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mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. «5. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. «S.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.
.M 3. Mittwoch, den 10. Januar 1912. 63. Jahrgang.
Reichstagswahl.
Die Herren Bürgermeister ersuche ich hierdurch noch" in als, dafür zu sorgen, daß die Reichstagswahlverhand- lungen alsbald nach Beendigung des Wahlaktes spätestens aber am 13. d. Mts., Vormittags, an den Wahlkommissar, • Herrn Landrat Springorum zu Fulda abgesandt werden.
Zu den Wahlverhandlungen gehören die zweite Ausfertigung der Wählerliste, das Wahlprotokoll, die Gegenliste und diejenigen Stimmzettel bez. Stimmzettel-Umschläge, über deren Gültigkeit oder Ungültigkeit es nach § 13 des Wahlgesetzes einer Beschlußfassung des Wahlvorstandes bedurft hat. Wählerliste, Wahlprotokoll und Gegenliste sind vor ihrer Absendung von dem Wahlvorsteher, den Beisitzern und dem Protokollführer mit Unterschrift zu versehen.
Schlächtern, den 8. Januar 1912.
Der Königliche Landrat. Valentiner.
Vaterland und Massenstreik.
Im Hinblick auf die nahe bevorstehenden Reichstagswahlen ist die Sozialdemokratie bemüht, sich ein für Harmlose unverfängliches Aussehen zu geben. Die Taktik wird den Prinzipien überall vorangestellt, um aus dem mißtrauischen Bürgertum möglichst viele Mitläufer zu gewinnen. Auch sonst gilt es, den Wähler- niassen, die noch nicht auf ein selbständiges Urteil zugunsten der parteiamtlichen Dekrete verzichtet haben, einzureden, daß die Sozialdemokratie keineswegs mit antinalionalen und vaterlandsfeindlichen Plänen umgehe. In dieser Beziehung ist den „Genossen" der Vorwurf besonders peinlich, daß die Sozialdemokratie entschlossen sei, bei einem etwa ausbrechenden Kriege „die wirksamsten Mittel" anzuwenden, um- den Krieg zu verhindern, was nach den wiederholten Bekundungen der höchsten Parteiinstanzen bedeutet, daß unter Umständen auch die Veranstaltung von Massenausständen zu empfehlen sei.
Der Verdacht, daß die Sozialdemokratie in der Stunde schwerer Gefahr durch Massenstreiks die Verteidigungsfähigkeit des Vaterlandes lahmlegen könnte, wird von den „Genosfen" jedenfalls als eine so arge Beeinträchtigung der sozialdemokratischen Wahlagitation angesehen, daß der alte Bebel als Parteihaupt in eigener Person die „Massenstreiklegende" von der Reichstagstribüne aus zu widerlegen kürzlich erst sich gemüßigt sah. Der alte Donnerer wurde bei dieser Gelegenheit zum
Schalmeienbläser, ohne irgendwie überzeugend wirken zu können. Er war vor allem bemüht, den fatalen Ein« druck der Herausfordenden Kundgebungen seitens der „Genossen" anläßlich des Marokkokonflikts abzuschwächen. Unter der Maske, den Weltfrieden schützen zu wollen, veranstaltete die Sozialdemokratie damals an vielen Orten Volksversammlungen, in denen die landesver- räterischen Absichten kaum noch verhüllt waren. Den Gipfel der Dreistigkeit aber erreichte der Verband der sozialdemokratischen Wahlvereine für Berlin, die unter anmaßender Berufung auf die gesamte Arbeiterschaft in einer Versammlung erklärte, „daß er allen verbrecherischen Versuchen, die darauf hinauslaufen, Krieg, Blutvergießen und Vernichtung des Nationalwohlstandes über die Nationen zu bringen, mit allen zu Gebote stehenden Mitteln entgegentreten werde." Und damit über die Natur dieser Mittel kein Zweifel bestehe, wies „Genosse" Däumig noch besonders darauf hin, daß im Interesse der Friedenserhaltung jegliche Taktik als erlaubt gelten müsse.
Im Reichstag hat der Abg. Bebel allerdings einen anderen Ton angeschlagen; er hat die „angeblichen Ansichten" der allzu offenherzigen „Genossen" abgeschüttelt und behauptet, daß seine Partei von einem Massenstreik im Kriegsfalle absehen werde. Diese Erklärung ist jedoch für die Partei keineswegs bindend und findet im roten Lager starken Widerspruch; die „Genossen" der schärferen Tonart, welche namentlich um die „Leipziger Voltszeitung" sich scharen, stellten entschieden in Abrede, daß der „Diktator" befugt gewesen sei, im Auftrage der Gesamtpartei eine Versicherung abzugeben, die zu offiziellen Beschlüssen der sozialdemokratischen Parteitage in offenem Widerspruch steht. Der Parteivorstand ist gegen dieses Votum bisher nicht aufgetreten und duldet es auch stillschweigend, daß die „Genossin" Luxemburg ebenjetzt in ihren Wahlreden unge- scheut für den Masfenstreik eintritt.
