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ZchluchternerZeitung

mit amtlichem Areisb lalt. Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. «5. Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat". Telefon Nr. 65.

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.

6. Samstag, den 20. Januar 1912. 63. Jahrgang.

Amtliches.

J.-Nr. 416. Es sind mehrfach Klagen darüber geführt worden, daß die Vornahme der Schluß-Des­infektionen nach ansteckenden Krankheiten zu spät erfolgt, sodaß der Zweck der Desinfektion, eine Verbreitung der ansteckenden Krankheit zu verhindern, nicht erreicht wird. Der Grund zu dieser verspäteten Vornahme der Desinfektionen war oft der, daß die Herren Bürger­meister den Desinfektor zu spät mit der Desinfektion beauftragten.

Ich mache es den Herrn Bürgermeistern zur Pflicht, künftighin die Aufträge zur Vornahme von Desin­fektionen unverzüglich dem betreffenden Desinfektor zu­gehen zu lassen.

Schlüchtern, den 13. Januar 1912.

Der Königliche Landtag Valentiner.

J.-Nr. 7306. K.-A. Der zum Bürgermeister der Gemeinde Sannerz gewählte Jvhs. Jobst dortselbst ist als solcher bestätigt und vereidigt worden.

Schlüchtern, den 16. Januar 1912.

Der Königliche Landrat: Valentiner.

J.-Nr. 493. Bezugnehmend auf meine Verfügung vom 15, Januar 1905 J.-Nr. 8469 (Kreis- blatt Nr. 4) ersuche ich die Ortspolizeibehörden, den Fleischbeschauern die pünktliche Einsendung der Zu­sammenstellung der Ergebnisse der Schlachtvieh- und Fleischbeschau für das Jahr 1911 nachdrücklichst zur Pflicht zu machen. Mit den Zusammenstellungen sind auch die abgeschlossenen Beschaubücher vom Jahre 191] an den Herrn Kreistierarzt einzusenden.

Schlüchtern, den 16. Januar 1912.

Der Königliche Landrat: J. V.: Schultheis.

Bekanntmachung.

Das Proviantamt Hanau kauft fortgesetzt Hafer, Heu und Roggenstroh (Flegel- und Langstroh)

Schlüchtern, den 16. Januar 1912.

__Der Königliche Landrat: J. V.: Schultheis.

Peutsches Reich.

Ueber eine Zusammenkunft, die der deutsche Kaiser mit dem König von Italien einige Tage vor Ostern in Venedig haben werde, meldet derP. T.": Der Reichskanzler und der Minister der auswärtigen Angelegenheiten werden zugegen sein. Augenscheinlich handelt es sich um die Erneuerung des Dreibundes, die vor dem 31. Dezember 1912 ausgeführt werden muß. Es geht das Gerücht, daß der österreichische Thron­

folger sich gleichfalls in Venedig befinden werde. Diese letzte Nachricht bedarf indes noch der Bestätigung."

Der Name des vierten Kronprinzensohnes, der am 28. ds. Mts. getauft wird, wird Georg sein.

Das preußische Herrenhaus nahm am Montag lediglich die Präsidentenwahl vor. Durch Akklamation wurden zum Präsidenten von Wedel-Piesdorf, zu Vice- präsidenten die bisherigen Graf Botho zu Eulenburg und Frhr. v. Landsberg-Steinfurt gewählt.

Das preußische Abgeordnetenhaus nahm am Montag in der ersten stark besuchten Sitzung der neuen Session lediglich die Rede des Finanzministers Dr. Lentze entgegen, mit der er die Einbringung des Etats begleitete. Er betonte, daß bei Bewilligung von Aus­gaben größte Zurückhaltung geübt wurde, hauptsächlich deshalb, weil die einzelnen ' Ressortminister die Ver­antwortung für eine Erhöhung der Einnahmen im Etat nicht übernehmen wollten, wenn sich auch im letzten Jahre diese Einnahmen über Erwartungen günstig gestellt haben. Im kommenden Jahre werde nur eine kleine Anleihe notwendig sein. In einer Nachmittags­sitzung wurde die Präsidentenwahl vorgenommen, und wurde Frhr. v. Erffa (kons.) zum Präsidenten gewählt, die Abgg. Dr. Porsch (Z.) und Dr. Krause (natl.) wurden zu Vize-Präsidenten wiedergewählt. Nächste Sitzung am 30. Januar.

Folgende Revolutionsdrohung findet sich in einem Silvesterartikel des sozialdemokratischenBraun­schweig. Volksfreund," in dem es wörtlich heißt:Siegt wiederum die Reaktion mit ihren nationalliberalen und freisinnigen Waschlappenanhängseln, dann segeln wir in den russischen Desßoiismus auf deutscher Erde, dem, eine russische Revolution auf deutscher Erde folgen wird, wie sie weder Rußland noch Frankreich gesehen hat" Deutlicher hat die rote Presse noch nicht verraten, daß es ihr darum zu tun ist, auf deutschem Boden eine blutige Revolution in Szene zu setzen. Jeder Freund der Ordnung wird zur Regierung das Vertrauen haben, daß die Staatsgewalt noch der Revolution Herr werden wird. Kein Wähler wird sich durch die sozialdemo­kratischen Revolutionsdrohungen bei den Stichwahlen abhalten lassen, nach seiner Ueberzeugung zu stimmen. Die oberste Richtschnur aber muß bleiben:Keine Stimme der revolutionären Sozialdemokratie!"

