Einzelbild herunterladen
 

Zchluchterner Zeitung

mit amtlichem Areisblatt

Telefon Nr. 65.

Alonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat". Telefon Nr. g».

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 99

Mittwoch, den 13. Dezember 1911

62. Jahrgang

Amtliches.

J.-Nr. 6604. K. A. Der Herr Minister für Land­wirtschaft, Domänen und Forsten hat zur Erleichterung der Ausbildung tüchtiger Baumwärter an der Obst­bauanstalt der Landwirtschaftskammer in Oberzwehren auch für 1912 einen Staatszuschuß als Beihilfe zu den Kosten der Ausbildung geeigneter Personen, die später im öffentlichen Obstbau tätig sein sollen, be­willigt.

Die Höhe des Zuschusses für eine Person beträgt durchschnittlich 80130 M., je nach den Kosten, welche den Teilnehmern für Aufenthalt und Reise erwachsen.

Unter Bezugnahme auf meine Kreisblattbekannt- machung vom 1. Februar d. Js. J.-Nr. 7709/10 mache ich Gemeinden und Interessenten auf diese Gelegenheit erneut aufmerksam und ersuche, etwaige Gesuche um Zulassung zu einem Ausbildungskursus spätesten bis zum 20. Januar n.Js. an mich einzu- reichen. Ich bemerke dabei, daß wahrscheinlich auch in 1912 der Kreis-Ausschuß zu den Baumwärter-Aus- bildungskosten einen namhaften Zuschuß gewähren wird. Die näheren Bedingungen über die Ausbildungskurse selbst können bei mir eingesehen werden.

Schlüchtern, den 7. Dezember 1911.

Der Vorsitzende des Kreis-Ausschuffes: Valentiner.

Die Arbeit des Reichstags.

Der nunmehr geschlossene Reichstag kann inbezug auf seine Tätigkeit in zwei Perioden geteilt werden. Die erste Periode von 1907 bis 1909 war die des

Blocks. In tiefer Zeit ist das Vereins- und Versamm- lungsgesetz zustande gebrecht worden, das Börsengesetz, ow Sicherung 1 e? Bäuforderungen, die Abänderung der Haftpflicht des Tierhalters, die Milderung des Majestäts­beleidigungsparagraphen, der kleine Befähigungsnachweis, das Weingesetz, das Automobilgesetz, das Gesetz zur Bekämpfung des unlauteren Wettbewerbs, das Viehseuch- gesetz und die Abänderung des Unterstützungswohnsitz- gesetzes. Auf der Grenze der beiden Perioden stehen die Aufbesserung der Beamtengehälter und die Reichs­finanzreform, die als eine Großtat des verflossenen Reichstags bezeichnet werden darf. Die Anerkennung, ein Werk von unermeßlicher Tragweite zustande gebracht zu haben, das die Grundlage der durchgreifenden Ge­sundung der Reichsfinanzen geschaffen und seine er­sprießliche Wirkung bereits drei Jahre bewiesen hat,

prieniicye Wirrung oereiis vrei ^uyit uuuiqcn y«*, ............

können dem Reichstage oder genauer der aus den rechts-1 Die Wirksamkeit der Alters- und ^nvlladenver- stehenden Parteien und dem Zentrum zusammengesetzten 'sicherung zeigt eine im Reichsversicherungsamt gefertigte

Mehrheit nur die versagen, die entweder überhaupt keine nationale Pflicht kennen, wie die Sozialdemokratie, oder diejenigen, denen die Partei über das Vaterland geht.

