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Beilage z. Schlüchterner Zeitung

Nr. 2. Samstag, den 6. Januar 1912. Jahrgang 63.

doppelt besteuert, daß er neben bet Einkommensteuer die Vermögenssteuer einführte. Aber auch da sind wiederum die kleinen Vermögen ausgenommen, denn die Steuer beginnt erst mit einer gewissen Höhe des Vermögens.

Ueber alle diese Dinge ist freilich insozialdemokratischen Reden blitzwenig zu finden. Hierüber schweigt sich die Sozialdemokratie, in allen Sprachen der Welt aus und sucht lieber die dunkeleren Pfade der indirekten Steuern auf, welche unberechtigterweise aber unschwer bem leicht­gläubigen Publikum schwarz in schwarz vorgemalt werden können.

Nun ist es ja recht begreiflich, daß die wenigsten Menschen von Herzen gerne Steuer zahlen. Indessen muß doch der Staat, der sich der Schwachen und Kranken annimmt, der Volksbildung unterstützt, Straßen und Eisenbahnen baut und noch viele andere Kultur­aufgaben zu lösen hat, Steuern erheben. Im sozial- bemokratischeü Zukunftsstaat wird dies nicht viel anders fein, erhebt doch die Socialdemokratie schon jetzt ganz außerordentlich hohe Partei- und Gewerkschaftsbeiträge, welche weit höher sind als die Staatssteuern. Wenn es der Sozialdemokratie ernst wäre mit der Erleichte­rung der Lasten des Volkes, dann sollte sie ihre hohen Beilrage ermäßigen und am besten gänzlich einstellen. Statt dessen hat die Sozialdemokratie gerade in der letzten Zeit wiederum trotz der angeblichenHunger­löhne" die Beiträge mehrfach erhöht.

Noch einmal faßte der Redner zum Schluß seine Kritik in dem Urteil zusammen : Die Sozialdemokratie will nicht eiwa auf einzelnen reformbedürftigen Gebieten des Staats- und des Wirtschaftslebens im Rahmen der bestehenden Ordnung. Reformen und Verbesserungen einführen. Solche Verbesserungen erstreben im G nade alle anderen Parteien; denn sie alle erkennen au, daß wie bei allem Menschenwerk, so auch beim Staate, manches noch verbesserungsbedürftig und Verbesserung^ fähig ist. Die Socialdemokratie dagegen will alle bis­herigen Grundsätze des staatlichen, religiösen und wirt­schaftlichen Lebens wenn nötig mit revolutionärer Ge­walt in ihr Gegenteil umkehren. Hiergegen müssen alle vaterländisch gesinnten Männer und Frauen mit allen anständigen Mitteln und mit aller Kraft ar­beiten. Unser' Wahlspruch bei dieser Arbeit für das allgemeine Wohl laute wie 1813 und wie 1870/71 so so auch in Zukunft:Mit Gott, für König und Vater­land",Mit Gott, für Kaiser und Reich".

Alsdann referierte Herr Seminardirektor Kolbe über Sozialdemokratie und die Heimat."

