des Hohenfriedberger Marsches verstummt der Lärm des Tages. Koser, der Biograph Friedrichs des Großen, hat in der Festrede im Weißen Saale des Königlichen Schlosses in Berlin hervorge­hoben, wie deutlich uns der Zusammenhang mit der Vergangenheit in unserer Stellung nach außen, in unserer Großmachtstellung entgegentritt. Das neue Reich fielt auf dem alten Platze Preußens, auf dem Machtfundamente, das Friedrich gelegt hat, und oberstes Gebot ist heute noch wie zu Friedrichs Zeilen,auf unsere Nachbarn zu achten und bereit zu sein, uns von heute auf morgen gegen verderbliche Anschläge zu verteidigen."

Wer nur auf den letzten Wahlkampf sähe, könnte meinen, wir gingen einer Zeit entgegen, wie sie Goethe in der Natürlichen Tochter schildert.Dem Reiche droht ein großer Umsturz. Die zum großen Leben gefügten Elemente wollen sich nicht wechselseitig mehr zu stets erneuter Einigkeit umfangen, sie fliehen sich, und ein­zeln tritt nun jedes kalt in sich selbst zurück." Das Volk in seinen besten Kräften will es anders. Zeit­weilig verdunkelt, lebt doch in seiner Tiefe das Gesetz, das Friedrich der Große sich selber vorschrieb und un­

verbrüchlich gehalten hat:Die erste Pflicht des Staats­bürgers ist seinem Vaterlande zu dienen." Als gewiß darf uns gelten, daß im deutschen Volke gegenüber der Verstärkung unserer Wehrmacht die zum großen Leben gefügten Elemente nicht kalt in sich selbst zurücktreten. Zeige der neue Reichstag, daß auch in ihm die Er­innerung an Friedrich den Großen und seine Lehre nach außen mächtiger ist als der innere Kampf der Parteien. __

Deutsches Reich.

Berlin. Die Geburtstagsfeier des Kaisers be­gann Samstag morgen 8 Uhr mit dem großen Wecken, dem der Kaiser vom Fenster jdes Schlosses aus bei- wohnte. Nachdem der Kaiser zunächst die Glückwünsche der kaiserlichen Familie und des engeren Hofes ent­gegengenommen hatte, begann um 10 Uhr der Gottes­dienst in der Schloßkapelle. Das Wetter war stürmisch. Oberhofprediger Dryander hielt bei dem Festgottesdienst in der Schloßkapelle die Festpredigt. Nach dem Gottes­dienst begab sich der Hof nach dem Weißen Saal, wo die Defiliercour begann. Hinter dem Einführer des diplomatischen Korps schritt der Reichskanzler vorüber, dem der Kaiser die Hand schüttelte. Es folgten Staats­sekretär von Kideclen-Wächter und die Botschafter. Jedem einzelnen Botschafter reichte der Kaiser die Hand und wechselte freundliche Worte mit ihnen. Während der Cour empfing der Kaiser auch das vollzählig er­schienene Präsidium des Abgeordnetenhauses. Bei den Leibregimentern defilierten der Kronprinz und Prinz Eitel Friedrich. Nach der Cour nahm der Kaiser auch die Glückwünsche des Startsministeriums entgegen. Um 12 Uhr begab sich der Kaiser im Automobil mir dem Bande des Schwarzen Adlerordens über dem Paletot nach dem Zeughaus. Der Kronprinz war mit seinen Brüdern vorher zu Fuß hinübergegangen. Das Wetter hatte sich aufgekärt, es wehte aber ein scharfer Wind. Das Publikum begrüßte den Kaiser mit lauten Hurrarufen. Auf dem Lustgarten hatte sich auch das Pfadfinderkorps ausgestellt. Die Parole lautete wie immer: Es lebe Seine Majestät der Kaiser und König! Der Kaiser nahm militärische Meldungen entgegen. Um 1 Uhr verließ der Kaiser das Zeughaus und kehrte nach dem Schloß zurück. Die Majestäten speisten mit den Prinzen Adalbert, Oskar und Joachim. Die sämtlichen im Schloß anwesenden Fürstlichkeiten speisten im Kaisersaal der Königskammer unter dem Vorsitz des Prinzen und der Prinzessin Heinrich. Für das Gefolge war Marschalltafel im Garddukorpssaal.