In der zweiten Periode, die von Ende November 1909 bis zum 5. Dezember 1911 dauerte, ist als wich­tigster Gegenstand das Zustandekommen der Reichsver­sicherungsordnung zu nennen, die ein ungewöhnlich großes Maß von Arbeit erfordert hat und durch eine weit größere Mehrheit hergestellt worden ist; nur die Sozialdemokratie, die sich so gern als Arbeiterpartei be­zeichnet, verhielt sich auch hier ablehnend. Im Zu­sammenhang mit der Reichsversicherungsordnung steht die Aufhebung des Hilfskassengesetzes. Dasselbe gilt von dem Gesetz über die Versicherung der Privatbe- amten, dessen einziger Gegner ebenfalls die Sozlaldemo- kratie war. Als eine Folge der Reichsfinanzreform ist die Reichswertzuwachssteuer eingeführt worden. Zu nennen ist ferner das Gesetz über den Absatz von Kali­salzen, das einer Verschleuderung unseres wertvollsten Bodenmonopols wirksam vorbeugt, die Einführung von Schiffahrtsabgaben und das neue Quinquennat, das bis zum 31. März 1916 beschlossen worden ist und unsere Landmacht organisatorisch weiter bildet.

Gegen Schluß des Reichstags ist noch das Klein- aktien-Gesetz für Kiautschon angenommen worden. Han­dels- und Schiffahrtsverträge sind mit Portugal und Schweden abgeschlossen worden, die Handelsbeziehungen mit Japan und Nordamerika wurden geregelt, die Handelsbeziehungen mit England haben dreimal den Reichstag beschäftigt.

Unerledigt geblieben sind die Strafprozeßordnung, die kleine Strafgesetznovelle, die neue FernsprechgebüAen- ordnuug, das Kurpfuschergesetz, das Arbeitskammergefetz und der Entwurf über die Errichtung eines Koloniat- und Konsulargerichtshofes.

So darf der verflossene Reichstag mit Befriedigung auf die von ihm geleistete Arbeit zurückblicken, die im ganzen genommen ungewöhnlich reichhaltig und frucht­bar gewesen ist, und wir wollen hoffen und wünschen, daß dem neuen Reichstag eine ebenso ersprießliche Tätig- eit beschieden sein möge.

Deutsches Reich.

Die Auflösung des Reichstags und die Vornahme der Neuwahlen am 12. Januar ist durch zwei kaiserliche

Verordnungen imReichsanzeiger" veröffentlicht worden.

Zusammenstellung. Danach betrug die Zahl der seit dem 1. Januar 1891 bis einschließlich 30. September 1911 von den 31 Versicherungsanstalten und den 10 vorhandenen Kasseneinrichtungen bewilligten Invaliden­renten 1952 328. Davon sind infolge Todes oder Auswanderung des Berechtigten, Wiedererlangung der Erwerbsfähigkeit. Bezuges von Unfallrenten oder aus anderen Gründen weggefallen 1 016 099, so daß am 1. Oktober 1911 liefen 936 229 gegen 928 882 am 1. Juli 1911. Die Zahl der während desselben Zeit» raums bewilligten Aliersrenten betrug 501 707. Da­von find infolge Todes oder Auswanderung der Be­rechtigten oder aus anderen Gründen weggefallen 407 255, so daß am 1. Oktober 1911 liefen 94 452 gegen 95 470 am 1. Juli 1911. Krankenrenten wurden seit dem 1. Januar 1900 bewilligt 124 152. Davon sind infolge Todes Wiedererlangung der Erwerbstätig­keit oder aus anderen Gründen weggefallen 107 979, so daß am 1. Oktober 1911 liefen 16 173 gegen 16 433 am 1. Juli 1911.

Die erste polnische Apothekerin in Deutschland ist Fräulein Jadwiga Sikorska, Tochter eines Post- sekretärs in Breslau, welche vor kurzem auf der Bres- lauer Universität die Staatsprüfung als Apotheker be­standen hat.

Eine polnische Volksbank ist in den letzten Tagen auch in Allenstein gegründet worden, wiederum ein Be­weis dafür, daß die Polen in Ostpreußen immer mehr Fortschritte machen.

