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Nr. 96.

Samstag, den 2. Dezember 1911.

Jahrgang 62.

Greys Rede.

Aus den Darlegungen des Reichskanzlers im Plenum i und der ausführlicheren des Staatssekretärs des Aus wärtigen Amts in der Kommission des Reichstags mußte jeder Unbefangene den Eindruck gewinnen, daß der im Juli unternommene Versuch des englischen Kabinetts, in die schwebenden deutschfranzösischen Ver­handlungen hineinzureden, im Grunde auf dem Ver­dachte beruhte, Deutschland verfolge mit der Entsendung des Panthers nach Agadir andere Zwecke als die amb lich erklärten. Diesen Eindruck Hai Sir Edward Grey in seiner langen Rede vom Montag nicht verwischen können, im Gegenteil, er hat ihn verstärkt. Grey gibt zu daß die englische Regierung durch den Gedanken beunruhigt war, Deutschland werde sich in Agadir eine Flottenstaiion oder ein Handelsmonopol verschaffen. Weiter gibt Grey zu, daß bei der Lloyd Georgeschen Rede Rücksichten auf die innere Politik Englands mit» spielten. Einen andern Sinn kann seine Bemerkung kaum haben, mit der Rede hätte eine Irreführung der öffentlichen Meinung verhindert werden sollen.

Zur Entschuldigung für die mißtrauische Haltung der englischen Politik führt Grey an, daß er am 4. Juli dem deutschen Botschafter von künftigen Ent­wicklungen, von denen englische Interessen vielleich- berührt werden könnten, gesprochen, aber bis zum 21. Juli, dem Tage der Rede von Lloyd George, keine Antwort erhalten habe. Am 12. Juli habe der enge lische Botschafter Goschen in Berlin den Staatssekretär v. Kiderlen gelegentlich darauf angeredet, daß einmal von einer Regelung der marokkanischen J-rage zu dreien, zwischen Deutschland, Frankreich und Spanien, also mit Ausschluß von England, gesprochen worden sei; der deutsche Staatssekretär habe daraus gesagt, daß niemals ein Gedanke an eine solche Unterhaltung ge wesen sei. Also gar keine und eine negative Antwort. Nun, die Aeußerung Greys vom 4. Juli war keine Erwiderung. Das Schweigen war vielleicht die höf­lichste Form einer Antwort auf eine Mitteilung, die ein deutliches Mißtrauen in die amtliche deutsche Er­klärung vom 1. Juli über den Pantherzweck verriet. Was aber die negative Antwort vom 12. Juli an Goschen betrifft, so hat der weitere Verlauf gezeigt, wie richtig sie war, richtig in jedem Betracht. Angesichts der gegenwärtigen Schwierigkeiten einer Auseinander» setzung zwischen Spanien, Frankreich und England über die spanischen Ansprüche auf Marokko war es klug und weitsichtig gehandelt, daß die deutsche Politik auf jede Beteiligung Spaniens an ihren Verhandlungen mit Frankreich verzichtete.

Gewiß wäre die Beunruhigung in England über die Pantherfahrt begreiflich gewesen, wenn in ihrem Hintergründe die Aufteilung Marrokkos gestanden hätte. Das war aber eben nicht die Absicht, und die englische Regierung hätte sich ihre vergeblichen Einmischungs- ^ersuche erspart, wenn sie den amtlichen deutschen Er­klärungen vom 1. Juli von Anfang an vollen Glauben

W«WSMW^M»Wl»«SaWML -^A»»syiW»«SM«S^^L«iS^^ Gesühnt.

Roman von G. v. Schlippenbach. 38

Und der Eindruck ist so überwältigend, daß man wort­los dasteht und bett Atem anhält. Ungeheuere, schaum- weiße Massen schießen im tollen Wirbel dahin. Die Sonne fällte auf den feinen Wasserstaub, der die Luft um uns erfüllt, und läßt ihn in den schillernden Far­ben des Regenbogens spielen.

Lange stand Alivina in Bewunderung versunken. Sie achtete nicht auf das Geplauder der Verwandten, die oft die Fälle besuchten und an ihren majestätischen An­blick gewöhnt waren. Sie fühlte sich trotz der heiteren Gesellschaft allein, allein mit dem großartigen Natur­wunder und ihrer einsamen Seele, die weit entfernt von den übrigen in Anbetung vor dem niedersank, der so Großes geschaffen hatte.