Die Massenarbeitseinstellung „in umfassendster Anwendung" ist in der Tat bereits vom Parteitage in Jena 1905 als wirksamstes Kampfmittel im Falle eines Anschlags auf das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht oder das Koalitionsrecht der gesamten Arbeiterklasse geradezu zur Pflicht gemacht worden. Da die Gewerkschaften über diese Resolution einiges Mißfallen an den Tag legten, hat man die brutale Ankündigung hinter allgemeinen Redewendungen zu ver« bergen gesucht, indem man sich begnügte, immer wieder „die Anwendung der am wirksamsten erscheinenden
Mittel" bei Angriffen auf Volksrechte sowohl als auch im Kriegsfall den verständnisvollen „Genossen" nahezulegen. Auch auf dem Jenaer Parteitag im Herbst 1911 hat Bebel selbst den Massenstreik als solchen gar nicht abgewiesen, sondern lediglich kühl bemerkt, daß er hierzu sich zu äußern keinen Anlaß habe. Eine erläuternde Bemerkung war auch wirklich nicht vonnöten, da die „Genossen" genügend Bescheid missen, was »hre Führer im Sinne haben. In der Marokkoresolution des letzten Parteitags wird zudem die Erwartung ausgesprochen, daß insbesondere die deutsche Arbeiterklasse jedes Mittel anwenden würde, um einen Krieg zu verhindern. Die Nutzanwendung für den Massenstreik ergibt sich daraus von selbst.
Bei der Abrechnung mit den Badensern, weil diese das Vergehen begangen hatten, das Staatsbudget zu bewistigen, auf dem Parteitag in Magdeburg 1910 hat Bebel durch sein ganzes Verhalten an den Tag gelegt, daß er vor den Neuwahlen zum Reichstag unliebsame Auseinandersetzungen vermeiden möchte. Radikale und Revisionisten haben dieser taktischen Ueberlegung beige- pflichtel und dadurch aufs neue bewiesen, wie töricht und unvorsichtig es ist, den inneren Streitigkeiten der Umsturzgemeinschaft irgendwelche weitergehende Bedeutung beizulegen und irgendwelche Hoffnungen daran zu knüpfen. Für die Magdeburger Heerschau der revolutionären Organisationen war nichts so bezeichnend . ls der Umstand daß sie eingelerret wurde durch ein rückhaltloses Bekenntnis, zu dem Gedanken des gewaltsamen Umsturzes, durch ein Bekenntnis, in welchem die anerkannten Führer der angeblich befindlichen Richtungen einander begegneten und ergänzten. Beide haben mit gleicher Entschiedenheit zum Kampfe gegen den Gegenwartsstaat und die bürgerlichen Parteien aufgerufen, beide haben das gleiche Kampfmittel empfohlen: brutale Gewalt.
Man darf vertrauen, daß die große Masse unserer Arbeiterschaft im Falle einer Mobilmachung soviel nationales Ehrgefühl besitzen würde, um die sozialdemokratischen Hochverrätereien weit von sich abzuweisen. Immerhin ist es nicht ausgeschlossen, daß im entscheidenden Augenblicke eine Anzahl besonders radikaler Arbeiter von den Volksverführern zu schlimmen Taten sich verleiten läßt. Für die Sicherheit unseres Vaterlandes würde das eine ungeheure Gefahr bedeuten. Dessen sollte das dem Vaterlande ergebene Bürgertum eingedenk sein und für den Wahlkampf die ergebenen Konsequenzen ziehen.
Hesühnt.
Roman von G. v. Schlippenbach. 52
„Warum wollen Sie nicht mein Freund bleiben?" fragt Alwina befangen.
„Ihr Freund!" ruft er. „Sie wissen, das kann ich nicht, Sie kennen den Grund, der es mir unmöglich macht."
Komtesse Mören ist die Treppe hinuntergegangen, Emil Otto folgt ihr. Unten ist es jetzt etwas Heller, das Licht des Abends fällt durch die trüben, spinnwebbezoge- nen Fenster.
„Die Tür ist fest!" ruft Alwina, nachdem sie umsonst an den Bohlen gerüttelt.
Auch Emil Otto muß sich davon überzeugen. Das Schloß ist eingeschnappt und von innen ist es nicht möglich, hinauszukommen. Mit seiner herkulischen Kraft stemmt sich Ebenstedt gegen die Tür, aber sie wankt und weicht nicht. Minka bellt immer lauter, es ist eine schreckliche Lage für die Gefangenen.
Bis hier jentanb vorbeikommt, können Stunden vergehen, die Nacht sinkt, und Alwina denkt mit Entsetzen an sie. In ihrer Hilflosigkeit weint sie bitterlich.
„Es muß sich ein Ausgang finden," tröstet Emil Otto sie. „Beruhigen Sie sich, mein gnädiges Fräulein."
Nachdem Ebenstedt beim Schein verschiedener Streichhölzer umhergestöbert hat, steht er ein, daß das alte Gemäner noch fest ist und keinen Durchschlupf besitzt, die zweite kleine Tür ist ebenfalls verschlossen. Als er Alivina die Hoffnungslosigkeit seiner Nachforschungen mitteilt, fährt diese heftig von dem Mühlsteine auf, den sie als Sitz gewählt hat. Sie fühlt sich so schwach, daß ihre Knie unter ihr einknicken, und sie ist außer sich und weiß nicht mehr, was sie sagt.