Im gegenwärtigen Wahlkampf handelt es sich im letzten Grunde um das Vaterland, um die Heimat. Sie müssen wir verteidigen. Was auf dein Spiel steht, sind Werte nicht blos irdischer vergänglicher Art, es sind geistige Werte, Lebensgüter. Das Höchste ist die Religion. Die Sozialdemokratie will sie ausrotten. Sie sieht in ihr eineGottespest." Ein solches Urteil ist nicht vereinzelt, darf nicht dem einzelnen religions- seindlichen Sozialdemokraten nur zur Last gelegt werden, sondern wird mit Fug und Recht der Sozialdemokratie als solcher vorgeworfen. Daß Religion und Sozial­demokratie sich schwer vereinigen lassen, dafür darf ge­rade die Tatsache als Beweis angesehen werden, daß bis jetzt auch unter den geistig hervorragenden Männern der Sozialdemokratie noch kein einziger mit einem religiösen Bekenntnis hervorgetreten ist, obwohl tausend­fach sich die Gelegenheit bot und bietet. Dagegen zeigt die Fülle haßerfüllter Aeußerungen über das Christen­tum, die Kirche und alles religiöse Leben klar, daß Religion und Sozialdemokratie unvereinbare Gegensätze sind. Nebel hat das erkannt und offen ausgesprochen. Die große soziale Umwälzung die uns von der Sozial­demokratie droht, unterscheidet sich von allen ihren Vorgängern dadurch, daß sie nicht nach neuen Reli- gionsformen sucht, sondern daß sie die Religion ver­neint. Es handelt sich also um einen Kampf, der gegen die Kirche aufgefochten werden soll. Und nur eine Macht gibt es, die die Herrschaft der Religion ein Ende bereiten kann, wenn mir nicht auf der Hut sind, das ist der Sozialismus. Siegt der Socialismus dann verliert auch unsere Heimat mit der Religion ihren wertvollsten Besitz. Wir aber wollen dafür sorgen, daß unsere Heimat die hohen sittlichen Kräfte und Segnungen der Oieligion erhalten bleiben. Wir wollen trachten, daß unsere Kinder und Kindeskinder ihre Heimat in Gottesfurcht und mit Gottesvertrauen dienen. Es ist heilige Pflicht in diesem Kampfe für die Heimat nicht matt und gleichgiltig beiseite zu stehen, säubern mit aller Kraft zu kämpfen.

Als der letzte Redner geendet hatte, waren viele Hörer tief bewegt und gar Mancher, der bis jetzt bie sozialdemokratischen Behauptungen, sei es in Versamm­

lungen, sei es bei der stillen Hetzarbeit von Mund zu Mund allzu leichtgläubig angehört hatte, wird sich bei den tiefdurchdachten und überzeugenden Ausführungen der Redner eines Besseren besonnen haben. Der Ver­sammlungsleiter fragte alsdann die Versammlung, ob sich Jemand zur Diseussion melde. Es geschah nicht und so schloß Herr Amtsgerichtsrat Hengsberger die so glänzend verlaufene Volksversammlung mit einem drei­maligen Hoch auf Kaiser und Reich Begeistert brauste auch dieses Hoch durch den Raum und mit erhobenen Gefühlen verließen die Besucher den Saal.

* Wir bringen auch an dieser Stelle die hoch­wichtige Bekanntmachung reichstreuer Wähler, soweit sie nicht dem Zentrum angehören, welche unsere Leser auf der vierten Seite unseres Blattes finden. 1. Ein eigener Kandidat wird nicht ausgestellt. Alle reichstreuen Wähler, soweit sie nicht dem Zentrum angehören, wer­den gebeten, am 12. Januar keine Stimme abzugeben. 3. Gemeinsames Ziel aller vaterländisch gesinnten Männer muß sein, bie Sozialdemokratie mit aller Kraft zu bekämpfen.

* Heimatbund. Die verehrlichen Leser unserer Zeitung, die etwa die in voriger Nummer gebrachte Notiz übersehen haben sollten, machen wir nochmals darauf aufmerksam, daß das Post-Quartett aus Frank­furt a. M. am Sonntag, den 14. d. M., auf Veran­lassung des Hemiatbundes basier ein Kammermusik- Konzert unter Mitwirkung des Seminarchors veran- stalten wird. Zum Borlrage kommen u. a. Quartette von Beethoven, Schubert usw. Es wird gut sein, sich zeitig Plätze zu bestellen bei Herrn Kirchendiener Möller hier.

* Die in voriger Nr. unserer Zeitung gebrachte Notiz betr. UebetjaU eines Kroaten auf den Gefängnis­wärter liegt eine Verwechslung vor. Es handelt sich hier um einen Kroaten der vor 10 Tagen in Siegen einen Kollegen erstochen hatte und hier auf der Flucht verhaftet und in das hiesige Gefängnis verbracht wurde. Bei dem Weitertransport am Dienstag hatten 2 Schutz­leute Mühe denselben von der Stelle zu bringen.

