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ZchlüchternerZeitung

mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. «5. Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat". Telefon Nr. «5.

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Psg.

JW. 104. Samstag, den 30. Dezember 1911. 62. Jahrgang.

Amtliches.

Bekanntmachung

J-Nr. 6427. Der Metzger Heinrich Heidenreich zu Ulmbach beabsichtigt auf seinem in der Gemarkung Ulmbach gelegenen Grundstück, Kartenblatt A. Parzelle Nr. 619/262 ein Schlachthaus zu errichten.

Ich bringe dieses Vorhaben zur öffentlichen Kennt' nis mit der Aufforderung, etwaige Einwendungen gegen dasselbe binnen 14 Tagen nach Ausgabe dieses Blattes bei mir schriftlich in zwei Exemplaren anzubringen. Nach Ablauf dieser Frist können Einwendungen in diesem Verfahren nicht mehr angebracht werden.

Termin zur Erörterung der rechtzeitig erhobenen Einwendungen steht

Donnerstag, den 18. Januar 1912

Vormittags 11 Uhr

vor dem Unterzeichneten an. Im Falle des Aus­bleibens des Unternehmers oder der Widersprechenden wird gleichwohl mit Erörterung des Unternehmens bezw. der Einwendungen vorgegangen werden.

Zeichnung und Beschreibung der Anlage können während der Dienststunden im Bureau des Kreis-Aus­schusses eingesehen werden.

Schlüchtern, den 22. Dezember 1911.

Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses: Valentiner.

Wie bereits früher bekannt gegeben worden ist, hat das Central-Comite des Roten-Kreuzvereins in den letzten Jahren in wachsenden Umfange sich bemüht, unbemittelten und würdigen kranken Teil­nehmern an den Kriegen 1864, 1866 und 1870/71 freie Brunnen und Badekuren zu bewilligen und zu diesem Zwecke nicht bloß besondere Veteranenheime vom Roten Kreuz in Kißingen, Ems und Wiesbaden eingerichtet, sondern auf Vorkehrungen getroffen, daß in anderen Badeorten, wo nach dem Gutachten der Aerzte eine Kur erfordeilich erscheint, solche unentgeltliche oder auch erheblich ermäßigte Bade­kuren genehmigt werden können.

Den hier zu stellenden Gesuchen sind beizufügen:

1. die Militärpapiere des Antragstellers,

2. ein ärztliches Zeugnis, aus welchem hervorgehen muß,

a) die Art der Erkrankung (bei Lungen« und Kehl- kopfleiden, auch eine Angabe, ob Ansteckungsge­fahr vorliegt oder nicht),

b) die nach der Natur des Leidens angezeigte Wahl des Badeortes,

c) ein Bericht der Ortspolizeibehörde über die Würdigkeit und Bedürftigkeit des Antragstellers.

Indem wir die Herren Kriegsteilnehmer erneut auf diese Einrichtung aufmerksam machen, bemerken wir noch, daß in besonders dringlichen Fällen auch ein Beitrag zu den Reisekosten geleistet wird.

Anträge können jederzeit in den Dienstzimmern des Kreis-Ausschußes (Kreishaus) und bei den Herren Bürgermeistern gestellt werden.

Der Vorsitzende des Roten Kreuz-Vereins.

Der königl. Landrat: Valentiner.

Neujahr.

Es geht in goldnen Flammen

Die Neujahrssonne auf.

Wir stehen getrost zusammen

Und schaun zu Gott hinauf.

Wir einen Herz und Hände

Zur großen Zeitenwende:

Herr, segne unsern Lauf!

Was wird das Jahr uns bringen?

Wirb es voll Nlühe fein r

Winft fröhliches Gelingen?

Der Herr weiß es allein.

Er ist und bleibt der Treue,

Drum wollen wir aufs neue

Uns feinem Dienste weihn.

Es wird voran uns schreitend

Der uns noch nie verließ.

Er stärkt uns, wenn wir gleiten,

Gibt Licht in Finsternis.

Sind wir mit ihm verbunden,

Dann gibt's nur Segensstunden,

Wir sind des Siegs gewiß.

So mag das Jahr beginnen,

Es wird uns nicht zu schwer.

Getrost sind Herz und Sinnen,

Gb's auch das letzte, wär'.'

Er, der des Sohnes Leben

Für uns dahingegeben,

verläßt uns nimmermehr. Ul. U.

