Schluchterner Zeitung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr.«». Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. «5.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 93.
Zum Bußtag.
Der Heiland ruft sein dreifach Wehe In jedes Menschenherz hinein, Das aus der sel'gen Gottesnähe Versank in tiefe Sündenpein.
Er legt in seine Bußtagsklage
Der Liebe sehnsuchtsvollen Schmerz Und weckt in uns die große Frage: Was weilst du fern, o Menschenherz?
O kehre heim zum Vaterhause!
Eil' ihm auf Sehnsuchtsflügeln zu! Die Welt mit ihrem Sturmgebrause Schafft dir nicht Frieden, Trost und Ruh.
Die will dir gern der Heiland geben, Wenn du zu ihm zurückgekehrt, Und Freiheit, Freude, sel'ges Leben Wird dir von seiner Hand beschert.
Bußtag.
Die letzten welken Blätter rascheln am Boden. Ueb.'rall herrscht Spätherbstimmung, und leise kündigt
sich der Winter an. Das ist just die rechte Jahreszeit für den Bußtag, der ein Tag tiefen Ernstes, stiller Einkehr und wehmütigen Besinnens sein soll und
weltlichen Menschen von der Vergänglichkeit Irdischen predigt. Er zeigt ihm den schweren, dunklen Hintergrund alles menschlichen Wollens Strebens: die Sünde, die Schuld.
Es ist ja eins der traurigsten Merkmale heutigen Geschlechts, daß ihm so vielfach jedes
dem alles tief- und
des Be-
wußtsein von der Sünde geschwunden ist. Der Mantel des Aestheiischkn muß unzählige sittliche Mängel verdecken. Aber selbst das glänzendste Gewand kann auf die Dauer niemals über die alte erschütternde Bibelweisheit hinwegtäuschen: die Sünde ist der Leute Verderben! Die Gebildeten unter den Verächtern der Religion sollten sich das ebenso gesagt sein lassen wie die Ungebildeten, die da vermeinen, mit allen möglichen Schlagworten gegen Glauben und Kirche dreinfahren zu müssen. Das christliche Gewissen kann nicht so ohne weiteres hinwegdisputiert werden, und es können doch einmal Zweifel kommen, wo es einer ähnlich empfindet wie Martin Luther in einsamer Klosterzelle, als es in seiner Seele rang und schrie: „Ach, meine Sünde,
Mittwoch, den 22. November 1911.
ÖMHHBHHHMMHBHfflEai
meine Sünde!" In einem Büßlieds des 17. Jahrhunderts heißt es ganz entsprechend:
Ach, was soll ich Sünder machen?
Ach, was soll ich fangen an?
Mein Gewissen klagt mich an, Es beginnet aufzuwachen.
Und doch, Buße ist nicht bloß ein verzweifeltes Zerknirschtsein, nicht nur ein müdes Trauern in Sack und Asche. Luther hat auch freudig bekannt: „Der Glaube hat die Art, daß er sich zu Gott alles Guten versieht und allein auf Gott sich verläßt. Buße ist eben zugleich ein fesenstarkes Vertrauen auf die göttliche Güte."
Ob bei uns ist der Sünde viel, Bei Gott ist viel mehr Gnade.
Seit den ersten Tagen der Christenheit haben sich Tausende und Millionen aufrichtig und demütig als
arme, reuige Sünder gefühlt und haben ihren wirklichen Frieden erst dann gefunden, als sie fest an die Gnade jenes heiligen Gottes glaubten, den sie durch ihr Denken und Tun beleidigt hatten. Mag es auch vielen etwas unangenehm in die Ohren klingen,
Bußtage muß das Zeugnis laut werden: Wir treten Mit Beten
Vor Gott den Gerechten, Er waltet Und schaltet
Nach strengem Gericht.
Ebenso klar und bestimmt soll aber auch
am
die
alte
tröstliche Losung erklingen, daß der allgütige Gott nicht den Tod des Sünders will, sondern daß er sich bekehre und lebe.
Und so möge dieser Bußtag recht vielen Christenleuten den hohen Segen einer stillen Einkehr bringen! Möchten es auch die kulturhungrigen
modernen Welt verstehen lernen, was Spitta gesungen hat:
Kehre wieder, kehre wieder, Der du dich verloren hast;
Kinder einer
der
fromme
62. Jahrgang.
Sinke reuig bittend nieder
Vor dem Herrn mit deiner Last!
Deutsches Reich.
— Der Kaiser ist am 19. Nov. um 10.56 Uhr von Berlin nach Baden und Donaueschingen abgereist.
— Der Reichstag nahm am Donnerstag den grundlegenden Artikel 1 des Schifffahrtsabgaben-Gesetzes an.
