SchliichtenwZeitung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. «5. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. «S.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 1C Pfg.
3g 2. Samstag, den 6. Januar 1912. 63. Jahrgang.
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Amtliches.
J.-Nr. 7247 K. A. Die nächste Bulle n-K ö r u n g findet am Samstag, den 13. Januar d. Js. in Sterbfritz statt.
Schlüchtern, den 29. Dezember 1911.
Der Landrat: Valentiner.
ZttV AeietzstagswatzL.
In wenigen Tagen wird das deutsche Volk zur Reichstagswahl an die Urne treten. Der Wahlkampf hat eine einzelne, klar formulierte, große Frage, die von den Wählern ein einfaches Ja oder Nein verlangt, nicht in den Vordergrund gerückt. Darin liegt die Schwierigkeit der Aufgabe, vor die die Nation gestellt ist. Sie soll durch den Streit um die Finanzreform, durch die Widerstreitenden Ansprüche der Parteien und wirtschaftlichen Gruppen, durch Mißmut und Unzufriedenheit aller Art hindurch den Weg finden, den die gedeihliche Fortentwicklung unseres Vaterlandes verlangt. Die Agitation, die seit Jahr und Tag den Kampf der Parteien in alle Kreise und Verhältnisse hineinträgt, hilft der Wählerschaft nicht zur Klarheit. Aus dem Gewirr von leidenschaftlichen Erörterungen über die Parteien und ihre Gruppierung, über Koalitionen, die zu schließen, und Fronten, die zu nehmen sind, hat sich kein leitender Gedanke entwickelt, der als Richtschnur dienen könnte.
Und doch liegen die Dinge einfacher, als es den Anschein hat. Wer unbefangen die Entwicklung Deutschlands in den letzten vier Jahrzehnten überschaut, wird finden, daß ihr Gesamtergebnis zu pessimistischen Betrachtungen keinen Anlaß gibt. Der innere Ausbau des Reichs ist kräftig gefördert. Die in der Verfassung vorgesehenen Institutionen haben sich zu leistungsfähigen Organen entwickelt und fast auf allen der verfassungsmäßigen Einwirkung des Reichs zugänglichen Gebieten erfolgreich gewirkt. Die Einheit des Rechts und die Einheitlichkeit des Gerichtsverfahrens sind durch- geführt. Die noch vom Fürsten Bismarck inaugurierte Politik des Schutzes der nationalen Arbeit hat Landwirtschaft, Handel und Industrie zu hoher Blüte entwickeln helfen und die in der Nation schlummernden Kräfte zu machtvoller Betätigung geweckt. Die sozialen Verschiebungen, die dem schnellen wirtschaftlichen Aufschwung folgen mußten, haben sich ohne Erschütterungen vollzogen dank einer weitgehenden gesetzlichen Fürsorge für die arbeitende» Klassen und die wirtschaftlich Schwachen überhaupt. Trotz der erheblichen Aufwen
dungen, welche die sozialpolitische Gesetzgebung dem Reiche und dem Volke auferlegt hat, ist für die Schlagfertigkeit des Heeres ständig gesorgt und eine leistungsfähige Flotte geschaffen worden. Und wenn die Finanzpolitik des Reichs nicht immer den Anforderungen genügt hat, die die sachgemäße Erfüllung aller dieser Aufgaben an sie stellte, so können wir heute sagen, daß auch die Finanzen des Reichs auf einer festen Grundlage stehen, die uns ohne ernstere Sorgen kommenden Aufgaben entgegensehen läßt. Dies alles aber ist erreicht worden, weil der staatsrechtliche Aufbau des Reichs gesund ist, und weil die innere Kraft unseres Volkes durch den Kampf der Parteien wohl abgeleukt, aber nicht zerstört werden konnte.
Freilich liegen aber auf diesem erfreulichen Bilde unserer Entwicklung auch tiefe Schatten. Noch heute steht ein großer Teil unseres Volkes unter der Botmäßigkeit der Sozialdemokratie unseren nationalen Aufgaben ablehnend und verständnislos gegenüber. Noch heute sieht die Sozialdemokratie das Heil ihrer Anhänger in der Absonderung von den übrigen Klassen der Bevölkerung und in der Zertrümmerung der bestehenden Staats- und Wirtschaftsordnung. Hier Wandel zu schaffen, ist und bleibt eine unserer wichtigsten Aufgaben.
Die geschichtliche Vergangenheit unseres Volkes soll uns noch ein anderes nicht vergessen lassen. Vierzig Jahre hat das deutsche Volk an seinem Hause gebaut und für seine wirtschaftliche Entwicklung gesonnen und geschafft. Mit seinem wirtschaftlichen Emporsteigen ist sein Friedensbedürfnis gewachsen, und manche haben angefangen zu glauben, daß die eigene Betätigung einer friedliebenden Gesinnung genüge, um der Welt
Fried m zu erhalten Die .zeitweilige. schwierige Weltlage hat uns im vergangenen Jahre gezeigt, daß dem nicht so ist. Ein wirtschaftlich aufstrebendes Volk, in dem alle Völker der Welt in steigendem Maße einen Konkurrenten ihres Handels und ihrer Industrie erstehen sehen, ist des Friedens, den es für seine wirtschaftliche Entwicklung braucht und zu erhalten bestrebt sein muß, nur sicher, solange sein Heer und seine Flotte genügen, um seine Grenzen und seine Seeinteressen wirksam zu schützen.
