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Schlüchterner Zeitung

mit amtlichem Kreisblatt, Klonatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. es. Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat". Telefon Nr. «3.

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Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

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Der Reichstag.

Der Reichskanzler v. Bethmann Hollweg saß sehr nachdenklich aus seinem Platze, als ihm aus der Volks­vertretung der lebhafte Beifall zu allen Darlegungen entgegenscholl, die eine energischere Führung der deui- | schen auswärtigen Politik verlangten, und an dem sich auch der in der Hofloge anwesende deutsche Kronprinz beteiligte.Armer Bethmann Hollweg!" hieß es oben auf mancher Tribüne, und ans diesen und anderen Aussprüchen und Stimmungen ist wohl der Gedanke

entstanden, eine ^Kanzlerkrisis sei recht nahe. Die Tat­sache aber, daß von Bethmann Hollweg gleich darauf »mit seiner Gemahlin zur kaiserlichen Tafel geladen wurde, zeigt, daß es für jetzt mit einem Kanzlerwechsel noch nichts ist, und der leitende Staatsmann hat Wohl kaum andere Worte als die, welche er hören mußte, im Reichstage erwartet. Sie waren auch nicht ausschließ­lich für ihn bestimmt, sie galten zum erheblichen Teil dem Auslande und den deutschen Wählern.

k _ Die deutschen Volksvertreter haben, darauf kommt es an, zum Ausdruck gebracht, daß sie von einer Aus­wärtigen Politik der unbegrenzten Liebenswürdigkeiten nichts mehr wissen wollen. Sie haben das gesagt, obwohl der Kanzler vorher auf die Kriegsmöglichkeften, die heute bestehen, hingewiesen hatte. Es ist ferner unverblümt darauf aufmerksam gemacht, daß es immer wieder England ist, welches uns Schwierigkeiten bereitet. Die Leiter der Londoner Politik treten nicht immer öffentlich in die Aktion, aber wir wissen ja alle, worum U es sich handelt. Das hat auch der deutsche Kronprinz erkannt, der im letzten Winter in Enqlisch-Jndien und bei der Krönungsfeierstchrelt zu 'Beginn des Sommers in London zu Gast war. Bei deni Temperament der Franzosen können wir über Vieles, was aus Paris kommt, fortsehen, in der englischen Politik ist jede ein­zelne Stelle zu beachten.

Es fehlt nicht an Leuten, die aus den Reichstags­reden mit Bestimmtheit herauslesen, daß wir uns nicht L mehr weit von einem unvermeidlichen Kriege befinden. Sind diese Befürchtungen in der Tat berechtigt? Wir wollen zunächst daran erinnern, daß von 1871 1883 zu wiederholten Malen die internationale Lage weit bedrohlicher war als heute, daß im Reichstage von Bismarck noch schärfere Töne angeschlagen wurden, als sie jetzt gefallen sind. Und doch ist kein Krieg damals gekommen. Eine rückhaltlose Aussprache wirkt wie ein Gewitter, sie reinigt die Luft, und wir denken, auch heute werden wir die Wirkung erleben, daß ein Krieg

Gesühnt.

Roman von G. v. Schlippenbach. 34

»Sie sind wirklich merkwürdig offen, mein Herr, für eine Bekanntschaft, wenn ich es so nennen soll, von zwei

IMinuten."

Mag sein; ich sage immer, was ich denke."

Beide schwiegen iinb blickten auf das Meer, das einen phosphoreszierenden Glanz angenommen, jenes mär­chenhafte Leuchten, das der See zuweilen eigen ist und stets die Bewunderung des Reisenden hervorruft.

Wie schön," sagte Alwina unwillkürlich; sie erhob sich und ging bis zur Spitze des Dampfers, der Fremde / folgte ihr. Eine Schiffslaterne warf ihr mattes Licht auf die beiden Passagiere, die hier allein das schöne nächt- liche Schauspiel genossen.

I »Es ist ein ganz alter Mann," dachte die Komtesse beruhigt;er hat weiße Haare."

Sie muß eine Schwedin sein, solch goldblondeFlech- 1 Een haben nur die Töchter Skandinaviens," fuhr es ihm durch den Sinn.

| Alwina hat es später nie gewußt, wie es gekom- daß sie über eine Stunde mit dein Fremden ge- Wochen, sie lauschte seinen Worten mit einem Gefühl I des Interesses, das sie bisher nicht gekannt. Er sprach 8 wunderschön und schilderte in glühenden Farben den- I °en, Indiens Zauberwelt, er erzählte von der großar- I ^gen Natur Amerikas, von den Einöden Afrikas und Ien Eisregionen der arktischen Länder. Wie ein buntes, I farbenprächtiges Kaleidoskop schiendie Beschreibung; das lange Mädchen war gefesselt. Das Haupt leicht zurück- ; Meigt, blickte sie zudem Alten" empor, der mit ge­kreuzten Armen an den Mast lehnte, denn sie waren wieder auf den früheren Platz in der Mitte des Damp­fers zurückgegangen. Alwina erhob sich und sagte sich, t es sei Zeit für sie, in ihre Kajütte zu gehen. Was hätte

Gras Lenner zu diesem nächtlichen Alleinsein wohl ge-

Samstag, den 18. November 1911.

