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ZchluchternerZeitung

mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. «5. Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat". Telefon Nr. «S.

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.

M 4 Samstag, den 13. Januar 1912.

63. Jahrgang.

Amtliches.

In Gemäßheil des § 82 der Kreisordnung bringe ich aus der am 28. Dezember 1911 stattgehabten Kreis­tagssitzung Nachstehendes zur öffentlichen Kenntnis.

I. Der Kreistag war einstimmig mit der Verlegung des neuen Landwegs ElmHütten zwischen den Stationen 1,6 und 2,2 nach dem vorliegenden Projekt einver­standen und beantragte die Ausführung sowie die Auf­nahme der neuen Strecke in den Landwegebauverband unter der Bedingung, daß:

1. sämmtliche Kosten des Neubaus von der Port- land-Zementfabrik A.-G. getragen werden,

*2. mürbem Tage der Fertigstellung der neuen Strecke, die überflüssig werdende seitherige Strecke aus dem Landwegebauverband ausscheidet,

3. die Portland-Zementfabrik A.-G. sich verpflichtet, die neue Strecke solange auf ihre Kosten zu untermaltes, bis sie zur Ruhe gekommen ist und keine Nacharbeiten mehr auszuführen sind. Die Bestimmung darüber, wan>^ dieser Zeitpunkt eingetreten ist, steht der Beurteilung des Lanvesbauamts zu.

II. Für die Kraftwagen-Aushebung wurden ein­stimmig gewählt:

a. als Sachverständige:

1. Zivil-Jng. Paul SchubertFrankfurt a. M.

2. Direktor Fritz Macher-Leonhard

3. Dr. A. Jsbert

4. Kommerzienrat Carl Opel

5. Kaufmann Joh. Häußler

6. Geschäftsführer Martin Bernhard

b. als Stellvertreter:

1. Mechaniker Michael Kämpfl^.

2. Fabrikant Georg Montanas (^"»ksurt a. M.

III. Der Landwegebau-Etat für 1912 wurde ein­stimmig auf 41000 Mark festgesetzt.

Auf Antrag der Vertreter der Stadt Schlüchtern, welche die Beschaffenheit des Landwegs Schlüchtern Bahnhof bemängelten, und Neudeckung dieser Strecke in 1912 beantragten, wurde dem Kreisausschuß anheimge­geben, eine Neudeckung außeretatsmäßig im nächsten Jahre auszuführen, sofern die dazu nötigen Mittel von der Stadt Schlüchtern auf ein Jahr zinsfrei vorschuß­weise zur Verfügung gestellt werden.

Schlüchtern, den 10. Januar 1912.

Der Königliche Landrat. Valentiner.

Wie bereits früher bekannt gegeben worden ist, hat das Central-Comite des Roten-Kreuzvereins in den letzten Jahren in wachsenden Umfange sich bemüht, unbemittelten und würdigen kranken Teil­nehmern an den Kriegen 1864, 1866 und 1870/71 freie Brunnen und Badekuren zu bewilligen und zu diesem Zwecke nicht bloß besondere Veteranenheime vom Roten Kreuz in Kißingen, Ems und Wiesbaden eingerichtet, sondern auf Vorkehrungen getroffen, daß in anderen Badeorten, wo nach dem Gutachten der Aerzte eine Kur erforderlich erscheint, solche unentgeltliche oder auch erheblich ermäßigte Bade­kuren genehmigt werden können.

Den hier zu stellenden Gesuchen sind beizufügen:

1. die Militärpapiere des Antragstellers,

2. ein ärztliches Zeugnis, aus welchem hervorgehen *muß,

a) die Art der Erkrankung (bei Lungen« und Kehl- kopfleiden, auch eine Angabe, ob Ansteckungsge­fahr vorliegt oder nicht),

b) die nach der Natur des Leidens angezeigte Wahl des Badeortes,

c) ein Bericht der Ortspolizeibehörde über die Würdigkeit und Bedürftigkeit des Antragstellers.

Indem wir die Herren Kriegsteilnehmer erneut auf diese Einrichtung aufmerksam machen, bemerken wir noch, daß in besonders dringlichen Fällen auch ein Beitrag zu den Reisekosten geleistet wird.

Anträge können jederzeit in den Dienstzimmern des Kreis-Ausschußes (Kreishaus) und bei den Herren Bürgermeistern gestellt werden.

Der Vorsitzende des Roten Kreuz-Vereins:

Der königl. Landrat: Valentiner.

Deutsches Reich.

Die Rückkehr des Kronprinzen nach Danzig er­folgte am Donnerstag Abend mit dem fahrplanmäßigen Schnellzuge 11 Uhr 15 Min. Der Kronprinz wird Ende dieses Monats wieder nach Berlin zurückkehren, um an der Tauffeierlichkeiten seines vierten Sohnes teilzunehmen.