In der Debatte wurde die Vorlage von den sächsischen Abg. Dr. Heintze (nat.) Günther (fortschr. Vp.) und Stolle (Soz.) lebhaft bekämpft. Der Abg. Dr. Winkler (kons.) legte der sächsischen Opposition geradeheraus daß ihr Standpunkt ein gutes Teil unberechtigten Partikularismus enthalte, zu dem das Verhalten Württembergs in einem erfreulichen Gegensatz stehe. Aui Bundesratstische trat der Ministerialdirektor Peters nochmals für die Vorlage ein. Ihm sekundierte der bayerische Bundesralsbevollmächtigte Ritter v. Graß- mann, der betonte, die jetzige Vorlage stehe nicht im mindesten Zusammenhänge mit dem preußischen Kanalgesetze, verfolge durchaus keine schutzzöllnerische Zwecke, sondern bringe ledigliche Vorteile. Schließlich trat auch der süddeutsche Abg. Haußmann (fortsch. Vp.) warm für die Vorlage ein. — Am Freitag wurden die Paragraphen 1 bis 7 unter Ablehnung aller Zusatzanträge in der Kommissionsfassung angenommen. Die Debatte drehte sich hauptsächlich um die Saar- und Mosel- kanalisierung die schließlich in namentlicher Abstimmung abgelehnt wurde. Staatsminister von Breitenbach lehnte auch die moralische Verpflichtung Preußens, die Mosel später zu kanalisieren, ab, während die süddeutschen Re- gierungsverlreter unbedingt, ihrerseits die moralische Verpflichtung für den späteren Ausbau von Main und Neckar übernahmen.
— In der Budgetkommission des Reichstages machte Staatssekretär v. Kiderlen-Wächter von einem Zusatz zum deutsch-französischen Abkommen Mitteilung, wonach falls Deutschland von Spanien Spanisch-Guinea, die Insel Corisco und die Eloby-Jnseln zu erwerben wünschen sollte, Frankreich bereit ist, zu Deutschlands Gunsten auf die sich aus dem französisch-spanischen Vertrage vom 27. Juni 1910 ergebenden Vorzugsrechte zu verzichten. Dagegen hat Deutschland erklärt, sich nicht an besonderen Abmachungen beteiligen zu wollen, die Frankreich und Spanien etwa miteinander über Marokko treffen sollten.
— Zum stellvertretenden Vorsitzenden der Ansied- lungskommission für Westpreußen und Posen hat der Kaiser den Oberpräsidenten der Provinz Posen Wirklichen Geheimen Rat Dr. Schwartzkopff ernannt.
— Ein Erlaß des Ministers des Innern weist darauf hin, daß von verschiedenen Seiten die mangelhafte Beschaffenheit sowie die unzweckmäßige Anbringung der Ortstafeln zur Sprache gebracht worden ist. Insbesondere wird auf die schlechte Lesbarkeit der Ortsnamen, sowie darauf hingewiesen, daß die vor Jahren
Gesühnt.
Roman von G. o. Schlippenbach.
35
I Die Komtesse hat ihrerseits geschrieben: „Alwina Komtesse Mören."
Sie weiß, daß die dunklen Augen ihrer Feder folgen, wie ein magnetischer Strom geht es von ihm zu ihr.
„Welch Eigentümliche Erscheinung," bemerkt der Graf zu seiner Tochter in Bezug an den Fremden: „Tom White," der Name sagt wenig, aber trotz des Anzuges vnd des auffallenden Aeußeren könnte ich wetten, daß er ein Gentleman ist."
Dieselbe Ueberzeugung hatte Alwina auch, sie beobachtet im stillen ihrenBekauntenvondervorigen Nacht; er unterhält sich mit dem Kapitän ödergeht auf dem Verdeck auf und nieder.
r Das Schiff tanzt auf den immer größer werdenden : Wellen, nach und nach verschwinden die Reisenden in | ihren Kajüten, die Seekrankheit fordert ihren Tribut. Auch I Graf Mören ist im Begriff, Hinunterzugehen.
. „Bleibst Du hier?" fragt er seine Tochter, „es wäre ° vielleicht besser, Du legtest Dich unten hin."
11 »Mir ist aber noch ganz wohl, lieber Vater," ver- 8- setzt das junge Mädchen lachend, „ich hoffe, ich bleibe st ; Lesund."
_ H Sie sieht bildhübsch aus mit den frisch geröteten Wan- I gen und dem vom Winde zerzausten Gold haar, das, I nicht wie sonst zierlich frisiert, ihren Kopf umgibt. Jetzt ' I lottert es in schimmernden, losen Löckchen um die weiße / Stirn.