Zum Neujahrsfeste

Naturgemäß regt der Jahresschluß den Menschen zu allerlei Betrachtungen an. Er schaut rückwärts und vorwärts in die Vergangenheit und Zukunft. Sei es nun, daß die allgemeine Weltlage, die Zustände im Vaterlande, oder rein persönliche und individuelle Ver­hältnisse und Interessen den Gedanken bilden. In letzter Linie aber beziehen sich alle diese Dinge und Probleme, die den grübelnden Geist beschäftigen, auf den Menschen. Er macht sich zum Maß aller Dinge. Was nicht näher oder entfernter mit dem Geschick seines Geschlechts in Beziehung steht, was nicht das Wohl und Wehe der Gesamtheit oder des Individuums beeinflußt, läßt ihn kalt. Diesem Zuge des Menschen, sich zum Maß der Dinge zu machen, entspringt auch die Neigung des menschlichen Geistes, sich mit Dingen, Erscheinungen und Verhältnissen der Außenwelt zu vergleichen, nach Abbildern seines Lebens, Strebens und Schicksals zu suchen. So vergleicht er sein Leben mit dem Wasser, mit Pflanzen, mit den Jahreszeiten usw. Auch das aus dem Zeitenschoß auf« und niedertauchende Jahr weist so viele Beziehungen und Aehnlichkeit mit dem Menschenleben auf, daß es sich wohl verlohnt, an dieser Stelle einen Vergleich zwischen beiden anzustellen.

Jubelnd begrüßt treten beide das neue Jahr und der junge Erdenbürger ins Dasein. Gläserklang läutet in mitternächtlicher Stunde die Ankunft des Jahres ein, mit Tränen der Freude und des Danks wird die willkommene Gabe Papa Storchs in den Kreis der Familie ausgenommen. Beide bringen bei ihrem Erscheinen ein Geschenk mit, nach welchem die Menschen­kinder so begehrlich tasten die Hoffnung. Das neue Jahr wird Dir bringen, was Du vom alten ver­geblich erwartet!" so tröstet die Hoffnung und richtet mit liebevollem Wort manchen Gebeugten auf.Dein Kind wird die Früchte Deines Strebens, nach .denen Du die Hand vergeblich ausstreckst, in reichen! Maße ernten!" Mit diesen Worten drückt der beglückte Vater dem jungen Wesen den ersten Kuß auf die Lippen. Ungesehen kauert indes im finsterm Winkel der Zwillings­bruder der Hoffnung, die Entäuschung. Mit schaden­frohen Blicken schaut er der frohen Begrüßungsscene zu. Der Stunde harrend, wo auch er, wenn auch als höchst

Gesühnt.

Roman von G. v. Schlippenbach. 49

Lenner hörte mit höflicher Aufmerksamkeit als wohl­erzogener Mann zu, obgleich er bei sich dachte:Wie un­angenehm, dann werde ich Ebenstedt öfters sehen müs­sen. Wenn er sich einbildet, daß ich viel mit ihm ver­kehren werde, so versieht er sich, es paßt mir nicht, daß die Reichsgräfin Lenner-Steinthal mit diesem ungeleck- ten Aankee Nachbarschaft führt." *

Die fröhliche Jagdzeit vereinigte die Nachbarn ab­wechselnd auf den Gütern. Emil Otto wurde überall eingeladen und fand so die beste Gelegenheit, bekannt zu werden. Man kam ihm sehr freundlich entgegen, von der alten Geschichte sprach niemand, sie schien verjährt. Manches Mal war er drauf und dran, selbst davon zu sprechen, seiner Offenheit widerstand es, die Gastfreund­schaft von Menschen anzunehmen, die ihn vielleicht ver­urteilten. freimütig hätte Ebenstedt gern seinen jugend­lichen Leichtsinn eingestanden.

Wißt Jhr's? Einst habe ich mein Wort gebrochen, aber ich bin trotzdem ein ehrlicher Kerl, der durch diese bittere Lehre keinen Fingerbreit vom rechten Wege abge­wichen ist, der in der Arbeit seine Ehre wiederfand, und gebüßt, was er verschuldete."

Was würde Alwina sagen?"

Dieser Gedanke ließ das Wort auf seiner Zunge er­starren Er hatte sie nur einmal wiedergesehen, als Graf Mören die große Herbstjagd bei sich gab, zu der eine große Gesellschaft gebeten war. Lenner war zum Rast­tage aus Steinhof hinübergekommen und seine Braut wich nicht von seiner Seite, als fitere sie bei ihm Schutz gegen ihr laut klopfendes Herz. Emil Otto beobachtete heimlich die Verlobten, er sah die gleichgültigen Gesich­ter und bemerkte, wie wenig sie sich zu sagen hatten, kein­mal verließen sie die Gesellschaft, um sich, wie andere

| glückliche Paare, für den Zwang schadlos zu halten. Nur eine höfliche, sehr förmliche Begrüßung wechselten die Komtesse und Ebenstedt, es fand sich keine Gelegenheit zu einer Unterhaltung.

