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Schüchterner Zeitung

mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. 63. Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat". Telefon Nr. 63.

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.

W 5. Mittwoch, den 17. Januar 1912. 63. Jahrgang.

Deutsches Reich.

Zu den Reichstagswahlen wurden auch im Kaiserlichen Schlosse große Vorbereitungen getroffen, um den Kaiser rechtzeitig von den Ergebnissen der Wahlen zu unterrichten. Der telegraphische und tele­phonische Dienst wurde verstärkt, da der Kaiser seiner Gewohnheit gemäß, am Tage der Reichstagswahlen bis in die späte Nacht munter bleibt, um sich schon am Tage der Wahl selbst ein ungefähres Bild von dem Ausfalle machen zu können. Die Ergebnisse wur­den ihm entweder direkt von den einzelnen Städten durch Vermittlung der Behörden gemeldet, oder er er­fährt sie vom Reichsamt des Innern, wo eine Zu­sammenstellung erfolgt. Auch das offiziöse Telegraphen­bureau übermittelte seine Nachrichten dem Schlosse. Schon im Laufe des Tages empfing der Kaiser zahl­lose Telegramme über den voraussichtlichen Ausfall der Wahl in den einzelnen Kreisen.

Nachdem jetzt das Resultat aus allen 397 Wahl- kreisen vorliegt, kann man sich ein Bild der Wahlen von 1912 machen, das auch durch die Stichwahlen kaum viel geändert werden dürste. Wenn man gerecht u. unparteiisch den Resultaten gegenübertreten will, muß man sagen, daß das Ergebnis der gepredigtenFront gegen rechts" im Verhältnis zum Aufwand ein Fiasko war, bei dem die Sozialdemokratie auf Kosten des Liberalismus der lachende Erbe wurde, wie man es aus der nachstehenden Tabelle ersehen kann. Die Wahl des 12. Januar erbrachte:

bis jetzt Stichwahl-

letzte Partei-

gewählt: Beteiligung:

stärke :

Konservative

27

43

£>o

Deutsche ReichspaUei

5

13

25

Deutsche Reformpartei

0

4

3

Wirtschaftl. Vereinigung 4

14

17

Zentrum

88

37

103

Polen

14

10

20

Nationalliberale

4

64

51

Fortschr. Volkspartei

0

62

49

Sozialdemokraten

66

113

53

Wilde

4

10

17

Erledigt

1

Zusammen

212

370

397

Der preußische Landtag wurde am Montag mittag 12 Uhr eröffnet. Die vom Ministerpräsidenten verlesene Thronrede betont, daß die Finanzlage Preußens sich auch im laufenden Rechnungsjahre günstig

entwickelt habe. Dem mäßigen Fehlbeträge des Etats steht eine weit höhere Rücklage in dem Ausgleichsfonds gegenüber. Die Thronrede kündigt eine Novelle zum Einkommen- und Ergänzungssteuergesetz an, welche die bestehenden Steuerzuschläge in Tarife eingliedert, ohne Mehreinnahmen der Staatskasse herbeizuführen. Sie erwähnt sodann die Dürre des letzten Sommers mit dem Ernteausfall und den Preissteigerungen, bemerkt jedoch, daß die anfänglichen Befürchtungen sich in vieler Hinsicht als übertrieben erwiesen. Angekündigt werden ferner der Entwurf eines Waffergesetzes und die Neu­regelung des Fischereirechts. Im Interesse der Er­haltung und Stärkung des Deutschtums in den ge­mischt-sprachigen Landesteilen soll die in Westpreußen und Posen bewährte Festigung und Entschuldung des ländlichen Grundbesitzes auch auf andere Landesteile ausgedehnt werden. Der Ausbeutung der Armenpflege durch Arbeitsscheue und säumige Nährpflichtige soll ein bereits fertiggestellter Gesetzentwurf durch Einführung des Arbeitsz.vanges entgegenwirken. Die Rede kündet weiter die Erhöhung des Staatsfonds zur Förderung der Jugendpflege und die Wiedervorlage des Gesetzes über die ländlichen Fortbildungsschulen an.

Zwecks Ausbildung der Schüler im Rettungs­und Wiederbelebungsversuchen hat der Kultusminister ein sehr beachtenswertes Rundschreiben an alle Pro- vinzialkollegien und Direktoren der höheren Lehranstal­ten erlassen. In dem Schreiben werden die Schulver« Waltungen aufgefordert, mit den bestehenden Schwimm- Vereinen zu gemeinsamen Uebungen der Schüler in Rettungs- und Wiederbelebungsversuchen in Verbindung zu treten.

Der Gesamtbetrag der Spareinlagen der preußischen Sparkassen hat im letzten Jahre die Summe von 11 Milliarden Mark überschritten. Die Einlagen haben sich um 770 Millionen Mark vermehrt; davon entfallen 323 Millionen Mark auf gutgeschriebene Zinsen und 447 Millionen auf den Ueberschvß der Einzahlungen über die Rückzahlungen. Die Zahl der Sparkassen­bücher betrug 13 Millionen; davon enthielten 6 Mill. Beträge unter 200 M.