,,Jch möchte hier einmal mit White stehen," dachte sie,er, der ein so feines Verständnis für Gottes er­habene Werke hat, er würde mit mir begeistert fein."

Eine große Traurigkeit kam über Alivina, etwas Un­klares quälte sie, aber sie hatte sich in strenger Disziplin, dieses plötzlich unruhig klopfende Herz sollte zur Ver­nunft kommen, es durfte nicht revoltieren.

Sie sind heute bei besonders froher Laune," be­merkte einer der schwedischen Vettern, der sich bemühte, die deutsche Cousine zu unterhalten.Wenn Sie so wie heute lachen, sehen Sie nicht so streng aus wie sonst, huh! Man könnte sich fast vor Ihnen fürchten."

Am Abend erst machte die Gesellschaft aus Mören- Holm sich auf den Heimweg; die Kanalfahrt sollte die Enkel der alten Gräfin bis an den Landungssteg utu. terhalb des Schlosses bringen.

Der Mechaniker Polhem machte schon im vorigen Jahrhundert den Plan, einen Kanal und drei Schleusen, jede von Fuß Tiefe, neben dem Wasserfall anzulegen

geschenkt hätte Da liegt der Fehler. Den hat die Rede Greys nicht wegwischen können. Besser ist es ihm gelungen, glaubhaft zu machen, daß der englischen Regierung eine deuffch-sranzösische Verständigung, wie sie wirklich von Deutschland angestrebt und erreicht wurde, nicht unwillkommen war und ist.

Vermischtes

Die Weihnachtszeit naht wieder, da fürsorgende Liebe sinnt, mit welchen Gaben sie den Lrchterglanz der Freude in den Herzen entzünden kann beim strahlenden Tannenbaum. Gewiß, desto dauerhafter wird diese Freude sein, je praktischer die Gabe ist. Nennen wir z. B. nur Maggi's bewährte Erzeugnisse, die groß und klein willkommen sind und jedem Hanse Nutzen bringen, zumal in solcher Teuerungszeit. Derartige praktische Weihnachtsgeschenke werden namentlich der geplagten Hausfrau erwünscht sein.

Ueber den Herd des Erdbebens, das in voriger Woche einen weiten Teil des Reiches heimsuchte, erhielt dieVoss. 3 " von der kaiserlichen Zentralstation für Erdbebenforschungen in Straßburg - Elsaß noch ein­gehendere Mitteilungen. Das Erdbebenzentrum ist da­nach im Alpengebiet, südöstlich vom Bodensee zu suchen Bei dem letzten großen Erdbeben, das Mitteldeutschland am 6. März 1872 heimsuchte, lag die Tiefe des seis­mischen Zentrums etwa 20 Km. unter der Erdober­fläche und die Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Erd­bebenwellen betrug damals 500 Meter in der Sekunde. Aus der weiteren Bearbeitung der neuesten Erdbeben- beobachtungen für Mitteleuropa dürften sich über die Tiefe des seismischen Zentrums und über die Fort­pflanzungsgeschwindigkeit der Wellen vielleicht besonders interessante Ergebnisse herleiten lasten. Die Schäden des Erdbeben in Württemberg stellen sich als unerheblicher heraus als man ursprünglich angenommen hatte.

Millionen-Postraub in Frankreich. In einem Postzuge der Mittelmeerbahn wurden drei Waggons er­brochen und beraubt. Die Täler hatten die oberen Waggonfenster eingedrückt und waren von der Decke aus ins Innere gelangt. Unter den gestohlenen Postsäcken be­fanden sich für Indien, und dem fernen Osten bestimmte deutsche, englische und belgische Sendungen, deren Wert sich auf mehrere Millionen beläuft. Die für die fran­zösische Botschaft in Konstantinopel bestimmten Säcke blieben unberührt. Da der Diehstahl von dem nament­lich auch die für die Krönungsfeier in Indien be­stimmten kostbaren Sendungen betroffen wurden, erst spät entdeckt wurde, so ist dte Untersuchung schwierig. Man vermutet jedoch, daß es sich um eine weit ver­zweigte Bande handelt, die über den Inhalt der einzelnen Briessäcke gut unterrichtet war.