Wie schön Du bist!" das sagten Emil Ottos Blicke der Braut Lenners, und sie verstand diese stumme, be­redte Sprache der heißen, dunklen Augen.

Meine Frau und Tochter sind nach Berlin wegen der Aussteuer gereist," erzählte Graf Mören gelegent­lich.Es paßte mir nicht, daß Alwina durchaus dar­auf bestand, nachher die Verwandten in Pommern zu besuchen, aber natürlich mußten wir Alten nachgeben, heutzutage gehorchen wir Eltern den Kindern statt um­gekehrt."'

Emil hörte es und dachte:Sie flieht mich, sie will jedes Alleinsein vermeiden."

Täglich ritt jetzt' Ebenstedt nach Kreibach hinüber und lernte mit Feuereifer beim Verwalter des Grafen, bei der Uebersiedelung nach Langenholzen hoffte der neue Besitzer etwas von deutscher Landwirtschaft zu verstehen. Unterdessen kamen große Kisten an, sie enthielten.die gesammelten Erinnerungen aus aller Herren Länder, die das Haus des Heimgekehrten schmücken sollten. Mit gro­ßer Liebe bereitete der Sohn der Mutter ein trauliches Nest, hier sollte die Geprüfte, die durch des Kindes Schuld gelitten hatte, von Liebe umhegt, sich glücklich fühlen.

Im November holte Klingberg sein junges Weib nach Doloresruh. Sie wünschten beide keine Hochzeitsreise zu machen, auch darin stimmte ihr Geschmack überein. Al­wina hatte versprochen, zum Ehrentage der Freundin nach L. zu kommen, telegraphierte aber in letzter Stunde ab. Diese Nachricht teilte Nora betrübt dem Verlobten und Emil Otto mit, als sie am Tage vor der Feier im Stift ankamen.

Die alten Fräulein waren in höchster Aufregung, schon wochenlang hatten sie ihre seidenen Kleider gelüftet, seltsame altmodische Röcke und Taillen kamen zum Vor­

schein, schwere geblümte Brokat- und Altlasstoffe wur­den hervorgeholt und anprobiert. Zum Polterabend tanz­ten zwei Paare ein feierliches Menuett und, verschie­dene Deklamationen und Aufführungen, an denen sich auch Noras Schülerinnen beteiligten, erheiterten die An­wesenden. Es war erstaunlich, wie viel Liebe sich die hübsche Braut in der kurzen Zeit erworben hatte. Kopf an Kopf war die Kirche besetzt, als die Orgel erklang und die weiße, schlanke Mädchengestalt am Arm Kling- bergs erschien. Der kleine Emil Otto trippelte an der Großmutter Hand hinterher, dann kam Frau von Eben» stedt, von ihrem Sohne geführt, und paarweise folgten die Stiftsdamen. Selbst die Schwestern Zeumern hat­ten es sich nicht nehmen lassen, Nora an den Altar zu begleiten, Klingbergs ritterliche Zuvorkommenheit hatte ihre Herzen gewonnen.

Erfreut dachten sie:Er hat uns zum Sommer nach Doloresruh eingeladen."

Nach der Trauung versammelte man sich im großen Speisesaal des Stiftes, der nur zu feierlichen Gelegen­heiten benutzt wurde. Im Schmuck des alten Silbers und Kristalles prangte die lange Tafel. Nora saß zwi­schen ihrem Gatten und dem kleinen Stiefsohn, der sich immer wieder zärtlich an sie schmiegte und ihr dankte, daß sie nun wirklich in Doloresruh bei ihm bleiben werde. Emil Otto verbarg seine Enttäuschung über Al­winas Absage und spielte den Liebenswürdigen bei den Stiftsfräulein, die alle miteinander für den interessanten Bruder der Braut schwärmten.

Strahlend erleuchtet war das Heim der Neuver­mählten, als sie seine Schwelle betraten. Die Arbeiter der Fabrik standen in ihren besten Kleidern vollzählig da, und der erste Werkmeister hielt eine schöne Rede, donnerndes Hochrufen folgte ihr. Jetzt ertönt die Stimm« Klingbergs, der ihnen dankt, neben ihm steht sein jun­ges Weib, auf den starken Arm dessen gelehnt, den sie innig liebt. 187,18*