, Sie haben es absichtlich getan!" ruft sie halb von Sinnen. „Sie haben mich hierher gelockt und die Tür zugewörfen, um meinen Ruf zu vernichten und dann leichteres Spiel 311 haben. O, ich hasse feie."
Emil Otto ist wie vom Blitz getroffen, eine Weile kann er keine Silbe aus der trockenen Kehle hervorbringen, dann, wie das Röcheln eines zu Tode getroffenen Tieres klingt es: „Das glauben Sie.. Sie?" Welch herzzerreißende Qual in den wenigen Worten.
„Was wollen Sie tun?" ruft Alwina, alsEbenstedt mit einigen Sätzen die Treppe hinaufstürmt.
„Ihre Ehre retten," ruft er ihr zu.
Alivina eilt ihm nach, schon schwingt sich Emil Otto auf das Fenster, mit einem Faustschlag hat er das morsche Holz zertrümmert. Alwina errät seine Absicht, in ihrer Angst um ihn hat sie beide Arme um ihn geworfen.
„Nein, nein, das dürfen Sie nicht, es wäre Ihr Tod."
„Was tut es, lassen Sie mich," Er stößt sie zurück, sie sieht mit namenloser Angst, wie er sich zum Sprung in die Tiefe duckt. Zum Glück ist ein Schneehaufen dicht unter dem Fenster zusammengeweht. Alwina kann nichts mehr sehen, es wird ihr dunkel vor den Augen. Erst nach längerer Zeit wagt sie es in der Angst ihres Herzens, hinabznblicken. Eine bewegungslose, dunkle Masse liegt auf dem Schnee.
„Ist er tot?" denkt sie, und das Blut erstarrt ihr in den Adern. Sie möchte seinen Namen rufen und kann es nicht, ist es ihr doch, als packte eine eiserne Hand sie ant Halse, als heulte es aus allen Ecken: „Du hast ihn in den Tod getrieben, Du bist seine Mörderin."
Emil Otto ist einige Minuten von seinem Sturz betäubt, ein heftiger Schmerz int linken Arm weckt ihn, er taumelt auf seine Füße.
„Gottlob, Sie sind am Leben!"
änbelnd klingt es zu ihm nieder.
benstedt schwankt zur Tür, von außen ist eS eine Kleinigkeit, sie zu öffnen.
„Bitte," sagt er ruhig, „der Weg ist frei."
Alivina tritt hinaus. Sie will sprechen und kann es nicht, die Grundvesten ihres Wesens sind erschüttert. Jetzt weiß sie, daß sie den Mann' liebt, dem sie vor
hin ihre Freundschaft angeboten, wie Schuppen ist es ihr von den Augen gefallen. Wenn Emil Otto ihr jetzt sagte: „Ich liebe Dich, folge mir und verlaß den anderen," mit namenloser Seligkeit hätte sie ihm ihr „Ja" zugerufen.
Er scheint nicht an diese Worte zu denken.
„Leben Sie wohl," sagt er eisig.
Er wendet sich zum Gehen, da eilt sie ihm nach uns packt seinen linken Arm, ein Wehlaut entringt sich ihm.
„Vorsichtig," sagt er, „der Arm ist gebrochen."
„Gebrochen!" ruft sie. „O, verzeihen Sie mir, war ich sagte, ich habe Sie tödlich beleidigt."
„Ja, das haben Sie," entgegnet Emil Otto, „nie werde ich es vergessen."
Er geht von ihr durch den Wald,seltsam schlaff der Gang der sonst so elastischen Gestalt, der Arm hängt wie leblos an seiner Seite, mit dem weißen Haar sieht er wie ein müder Greis aus.
Und das Winterzwielicht sinkt schnell hernieder.
Doloresruh, 10. Dezember, „Meine geliebte Mutter I Trotz des recht kalten Winters ergeht die dringende Bitte an Dich, uns zum Weihnachtsfest zu besuchen. Ich hoffe, Du kannst Dich für einige Tage frei machen, das alte Fränlein von Beerboom vertrittDich so lange und schmückt den Baum für die Damen. Voriges Jahr half ich dabei, wie kurz scheint mir die Zeit, wie vieles hat sich seitdem ereignet: ich bin eine verheiratete Frau gewor. den, und Emil Otto ist heimgekehrt. .
Gerade für ihn wünschen Fritz und ich Dem Kom- men zum Weihnachtsfest. Erschrick nicht, liebes Mutt- chen, über das, was ich Dir mitteilen muß: Enul Otto hat im Walde einen Unfall gehabt, er hat den linken Arm gebrochen, wie er behauptet, ist er auf dem Effe ausgeglitten. Er muß auch den Kopf beschädigt haben, denn er fieberte einige Tage, und der Arzt befürchtete eine Gehirnerschütterung, da er über heftige Schmerzen klagte und eine Nacht phantasierte." 187JÖ*