Der 200. Geburtstag Friedrichs des Großen ist im ganzen Lande, ganz besonders aber in Berlin und Potsdam, festlich begangen worden. In der Berliner Akademie der Wissenschaften hielt der Kaiser eine An­sprache. In der Garnisonkirche zu Potsdam, wo Fried­rich der Große begraben liegt, fand in Gegenwart des ganzen kaiserlichen Hofes ein feierlicher Gottesdienst statt. Hierauf begab sich der Kaiser mit seinem Ge­folge in die Gruft Friedrichs des Großen und legten an dessem Sarge einen großen Lorbeerkranz nieder. Im Anschluß an den Gottesdienst fand im Potsdamer Lust­garten eine Parade statt, bei welcher der Kaiser eine kurze Ansprache an die Truppen hielt.

Ueber die Förderung der weiblichen Handwerker finden zurzeit bei den Handwerkskammern Beratungen statt. Es handelt sich um die Aufstellung bestimmter Grundsätze für das Lehrlingswesen im weiblichen Hand­werk und um die Bildung von Prüfungsausschüssen für die Gesellenprüfung wie für die Meisterprüfung. Diese Prüfungsausschüsse sollen durch Heranziehung weiblicher Mitglieder erweitert werden. Wie es heißt, will die Regierung während einer gewissen Uebergangs- zeit die Frauen auch zu den Prüfungen zulassen, wenn sie die vorgeschriebene Lehr- und Gesellenzeit und auch die Ablegung der Gesellenprüfung nicht nach,zuweisen vermögen.

Der Vermögensbestand der gesamten staatlichen Versicherungsträger ist jetzt, nachdem die betreffenden Zahlen auch für die Unfall- und die Invalidenversiche­rung veröffentlicht sind, genau zu berechnen. Die Krankenkassen hatten Ende 1910 einen Überschuß der Aktiva über die Passiva in Höhe von 296,4 Millionen Mark. Die Berussgenossenschaften hatten mit den noch ausstehenden Beträgen zu gleicher Zeit Reservefonds in Höhe von 318,9 Millionen Mark. Die Jnvalidenver- sicherungsträger hatten mit Inventarien ein Vermögen von 1668,9 Millionen Mark. Rechnet man alle drei Zahlen zusammen, so kommt man für das Ende des Jahres 1910 zu einem Vermögensbestande aller staat­lichen Versicherungsträger in Höhe von 2284,2 Mil­lionen Mark. Bei allen dreien dürfte das Vermögen im Jahre 1911 wieder einen Zuwachs erfahren haben. Genauere Zahlen hierüber aber wird man erst später erhalten.

Ausland.

Das deutsch-französische Marokkoabkommen ist nunmehr auch von der Kommission des französischen Se-

Hesuhnt.

Roman von G. v. Schlippenbach. 58

Ich kaufe den Gaul!" rief er dem Händler zu.

Heinz Mören rief begeistert:So ist's recht, Sie sind doch ein famoser Kerl!"

In demGasthof zur Tanne" frühstückten die Guts­besitzer jedesmal, nachdem der Markt zu Ende war. Auch Degenhart war zuletzt erschienen und musterte durch das Einglas die Gesellschaft.

Wer ist der Herr mit den weißen Haaren?" fragte er Lenner, der zufällig neben ihm stand.

Ebenstedt, der Bruder von Frau Klingberg."

Ach so!"

Felix war ganz nahe an Emil Otto herangetreten, Lenner folgte ihm

Hier sind noch zwei Plätze frei," sagte er,wollen wir uns nicht setzen? Soll ich Sie nicht mit Ebenstedt bekannt machen, Fürst?"

Nein," entgegnete Felix laut,ich trage kein Ver­langen darnach, einem Ehrlosen die Hand zu drücken." 1

Emil Otto hatte es gehört, totenbleich war er auf­gesprungen und stand mit geballten Fäusten da.Was sagten Sie?" rief er, zitternd vor Zorn.

Alle drängten sich herzu, es war sehr still im Saal, da fielen die häßlichen Worte abermals von Felix Lip­pen. Klingberg war an des Schwagers Seite getreten und faßte seine kalte Hand.

Jetzt ist es für Dich Zeit, zu sprechen, Emil Otto," raunte er ihm zu,später gib mir das Wort!"

Und Ebenstedt sprach. Offen und ohne etwas zu beschönigen, deckte er die Schuld seiner Jugend auf, er erzählte, wie schwer er unter den Schatten der Vergan­genheit gelitten, daß er sich oft gesehnt, ein Bekenntnis abzulegen, um sich dadurch innerlich zu befreien. Zum Schluß bat er die Anwesenden um Verzeihung, bisher Lffchwiegen zu haben.