62. Jahrgang.

nicht als unvermeidlich betrachtet werden kann. Der treibende Keil ist immer und ewig England, das alle Zwistigkeiten auf dem europäischen Festland zu seinem Vorteil ausnützt. Wir werden im ferneren Verlauf des türkisch-italienischen Krieges noch sehen, daß die Londoner Regierung rechtzeitig ihre Töpfe ans Feuer gestellt hat, um sich ein Sondergericht zuzubereiten. Aber die Engländer sind auch ein Kaufmannsvolk; seit dem Burenkrieg wissen sie genau, was ein Krieg kostet und wie schwer er wieder wettgemacht werden kann.

Ein Krieg ist nicht unvermeidlich, wenn wir selbst nicht alles Mögliche tun, um den Eindruck dieser Par­lamentsdebatten wieder zu verwischen. Welche Verbind­lichkeiten haben wir nach London und Paris hin aus­getauscht, die ideal wirken sollten, uns aber nur geschadet haben und jedenfalls nicht erforderlich waren? Denken wir nur einmal an- die vielen Versöhnungs­reden und Steifen nach England und von England. Jedesmal hieß es, nun solle und müsse es anders werden; aber es wurde nicht anders, sondern blieb wie es war. Die gesellschaftlichen Verkehrsformen hatten auf die Politik keine Wirkung; nicht einmal die An­sprache des Königs Georg an den deutschen Kaiser bei Gelegenheit der Enthüllung des Königin-Viktoria-Denk- mals in London hat diese gehabt, denn noch nicht sechs Wochen später zeigte sich die wenig freundliche britische Haltung in der Marokkofrage.

Auch die Reise des englischen Königspaares nach Indien beweist, daß es mit den Wetterwolken am politischen Himmel einstweilen noch nicht so ängstlich ist, daß wir ruhig dem entgegensehen können, was da kommen soll. Aber die alte Kraftparole muß gelten, die da lautete:Wir laufen niemandem nach I" Geliebt werden wir nur von den wenigsten, also sollen sie uns nicht geringer einschätzen, als wir es verdienen.

Deutsches Reich.

Rekrutenvereidigung in Berlin. Am Mittwoch um 11 Uhr begann auf dem Lustgarten und Umgebung die Vereidigung der Rekruten von Berlin und Umgebung. Anwesend waren: die Generalität des Gardekorps, die Prinzen Eitel Friedrich, August Wilhelm, Oskar, Joachim, Friedrich Leopold, sowie die frenidherrlichen Offiziere. Die Kaiserin erschien mit den anwesenden Prinzessinen am Fenster des Schlosses. Die Militär­geistlichen beider Konfessionen hielten Ansprachen, wo­raus die Vereidigung der Rekruten erfolgte. Hiernach hielt der Kaiser eine Ansprache und der kommandierende

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sagt? Er, der Korrekte, hätte es gewiß getadelt, obgleich der Fremde alt war mit seinen weißen Haaren. Aber merkwürdig gerade hielt er sich noch trotzdem.

Etwas wie Trotz war über Alwina gekommen, es reizte sie jetzt noch, das zu tun, was Lenner mißfallen hätte. Später würden die Jahre an seiner Seite ohne­hin öde genug verlaufen, er war ein Pedant, ein For­menmensch, dessen Nüchternheit und Mangel an Ver­ständnis für alles, was nicht in streng geregelte Bahnen lief, ihr bekannt war.

Nun schreiten die beiden einsamen Reisenden neben­einander auf und nieder, Alwina ist erstaunt, wie gut sie sich unterhält, wie schnell Rede und Gegenrede wech­selt. Es ist nichts Persönliches in ihrem Gespräch, er weiß nicht, wer sie, sie weiß nicht, wer er ist, dennoch fliegt der Fangeball lebhafter Unterhaltung zwischen ihnen hin und her. Die Schiffsuhr schlägt halb zwei.

So spät," ruft Alwina.Ich muß nun doch wie­der in die heiße Kajüte."

Ehe er ihr noch etwas sagen kann, ist sie verschwun­den. Sie hat unten die runde Luke geöffnet, kühl streicht die Nachtluft ihr um Hals und Wangen, das junge Blut pulst in den Adern und klopft in den Schläfen.

Allmählich kommt der Schlaf und drückt Alwinas Lider zu.Inkorrekt, höchst inkorrekt," würde Eduard sa­gen. Mit diesem Satz, den sie immer undeutlicher hört, ist die Komtesse eingeschlafen.

Sie schläft lange am anderen Morgen und ist eine der letzten, die in den großen Speisesaal kommt, wo der Kaffee getrunken wird. Graf Mören begrüßt seine Toch­ter neckend als Langschläferin.

Soll ich ihm sagen, daß ich bis halb zwei oben war in Gesellschaft eines Fremden?" denkt Alwina mit der ihr eigenen Gewissenhaftigkeit. Sie hebt die Augen, denn sie fühlt, daß jemand sie scharf fixiert; ihr gegenüber sitzt der Alte.