Die letzten im Reiche vorgekommenen Erhöhungen der Veteranenbeihilfe, die von 1910 auf 1911 rund 5 Millionen Mark ausmachten und von 1911 auf 1912 rund 0,4 Millionen Mark betragen sollen, werden in Preußen erst im nächsten Rechnungsjahre ihre volle WirkungHausüben. Während sich die in Preußen ge­zahlten Veteranenbeihilfen von 1910 auf 1911 nur

um 0,4 Millionen Mark erhöhten, wird ihre Erhöhung von 1911 auf 1912 nicht weniger als rund 3 Mill. Mark ausmachen. Der Gesamtbetrag, den das Reich im Jahre 1912 für Veteranenbeihilfen aufbringen wird, belauft sich auf 29 Millionen Mark. Davon werden für die preußischen Veteranen im nächsten Rechnungs­jahre 20 Millionen Mark verwendet werden. Der Rest kommt den Veteranen der übrigen Bundesstaaten zugute.

Nach den letzten amtlichen Erhebungen ist eine bedeutende Abnahme der.Abwanderung in niedere Eisen - bahnwagenklaffen festzustellen, die bekanntlich durch |bie Fahrkartensteuer veranlaßt wurde. Die Benutzung der 2. und 3. Wagenklasse ist durchweg gestiegen, während die Besuchsziffer der 4. Wagenklasse sogar beträchtlich gesunken ist. Dieselben Erscheinungen wie in Preußen sind auch bei den badischen und bayerischen Eisenbahnen beobachtet worden. Auch diese Entwicklung gerade im letzten Jahre ist ein deutliches Zeichen für die Unwahr­heit der Behauptung, daß die Wirtschafts- und Finanz­politik der bisherigen Reichstagsmehrheit ungünstig ge­wirkt habe; sie ist vielmehr ein sprechender Beweis für das Gegenteil.

Ueber die Bildung von Zwangsinnungen hat sich der Handelsminister erneut in einem Erlaß an die Regierungspräsidenten ausgesprochen. Demnach soll in Zukunft die lokale Ausdehnung der Zwangsinnungen sich nicht mehr auf ganze Regierungsbezirke erstrecken, da selbst bei günstigen Verkehrseinrichtungen doch noch vielen Mitgliedern die Teilnahme am genossenschaft­lichen Leben, dem Hauptzwecke der Innungen, erschwert nurd. Es wird in Erinnerung gebracht, daß eine allzu große räumliche Ausdehnung der Jnnungsbezirke ungesetzlich wäre, insofern sie in Widerspruch stehen würde mit § 100 Absatz 2 Ziffer 2 der Gewerbeord­nung.

Austanö.

Mit Rücksicht auf den Verbrauch der Geldmittel der Allgemeinen Gewerkschaftsverbände, der durch die Aussperrung in der englischen Baumwollindustrie und andere Arbeiterbewegungen hervorgerufen wurde, beschloß die Leitung der Gewerkschaften in einer Versammlung, die Beiträge der den Gewerkschaften angehörigen Arbeiter auf das Doppelte zu erhöhen. Die Aussperrung beginnt bereits in den von ihr betroffenen Ge­bieten Not hervorzurufen. Mehrere größere Saunn Wollspinnereien wurden bereits geschlossen.

Gesühnt.

Roman von G. v. Schlippenbach. 54

Wir haben von Großmama Mören schlechte Nach­richten," erzählt die Komtesse, sich ausschließlich an Nora wendend.Papa ist um sie sehr besorgt."

Willst Du nicht Hinreisen?" fragt Frau Klingberg. Aber ich vergaß Deinen Verlobten, was würde er dazu sagen, so kurz vor der Hochzeit?"

Lenner? Ich würde übrigens ihn nicht fragen, fände er es ganz in der Ordnung, wenn ich Papa nach- renholm begleitete und die Hochzeit aufgeschoben wird, so lange wir um das teure Leben in Sorge sind."

Ja, er hält viel von korrektem Handeln," entgeg- nete Nora lächelnd. Sie verabschiedeten sich herzlich, ein leichtes Beugen des blonden Kopfes gilt Ebenstedt, der Schlitten verschwindet hinter den Bäumen.

Was hast Du gegen die Komtesse?" fragt Nora den Bruder.Du warst fast ungezogen, als sie Dich nach Dei­nem Befinden fragte. Habt Ihr Streit miteinander ge­habt?"

Ein heißer Strahl flammte in den braunen Män­neraugen auf, seine Zähne knirschen aufeinander.Ich kann es Dir nicht sagen .. forschenicht. Sie hat mir eine Gemeinheit zugetraut, das verzeih ich ihr nie."

Erschreckt hörte Nora die abgebrochenen Worte des Bruders, die eine schwere Anklage in sich schloffen.

