Schüchterner Zeitung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicker Ratgeber.
T-l-s-n Nr.«». vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". r-l-s°n Nr. «s.
Erscheint Mittwoch und Sanwtag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
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Mittwoch, den 20. Dezember 1911.
62. Jahrgang.
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Die im 62. Jahrgang erscheinende Schlüchterner Zeitung mit amtlichem Kreisblatt ist mithin die älteste und verbreitendste Zeitung im Kreise Schlüchtern und weit noch über denselben hinaus und finden Inserate in derselben wirksame Verbreitung.
n r Kaiserin der Zustellung unserer Zeitung durch die Post beim bevorstehenden Quartalswechsel vermeiden will, der
rlllr I I rilllri IIIIII ^Olle dieselbe so bald wie möglich bei dem betreffenden Postamts bestellen. Nur diejenigen auswärtigen Postabonnenten, welche bis spätestens 28. Dezbr. unsere Zeitung wieder gestellt haben, können verlangen, y baß ihnen unsere Zeitung vom 1. Jan. ab pünktlich von der Post geliefert wird. Wer später bestellt, muß nach den amtlichen Bestimmungen für Nachlieferung der ersten Nummern des neuen Quartals eine besondere Gebühr von 10 Pfg. bezahlen. — Jede Postanstalt und jeder Landbriesträger ist verpflichtet, Abonnements-Bestellungen anzunehmen.
Zu recht zahlreichen Bestellungen auf das mit dem 1. Jan. 1912 beginnende neue Vierteljahr ladet freundlichst ein
die Expedition der „Schlüchterner Zeitung".
Amtliches.
Reichstagswahl!
J.-Nr. 1643211. Auf Grund des §24 des Wahlreglements vom 28. Mai 1870, 28. April 1903 hat der Herr Re- gierungs-Präsident den Königlichen Landrat Springorum zu Fulda zum Wahlkommissar für den 7. Wahlkreis, bestehend aus den Kreisen Fulda, Schlüchtern und Gersfeld und den Königlichen Landrat Freiherrn von Dörn- berg zu Gersseld zu dessen Stellvertreter ernannt, was hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht wird.
Im Anschluß hieran ernenne ich gemäß § 8 a. a. Q die Herrn Bürgermeister der Landgemeinden und in den zusammengesetzten Wahlbezirken diejenigen der Hauptgemeinden zu Wahlvorstehern und ihre gesetzlichen Stellvertreter im Bürgermeisteramt zu Wahlvorsteher-Stellvertretern. Als Wahllokale werden diejenigen Räume bestimmt, in denen die regelmäßigen Sitzungen derGemeinde- behörden statifinden. Die Herrn Wahlvorsteher ersuche ich, sich mit den Vorschriften des Wahlgesetzes und des^ Wahlreglements eingehend vertraut zu machen, sich Den' ihnen danach obliegenden Verpflichtungen bereitwilligst zu unterziehen und nach Beendigung der Wahl die Verhandlungen sofort an den Herrn Wahlkommissar-Landrat Springorum in Fulda — einzusenden. Zur Vermeidung von Rückfragen wollen die Herrn Wahlvorsteher sorgfältigst auf die Vollständigkeit der Wahlverhandlungen (Wählerliste, Wahlprotvkoll, Gegenliste, Stimmzettel über deren Gültigkeit es einer Beschlußfassung des Wahlvorstandes nach § 20 des Wahlreglements bedurft hat usw.) achten.
Im übrigen mache ich noch auf folgendes auf- merksam:
Die achttägige Frist für die Auslegung der Wählerliste läuft am 21. d. Mts. abends ab. Die innerhalb dieser Frist eingehenden Einsprüche gegen die Richtigkeit der Wählerliste sind zu prüfen und sofern sie nicht ohne weiteres für begründet zu erachten sind, mir
mit der Wählerliste zur Entscheidung vorzulegen. Nach dem 21. Dezember d. Js. eingehende Einsprüche bleiben unberücksichtigt. Am 4. Januar 1912 sind die übereinstimmenden Wählerlisten vorschriftsmäßig abzuschließen. (Siehe Bundesgesetzblatt 1870 S. 284). Hiernach dürfen Wähler in die Listen nicht mehr ausgenommen werden.
Spätestens acht Tage vor dem Wahltermin ist die Ernennung des Wahlvorstehers und seines Stellvertreters, die Bestimmung des Wahllokales, die Abgrenzung der Wahlbezirke, sowie Tag und Stunde der Wahl in ortsüblicher Weise bekannt zu machen. Mindestens zwei Tage vor dem Wahltermine, also spätestens am 9. Januar n. I. haben die Wahlvorsteher den Protokollführer und die Beisitzer zum Wahltermin einzu- laden. Die Wahlhandlung beginnt am 12. Januar 1912 vormittags 10 Uhr und dauert bis 7 Uhr abends. Die Wahlverhandlungen sind so frühzeitig an den Herrn Wahlkommissar, Landrat Springorum in Fulda abzu- senden, daß sie spätestens am 15. Januar 1912 dort eingehen.
