„Und das ist gut. Die bremische Arbeiterbewegung wird dadurch sehr gewinnen. Los von Grund und Boden muß der Arbeiter, bevor er revolutionär denken und handeln kann."
Die „Lflittelstaudsfreundlichkeit" der Sozialdemokratie.
Wo die Sozialdemokratie irgend kann, nimmt sie, namentlich während der Wahlen, eine mittelstandsfreund- liche Maske vor. Wenn dann die Mittelstandsleule so gutmütig oder so schlecht beraten gewesen sind, den so- zialdemokrattschen Kandidaten zu wählen, dann laßt man sie nachher mit einem Fußtritt wieder laufen. Wo man aber die Macht hat oder zu haben glaubt, da zwingt man, z. B. bei öffentlichen Wahlen, den Mittelstand durch brutalen Terrorismus und Boykott, gegen seine Ueberzeugung die Sozialdemokratie zu unterstützen. Die rote „Mittelstandsfreundlichkeit" sei durch einige Aussprüche von sozialdemokratischen Führern oder Zeitungen beleuchtet:
Die sozialdemokrattsche „Leipziger Volks-Zeitung" schrieb im Jahre 1903;
„Die Sozialdemokratie verwirft alle gesetzgeberischen Vorschläge zur Rettung oder auch nur zum Schutze des Mittelstandes als unnütz."
Der Abgeordnete Ledebour sagte auf einer Ber-
sammlung im gleichen Jahre:
Die Sozialdemottarie hat mit dem Mittelstände Einstimmig heißt, daß ihn sämtliche achtzehn abge- r - . “ _ . enpn ^srnhini^n ^rnfibprifpn nnfneltellt haben.
absolut nichts gemein und wird sich niemals da-
zu hergeben, die Interessen des Mittelstandes, 0. h. der Handwerker, Ladenbesitzer, Kleinindustriellen zu vertreten."
Das „Schuhmacher-Fachblatt" des sozialdemo- kratischen Abgeordneten Bock hat wörtlich geschrieben:
„Uns als Arbeitern kann der Untergang des sogenannten Mittelstandes gleichgültig sein, im Gegenteil: je eher er verschwindet, desto besser ist es; denn derselbe ist der größte Hemmschuh in ökonomischer, sozialer, gewerkschaftlicher und politischer Bewegung, überall tritt er uns hindernd in den Weg, und darum können wir dessen Untergang nicht früh genug herbeiwünschen."
Als in Hamburg ein großes Warenhaus eröffnet wurde, schrieb das sozialdemokrattsche „Hamburger
Echo" am 3. März 1897:
„Zweifellos wird der Riesenbasar einen großen Kundenkreis aufsaugen, der bisher einer erheblichen Anzahl kleinerer Geschäfte die Existenz sicherte. Diese werden den Boden unter den Füßen verlieren und v , — ,-----,
der großkapitalistische Unternehmer wird triumphieren licher Weise, indem sie falsche Meinungen und Aw .... Das ist eine erfreuliche Erscheinung!" s"
schauungen über die hier in Bettacht kommenden Vorgänge hervorruft.
Zuvörderst wird bei der Polemik gegen Konservative
— Die Aufbesserung der Löhne der Eifenbahnar- und Zentrum wegen ihrer Haltung zur Erbschaftssteuerbeiter, welche im Bezirk der Eisenbahndireklion Magde-! frage immer geflissentlich verschwiegen,-daß sich ~bre ab- burg allein mit einem Kostenaufwande von 700 000 M.. lehnende Stellungnahme dieser Parteien nur gegen die durchgeführt ist, beschränkt sich selbstverständlich nicht Ausdehnung der in Deutschland bereits bestehenden Erö- auf diesen einzelnen Dliekttonsbezirk. Man wird viel-, schaftsbesteuernng auf das Gatten- und Kindeserbe b-e mehr in der Annahme nicht fehlgehen, daß es sich da- ’ richtet hat. Indem die sozialdemokratischen Agitatoren' bei um eine allgemeine Maßnahme der Eisenbahnver-die ja gegenwärtig scharenweise das Land durchziehen, Wallung handell, wobei natürlich die Verschiedenheit der i immer nur ganz allgemein von der durch den „schwarz- Löhne und Lebenshaltungsverhältnisse in denlverschiedenen blauen Block" zu Falle gebrachten „Erbschaftssteuer" Landesleilen berücksichtigt werden wird. Die Eisenbahn-; sprechen, erwecken sie den Anschein, als sei bei der Reichsverwaltung liefert mit dieser Maßnahme einen neuen finanzreform erstmalig der Versuch von der Regierung Beweis dafür, daß sie ihrer Aufgabe nach Möglichkeit! gemacht worden, überhaupt eine Erbschaftsbesteuerung für das Wohlbefinden des bei ihr beschäftigten Per-' in Deutschland einzusühren, und als sei dieser Versuch sonals zu sorgen in vollem Umfange sich bewußt ist. s dazumal an dem Widerstände der Konservativen und des