Daraus folgt:
Wir brauchen einen Reichstag, der bereit ist, unsere bisherige Wirtschaftspolitik, die Politik der Handelsverträge und des Schutzes der nationalen Arbeit weiter- zuführen.
Wir brauchen einen Reichstag, der bereit ist, unsere Sozialpolitik, die Bürgschaft einer friedlichen Entwicklung im Innern ruhig und besonnen fortzusetzen.
Wir brauchen einen Reichstag, der bereit ist, Heer und Flotte dauernd im Zustand höchster Leistungsfähigkeit zu erhalten und Lücken in unserer Rüstung zu schließen.
Bei der Lösung aller dieser Aufgaben pflegt die Sozialdemokratie ihre Mitarbeit zu versagen. Darum ist die endliche Ueberwindung dieser Partei, deren Bestehen eine Gefahr bedeutet für die nationale Geschlossenheit unseres Volkes wie für die Erhaltung des politischen, geistigen und sittlichen Erbes unserer Väter, eine Lebensfrage für unser Vaterland.
Wer sich das alles vor Augen hält, wird sich klar darüber sein, daß kein pflichtbewußter deutscher Mann am 12. Januar der Sozialdemokratie seine Stimme geben kann. ___ _ _
Deutsches Reich.
— Das preußische Abgeordnetenhaus, das Mitte Januar wieder zusammentreten wird, setzt sich in seinen Fraktionen zurzeit wie folgt zusammen: Konservative 149, Freikonservative 62, Nationalliberale 65, Fortschrittliche Volkspartei 36, Zentrum 103, Polen 15, Sozialdemokraten 6, fraktionslos 4. Erledigt sind drei Mandate, nämlich 2. Posen bisher v. Tilly (kons.), 2. Berlin bisher Dr. Gerschel (Vp.), 1. Frankfurt a. O-, bisher Dr. v. Voß (kons.).
— Mit dem 1. Januar ist das vierte Buch der neuen Reichsversicherungs-Ordnung die Invaliden- und Hinterbliebenen-Versicherung in Kraft getreten. Die einzelnen Lohnklassen sind nicht verändert, aber die Beiträge sind erhöht. Für die erste Klasse sind künftig 16- fife äg-Marken, für die weiteren Klassen Marken zu 24, 32, 40 und 48 Pfg. zu kleben. Alte Marken können noch bis 1. Januar 1914 gegen gültige Marken im gleichen Geldwert bei den Markenverkaufsstellen eingetauscht werden.
— Die Neugründung zweier großer Moorzentralen steht im Moorgebiet der Provinz Hannover in Aussicht. Die eine soll in der größten zusammenhängenden Moorfläche, welche Preußen aufweist, im Burtanger Moor, errichtet werden. Der Landrat Benes (Kreis Meppen) hat die Förderung der Sache in die Hand genommen. Ferner wird in den großen Moorflächen der Stader Gegend bei Bremervörde eine weitere Zentrale errichtet, welche von dem Regierungsrat von Schmeling vorbereitet wird.
Hesühnt.
Roman von G. o. Schlippenbach.
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Alwina hat sich gewaltsam gefaßt. „Ich muß ruhig bleiben," denkt sie in stummer Qual.
Nun streiten sie neben einander her. Es schneit in großen Flocken, der Wind hat sich zum Sturm gesteigert ein wildes Schneetreiben umhüllt die beiden, den Mann und das junge Mädchen,- sie achten nicht auf den Weg. Jetzt stehen sie vor der alten Mühle.
Endlich spricht Emil Otto.
„Sie täten doch besser, Komtesse," sagte er jetzt wieder gefaßt, „wenn Sie diesen elenden Unterschlupf benutzten, bitte!" Er öffnet die Bohlentür und macht eine einladende Handbewegung. Alwina zittert vor Kälte, sie tritt in das zerfallene Gemäuer ein, Emil Otto folgt ihr, mit einem leisen Geräusch fällt die Tür zu. Einige Sekunden ist es ganz still drinnen, das Unwetter bricht mit elementarer Gewalt los, es heult und pfeift um die einsame Mühle, in der es halb dämmerig ist. Ebenstedt zündet ein Streichholz an.
„Bitte," sagt er, „hier diese Treppe führt empor, durch die zerbrochenen Fenster fällt noch das Taxeslicht, wir wollen von dort oben beobachten, ob der Schneesturm bald nachläßt."
Alwina zögert.
„Ich .. ich fürchte mich," flüstert sie ängstlich.