Lautlose Stille herrschte, dann ergriff Klingberg das Wort.Ich kann es bezeugen, meine Herren," sagte er, daß Ebenstedt durch ein Jahrzehnt hindurch das zu sühnen trachtete, was er als halber Knabe gefehlt. Ich lernte ihn kurz nach jener Lebenskrisis kennen und habe ihn seitdem nicht aus den Augen verloren. Durch ehr­liche Arbeit hat er das erworben, was er jetzt sein nennt: als einer der Besten steht er unter uns da! Emil Otto von Ebenstedt ist ein Ehrenmann, dessen einmal ge­brochenes Wort jetzt wieder als vollgültig zu gelten be­rechtigt ist."

Das möchte ich denn doch bezweifeln," sagte De­genhart höhnisch.

Emil Otto schnellte empor.Sie werden mir dafür Satisfaktion geben!" rief er außer sich.

Fällt mir gar nicht ein."

Schurke, so werde ich Dich zwingen," brüllte Eben­stedt.

Emil Ottos Hand hob sich zum Schlage, man fiel ihm in den Arm, Felix war zurückgetaumelt.

Ein allgemeines unzufriedenes Murmeln hatte üch unter den Anwesenden bei des Fürsten Worten erho­ben.

Sie können nicht anders, Sie müssen sich schlagen," sagte Lenner leise zu Degenhart;ich biete mich als Ihr Sekundant an, Fürst."

Der ältere unter den Gutsbesitzern ergriff jetzig das Wort.Wir sind alle von der eben stattgefündenen Szene nicht wenig überrascht," sagte der würdige Greis;ich glaube im Sinne der Anwesenden zu handeln, wenn wir uns zu einer kurzen Beratung zurückziehen. Wollen Sie sich dem Schiedsgericht unterwerfen, Einil Otto von Ebenstedt, überlassen 'Sie es uns, unparteiisch ein Urteil über Sie zu fällen, Reckt oder Unrecht abzuwägen?"

Ja," versetzte EmilOtto laut,ichbitte üarum."

Felix stand, an seinem Schnurrbart kauend, da, Len­ner sprach leise auf ihn ein.

Heinz Mören drückte seinem Freunde die Hand, denn mit schwärmerischer Innigkeit hing er an Ebenstedt.

Darf ich ihr Sekundant sein?" fragte der Leutnant, ich würde es mir zur großen Ehre anrechnen."

Noch nie im Leben war Emil Otto so aufgeregt ge­wesen wie in der nächsten Viertelstunde, er hatte oft, ohne zu zittern, dem Tode ins Auge gesehen, jetzt galt es etwas Höheres als das Leben, es galt die Ehre des Mannes.

Heinz Mören wiederholte seine Frage.

Ich nehme dankend an," erividerte Ebenstedt.

Dann stand er mit verschränkten Armen am Fen­ster, scheinbar ruhig, während ein wilderSturmihn durch- tobte.

Nach kurzer Zeit erschienen die Herren wieder, ein Greis, ein Herr Reuning, ergriff bewegt das Wort.

Es ist mir eine Freude," begann er,Ihnen im Namen meiner Nachbarn und Freunde mitzuteilen, daß wir alle darüber einig sind, Herr von Ebenstedt, daß Sie gerechtfertigt dastehen. Es wäre nicht allein unge­recht, es wäre unchristlich, die Jugendsünde dem reifen Manne nachzutragen, der lange gesühnt, was er der­einst in einem Zustande verschuldet, der uns der get* fügen Klarheit beraubt. Wollen Sie uns allen die Hand reichen? Es wird uns lieb sein, sie zu drücken als d« eines des Unseren."

Die welke Greisenhand streckte sich als die erste aus.

Emil Ottos Augen feuchteten sich, er konnnte nicht sprechen, alle drängten sich um ihn und schüttelten ihm herzlich die Hand, er war wieder rehabilitiert. Nur Len­ner kam nicht, er war mit Degenhart verschwunden und fand es höchst unkorrekt, daß man einem Menschen ver­zieh, der sich ein so strafwürdiges Vergehen erlaubt hatte.

Am folgenden Tage fand das Duell statt. In der Frühe fuhren beide Parteien nach einem Wäldchen in der Nähe Kreibachs. 187,18*