Die militärische Karriere des Kronprinzen. Der Kronprinz soll nach Vermutungen zum Geburtstag seines

kaiserlichen Vaters Oberst werden. Der Kronprinz ist nämlich nicht, wie vielfach angenommen wird, Oberst der Danziger 1. Leibhusaren, sondern nach wie vor Major und Regimentskommandeur. Sein Patent als^ Major ist nur um 8 Monate vordatiert worden, damit er der älteste Stabsoffizier des Regiment ist. Der jetzige Kaiser wurde bei der Uebernahme des Gardehusarenregiments sofort Oberst im 27. Lebensjahre, während der Kron­prinz bereits im 30. Lebensjahre steht. Das Avance­ment ist also jetzt auch für die Thronfolger schlecher ge­worden.

Das Alterspräsidium im letzten Reichstag hat, wieHillgers Wegweiser für die Reichstagswahl 1912" zu entnehmen ist, nicht weniger als viermal gewechselt. Durch den Tod schieden aus die ältesten Abgeordneten vonWinterfeld-Menkin, GrafHompesch, Fürst zu In- und Knyphausen, so daß jetzt Albert Traeger Alterspräsident ist. Die Senioren der Reichsfraktion waren: Zentrum: v. Strombeck, geb. 1830; Konservativ: Glüer geb. 1834; Sozialdemokrat: Bebel, geb. 1810; Nationalliberal: Boltz, geb. 1831; Fortschrittliche Volkspartei: Traeger, geb. 1830; Reichspartei: Pauli, Oberbarnim, geb. 1838; Pole: Fürst Radziwill, geb, 1834; Wirtschaft­liche Vereinigung Hanisch, geb. 1843. Von diesen kan­didieren nur Bebel und Traeger wieder.

AuslanS.

Der belgische Kohlenarbeiterstreik breitet sich weiter aus. Nach einer Depesche aus Brüssel befinde^ sich im Kohlenbecken von Mons zurzeit etwa 27 500 Arbeiter im Streik. Die Annahme, die Arbeiter würden dsf eine zweiwöchentliche Lohnzahlung eingehen, scheint sich nicht zu bewahrheiten. In einer von 3000 Arbeitern besuchten Versammlung wurde diese Bedingung abge­lehnt. Die Arbeiter verharren auf der Forderung einer achttägigen Lohnzahlung. Die sozialdemokratischen Grubenarbeiter haben 20 000 Franks gesammelt, um im Widerstände verharren zu können.

In den französisch-spanischen Marokko-Verhand­lungen sind neue Schwierigkeiten entstanden, da Spanien die Forderungen Frankreichs als unannehmbar zurück­gewiesen hat.

Eine neue monarchistische Verschwörung in Por­tugal ist entdeckt worden. Die Kirche von Valle Ca- vallos wurde von Carbonari umstellt, weil das Gerücht verbreitet worden war, im Innern der Kirche hielten sich Verschwörer verborgen. Die Priester der Kirchen von Valle Cavallos und mehreren anderen Ortschaften

Gesühnt.

Roman von G. v. Schlippenbach. 53

Die junge Frau Klingberg hielt mit Schreiben inne und stützte sinnend das hübsche Haupt in die weiße Hand, ihre Gedanken waren etwa folgende:Es ist mei­nem Brrrder etwas zugestoßen, worüber er nicht spre­chen will. Der Name Alwinas zog sich durch seine wir­ren Reden wie ein roter Faden. Fritz ist derselben An­sicht, er hat es auch gehört. Am Tage nach Emil Ottos Unfall war Alwina hier, sie behauptete, von dem Post­boten erfahren zu haben, daß mein Bruder krank sei. Die Stimme, mit der sie um Nachricht bat, zitterte."

»Jetzt geht es aber wieder ganz gut," schrieb Nora weiter,er trägt den Arni geschient und lacht über seine Ungeschicklichkeit. Emil Otto sehnt sich sehr danach, die­ses erste Weihnachtsfest in Deutschland mit Dir zu ver­bringen. Es lag in seiner Absicht, Dich in T. zu be­suchen, um Dir die lange Winterreise zu ersparen, nun bitten Dich Deine beiden Kinder, zu ihnen zu kommen, liebe Mutter. Ich freue mich so sehr auf Deinen Besuch, wie schön male ich es mir aus, Dich in meinem lieben beim, um herzuführen, Dir alles zu zeigen. Mein lieber Mann ist in Geschäften ausgefahren, er mußte nach L. und will auch nach Mittenhof zum Grabe des Vaters. Immer ist er voll Rücksichten, ich bin sehr glücklich und werde es mit jedem Tage mehr. Meine Schwiegermutter hat uns leider verlassen und ist zu ihrer Tochter gezo­gen, doch versprach sie, uns oft zu besuchen. Unser klei­ner Emil, so heißt er zum Unterschiede von meinem großen Emil Otto, ist ein herziger Junge, der leicht zu »ziehen ist und den ich zärtlich liebe. Lange nannte er auch in seiner kindlichen Art Nora statt Mama, bis Fritz ihm sagte, daß er es nicht dürfe. Denke Dir, der kluge Schelm hat sich jetzt etwas erdacht, er sagt immerMa- manora", als sei es ein Name. Emil Otto und sein' ^anssohn sind große Freunde geworden, seit ersterem

der Unfall zustieß, wohnt der liebe Bruder bei uns, da­mit ich ihn besser pflegen kann. Ich glaube, daß es das beste wäre, wenn er heiratet, ich fürchte doch zuwei­len, daß er sich nicht wieder in Europa einleben wird, obgleich er es redlich versucht, aber vieles erscheint ihm kleinlich und beengt." .