Nein, nein, das sollen Sie nicht," fleht Emil Otto. Verreiben Sie mir meine Leidenschaft von vorhin, ich bin selbst unglücklich darüber, mein Blut ist allzu heiß. Lier stehen Sie unter meinem Schutz, Komtesse; es wäre »«ritterlich, aus dieser Situation Nutzen zu ziehen."
Sie stehen nun oben, Alwina sitzt auf einem mor- schen Stuhl, Ebenstedt lehnt an der Wand gegenüber. Sie beobachten das Wetter, das immer wüster wird, £ÄÄ« $«4«- w d-- Schu-- »---i».
Eine schwüle Pause, dann fragt Alwina: „Wie geht es Ihrer Schwester?"
„Warum kamen Sie nicht zu Noras Hochzeit?"
Ebenstedt fragt, ohne Rede zu stehen. Sie schweigt und blickt von ihm hinweg.
„Soll ich es Ihnen sagen? Sie kamen nicht, weil ich im Stift war. Können Sie es leugnen?"
„Nein, was helfe es," versetzt sie traurig.
„Ich wußte es. Sie fragten, wie es Nora geht," fährt Emil Otto fort, „sie hat den Gatten gewählt, den sie liebt, sie hat sich offen zn ihm bekannt, ohne nach der Meinung der Welt zu fragen, nur ihr eigenes Herz hat gesprochen, sehen Sie, so handelt ein echtes Weib."
„Sie war frei," ringt es sich über Alwinas bleiche Lippen.
„Sie waren auch frei, als GrafLenner um Sie warb," rief Ebenstedt. „Sie lieben ihn nicht."
Alwina schweigt bei dieser Anschuldigung, ihr Gesicht ist abgewendet, sie kann nicht wie sonst das goldblonde Haupt stolz erheben.
„Antworten Sie!"
Wie hart er es sagt.
„Noch einmal frage ich Sie: Lieben Sie Ihren Verlobten?"
„Nein," fällt es tonlos an sein Ohr.
„Und doch wollen Sie ihn heiraten!" ruft Emil Otto außer sich, „Sie wollen ihm angehören, sein Weib werden, denken Sie sich das so leicht? Wissen Sie nicht, daß auch Sie ein junges, heißes Herz in der Brust haben, ein Herz, das früher oder später sein Recht an Liebe und Glück stürmisch heischen wird, das innerlich darbend durchs Leben gehen wird und sich an den Fesseln wund reiben muß, die Sie sich eigensinnig auferlegen?"
„Ich .. ich," stammelte Alwina, „bitte, hören Sie auf, sprechen Sie nicht weiter. Wie kann ich diese Verlobung lösen, was würde die Welt dazu sagen ?"
„Ja, das ist es eben, die Welt, was sagt sie dazu? Man buhlt um ihre Gunst mau beugt sich ihrem Szep
ter auf Kosten der eigenen Ueberzeugung, als ob die Welt danach fragt, ob wir glücklich oder unglücklich werden," versetzte Emil Otto bitter. „Als ich die Heimat verließ und zwischen dem Strick zum Aufknüpfen und der Kugel schwankte, lernte ich Klingberg kennen, er rettete mich vor der Schmach des Selbstmörders durch den Einfluß eines wahrhaft edlen Menschen.
„Sie vergessen eins: ich gab mein Wort," sagte Alwina erregt. „Auch für die Frau ist es schmachvoll, es zu brechen, ich verachte sie ebenso wie den Mann, der ein gegebenes Versprechen nicht hält. Es ist ehrlos."
Emil Otto fährt zusammen, wie ein Schlag ins Gesicht sind diese Worte für den, der so Schweres gelitten. Er ist totenbleich geworden und schließt einen Moment die Augen. Das sagt sie ihm, sie, die er liebt mit jeder Faser seines Herzens."
„Und auch wenn sie frei wäre, ich hätte nichts zu hoffen," denkt er verziveifelt, „nie würde das stolze Wesen dem angehören wollen, der sein Ehrenwort gebrochen hat."
Das' Schneegestöber hat aufgehört, nur einzelne Flocken schweben noch wie große, weiße Schmetterlinge zur Erde, und durch die Bäume scheint das Abendrot in Purpurfarben. Auf das schöne Mädchenantlitz fällt der Strahl der scheidenden Tageskönigin und spielt golden mit den blonden Haaren. Einil Otto steht im Schatten und blickt zu Alwina hinüber, einen hungrigen Ausdruck in den dunklen, schwermütigen Augen.
Die Setterhündin Minka bellt vor der Mühle. Wie aus einem bangen Traum erwachen die beiden Menschen.
„Es wird bald dunkel, ich muß nach Hause," sagt Alwina aufstehend.
Noch einmal faßt Emil Otto ihre Hand, eine heiße Bitte liegt in seiner Stimme, als er spricht: „Sie haben vielleicht recht, verzeihen Sie mir alles, was ich geredet und getan habe, und .. und denken Sie nicht schlecht von mir, wenn .. wenn sich einst vielleicht die Gelegenheit dazu bietet. Von heut an werde ich Ihren Weg nur noch als Fremder kreuzen." 187,18*'
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