— Die erste polnische Volksbank in Hinterpommern Zentrums gescheitert. Das ruft dann natürlich in den ist in Bütow gerichtlich eingetragen worden. Im August; Massen Hellen Zorn gegen die letztgenannten Parteien 1910 gründeie der verfioroene Prälat Wawrzyniak in wach. Denn wer wollte dem „lachenden Erben", dem Borzyszkowo eine Volksbank; sie lag noch im Kreise das Glück unverhofft eine reiche Erbschaft in den Schoß Schlochau in Westpreußen, aber Harr an der pommerschen wirft, nicht ebenso gut eine angemessene Besteuerung Grenze and war auch ausorücklich für den hinterpom- f gönnen, wie demjenigen, der in der Lotterie einen merschen Kreis Bmow mit bestimmt. Sie hatte nach Treffer gezogen hat! Die Agitatoren der Sozialdemo- einem halben Jahre (im März 1911) bereits 60 000 • tratie verschweigen eben, daß seit Jahren schon eine M. Depositen. Wenn die Polen schon jetzt, nach einem' Erbschaftssteuer im deutschen Reich besteht. Sie erweiteren halben Jahre, in Bütow selbst eine Volks-! greift alle Erbanfälle an Eltern, Geschwister, entferntere dank gründen und Damit die wirtschaftliche Organisation' Verwandte und Fremde und ist stark progressiv, indem und Erorberung dieses Kreises energisch in Die Hand | sie bis 25 Prozent steigt. So muß beispielsweise ein nehmen können, so zeigt das deutlicher als eine lange entfernter Verwandter oder ein Fremder, der eine Mil- Ausführung, wie sehr sie dort vorwärts gekommen sind lion erbt, schon jetzt eine Erbschaftssteuer von 250 000 ES ist oaher wirklich unbedingt nötig, daß der Ge- Mark zahlen. Durch die Reichsfinanzreform sollte nun schäftsbereich der Deutschen Bauernbank schleunigst auf die Erbschaftssteuer auch auf das Erbe der Gatten und Hinternpommern ausgedehnt wird. i Kinder, und zwar bis auf Erbteile von 10000 Mark
Krutsche» Reich.
Es ist daher wirtlich unbedingt nötig, daß der Ge-
Hinternpommern ausgedehnt wird.
Auslang.
gegen haben sich Konservative und Zentrum gesträubt.
— Der „Vorwärts" hat folgendes Telegramm zurVer- ^Ob das richtig oder unrichtig war, soll an dieser Stelle öffentlichung erhalten: „Der Heulein Prag tagende 'unerörtert bleiben. War es aber ein Fehler, so doch ParteliagdertscheoslawischensozialdemokratischenArbeiter-: jedenfalls ein ungleich geringerer, als wenn sich jene partei beauftragte das Präsidium, Ihnen in dem bevor-; Parteien, wie es nach der sozialdemokratischen Darstel- stehenden Wahlkampfe den besten Erfolg zu wünschen, s lung den Anschein hat, jeglicher Erbschaftsbesteuerung übec- Jhren Kampf gegen die Regierung und die mit ihr; Haupt widersetzt hätten.
verbündete reaktionäre Bourgeoisie wird das tschechische' Im übrigen soll, wer selber im Glashause sitzt, nicht sozialdemokrattsche Proletariat mit seinen Sympathien' nach andern mit Steinen werfen Von den Sozial- versolgen; es hofft aus freudige Siegesnachricht." —! demokraten steht nach den Verhandlungen ihres eigenen Die deutsche Sozialdemokratie'laßt sich von den Tschecho-! Parteitages fest, daß sie entschlossen waren, in der slawen zur Reichslagswahl Glück uud Erfolg dritten Lesung gegen die Erbanfallsteuer zu stimmen, wünschen : treffender kann die traurige und würdelose Wer aber so denkt und handelt, der hat wahrhaftig Rolle gar nicht getenntzeichnct werden, die unsere „Ge- keinen Gmnd, den Nichtbewilligern der genannten noffen" in nationaler Hinsicht spielen. ' Steuer aus ihrer Nichtbewilligung einen Strick bei den
— Die Nichtwiederanstellung der enttassenen fran-: Wahlen drehen zu wollen.