Nein, er ist nicht alt, nur das Haar ist greisenhaft; er kann höchstens einige Dreißig sein, keine Runzel in

General v. Löwenfeld brächte ein dreifaches Hurra auf den Kaiser aus. Zum Schluß nahm der Kaiser den Vorbeimarsch der Kompagnien mit den Feldzeichen entgegen.

Prinzregent Luitpold von Bayern gedenkt am 20. November einen zehntägigen Aufenthalt im könig­lichen Schlosse Aschaffenburg zu nehmen, um von dort aus bei günstigem Befinden und gutem Wetter Aus­flüge zu Wildschweinjagden im Spessart zu machen.

Die Königinmutter Margarete von Italien, Chef des Kurhessischen Jägerbataillons Nr. 11 in Marburg, feiert am 20. d. M. ihren 60. Geburtstag.

Der Reichstag führte am vergangenen Sonn­abend die Marokko-Debatte zu Ende, welche von dem Abg. Frank (Soz.) eingeleitet wurde, der sich gegen jede Kolonialpolitik und Vermehrung der Flotte aus- sprach. Abg. v. Siebert (Rp.) betonte den nationalen Standpunkt dem Marokkovertrage gegenüber. Der Staatssekretär des Auswärtigen von Kiderlen-Waechter nahm Anlaß, den vom Abg. von Liebert gebrauchten AusdruckRaubzug von Tripolis" zurückzuweisen und die Befürchtung, daß die Franzosen schwarze Truppen aus Marokko in Europa verwenden könnten, unter Hinweis auf die Kriegsverhältnisse 1870/71 als un» begründet-zu bezeichnen. Schließlich nahm er die diplo­matischen Vertreter Deutschlands im Auslande gegen den Vorwurf, daß sie nicht genügend informiert seien, in Schutz. Dann verlor sich die Debatte in Neben­dinge, und die ganzen Verhandlungen fanden einen unbefriedigenden kleinlichen Schluß mit allerhand per- fc<cben Schreien. Der Marokkovertrag mit den dazu eingebrachten Anträgen wurde der Budgetkom­mission überwiesen. Am Montag wurde über die sozialdemokratische Interpellation wegen der Entlassung von Arbeitern der Reichseisenbahnen verhandelt. Eisen­bahnminister v. Breitenbach beantwortete die Inter­pellation. Er erklärte, daß Eisenbahnarbeiter, die den Gehorsam verweigern und gegen die Verwaltung hetzen, besonders an der Westgrenze Deutschlands, nicht ge­duldet werden können, und erinnerte warnend auch an den Eisenbahnerstreik in Frankreich. Jede Beteiligung an sozialdemokratischen Bestrebungen werde unweigerlich Entlassung im Interesse des Dienstes zur Folge haben. In der Debatte vertraten Konservative, Reichspartei und Nationalliberale den Standpunkt, daß die Eisen­bahner selbstverständlich kein Streikrecht besitzen und sich immer als Mitglieder einer staatlichen Organisation zu fühlen haben. Freisinn und Polen verlangten milden

dem bräunlichen Gesicht, kein Zeichen des Alters in den männlich schönen Zügen, über denen ein Hauch der Schwermut liegt, der seltsam gegen das Feuer der brau­nen Augen absticht. Der Fremde hat sich erhoben und macht eine tadellose Verbeugung. Graf Mören sieht eS nicht, er hat bereits sein Frühstück beendet und liest bie Zeitung.

Almina neigt leicht das Haupt, sie vermeidet es, hin» überzusehen; bald darauf verläßt der seltsame Reisend« den Speisesaal.

Wie mag er wohl heißen?" denkt sie mit weiblich« Neugier, als seine breitschultrige, kräftige Gestalt ver­schwindet; er ist so groß, daß er sich in der Tat etwa» bücken muß.

Alle Reisenden sind jetzt auf Deck. Der Tag ist köst­lich und sonnig, leichte, weißgekrönte Wellen kräuseln die grünliche Wafferfläche.

Wir bekommen wohl Sturm, Kapitän?" fragt eine ältliche, bleich aussehende Dame.

Na, ein bißchen frisch wird es wohl wehen," lautet die gelassene Antwort,bitte, meine Herrschaften, eh« Sie der Seekrankheit Ihren Tribut zahlen, sich in da» Fremdenbuch einzuschreiben, es liegt im Kartenhause. Ich mache bereits meine dreihundertste Reise von Stet­tin nach Gothenburg, da ist es mir interessant, die Na­men meiner werten Gäste als Andenken aufzubewah- ren."

Alwina und ihr Bater sind fast die letzten, die in das Kartenhaus treten; dort liegt ein dickes, schön ge­bundenes Buch auf dem Tisch; eben hat sich der weiß­lockige Kopf des Fremden darüber gebeugt, jetzt über­reicht er Graf Mören mit einer verbindlichen Bewegung die Feder. Alwinas Vater setzte seinen Namen auf das Papier, nun soll sie das Gleiche tun. Vorher aber liest st«: Tom White."

Weiter nichts. Also so heißt der Fremde.

Charakteristisch und fest ist die Handschrift. 187,18*