SchluchtemerAitung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 65. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. «5.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 97.
Die Erklärungen des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg über das -eutfch-sranMscheAbkommen.
Meine Herren! Zur Beurteilung der Ihnen vorliegenden Abmachungen wird es zunächst von Wert fein, die letzte Entwicklung der marokkanischen Frage und einiges Wesentliche aus den getroffenen Abmachungen vorzutragen. (Schluß.)
Warum ist Südmarokko nicht begehrenswert?
Meine Herren, ich habe Ihnen dargelegt, daß wir durchgesetzt haben, was wir gewollt haben. Im gemeinen Leben nennt man das nicht Schwäche. Aber der Vorwurf ging wohl nach einer anderen Richtung, daß wir hätten mehr, daß wir ein anderes hätten wollen sollen; das habe die Ehre und das Ansehen Deutschlands gefordert, entweder Südmarokko oder die Wiederherstellung der Algecirasakte, also ein Entweder — Oder. Ja, meine Herren, wem der Besitz von Südmarokko als ein Lebensinteresse Deutschlands gilt, wer in der Nichtbeanspruchung dieses Besitzes eine Preisgabe des Ansehens Deutschlands erblickt, der kann kein „Oder" kennen, der muß verlangen, daß wir in den Krieg ziehen, um Südmarokko zu erobern, für den kann die^ Lederherstellung der Algecirasakte kein gleichwertiges Aequi- Valent sein.
Mit dieser Formel ist also vom Standpunkte der Ehre und des Ansehens Deutschlands nichts anzufangen, aber auch nicht vom Standpunkte praktischer Realpolitik aus. Südmarokko war für uns um deswillen nicht begehrenswert, weil uns seine Erwerbung, seine Sicherung und Verteidigung Opfer auferlegt.haben würde, die mit dem Werte des Landes nicht im Einklang stehen. Das ist bis in den letzten Sommer hinein die allgemeine Ueberzeugung gewesen. (Sehr richtig! links.) Ich will nicht von Bismarck sprechen, der bekanntlich den Wunsch aussprach, Frankreich möge sich Marokko aneignen. Sie würden mir vielleicht erwidern: inzwischen haben sich die Zeiten geändert. (Sehr richtig! links.) Aber auch nach Bismarck ist ununterbrochen die Ansicht vertreten worden, daß wir politische Rechte in Marokko nicht zu verfolgen hätten. Feierlich anerkannt worden ist diese Ansicht durch das Februarabkommen von 1909', und alle Parteien dieses Reichstags haben diesem Anerkenntnis zugestimmt. (Sehr richtig! rechts.) Woher soll fidj denn nun mit einem Male die Angelegenheit geändert haben? Meine Herren, Südmarokko ist zweiffelos ein schönes Land. Es soll sehr erzreich sein, es soll frucht-
Mittwoch, den 6. Dezember 1911.
baren Boden haben, auf dem sich deutsche Auswanderer ansiedeln können. Ich will darüber nicht streiten, wiewohl sich über eine marokkanische Siedlung mancherlei Anmerkungen machen ließen. Ich nehme an: es ist ein außerordentlich wünschenswertes und erstrebenswertes Stück Erde, aber ich muß doch sagen: wer es für die Aufgabe Deutschlands ansieht, erstrebenswerte Länder durch den Krieg zu erobern, der könnte doch ebenso gut, wenn nicht vielleicht besser als auf Marokko auch noch auf andere Länder verfallen. (Heiterkeit links.) Das ist ja auch tätsächlich geschehen, sogar inbezug auf europäische Länder. Meine Herren, das sind phantastische Spielereien. (Sehr richtig! rechts), und ich wundere mich nur, daß es immer noch Menschen im Auslande gibt, welche ihnen eine Bedeutung für die deutsche Politik beilegen.
Deutschland — stark auf dem Kontinent.
Meine Herren, eine starke Politik kann Deutschland gerade im Sinne einer Weltpolitik nur führen, wenn es sich auf dem Kontinent stark erhält. Nur das Gewicht, das wir als Kontinentalmacht einsetzen, ermöglicht Welthandel und Kolonialpolitik — beide fallen in sich zusammen, wenn wir uns zu Hause nicht stark halten. Erwerben wir Außenpositionen zu deren Sicherung wir unsere kontinentalen Krchte verzetteln und schwächen müssen, dann sägen wir den Ast ab, auf dem wir sitzen. Deshalb ist es von der deutschen Politik in den letzten Jahrzehnten richtig gewesen, daß sie keine politischen Aspirationen in Marokko verfolgte, und deshalb sind wir auch jetzt auf dem richtigen Wege gewesen, indem wir Landerwerb in Marokko von vornherein aus unserer Aktion ausschieden. Ich nehme es, meine Herren, alg ein Verdienst unserer Politik in Anspruch, daß wir der Utopie eines Landerwerbs in Marokko nicht nachge laufen sind.
Keine Präventivkriege.