I Nun ist sie fast allein auf dem Deck; nur ganz am I Ende des Dampfers sitzen einige Herren und rauchen ! und sprechen, ohne sich um die Schwankungen des Schif- ses zu kümmern. Unter den dunklen Wimpern, die Al- 7# K Aums Augen so malerisch umsäumen, blickt sie nach Tom White aus. Er ist nirgends zu sehen. Ob auch er die
Seekrankheit fürchtet? Doch nein, das ist unmöglich. Dieser feste Schritt auf den Planken des Verdeckes, die straffe Haltung verraten, daß er mit dem Meere vertraut ist. Alwina atmet tief und sieht mit Entzücken auf das erregte Element. Ein Gefühl der Freiheit kommt über sie, ein Gefühl des Losgelöstseins von einengenden Fesseln.
„Ich wäre Seemann geworden," denkt sie begeistert; „wenn ich ein Mann wäre, hätte ich diesen Beruf erwählt."
Sie zuckt zusammen, da kommt der Fremde. Das ist sein Schritt, leicht und doch fest nähert er sich der Stelle, wo sie steht.
„Guten Morgen, gnädiges Fräulein," sagt die sonore Stimme, „ich freue mich, daß Sie allein von den Damen noch oben sind."
Sie neigt leicht das Haupt. „Guten Morgen," erwidert Alwina ruhig, obgleich sie ihr Herz schneller klopfen fühlt, als es sonst dieser Muskel tut.
Sie schweigen eine Weile, der salzige Gischt der Wellen spritzt empor und netzt das Verdeck, einzelne Tropfen treffen das Gesicht der Komtesse.
„Haben Sie gut nach unserer nächtlichen Wacht geschlafen?" fragt Tom White, sich etwas über sie beugend. Sie muß den Blick erheben, wenn sie nicht unhöflich sein will, und sie tut es mit einer gewissen Schüchternheit, die ihr sonst fremd ist, ihr, der Zielbewußten, innerlich Ruhigen, die nichts bisher aus dem Gleichgewicht gebracht hat.
„Sehr gut habe ich geschlafen," entgegnete sie lächelnd. Dieses Lächeln verschönt ihre strengen Züge so sehr, daß Tom White sie sehr reizend findet.
Und Jie errät seine Gedanken sofort, aber statt sich wie bisher bei ähnlichen Anlässen 31t ärgern, ist ihr diese Bewunderung nicht unangenehm. Jetzt, beim Hellen Sonnenlicht, sieht sie, daß er noch jung ist, viel jünger, als sie gedacht. Weshalb das weiße Haar?
„Sie sind ja viel gereist/' beginnt sie, um etwas zu sagen, und das lange Schweigen zu brechen, das sich zwi-
scheu ihm und ihr bemerkbar macht. „Bitte, erzählen Sie mir von den Meeren, die Sie kennen, ich stelle sie mir ebenso verschieden vor, wie die Länder der Erde, es ist immer mein Wunsch gewesen, die Welt kennen zu lernen, als Frau werde ich es wohl nie."
Die letzten Worte sprach sie mit einem Seufzer.
Und wieder lauscht sie hingerissen seiner farbenreichen Schilderung, wieder tritt bei seiner Rede alles fast greifbar vor ihren inneren Blick. Sie unterbricht ihn durch Fragen, die zu neuem Gesprächsstoff Anlaß geben, und die Zeit flieht, ohne daß sie es merkt. Nach und nach schleicht ein gewisses Unbehagen über sie, der Wind hebt und senkt das Schiff immer höher, das ganze Verdeck ist naß.
„Ich denke, ich muß nun auch hinuntergehen,* sagt Alwina, sie ist sehr bleich und ihr ist schwindelig zu Mute. Sie macht einige unsichere Schritte und gleitet aus, da fühlt sie einen starken Arm um sich.
„Stützen Sie sich auf mich!"
Wie ein Befehl klingen die Worte, aber ihre Kraft versagt, da wird sie wie eine Feder aufgehoben und in das Kartenhaus getragen, dort legt Tom White sie auf das Sofa.
„Rufen Sie all Ihre Willenskraftherbei, wollen Sie nicht seekrank werden," sagt er kurz, „und hier trinken Sie, das wird Ihnen gut tun."
Alwina gehorcht und leert das Glas, das er ihr an die Lippen hält, das er aus einer Feldflasche füllt, die er bei sich trägt. Es ist ein schwerer, feuriger Wein, der glühend durch ihre Adern rollt. Eine Weile liegt sie still, mit geschlossenen Augen da, die horizontale Lage tut ihr gut, desgleichen das edle Rebenblut.
„Wollen Sie nicht seekrank werden," sagt noch einmal die markige Männerstimme, dann entfernt White sich diskret.
„Ich muß tun, was er will," denkt Alwina. „Welche Macht hat er über mich!" , 187,18*