Jstes möglich, Alwina, die Ruhige, Selbstbeherrschte, konnte so handeln," denkt die junge Frau, und ein Ge­fühl des Mitleids mit dem Schwerbeleidigten erfüllt ihre Brust. *

DaS Weihnachtsfest vereinte nach langer Zeit die Mutter mit ihren beiden Kindern, sie konnte sich über das Glück der Tochter freuen, des Sohnes gedrücktes Wesen machte der Mutter Sorge. Emil Otto war reich und liebevoll gestimmt, aber ein Alp schien ihn zu Bo­

den zu drücken; finster verschloß er das, was ihn quälte, in sich und vermied ängstlich jede Aussprache.

Klingberg war ein Freund von alten, wertvollen Sachen, erhörte in Lingern von dem Antiquar Spiegel­berg und suchte ihn auf, um einige schöne, silberneTrink- gefäße und prachtvolle Gobelins zu kaufen. Der Wucherer hatte erfahren, daß Nora den reichen Fabrikbesitzer ge­heiratet hatte, schnell holte der schlaue Greis den noch nicht verkauften Schmuck der Ebenstedtschen Damen her­bei und pries jedes einzelne Stück an.

Ich habe doch gedacht, daß der Herr Klingberg ein­mal nach Lingern kommen wird, und ich habe die schö­nen Sachen deshalb für Sie aufbewahrt," beteuerte Spie­gelberg, nachdem er erzählte, wie Nora und ihre Mut­ter ihr Eigentum veräußert hatten.

Und welchen Preis verlangen Sie?" fragte Klingberg.

Natürlich nannte der Händler eine große Summe fast das Doppelte dessen, was er selbst gegeben hatte, dabei versichernd, daß er bei dem Geschäft verliere. Klingberg feilschte nicht lange und zahlte den geforderten Preis, worüber Spiegelberg innerlich sehr erfreut war, obgleich er höchst gleichgültig das Geld empfing. Mit tiefen Bück­lingen begleitete erKlingberg hinaus.

Bitte, mich der Frau Schwiegermutter und gnädigen Frau Gemahlin untertänigst zu empfehlen!" rief er dem Fabrikbesitzer nach.

Heute bin ich mit dem Geschäft zufrieden," sagte der Händler später zu seiner Frau,ich habe einen hübschen Batzen verdient. Was tut es, daß Du die Schmucksachen inzwischen getragen hast?"

Die Freude und Ueberraschung Noras waren am Weihnachtsabend groß, als sie die in der Not veräußer­ten Schmuckgegenstande zurückerhielten. Innig schmiegte sich das junge Weib an des Gatten Brust.Du gibst mir alles, Geliebter," sagte sie,nur ein Schatten trübt unser Glück. Mein armer Bruder leidet seelisch; er ist in trüber Stimmung, ich fürchte, er liebt Alwina Mören."

Ihr Frauen müßt doch hinter allem stets Liebe ver­

muten," versetzte Klingberg lachend;die beiden kennen sich ja kaum."

Da irrst Du, sie haben sich schon in Schweden öfters gesehen, aber Alwina hat nie mit mir davon gespro­chen."

Ich glaube viel eher, daß Otto noch immer an der alten Geschichte trägt. Oft habe ich das Gefühl, daß er drauf und dran ist, seine Schuld den Bekannten ein» zugestehen. Vielleicht wäre es das Beste, dann wäre er frei von der Last und fände das innere Gleichgewicht wieder."

Wie würde man darüber urteilen?" fragte Nora ängstlich.Würde man sich nicht von ihm zurückziehen?"

Gerechtdenkende nicht," erwiderte Klingberg,Men­schen wie zum Beispiel Lenner vielleicht wohl. Doch das dürfte den Mann nicht kränken, der, ich kann es bezeu­gen, durch mehr als ein Jahrzehnt das zu sühnen trach­tete, was er im Jugendleichtsinn verschuldete. Ich hab« Deinen Bruder nicht aus den Augen verloren, seit wir uns in Amerika kennen lernten. Wenn es not tut, trete ich für ihn ein; ich hoffe, das fällt in die Wage zu seinen Gunsten."

Ich fürchte immer, daß Felix sich einst für den Korb rächt, den ich ihm im Sommer gab. Du weißt, wie häß­lich er über Emil Otto urteilte; jetzt, wo ich Deine Frau geworden bin, wird der eitle Felix noch mehr erzürnt sein, und ich traue ihm die Niedrigkeitzu, die Angelegen­heit übertrieben zur Sprache zu bringen. Hoffentlich kommt er nicht nach Mon Varsange."

Ich glaube nicht, daß er mitten im Winter PariS verläßt, wo er sein Vermögen geradezu sündhaft vergeu­det," entgegnete Klingberg;mir tut nur die Fürstin leid, sie ist eine gute Frau, abgesehen von manchen Schwächen. Du weißt, daß ich ihr Beirat in geschäft- lichenDingen bin, ich bin deshalb genau über den Stand ihres Vermögens unterrichtet. Wenn der Sohn fortfährt, aus dem Vollen zu schöpfen, so ist der Ruin nach eini­gen Jahren unvermeidlich." 187,18*