Indem ich nun noch aus die nach der Bekanntmachung des Herrn Reichskanzlers vom 28. April 1903 an dem Wahlreglement vom 28. Mai 1870 getroffene Aenderung, die übrigens auch schon bei den in den Jahren 1903 und 1906 stattgefundenen Reichstagswahl beobachtet worden sind, verweise (s. Kreisblatt 1903 Nr. 22) ersuche ich die Herrn Bürgermeister, sich die pünktliche und ordnungsmäßige Durchführung des Wahlgeschäftes besonders angelegen sein zu lassen.
Schlüchtern, den 18. Dezember 1911.
Der Königliche Landrat: Valentiner.
J.-Nr. 16386. Wie in den Vorjahren wird auch im Jahre 1912 ein Kursus zur Unterweisung von Volksschullehrern im Obstbau in der Obstbauanstalt in Oberzwehren und in Gelnhausen abgehalten
werden. Anmeldungen hierzu ersuche ich, alsbald hierher einzureichen.
Schlüchtern, den 19. Dezember 1911.
Der Königliche Landrat: Valentiner.
J.-Nr. 16432. Durch Kaiserliche Verordnung vom 8. Dezember d. Js. ist bestimmt worden, daß die Neuwahlen für den Reichstag am 12. Januar 1912 stattzufinden haben, was hierdurch bekannt gegeben wird.
Schlüchtern, den 18. Dezember 1911.
Der Königliche Landrat: Valentiner.
Deutsches Reich.
— Aus der Volkszählung 1910. Nach dem endgültigen Ergebnisse der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 betrug die ortsanwefende Bevölkerung im(Deutschen Reiche 64 925 993 Personen (32 040 166 männliche und 32 885 827 weibliche). Die Volkszählung vom 1. Dezember 1905 hatte 29 884 851 männliche und 30 756 u33 weibliche, zusammen 60 641 489 Personen ergeben: die Bevölkerung ist mithin im letzten Jahrfünft um 4 284 504 oder um 7,07 Proz. gewachsen. Im Jahrsünst 1900 bis 1905 betrug die Bevölkerungs- zunnahme 4 274 311 oder 7,58 Proz. Auf je 100 männliche Personen kamen im Jahre 1910 102,6 weibliche.
— Mehrere Blätter bringen Telegramme aus Wilhelmshaven, wonach auch die Affäre des aus dem Gerichtsgefängnis entsprungenen Schutzmannes Glauß sich zu einem großen Landesverrats-Prozeß auszuwachsen scheint. Seit langem schon soll danach die englische Regierung im Besitz der Pläne für die gesamte Wasserversorgung von Wilhelmshavens, einschließlich des neuen Wasserturms sein; man befürchtet weiter,'.daß die wichtige Einfahrt in den Jadebusen verraten sei. Die Marine- inspektion und das Kriegsministerium haben Vertreter entsandt. Glauß lebte seit längerer Zeit auf großem Fuße
Gesühnt.
Roman von G. o. Schlippenbach. 45
„Er ist doch ein prächtiger Mensch," dachte er bei sich," der wird sich so oder so Bahn brechen, auch in den schmierigsten Verhältnissen."
„Welche Nachbarschaft hatLangenholzen?" fragte Emil Otto nach einer Weile.
„Die nächste Nachbarschaft ist Kreibach, das Gut des Grafen Mören, nur ein Wald von einigen Kilometern trennt die Güter."
„Und gehört der Wald zu Langenholzen?
„Nur die Hälfte," berichtete Klingberg, „der Grenzstein in der Mitte bezeichnet Dein Revier. Du wirst-viel Wild darin finden, der bisherige Besitzer hat den Bestand sehr geschont." r
„Und das Gut des GrafenLenner.wieheißtesdoch?
„Steiuthal, es liegt auf der anderen Seite von Lauge, cholzen, weiter entfernt Man muß einige Stationen mit der Bahn zurücklegen. Es ist ein wundervolles Schloß, in dem Komtesse Alwina einst Herrin werden soll, Len- ner ist entschieden die beste Partie weit und breit."
„Und wie ist er als Mensch?"
„Ein unangenehmer, trockener Charakter, pedantisch und hochmütig, es muß bei ihm alles nach der Schnur gehen. Sein Spitzname ist: „Immer korrekt", um Dieser Eigenschaft willen opfert er alles. Ich glaube, es muß kein leichtes Los sein, die Gattin dieses nüchternen For- Menmenschen zu werden, Komtesse Alwin« wird es noch erführen, mir tut sie leid. Nora, die mit ihr befreundet ist, behauptet, sie ist nur äußerlich kalt, unter der Asche glühten die Flammen. Wer weiß, ob sie nicht noch em- mal hervorbrechen. Gern sähe ich dann das Gesicht Lettners, daS von Marmorkälte ist."