zösischen Eisenbahner ist nunmehr beschlossene Sache,? Das zweite Lügengewebe,das sich um die Ablehnung
nachdem die französische Deputierienkammer den von dem' der Gatten- und Kindeserbteilssteuer spinnt, besteht da für unseren Kandidaten zu agitieren. Als Wahlkreis« Sozialisten Colly eingebrachten Antrag zugunsten der rin, daß man so tut, als ob durch diese Ablehnung die j Vorsitzenden wählte die Versammlung den Gutsbesitzer
Wiedereinstellung be «atlassenen Eisenbahner mit 31 ^'Zündholz- und die Kaffeesteuer notwendig geworden ' “ " wären. In Wirklichkeit sind Zündholz^und Kaffeesteuer
der Ersatz für die gerade von den Sozialdemokrateu abgelehnten Wein-, Inseraten- und Elektrizitätssteuern. An die Stelle der Kindes- und Gattenerbteilssteuer aber sind lediglich die Talonsteuer, der Stempel bei Grundstücksübertragungen sowie der Fideikommißsteuer-
stempel und der Effekten- und Emissionsstempel
getreten. Diese Steuern aber lasten nur auf den besitzenden Klassen und entsprechen dem sozialen Empfinden mindestens ebenso wie die abgelehnte Erbanfallsteuer.
Die wahrheitswidrige Ausbeutung der die Erbanfallsteuer betteffenden Vorgänge zur Hetze wider Konservative und Zentrum beweist die unehrliche Kampfesweise der Sozialdemokratie. Wer dem tleiuen Manne fortdauernd in dieser Weise vorredet, daß die Steuergesetzgebung unsozial sei, indem sie den Reichen schone und den Armen schröpfe, der handelt eben unehrlich und spekuliert auf die Dummheit der Bevölkerung. Wir haben von dieser
gegen 140 Stimmen abgelehnt hal. Augagneur legte dar, was die Regierung alles für die Eisenbahner getan hat, und führteaus, daß ein Ausstand in Staatsbetrieben nicht geduldet werden könne.
— Von der Aussperrung in der englischen Textilindustrie werden 100 000 Weber betroffen. Gleichzeitig gab der Verband der Spinnereien seinen Mitgliedern den Rat, ihre Fabriken wegen des Stillstandes der Webereien drei Tage in der Woche geschlossen zu halten. Davon werden weitere 150000 Arbeiter betroffen.
— Nach einer Meldung aus Melilla h iben schwere Kämpse der Spanier in Marokko stattgefunden. Die Scharen der Marokkaner wurden dabei stark gelichtet, die Verluste auf spanischer Seite sind noch nicht bekannt. Man weiß nur, daß General Ros verwundet worden ist.
— Aus Brüssel wird ein großer Negeraufstand im Kongostaat gemeldet. 3000 Rebellen terrorisieren das Uellegebiet. Die belgische Regierung haH2000 Soldaten zur Niederwerfung des Aufstcndes entsandt.
— Die Revolution in China ist bei einem wichtigen Markstein angelangt. Trotz aller Einigungsverhandlungen hat kurzerhand die republikanische Partei die Republik konstituiert. Sunyatsen ist einstimmig zum Präsidenten der Republik China gewählt worden.
fallenen Provinzen als Präsidenten ausgestellt haben. Dr. Sunyatsen ist der geistige Vater der chinesischen Schilderhebung gegen die Mandschudynastie und ihre unzulängliche Regierungsart. Infolge seiner Bestrebungen gezwungen, den heimatlichen Boden zu verlassen, hatte
er sich im Ausland, vorzugsweise in Amerika aufgehalten und seine Heimreise erst angetreten, als die Aufständischen ihre ersten großen Erfolge erzielt hatten. Vor kurzem wieder aus chinesischem Boden gelandet, ist er nunmehr zum Oberhaupt der Republik ausgerufen worden.
Unehrttche Kampfesweise.
Es ist in jeder Wahlbewegung bisher stark gelogen worden, aber so stark wie in der gegenwärtigen doch wohl noch nicht. Insbesondere muß zu Lügen und Verdrehungen immer von neuem die Reichsfinanzreform herhalten und innerhalb dieses größeren Gebietes vor allem wieder die Erbanfallsteuer beziehungsweise deren Ab
lehnung. Die Sozialdemokratie wird nicht müde, daran ihre Parteisuppe zu kochen, und sie tut das in unehr-
herab, ausgedehnt werden, und hiergegen und nur hier-
eine bessere Meinung.
Lokale» und Provinsielles.
Schlüchteru, 2. Januar 1912.