Eine Zählung der Waldbrände in Preußen ist soeben beendet worden, aus der sich eine ganz unge­wöhnliche Zunahme ergibt. Während im Jahre 1908 die beschädigte Fläche 1279 Hektar betrug. wuchs sie im Jahre 1909 auf 8917; der Schaden wuchs von 130 000 Mk. auf 1 698 900 Mk., also um mehr als das Zehnfache an. Von den einzelnen Regierungsbe­zirken war der Bezirk Düsseldorf mit 65 Bränden in 108 Besitzungen mit 366 Hektar und 109 000 Mk. Schaden beteiligt, der Bezirk Hannover mit 26 Bränden in 28 Besitzungen und 41 Hektar Fläche, der Bezirk Stettin mit 20 Bränden auf 21 Besitzungen uud 24 Hektar Fläche, der Bezirk Breslau mit 8 Bränden auf 8 Besitzungen und 16 Hektar Fläche, der Bezirk Liegnitz mit 23 Bränden auf 23 Besitzungen und 24 Hektar Fläche, der Bezirk Erfurt mit 8 Bränden auf 8 Be« sitzungen, der Bezirk Posen mit 7 Bränden auf 7 Be­sitzungen, Schleswig mit 13 Bränden auf 13 Besitzungen und Münster mit 57 Bränden.

WK

Gesühnt.

Roman von G. v. Schlippenbach.

42

Dies steife, kalte Mädchen!" rief Frau von Eben- stedt,nein, die paßt nicht zu meinem warmherzigen Jungen. Und dann.. Du vergißt den Flecken auf ferner Ehre."

Meiner Ansicht nach ist er ausgelöscht. Wer wird sich noch der alten Geschichte erinnern?"

Während Nora es sagte, durchzuckte es sie wre ein Blitz, daß Felix es allerdings tat; seine hämischen Worte Selen ihr schwer aufs Herz. Wie, wenn der Fürst aus lache für den Korb der Schwester es den Bruder ent­gelten ließ, wenn er ihm zu schaden suchte?

.Nein, das darf nicht sein," dachte sie,das wäre nie­drig, unglaublich gemein von Felix, für so schlecht halte ich ihn doch nicht."

Die Freifrau war aufgestanden und umarmte ihr schönes Kind. , , , .

Wenn ich Euch doch beide noch glücklich verheiratet sähe," sagte sie innig. , t

Um es zu werden, muß wahre Liebe der erste Faktor sein," entgegnete Nora leise.Du tust aber Alwina Un­recht, wenn Du sie für kalt hältst, liebe Mutter, sie ist es nicht, ihr wahres Sein verbirgt sich hinter der Maske.

Wenn sie Graf Lenner heiratet, wird sie wahrschein­lich nicht besonders unglücklich werden, aber ebenso we­nig wird sie das kennen lernen, was doch jedes Men­schenherz ersehnt, ein reiches, großes Glück!"

Aber Dir soll es werden, mein Liebling, Dir und Emil Otto," flüsterte die Freifrau und legte wie seg­nend die Hand auf das weiche Haar des jungen Mädchens.

Mutter," Nora stockte,und .. und wenn ich nun einen Mann liebe, der einem anderen Stande angehort, wenn sein Adelsdiplom das der Arbeit ist, und wenn er eines Tages zu Dir käine und Dich um Deine ytora bäte; wenn auch ich..." Verwirrt hielt sie inne.

Du meinst Klingberg?" fragte die Mutter, und als das heiße Erröten ihrer Tochter das bestätigte, zog sie sie in die Arme, und ihre Stimme war sehr bewegt, als sie entgegnete:So mag er kommen, ich werde nicht nein sagen, ich babe nur den einen Wunsch, Dich glück­lich an der Seite eines edlen Mannes zu sehen, wenn er auch kein Edelmann von Geburt ist," lautete der Mutter Antwort.

Um vier Uhr nachmittags stand Nora bererts war­tend auf dem Bahnsteig in M., als der Schnellzug in die Glashalle brauste und Mörens ausstiegen; die bei­den Freundinnen umarmten sich herzlich.