Meine Herren, die Klagen, über schlechte Politik stammten aber nicht nur aus den Kreisen derer, die ein Stück Marokko für uns haben wollten; sie gingen weit darüber hinaus. Meine Herren, sollen diese Klagen einen anderen Sinn haben als den, der eigenen Regierung in auswärtigen Angelegenheiten Schwierigkeiten zu machen, dann müssen sie doch ein greifbares Ziel zeigen. Ich spreche nicht von denen, die in diesem Sommer schlechthin den Krieg wünschten; auch deren gab es (Sehr richtig!), aber ihre Zahl war nicht so groß wie die Worte die sie in den Mund nahmen.
Andere, meine Herren, wollten den Präventivkrieg,
62. Jahrgang.
sei es gegen Frankreich, sei es gegen England, sei es gegen beide zugleich. Sie alle wissen, wie Bismarck über Präventivkriege dachte. Sein Rat — so hat er gesagt — würde nie dahin gehen, einen Krieg deshalb zu führen, weil er später doch einmal geführt werden müsse, so könne er der Vorsehung nicht in die Karten sehen. Auch einen siegreichen Krieg betrachtete er an sich immer als ein Uebel (Sehr richtig!), das die Staats» kunst den Völkern zu ersparen bemüht sein müsse. Nun, meine Herren, das sind die Grundsätze, die uns auch jetzt geleitet haben. Niemand kann wissen, ob Deutsch» land dereinst ein Krieg mit seinen Nachbarn beschieden sein wird. Für mich aber, der ich heute die Verantwortung zu tragen habe, ist es Pflicht, die Geschäfte so zu führen, daß ein Krieg, der vermieden werden kann, der nicht von der Ehre Deuffchlands gefordert wird, auch vermieden wird. Das sind die Grundsätze gewesen, nach denen die Marokkopolitik in ihrer letzten Episode geführt worden ist.
Der Grundstein für bessere Beziehungen zu Frankreich.
Meine Herren, Marokko war eine dauernd schwärende Wunde in unserm Verhältnis nicht nur zu Frankreich, sondern auch zu England. Der Zug der Franzosen nach Fez hat ein akutes Stadium herbeigeführt und eine Operation notwendig gemacht. Wir haben sie unternommen, um die Wunde zu heilen. Wir wären niemals zu den Ergebnissen gekommen, die Ihnen jetzt vorliegen, wenn nicht beide Regierungen demselben Ziele zugesteuert hätten. Ich erblicke darin einen großen Ge» winn, daß es Deutschland und Frankreich möglich gewesen ist, sich über eine so heikle, so viele offene und latente Gefahren in sich bergende Frage, wie es die Marokkofrage ist, im Wege friedlicher Verständigung zu einigen. Diese Tatsache ist mehr wert als alle Diskussionen über Schiedsverträge und über Abrüstung; sie kann die Grundlage werden zur Anbahnung und Festigung eines Verhältnisses, wie es den wahren Bedürfnissen und dem Fortschritt der großen Nationen entspricht. Gewiß kann erst die Zukunft auf dieser Grundlage bauen; aber es wäre eine Versäumnis der Gegenwart gewesen, wenn sie den Eckstein verworfen hätte, anstatt ihn zu legen.
Reiner Tisch gegenüber England
Ich sprach davon, daß die Marokkofrage auch unser Verhältnis zu England tangierte. Auch darüber noch ein kurzes Wort. Kraft vertraglicher Abmachungen stand bei allen marokkanischen Differenzen zwischen Frankreich
Gesühnt.
Roman von G. o. Schlippenbach. 39
„Wenn ich ihn achte, ist es nicht genug, liebe Großmutter?"
„Nein, mein Kind, wir Mörens sind trotz unserer nordischen Abstammung ein lebhaftfühlendes Geschlecht; eine meiner Ahnen stammt aus Italien, es rollt auch heißes, südländisches Blut in unseren Adern. Ich sollte als junges Mädchen einem ungeliebten Manne zum Altar folgen; ich weigerte mich standhaft, weil ich einen anderen im Herzen trug, Deinen Großvater, der damals noch nicht der Besitzer dieses Schlosses war, erst durch seines Bruders Tod wurde er Majoratsherr auf Mören- holm. Meine Eltern gaben schließlich doch nach, und nie habe ich es bereut, der Stimme des Herzens gefolgt zu sein."
Der blonde Kopf Alwinas beugte sich unter der welken Greisenhand, die wie segnend auf dem Scheitel der Enkelin ruhte.
„Ich werde gewiß ganz gliicklich mit Lenner werfen, Großmama," sagte sie ruhig, „wir stimmen in nie«
Dingen überein, ich denke, das ist die Hauptsache. Nachbarskinder kennen wir uns lange, und seit Jah- ren habe ich mich an den Gedanken gewöhnt, unb Eduard
wirklich ein guter Mensch."
. Unzufrieden schüttelte die alte Dame das Haupt. „Gott leite Dich auf allen Deinen Wegen," sagte sie innig.