Früchtebrot. Man zerschneidet *A Kilo ge­trocknete, einmal aufgekochte Pflaumen, die man ent­kernt, 1 Kilo getrocknete Feigen, V» Kilo Datteln, 250 Gr. Zitronat zu kleinen Würfeln, putzt die Kerne aus 750 Gr. gewaschenen großen Rosinen, schält 125 Gr. Pinienkerne, ebensoviel Haselnüsse, Mandeln, Wal­

um die Schiffe in den ruhigen Wasserstand des Stro­mes hinabsinken zu lassen. Die Arbeit wurde aber nicht zu Ende geführt, eine Unvorsichtigkeit zerstörte das müh­same Werk. Jetzt strömt das Wasser über die Felswand in den Abgrund und bildet einen künstlichen Fall, der weit tiefer als die natürlichen ist.

Eine glatte polierte Stelle im Granit trägt die Na­men der königlichen Besucher des Trollhätta und noch manches berühmte Faksimile.

Schwedens Industrie blüht an den Ufern des toben­den Wassers, zahlreiche Sägemühlen, Fabriken und Holz­plätze liegen hier verstreut, gegen achttausend Schiffe zie­hen' vorn Wenersee zurück. Gleich einem Hohlweg schlingt sich der Kanal über dieFelsenebene, und durch die Schleuse sinkt das Schiff bis zum Ackersee hinab. Wenn man diesen kleinen See durchquert hat, entdeckt man, daß man auf dem Rücken eines Berges fährt. Wunderschön ist die weite Aussicht ins Land, grüne, saftige Wiesen, malerische Wälder, Felder mit goldig wogendem Ge­treide und bläulich schimmernde Berge. Tier unten blitzte das ruhige, abgekühlte Wasser der Gotaelf, die man er­reicht, nachdem das Schiff fünf Schleusen, jede von acht­zig Fuß, zurückgelegt hat.

Recht müde war Alivina, als sie am Abend in- renholm ankam.

Sie fand einen Brief ihrer Mutter und einen von Nora Ebenstedt vor, mit der sie seit bem Sommer zu- weilen korrespondierte, Nora schrieb, daß sie sich nun wieder im Stift eingelebt habe; die Freude der alten Fräu­lein sei rührend gewesen, als die Aebtissin nud ihre Toch­ter heimkehrten.

Ich habe bis jetzt viele Schüler," berichtete Nora weiter;vom Morgen bis sieben Uhr abends bin ich mit meinen Stunden beschäftigt, nur die Mittagspause unterbricht die Tonleitern, die ich mehr oder weniger richtig spielen höre. Ich fühle mich gar nicht abgespannt nach meinem Tagewerk, kehre fröhlich heiur und finde

nüsse und hackt alles fein, desgleichen die fein abge' schälten Schalen von 2 Zitronen und einer süßen sowie einer bitteren Pomeranze, vermischt damit 2 Teelöffel gestoßenen Zimt, 1 Löffelchen gestoßene Nelken, feuchtet die Masse mit/a Liter Rum oder Kognak an und läßt sie 56 Stunden zugedeckt stehen. Dann ver­rührt man noch 125 Gr. gestoßenen Zucker damit, verarbeitet alles mit gut gesäubertem oder mit viel Hefe angemachtem Roggenbrotteig, formt kleine oder größere Brote davon, läßt sie lange aufgehen und lang­sam durchbacken.

Druckfehler.. . . Der bei seinen Untergebenen so beliebte Direktor des Eiswerkes begeht am nächsten Sonnabend sein 25jähriges Dienstjubiläum. Aus diesem Anlässe friert die Arbeiterschaft den ganzen Tag.

Iriede auf Erden!"

So klingt es nun bald wieder aus der alten lieben Weihnachlsbotschaft in die Welt hinein. Dem unruhigen Geschlecht unserer Zeit erscheint das Wort als ein schöner Traum, der niemals in Erfüllung geht. Wer aber das Kindlein von Bethlehem kennt und liebt, der weiß, daß mitten im Kampf und Leid der Erde nun eine Quelle ewigen Friedrns und unvergänglicher Freude ausgeschlossen ist.