Austand.

Das neue französische Kabinett ist nunmehr endgültig gebildet und setzt sich folgendermaßen zu­

sammen: Präsidium und Aeußeres Poincare Vizepräsi­dium und Justiz Briand, Inneres Steeg, Krieg Mille­rand, Marine Delcasse, Finanzen Klotz, Oeffentliche Arbeiten Jean Dupuy, Ackerbau Pams, Kolonien Lebrun, Arbeit und soziale Fürsorge Leon Bourgeois Unterricht Guisthau, Handel Fernand David. Unterstaatssekretäre sind Leon Berard für die Schönen Künste, Chaumet für Post, Besnard für Finanzen.

Infolge der Unruhen in Brasilien soll nach einer Depesche aus Rio de Janeiro Bahia durch die Bundes­streitkräfte beschossen worden sei. Bei der Beschießung seien das Gouvernements- jund mehrere andere Ge­bäude zerstört, 22 Personen getötet und gegen 100 verwundet worden.

Der Eisenbahnerstreik in Argentinien ist auf die Lokomotivführer und Heizer, von denen jetzt 8000 an der Arbeitsniederlegung beteiligt sind, beschränkt. Es verkehren nur wenige Züge. Einige Güterzüge werden von neuangestelltem Personal bedient. Zum Schutze der Bahnhöfen, Werkstätten und Linien sind Truppen aufgeboten worden. Gewalttaten sind nicht vorgekommen, vielmehr verhalten sich die Streikenden sehr ruhig. Da die Ernte durch Regengüsse verzögert wird, verursachte der Streik bisher nur geringen Schaden. Die Zeitungen fordern ein Schiedsgericht.

Die Führer der Revolution in Paraguay Habm erklärt, wenn sie siegreich wären, würden sie alle aon der gegenwärtigen, immer noch in der Hauptsto^t be­lagerten Regierung abgeschlossenen finanziellen Ab­kommen als nichtig betrachten. Nach einer Meldung au- Psuncion sollen sich die Führer der Revolutionäre unter Mithilfe der Polizei der Person des Präsidenten der Republik Paraguay Rojas bemäch igt und ihn zur Abdankung gezwungen haben. Die Truppen der Gar­nison Asuncion hätten sich neutral verhalten. Die Stadt selbst sei ruhig. Die revolutionäre Junta be­absichtige den Kongreß einzuberufen, um einen neuen Präsidenten zu wählen.

Die Revolution in China scheint nun doch zur Abdankung der Mandschuhdynastie zu führen. Nach einer Meldung aus Peking soll der Thron so gut wie entschlossen sein, abzudanken und sich wegen der zu­nehmenden Unruhen in den ^Provinzen so schnell wie möglich nach Jehol zurückzuziehen. Die Mandschu- prinzen, das Volk und das Militär sind mit der 'Ab­dankung einverstanden, da nichts anderes übrig bleibt. In einer Zusammenkunft der Leiter der Regierung wur­den die Einzelheiten teilweise feftgestellt.

Gesühnt.

Roman von G. o. Schlippenbach. 55

In Kreibach, wo sich sonst die Nachbarschaft am Syl­vesterabend zu versammeln pflegte, herrschte in diesem Jahr eine trübe Stimmung. Wohl waren die Söhne des Hauses, die beiden Husarenleutnants Heinz und Adolf Mören, auf Urlaub bei den Eltern, aber auch sie waren stiller als sonst; das ernste Leiden der geliebten Großmutter in Schweden dämpfte ihren Jugendüber­mut. Graf Senner war die ganze Weihnachtszeit bei seiner Braut, so war es in der Ordnung, so mußte es sein."

Gott, seid Ihr aber ein langweiliges Brautpaar!" rief Heinz Mören eines Tages;ich beobachte Euch seit Tagen, immer bleibt Ihr in der Gesellschaft, nie küßt Ihr Euch. Du, Alwina, stickst wie bezahlt, und Du, Eduard, liest die Zeitung oder legst Patience."

Euer Gespräch dreht sich um die alltäglichsten Dinge. Wenn es so in Ener Ehe bleibt, dann kann es kommen, daß Ihr vor Langeweile im ersten Jahre sterben werdet."

Erlaube, lieber Heinz, Du bist doch noch zu jung, um Dir ein Urteil über Dinge zu erlauben, die Du nicht verstehst," lautete Lenners gelassene Erwiderung;die Hauvtsache ist, daß Deine Schwester sich nicht beklagt; sie hätte auch keinen Grund dazu und ist in allem meiner Ansicht, nicht wahr, liebe Alwina?"