* Handwerkskammer. Der Vorstand der Hand­werkskammer in Casfel hat für den Sommer 1912 die Veranstaltung von Zeichen- und Zuschneidekursen für Damenschneiderinnen beschlossen.

* Bei der Wahl zur Hanauer Handelskammer für den Kreis Gelnhausen wurden die Herren Fabrikant Heinrich GrauOcb und Holzhändler H. Mehles-Geln- Hausen wiedergewühlt.

* Die Ehrenzulage für Inhaber des Eisernen Kreuzes von 1870/71 wird im neuen Jahre in ge­änderter Weise zur Auszahlung gelangen. Eine amt­liche Bekanntmachung besagt darüber folgendes: Nach dem am 1. Januar 1912 in Kraft tretenden neuen Entwurf einer Friedensbesoloungsvorschrift ist die Ehien- zulage für Inhaber des Eisernen Kreuzes von 1870/71 vorn angegebenen Zeitpunkte an monatlich im voraus zahlbar und bis zum Ende des Sterbemonats zu belassen.

Am 1. Januar treten die neuen Bestimmungen über den vierten Teil der Reichsversicherungsordnung, die Invaliden und Hinterblieberrenversicherung in Kraft. Hervorgehoben zu werden verdient dabei nochmals die Möglichkeit einer freiwilligen Zusatzversichcrung. Alle Versicherungspflichtige und -berechtigte können in be­liebiger Zahl Zusatzmarken in die Quittungskarten ein­kleben. Der Wert der Zusatzmarken beträgt eine Mark. Die hierdurch erworbene Anwartschaft erlischt nicht. Für jede Marke, welche der Versicherte einklebt, erhält er als Zusatzrente so viel mal 2 Pfennige, als beim Eintritt der Invalidität Jahre seit Verwendung :bcr Marken vergangen sind. Wenn also ein Versicherter wöchentlich eine Marke in feine Karte einklebt, so er­höht sich nach diesem Betrag beispielsweise nach zehn Jahren seine Rente um 10,40 Mk.

* Flieden. Nachdem nun 10 Tage lang die Arbeiten beim hies. Bahnneubau geruht, sind die Ausschachtungen am Tunnel wieder neu in Angriff genommen. Neu­lich entstand zwischen der Firma Gebr. Schäfer und den Arbeitern eine kleine Lohndifferenz und hatten die Arbeiter bereits in corpore die Arbeit eingestellt. Es gelang jedoch schnell wieder eine Einigung zwischen beiden Parteien zu erwirken. Es wurden in letzter Zeit Gerüchte verbreitet, daß in @lm neuerdings Bohrungen unternommen mürben, da das Terrain in Flieden keine Gewähr biete, daß die in Elm e!»ge­tretene Ruischungen sich auch hier wiederholen würden. Alle diese Gerüchte beruhen auf böswillige Erfindung. Sollte der Eisenbahnfiskus das Gelände nicht vorher aufs genaueste geprüft haben ehe er die Millionen zum Umläufe brächter Es sind von dem Reste des früheren Boden zwar jüngst infolge des Regens einige Senkungen des Bodens vorgekommen, was auf das Bahnterrain

keinen Bezug hat. Obwohl im Vorjahre dahier eine 5. Lehrerstelle gegründet wurde herrscht hier eine außer­gewöhnliche Ueberfüllung der Klassen vor. Bon der Königl. Regierung ist bereits die Gründung einer weiteren Klasse ins Auge gefaßt. Die Gemeinde macht zwar noch Schwierigkeiten. Doch ist nicht daran zu zweifeln, daß mit Beginn des neuen Schuljahres eine 6. Lehrkraft an den hies. Schulkörper versetzt wird. Ein ächter Sonderling scheint der Privatier Herr Peter S. dahier zu sein. Derselbe war jüngst schwer erkrankt. Als er wieder genesen war beauftragte er den Schreiner­meister ihm einen Sarg anzufertigen. Er ließ sich hineinlegen lud alle Freunde und Nachbarn ein, mit ihm gemeinschaftlich den nach dem Begräbnis üblichen .Tröster" zu feiern. Am besten schmeckte es dabei dem gefeierten und betrauertenToten", der es immer schon bedauerte, daß er bei seinemTröster" nicht mittrinken könnte. Der Sarg steht im Wohnzimmer und dient dem Alten als Bank. Er soll sich nun auch mit der Absicht tragen, auch seiner Lebensgefährtin einen Sarg unfertigen zu lassen. Dies klingt zwar seltsam, ist aber in Wirklichkeit vorgekommen im Jahre des Heils 1911.