Du siehst aber bleich aus, Liebste," bemerkte Nora, Du bist doch nicht krank gewesen?"

Nein, ich bin müde, weiter ist es nichts; tue Tage in Stockholm waren etwas anstrengend."

Und wie war es am schönen Trollhätta? Du hast ihn wohl einige Mal besucht, nicht?" fragte Nora.

Ja, zweimal."

Mehr sagte die Komtesse nicht, sie schien überhaupt nicht gern von Schweden zu sprechen. Nora hatte das Gefühl, als müßte Alwina dort etwas erlebt haben, an das nicht gerührt werden durfte. Was mochte es wohl sein?

Du weißt doch, daß wir bald nach unserer Heim­kehr" meinen Bruder wiedersahen, ich schrieb es Dir."

Ja, ich erinnere mich. Wo ist er jetzt?"

Emil Otto besucht einen Freund in Schweden, er wird wohl noch einige Wochen dort bleiben."

So?" lautete dre gleichgültige Erwiderung der Kom- tesse" welche die ganze Zeit mit ihren Gedanken wert abzuschweifen schien. Sie fing an, nach dein Suft zu fragen und sprach auch von den Ihrigen mKrerbach.Len- ners Name wurde ebenfalls vorübergehend erwähnt, ohne daß sich ein Zug des kalten, stolzen Gesichtes ver- ""^Wird sie sich wirklich mit ihm verloben, kann sie es?" dachte Nora,sie liebt ihn nicht, aber trotzdem glaube ich, daß sie Lenners Braut rvird."

Nur allzu schnell verging die kurze Stunde des Wie­dersehens, die Reisenden mußten einsteigen, während Nora noch einige Minuten zu warten hatte.

Lebe wohl, Alwina, und mögest Du glücklich wer­den," sagte Nora innig und leise,ich werde wohl bald von Dir hören?"

Gewiß, in acht Tagen bekommst Du meine Ber- lobungsanzeige und Brautschwester mußt Du natürlich sein," lautete die ruhigere Erwiderung.

Kopfschüttelnd blickte Nora dem Zug nach.Wie ist es möglich, so zu sein!" dachte sie;sich zu opfern und einem ungeliebten Manne zum Altar zu folgen, wäre mir unglaublich schwer, ich könnte es nicht."

Ein Lächeln teilte den roten Mund der Sprecherin. Auf der Heimfahrt dachte sie an das, was ihr die nächste Zeit bringen würde. Jetzt, wo die Mutter in ihrer lie­bevollen Art Klingbergs Kommen erlaubt, jetzt würde er kommen und sie bald als seine Braut begrüßen.Na­türlich werden die Stiftsdamen zuerst entsetzt sein, daß ich einen liebe, über dessen Name keine Krone prangt; dafür hat ihn die Arbeit geadelt, die Liebe seiner vie­len Untergebenen ist sein Freiherrndiplom," dachte Nora bei sich.

Zwei Wochen später flogen die Verlobungsanzeigen der Baronesse Nora mit dem Fabrikbesitzer Klingberg in die Häuser der Freunde und Verwandten. Auch die Für­stin Degenhart und ihr Sohn erhielten die Nachricht. In ihrer heftigen Art zerriß Heloise das Papier, während Felix höhnisch bemerkte:Echauffiere Dich nicht, Mama, es lohnt sich nicht. Nora Ebenstedt findet wahrschein, lich den Namen Klingberg schöner als den eigenen."

Felix, ich fürchtete, daß Dir diese Verlobung Schmerz bereiten würde," sagte die Fürstin.

Warum? Weil ich ihr im Sommer den Hof machte? Mein Gott, das will doch nichts sagen; ich habe schon so vielen Mädchen in ähnlicher Weise gehuldigt, ohne deshalb an die Ehe zu denken." 187,18*