—* Auf das in unserer heutigen Nummer veröffentlichte Inserat, betr. „4% Schuldverschreibungen der Landeskreditkasse zu Cassel, Serie XXIV., verweisen wir ganz besonders.
—* Donnerstag, den 4. Januar d. I. abends 8 Uhr findet im hiesigen Rathause eine Stadtverordneten-Ver- sammlung mit nachfolgender Tagesordnung statt: 1. Gültigkeitserklärung der letzten Stadtverordnetenwahlen. 2. Einführung und Verpflichtung der neugewählten Stadtverordneten. 3. Wahl des Büros.
—* Ein Geheimerlaß des Justizministers, wie die Nationalzeitung berichtet, an die Richter ergangen, in dem sie aufgefordert werden, am Wahltage ausnahmslos ihr Wahlrecht auszuüben. Auch solle den Subaltern- beamten nahegelegt werden, daß sie am 12. Januar zur Urne gehen. Von einer bestimmten politischen Partei ist in dem Erlaß keine Rede.
—* Heimatbund-Konzert. Wir wollen nicht versäumen, das musikliebende Publikum von Schlüchlern und Umgegend auf einen seltenen Genuß aufmerksam zu machen, der ihm am Sonntag, den 14. Januar, geboten werden wird. Den Bemühungen des Heimatbundes-Vorstandes ist es geglückt, die durch ihre vorzüglichen Leistungen hier in gutem Andenken stehenden Gebrüder Post für einen Konzertabend zu gewinnen. Unser Seminarchor hat sich zur Mitwirkung bereit er- erklärt. Bestellungen auf Eintrittskarten werden schon fitzt von Herrn Möller entgegengenommen. Das Programm wird demnächst erscheinen. Bei der ganz hervorragenden Meisterschaft der Herren Post ist ein gefüllter Saal zu erwarten.
—* Neujahr vormittag wurde hier ein junger Kroate verhaftet, der Sylvesternacht durch Schießen aus dem Fenster einen jungen vorübergehenden Mann in die Beine schoß, denselben so schwer verletzte, daß er in däs Krankenhaus nach Fulda verbracht werden mußte. Abends versuchte der Kroate einen Fluchtversuch indem er den Gefängnisbeamten beim Abendessenverabreichen überfiel und niederwarf. Er nahm ihm den Schlüssel ab und wollte entfliehen. Der Beamte jedoch konnte noch um Hilfe rufen. Seine Angehörigen, die den Vorfall bemerkten, kamen ihm schnell zur Hilse auch hatte sich gleich eine Anzahl Leute zur Hilfe aus der Nachbarschaft eingestellt, sodaß er bald wieder in Sicherheit gebracht werden konnte.
—* „Ich halte die Sozialdemokratie für reaktionärer als die schwärzeste Reaktion, ich halte sie für eine frei- heitsfeindliche Partei. Sie stört den Frieden und Fortschritt." Reichstagsabgeordneter Dr. Mugdan (fort- schrittl. Volkspartei) in einer 1909 in Halle a. d. Saale gehaltenen Rede.
—* Zum Revisior der Apotheken in Kurheffen ist Herr Universitätsapolheker Schollmeyer in Marburg ernannt worden.
—* Zur Wahlbewegun g. Am Sonnabend fand in Fulva unter Beieiligung von 20 Venr. Männern
des Bundes der Landwirte aus dem Wahlkreis Fulda- Gersfeld-Schlüchtern eine Versammlung statt, welche Stellung nahm zu dem Verhalten der Bundesmitglieder bei den nächsten Reichstagswahlen. Aus allen 3 Kreisen waren Vertreter erschienen, denen der Geschäftsführer für Kurhessen, Herr Buhl die politische Lage im ganzen Regierungsbezirke und speziell in Hiese Wahlkreise auseinandersetzte. Die lobenswerte Haltung des Centrums in vielen Wahlkreisen, direkt den Kandidaten der Rechtsparteien ohne besondere Gegenleistung im ersten Wahlgange zu unterstützen, fordere hier zweifellos dasselbe Entgegenkommen unsererseits. Mehrere Berttarensmänner sprachen sich in der eingehenden Aussprache durchaus für dieses Vorgehen aus, ja man müsse diesmal peinlichst vermeiden, von der rechten Seite eine Gegenkandidatur zu bringen. Einstimmig wurde alsdann beschlossen, gleich im ersten Wahlgange für dcn seitherigen Kandidaten Abgeordneten Müller- Fulda einzutreten und die konservative Parterlettung Höfl. zu bitten, das gleiche zu tun! Man gelobte bei der tollkühnen Agnation der Sozialdemokraten, energisch