Es war Alwinas Wunsch, noch einmal allein den ^rollhätta zu besuchen, den Eindruck des großartigen Naturwunders andächtig in sich aufzunehmen, nicht wie das erste Mal in lärmender, zahlreicher Gesellschaft die Fälle zu bewundern. So machte sie sich denn am vorletzten Tage auf und war eigentlich froh, du ^räu* lsiu Elsheim, die sie zuerst begleiten sollte, durch ein kleines Unwohlsein in Mörenholm zürückzubleiben gezwungen war.
Kaum angekommen, nachdem Alwina die Eisenbahn- fahrt zurückgelegt, wurde sie von einer Schar barfüßiger Knaben umringt, die sich als Wegweiser anboten. Sie gab ihnen einige Oere und dankte für ihr Geleit, denn sie kannte ja den Weg von ihrem ersten Ausfluge her.
Der Gullö-Fall ist der erste; hier braust das wilde Element jahraus- und ein in seiner ewigen Kraft und Schönheit, in seiner unendlichen Großartigkeit. Obgleich dieser Fall nur 28 Fuß Höhe hat, wirkt er sehr pittoresk, weil er mit seinen schäumenden Armen eine kleine grüne Insel umfängt. Es schien Alwina, als erzittere der Felsen, auf dem sie stand, tobend stürzte das Wasser zwischen den Felsenblöcken in den tief ausgehöhlten Abgrund.
Friedlich und dunkel lag der Wald an beiden Ufern da, die Bergwände mit seinem Grün schmückend. Fast mißtönend erklang der Pfiff Der kommenden und gehenden Dampfer, die immer wieder die Besucher des Troll- Hälta landeten. Richtig, da kam abermals solch eine bunte, lustige Gesellschaft, den roten Bädeker in der Hand, in großkarrierten Touristenanzügen, dieses Mal hauptsächlich Engländer. Doch nein. Alwina sah schärfer hin, ihr Bekannter von der Seereise war auch dabei; es war Tom White, der soeben mit einem tollkühnen Satze elastisch von dem hohen Felsblock zur Erde sprang.
Nun steht er vor der Komtesse, und sie sehen sich verwundert an.
„Sie hier?" sagte White, und es zitterte ein großes," schwer zu verbergendes Glück durch seine Stimme.
„Ja, wie Sie sehen," lautet ihre Entgegnung, die kalt sein soll, und doch fügt sie hirM: „Ich freue mich, daß wir uns gerade hier treffen, Mr. White.
„Ich bin kein Englö ider," entgegnet er schnell und abwehrend.
„Nicht?" fragt sie erstaunt; „der Name ließ es mich vermuten.*
„Welcher Nationalität gehöre ich wohl an, gnädigster Fräulein? fragt Tom White lachend.
„Das ist immer schwer zu sagen, Sie haben von alle« etwas," meint Alwina nachdenklich.
„Nun, ich bin ebenso gut ein Deutscher wie Sie, Komtesse. Sie sehen verwundert aus. Ja, ja, wenn man lange fern von der Heimat unter verschiedenen Zonen gelebt hat, dann paßt man oft nicht mehr in den engen Rahmen europäischer Verhältnisse hinein. So fürcht« auch ich, daß es mir gehen könnte."
Sie waren im Gespräch bis an den Soppöfall gekommen, aus welchem ein kleiner runder Felsen gleich dem Kopfe eines Tritons hervorragt. Dieses ist der größte Fall, da er vierundvierzig Fuß hoch ist; es führt eine Brücke darüber, unwillkürlich schaudert man beim Betreten derselben; der kochende Abgrund läßt das schwach« Werk aus Menschenhänden erbeben. Weit voraus war die laut sprechende und gestikulierende englische Gesell» schaft verschwunden: Tom White und Alwina sind allein. Ueber die eiserne Brüstung der Brücke gelehnt, blicken beide in den alles verschlingenden Abgrund. Lange sprechen sie nicht und lassen die erhabene Schönheit der Umgebung auf sich einwirken. 187,18*
Nun ist ihr stiller Wunsch erfüllt, an ihrer Seite lehnt der Mann, der die Einsamkeit ihrer Seele versteht, zu dem es sie magnetisch hingezogen von der ersten Stunde an. Sie wehrt sich gegen diesen Gedanken, sie will ihm nicht Raum geben, und doch .. und doch ...
„Sie kennen wohl nicht das Gefühl, daß Sie gern das Leben wie ein wertloses Gut von sich werfen möchten ?" fragt Tom White unvermittelt, während sein Gesicht tief umdüstert erscheint.
„Nein," versetzt Alwina ruhig, „wie sollte ich so etwas kennen? Ich liebe keinerlei Aufregungen, und die Schattenseiten des Lebens blieben mir fern/
Eine so eisige Kälte und sprödes Zurückziehen in sich selbst wehten durch diese Worte, daß Tom White schnell sagte: „Verzeihen Sie, ich war unüberlegt."