Weil unsere Kranken, Kleinen und Heimatlosen von Bethel, Sarepta und Nazareth aus diesem Quell schöpfen dürfen, darum können sie fröhlich Weihnachten feiern trotz als der Leiden, Schmerzen und Dunkelheiten, die sie zu tragen haben. Wir bitten unsere Freunde nah und fern, auch in diesem Jahre Gehilfen nnserer Freude zu sein. Für mehr als 3500 Pflegebefohlene haben wir die Tische zu decken. Da brauchen wir viele barmherzigen Hände, die für uns nähen, stricken, sammeln einkaufen oder uns statt dessen das Geld zum kaufen schicken. Jede Gabe, ob klein oder groß, beson­ders auch Kleider, Wäsche, Strümpfe und Spielsachen aller Art nehmen wir mit herzlicher Dankbarkeit ent­gegen. je früher, desto lieber!

Bethel bei Bielefeld, Weihnachten 1911.

F. V. B o d e l s chw i n g h, Pastor.

Der enorme Andrang zur Volks-Kaffee- schänke auf der Dresdener Hygenie-Ausstellung nahm häufig einen so gewaltigen Umfang an, daß die Räume zeitweilig geschlossen werden mußten. Im ganzen wurden über 300 000 Tassen ausgeschänkr. Trotzdem war es vielen Besuchern der Ausstellung nicht möglich, sich den Zutritt zu erkämpfen und viele harrten stundenlang, um ein freies Plätzchen zu erhäschen. Da in der Kaffee- schänke nur 70 Sitze vorhanden waren und der Zu­spruch täglich größer wurde, mußten viele unbefriedigt wieder von bannen ziehen. Sie alle können sich aber für den entgangenen Genuß leicht schadlos halten, denn der beliebte Kathreiners Malzkaffee, der in der Schänke verabreicht wurde, war genau nach der auf jedem Paket befindlichen Kochvori chrift zubereitei und ist bei jedem Kaufmann stets vorrätig.

noch zu vielen Dingen Zeit, so zum Beispiel, dem al­ten, blinden Fräulein von Treffenbeck vorzulesen oder Mütterchen zur Hand zu gehen. Der schöne Sommer in Mon Varsange bleibt mir in lieber Erinnerung, ebenso bleibst Du es mir, meine Alwina, an die ich oft denke. Da Dein Weg nach beendeter Reise Dich auf einige Stun­den von uns vorbeiführt, und ich aus dem Kursbuche sehe, daß Ihr in M. eine Stunde Aufenthalt habt, so käme ich gern dorthin, um Dich wiederzusehen. Bitte, teile mir den Tag und die Stunde mit, in der Du in M. eintriffst."

Welch sonnigen Charakter Nora doch hat!" dachte die Komtesse Mören bewundernd;allen Dingen ge- winnt sie die Lichtseiten ab und dabei ist sie zielbewußt und energisch ; ich glaube, sie würde nicht zögern, den Mann zu heiraten, den sie liebt, zum Beispiel Kling- berg, von dem sie recht eingenommen sprach."

Alwina seufzte leise, ihr war's, als laste ein Alb auf ihrer Brust, wenn sie an ihre Ehe mit Lenner dachte, an das Zusammenleben mit dem Grafen und an seine pedantische Korrektheit, die er natürlich auch von der­jenigen verlangen mußte, die seinen Namen trug.

*

Die Zeit in Schweden verging nur allzu schnell; der letzte Tag in Mörenholm nahte, und die Verwandten verabschiedeten sich nach und nach. Graf Adolf hatte eine Einladung zur Jagd angenommen, so blieb Alwina allein bei der Großmutter.

Mein gutes Kind," sagte die Greisin,wir werden uns vielleicht nicht mehr wiedersehen, da möchte ich Dir noch einen Rat geben: heirate nicht ohne Liebe. Dein Vater hat mir im Vertrauen erzählt, daß Du Dich mög- licheriveise mit einem vornehmen Mann verloben wirst. Liebst Du Graf Lenner?" 187,18*

Alwina vermied es, von ihrer Stickerei aufzusehen, sie fühlte, daß ein heißes Rot über ihre Wangen lief.