* Fritzlar. Die Firma Gebrüder Dietrich, Fritzlar, begeht am 15. Mai dieses Jahres ihr 2öjähriges Ge- schästsjubiläum. Anscheinend aus diesem Anlaß haben die Gründer und Inhaber derselben, die Herren Groß- kaufleute und Fabrikanten Karl und Edmund Dietrich ein Kapital von zehntausend Mark als Grundstock zu einemWeihnachtsfonds" zu 4 Prozent festgelegt, desfen Zinsen dazu bestimmt sind, alljährlich vor dem Feste an Arme und Kranke ohne Unterschied der Konfession verteilt zu werden.

*Kirchhai». Neujahrsnacht 12UhrwurdeinKirchhain ein 20jähriges Dienstmädchen beim Neujahrschießen von einem jungen Mann aus Unvorsichtigkeit erschossen.

* Casfel. Die 12jährige Tochter eines Majors zündete, als sie am Dienstag abends in der Kinderstube allein gelassen worden war, das Weihnachtsbäumchen ihrer Puppenstube an. Hierbei fingen ihre leichten Kleider Feuer. Das Kind erlitt so schwere Brand­wunden, daß es kurz darauf verstarb.

* Oberursel. Zu dem Familiendrama Sauer dreifacher Mord, Mordversuch und Selbstmord ist noch zu berichten, daß der älteste Sohn Hermann seinen Verletzungen nun auch erlegen ist.

Wie bereits früher bekannt gegeben worden ist, hat das Central-Comite des Roten-Kreuzvereins in den letzten Jahren in wachsenden Umfange sich bemüht, unbemittelten und würdigen kranken Teil­nehmern an den Kriegen 1864, 1866 und 1870/71 freie Brunnen und Badekuren zu bewilligen und zu diesem Zwecke mehr bloß besondere Veteranenheime vom Roten Kreuz in Kißingen, Ems uub Wiesbaden eingerichtet, sondern auf Vorkehrungen getroffen, daß in anderen Badeorten, wo nach dem Gutachten der Aerzte eine Kur erforderlich erscheint, solche unentgeltliche oder auch erheblich ermäßigte Bade­kuren genehmigt werden können.

Den hier zu stellenden Gesuchen sind beizufügen:

1. die Militärpapiere des Antragstellers,

2. ein ärztliches Zeugnis, aus welchem hervorgehen muß,

a) die Art der Erkrankung (bei Lungen« und Kehl- kopfleiden, auch eine Angabe, ob Ansteckungsge­fahr vorliegt oder nicht),

b) die nach der Natur des Leidens angezeigte Wahl des Badeortes,

c) ein Bericht der Ortspolizeibehörde über die Würdigkeit und Bedürftigkeit des Antragstellers.

Indem wir die Herren Kriegsteilnehmer erneut auf diese Einrichtung aufmerksam machen, bemerken wir noch, daß in besonders dringlichen Fällen auch ein Beitrag zu den Reisekosten geleistet wird.

Anträge können jederzeit in den Dienstzimmern des Kreis-Ausschußes (Kreishaus) und bei den Herre» Bürgermeistern gestellt werden.

Der Vorsitzende des Roten Kreuz-Vereins. Der königl. Lanbrat: Valentin er.

Aus alten Tage«.

Vor jetzt dreihundert Jahren, am 26. Dezember 1611 trat der durch seine Teilnahme am Dreißig­jährigen Kriege zu Deutschland in so enge Beziehung getretene Schweb nkönig Gustav Adolf die Regierung alsAuserwählter" König und Erbfürst der Schweden,