Na, dann ist ja alles vortrefflich!" rief der Leutnant. Ich weiß nur eins, wenn ich mich einmal verlobe, dann will ich mein Mädel halbtot küssen vor Liebe, meinet« wegen kann auch ein kleiner Streit dazwischen kommen, desto süßer ist nachher die Versöhnung; nur Leben muß in die Sache kommen. Ihr seid zwei Automaten, die sich nach Prinzipien bewegen. Da ist es eine Freude, lllinabergs zu sehen; die beiden machen viel eherden Eindruck'eben Verlobter, das helle Glück strahlt ihnen Bus den Augen."

Ja, die Nora ist aber auch süß, ich war im Som­mer wie toll in sie verliebt."

Verliebt! Welch ein schülerhaftes Wort! Das paßt wohl auf Dich, lieber Junge, auf mich angewandt, wär' es einfach lächerlich!"

Natürlich, für den Reichsgrafen Eduard von Len- ner, Erbherrn auf Steinthal, müßte man eine andere Sprache erfinden," lachte der Leutnant,er fühlt und denkt anders als einfache Sterbliche."

Aber Heinz!" sagte Alwina mit leisem Tadel ; sie hatte bisher teilnahmslos dagesessen, den Faden ihrer Stickerei durch das feine Linnen ziehend. Immer das­selbe Monogramm, wie sie diese Arbeit langweilte, sie konnte sie kaum mehr sehen!

Komm', Adolf, wir wollen nach Doloresruh fah­ren!" rief der junge Offizier dem eintretenden Bruder zu. Ebenstedt ist ein famoser Kerl, ich schwärme für ihn, er hat so viel erlebt und erzählt wunderhübsch von seinen Abenteuern. Hier gähnt man doch den ganzen Tag."

Nun ist das Brautpaar allein.

Soll ich Dir etwas vorlesen?" fragt Lenner.Der Leitartikel ist interessant, er handelt von der Notlage der Landwirte."

Nein, ich danke," lautet Alwinas kühle Antwort. Sie hat die Arbeit sinken lassen und blickt in das pras­selnde Kaminfeuer, eine tiefe Schwermut liegt in den blauen Augen; einige Mal versucht sie zu sprechen, doch die Stimme versagt ihr. Lenner achtet nicht auf sie, er ist ganz in die Zeitung vertieft.

Eduard, ich möchte mit Dir sprechen."

Erstaunt blickt Graf Lenner auf. Ist das die Stimme Alwinas, so leise, so bewegt klingt der Ton.

Er steht auf und geht zu ihr hinüber, der Tisch mit den Zeitschriften lind Büchern trennte sie. Sie sind in der Bibliothek, einem äußerst wohnlichen Raum, der gern von den Bewohnern Kreibackis benutzt wird.

Was besiehlstDu, liebe Alwina?" fragt Eduard Lenner.

O, sieht er denn nicht die stumme Qualm ihrem Ge­

sicht, sieht er nicht, wie sie mit sich kämpft und die wei­ßen Hände im Schoße in einander verschränkt, merkt er es nicht, daß sie ihm seit Tagen etwas sagen möcht« und es nicht über sich bringt? Vielleicht sieht er es, aber er ist fest entschlossen, ihr um keinen Schritt entgegenzu- kommen, er will sie nicht verstehen. i

Langsam fängt er an, im Zimmer auf- und nieder- zugehen; der weiche Teppich dämpft das Geräusch, Pa, wo der schmale Fuß das Parkett berührt, klingt der Tritt laut und fest. Alwina schaudert, wie Eisen Hörtt sie es klirren. Ist es die Kette, die sie an den Mann bin­det, der da hocherhobenen Hauptes stolz und unnahbar auf- und niedergeht? Er hat ihr Zeit gegeben, fhfsgu sammeln, jetzt wiederholt er die Frage nochmals:Was befiehlst Du, liebe Alwina?"

Ja, sie hat sich nun ganz in der Gewalt, auch fte ist aufgestanden, groß und schlank reicht sie dem Grafen bis zur Stirn; sie sind ein schönes Paar, wie sie so ne­ben einander stehen vor dem Kaminfeuer.

Wenn die Nachrichten aus Mörenholm nicht bester werden, dann reifen Papa und ich nach Schweden," be­ginnt Alwina. Lenner neigt zustimmend das Haupt.

Ich denke, das ist eine abgemachte Sache," «ntgrg- net er kühl.

Ich möchte in Schweden bleiben bis..bis..."

Wir heiraten," fällt er ihr ins Wort.Es ist recht fatal, daß dieser Trauerfall dazwischenkommt, im Ja­nuar wären wir sonst Mann und Frau geworden."

Ja." Sie zögert etwas, dann sagt sie:Eduard, ich weiß nicht, ob ich die rechte Frau für Dich sein werde, noch ist es Zeit, gib mich lieber frei, ehe es zu spät ist."

Wie meinst Du das?" Lenner ist einen Schritt zu­rückgetreten und mustert sie hochmütig.Als wir uns verlobten, waren wir keine Kinder, wir wußten, was wir taten. Ich habe Dir mein Wort gegeben und er­hielt das Deine dafür. Was wir einander zu bieten hatten, wir wußten es, liebe Alwina, ich begreife Dich wirklich nicht. U^l^