Ich muß schließen," denkt Noraich darf Mutter nicht beunruhigen, sie soll nicht wissen, wie ich inich um Emil Otto sorge. Diese Rastlosigkeit und dieses Versin­ken in sich selbst nimmt immer mehr zu. Armer Bru­der, es liegt nicht allein wie ein Reiffrost auf Dei­nen vorzeitig gebleichten Haaren, Du bist nicht glücklich, ich errate es."

Mit einigen herzlichen Worten schloß Nora den Brief an ihre Mutter.

Ich werde ihn selbst zur Fabrik tragen," sagte sie, von dort wird heute zur Eisenbahnstation geschickt. Viel­leicht begleitet Emil Otto mich auf bem Gange, es ist heute herrliches Winterwetter."

Bald darauf schritten die Geschwister nebeneinander über den glatten Fahrweg. Sorgsam führte Nora den Bruder, der den Arm in der Binde trug, und angegriffen aussah. Der kleine Emil lief mit seinem Schlittchen vor­aus und jubelte laut in kindlicher Fröhlichkeit.

Ich hoffe, daß Mutting kommt," sagte Nora.Du hast sie bisher noch wenig gesehen, Ihr müßt Euch jetzt recht genießen. Wenn Du im Frühjahr nach Langen- holzen ziehst..."

Ach, Nora, ich habe alle Lust daran verloren," ver­setzte Emil Otto trübe.Oft bedaure ich, daß ich über­haupt heimgekehrt bin, ich werde doch ein Fremder un­ter Euch bleiben, das fühle ich täglich deutlicher."

Du mußt heiraten. Wenn Du erst eine gute Frau und liebe Kinder hast, so wirst Du zu Hause glücklich sein." ,, _

Nein, nein," rief Ebenstedt heftig,sprich davon nicht, Nora. Ich bleibe ein alter Junggesell, so ist es besser."

Es gibt hier in der Nachbarschaft so nette Mäd­chen, Du hast sie doch kennen gelernt, gefällt Dir keine?"

Emil Otto schüttelte den Kopf.Bitte, sprich nicht mehr davon," wiederholte er abermals.

Sie waren bei der Fabrik angekommen. Nora gab den Brief zur Besorgung ab. Freundlich unterhielt sie sich mit den Arbeitern und fragte nach ihren Frauen und Kindern, die sie oft in ihren Häuschen besuchte.

Die ist ebenso gut als die erste Frau des Herrn," sagten die Leute, und mehr als eine schwielige Hand streckte sich aus, um die weiche Rechte Noras vorsichtig zu drücken. Auch derAmerikaner", wie alle Emil Otto nannten, erfreute sich großer Beliebtheit.Er ist gar nicht stolz, und Kräfte hat er wie einer, der bei der Arbeit groß gezogen ist," sagten die Arbeiter. Alleb^ dauerten den Unfall Ebenstedts und traten freundlich grüßend auf ihn zu. Nachdem die Geschwister etwa zehn Minuten in der Fabrik gewesen waren, traten sie den wei­ten Rückweg durch den Wald an.

Tief verschneit hingen die Zweige der Baume he^ nieder, und in fleckenlose Weiße gehüllt lagen Berg und Thal. Melodisches Schellengeklingel ließ sich hören^und bald darauf flog ein Schlitten über den schinalen Weg. Es war der Kreibacher Kutscher, neben ihm saß eine Dame.. Alwina. Emil Otto ist seitwärts getreten, er hat plötzlich den Arm der Schwester freigegeben, denn auf einen Befehl der Komtesse zügeltder Kutscher das feurige Pferd. Nora steht neben dem Schlitten und spricht mit der Freundin, deren Gesicht reizend frisch unter dem Pelzmützchen aussieht. Jetzt wird es noch um eine Schat- tierung rosiger, als sie den Kopf nach Emil Otto wen- üel

Wie geht es Ihnen?" fragt sie mit mühsam be- kämpfter Selbstbeherrschung,hoffentlich doch besser?

Ich danke, es geht mir gut," lautete die kurze Ant­wort der Ton ist ein so abweisender, daß Alwina er­schrickt, stolz wendet sie sich ab und kehrt Ebenstedt den Rücken. 187,18*