Aufmerksam hörte Emil Otto 3", kein Zug seines Gesichtes verriet, was ihn wild durchtobte, höchstens, Daß die Flügel der tiihngeivvlbten Stufe leicht vibrierten und
das klare Braun der Augen sich vor Erregung fast schwarz färbte.
„Sie kann ihn nicht lieben," dachte Ebenstedt, „warum .. warum hat sie sich verlobt?"
„Ich denke, Du begleitest ntid) morgen nach Kreibach'," schlug Klingberg vor, „ich habe Geschäftliches mit Mören zu besprechen, und Du könntest Deine Antrittsvisite machen." ,
„Angenommen! Paßtmirgerade!" rief Emil Otto.
Klingberg fuhr fort, von der Nachbarschaft zu sprechen, er erwähnte audi Mon Varsange und schilderte die Fürstin Degenhart und Felix. Letzteren in keinem anziehenden Licht.
„Leben Degenharts immer in Mon Varsange?
„Nein," enviberte Klingberg lachend, „dazu ist der Fürst zir sehr Lebemann. Er verschwendet sein Geld in der Hanptstadt und kommt immer nur auf kurze Zeit in die ländliche Stille, um seine Nerven itnb seine Börse zu erholen. Im Sommer hielt er es hier länger aus daran war Deine Schwester schuld, um die er sich heiß bemühte. Ich glaube, sie könnte jetzt die Fürstenkrone tragen, wenn sie nur gewollt hätte. Statt dessen wird sie nur Frau Klingberg."
Ein glückliches Lächeln erhellte das ernste Manner- gesicht des Fabriksbesitzers, als er ans eine Braut dachte, an ihr freimütiges, frisches Wesen und an ihre anmu-
am
tige Weiblichkeit. . . m
Als die Arbeiter durch ihren Herrn von seiner Verlobung erfuhren, brachten sie ein donnerndes Hoch aus.
„Kinder, wünscht mir Gliick," hatte der Bräutigam gesagt; „ich heirate wieder, und zwar das Fräulem Nora von Ebenstedt, die im Sommer hier war."
„Ein Hoch dem gnädigen Fräulein!" schrie em halbwüchsiger Junge, eS war der Großsohn der Guste We- bell, und abermals rief alles Hurra.
Emil Otto und sein zukünftiger Schwager führten daS erwähnte Gespräch einige Tage nach ihrer Rückkehr nach Doloresruh. Heute wollten beide nach Kreibach hinüber.
„Sag' mir doch, lieber Fritz, was zieht man bei solcher Antrittsvistte an?" fragte Emil Otto. „Ich bin so lange Europa fern geblieben, datz ich es nicht mehrweiß."
„Schwarzer Gehrock und schwarze Kravatte sind unerläßlich," meinte Klingberg, über das unglückliche Gesicht Ebenstedts lachend; „Du mußt Dich der Mode fügen."
„Ich weiß es," seufzte Emil Otto. „Mir ist am wohl- sten in meinem Veloet-Rock. Drüben hat niemand danach gefragt, was man trägt; wie kleinlich man hier in vielen Dingen ist; als ob das Kleid den Wert des Menschen bestimmt."
Als sie in Kreibach ankainen, ritt Graf Adolf soeben von der Parkseite vor das Haus, er stutzte beim Anblick von Klingbergs Begleiter.
„Mr. Tom White?" fragte er verwundert.
„Nein, Herr Graf, Freiherr Emil Otto von Ebenstedt,* stellte Klingberg vor, „der Bruder meiner Braut, der Langenholzen zu kaufen gedenkt."
„Sehr angenehm," entgegnete Mören verbindlich und reichte dem neuen Nachbar die Hand.
„Ich wollte nicht ermangeln, mich Ihnen gleich oor- zustellen, Herr Graf," sagte Emil Otto höflich. „Darf ich Sie um Ihren erfahrenen Rat bitten? Ich bin ein Neuling und fürchte die Sache nicht zu verstehen."
„Aber gewiß. Herr Baron; kommen Sie, so oft Sie wollen; Langenholzen. grenzt an Kreibach. Ich freue mich, daß das hübsche Haus endlich wieder bewohnt sein wird; der bisherige Besitzer lebte in der Stadt. Eine prächtige Jagd finden Sie vor. Sie sind doch Jäger?"
Emil Otto lächelte. „Allerdings, obgleich ich in den Tropen andere Jagdbeute erlegte als Hasen und Rehe."
„O, davon müssen Sie mir erzählen," rief Graf Mören lebhaft; „ich brenne darauf. Immer habe ich es mir gewünscht, dem König der Wüste Auge in Auge gegenüber zu stehen. Einmal habe ich in Rußland einen Bär geschossen, das war einer dergliicklichsten Tage meines Lebens." 187,18*