Schlüchtemer Zitung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. »s. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. 6S.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
,M 91. Mittwoch, den 15. November 1911. 62. Jahrgang.
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Amtliches.
Bekanntmachung.
Das unterzeichnete Kommando stellt am 1. Oktober 1912 einige Zweijährig-Freiwillige (Schreiber) ein.
Nur Leute mit gewandter schöner Handschrift, welche auf einem Büro mit Erfolg tätig waren und eine tadellose Führung nachweisen können, werden bei der Annahme als Schreiber berücksichtigt.
Bewerber wollen sich umgehend unter Beifügung eines selbstgeschriebenen Lebenslaufes, der Schul- und sonstigen Zeugnisse melden.
Hanau, den 25. Oktober 1911.
Wie richtet sich der Landwirt mit seiner diesjährigen WinterMerung und MaUbehandtimg am zweckmäßigsten ein?
Er erwähnt, daß er zwar nicht die Empfindung habe, den Anwesenden neues zu berichten, da die landwirtschaftlichen Zeitungen vielfach Aufsätze über Futternot bringen. Die Materie sei ziemlich einfach, doch wie Moltke sagt, daß der Krieg einfach, aber schwer durchführbar sei, so wäre es auch hiermit. Der Redner ging zunächst auf die Futterrübenernte ein, die hier in Norddeutschland immerhin noch besser ausgefallen sei wie beispielsweise in Thüringen, Sachsen, Brandenburg und der Lausitz. Ebenfalls streifte er die Erträge des Sommer- und Winterkorns, die auch nur sehr mäßige gewesen seien. Die Beschaffenheit des Sommerkorns sei eine abfallende, das Körnergewicht mäßig und der Ertrag wie das Stroh geringer. Die Hauptsache sei nun, wie man sich mit diesen mäßigen Erträgen den Winter durch einrichte. Der Vortragende ging auf die verschiedenen Einzelheiten näher ein. Vieles habe die Maul- und Klauenseuche mit sich gebracht. So habe z. B. ein ihm bekannter .Besitzer von 18 Kühen 8 ausschließen müssen, um den Winter über durchzukommen. Eine große Hauptbedingung für den Landwirt sei es vor allem, rationell zu füttern, um mit Heu, Stroh und Rüben den Winter über hauszuhalten. Er sei dafür, so wenig wie möglich Steckrüben zu verkaufen, da diese für die Fütterung von großer Wichtigkeit seien. Weiterhin werde der Rat gegeben, möglichst alles zu verfüttern, und zwar sei zu Stroh eine Beigabe von Kraftfutter unerläßlich. Jedoch müsse man bei der Fütterung des Jungviehes möglichst Heu nehmen, da dies 2—2'/a Prozent und Stroh nur ’/i« Kalkgehalt habe. Ueber
Gesühnt.
Roman von G. v. Schlippenbach. 33
Die Reisenden sind seit einigen Stunden in Mören- Holm, das erste, lebhafte Fragen und Antworten ist vorüber, der Sohn sitzt neben der Mutter und hält die welke Hand; er ist tieferschüttert, als er die Teure so verändert wiedersieht. Alwina lehnt in der tiefen Fensternische und blickt hinaus; ihr schönes, stolzes Gesicht hat einen träumerischen Ausdruck, der ihr sonst fremd ist; die klaren Augen blicken nach innen und ein leises Lächeln teilt ihren Mund. Wie seltsam frei und tief atmet er sich hier. Schade, daß Lenner kein Schwede ist, daß er in Deutschland seine Heimat hat. Beiin Gedenken an ihn schwindet der ihrem Gesicht bisher fremde Ausdruck; kalt und ruhig sind die klassischen Züge im Gegensatz zu der Weichheit, die sie vorhin getragen, wozu das unnütze Träumen!
„Alwina," sagte der Großmutter milde Stimme, „wie Lksällt es Dir auf Mörenholm?"
Es ist einige Stunden später. Fräulein Elsheim hat der Komtesse das Schloß, den Garten und den Park gezeigt, dabei unaufhörlich schwatzend, ohne zu merken, daß ihrem Wortschwall nur geringe Aufmerksamkeit gezollt wurde. Unterhalb Mörenholms lag ein hübsches Mietshaus, umgeben von mehreren kleinen Villen. Als die beiden Damen, aus dem Park kommend, den kürzeren Weg über die Landstraße einschlugen, stand ein Herr im Anblick des Flusses versunken, er lüftete sehr höflich den breitrandigen Filzhut und verneigte sich tief vor der Komtesse. Die Kleidung des Fremden war eigenartig: ein weiß und rot gestreiftes Flanellhemd, darüber ein schwarzes Velvetjackett, ebensolche kurzeBeinkleider, Kniestrümpfe und derbe Bergschuhe, dazu ein lose um den Hals geknüpftes, seidenes Tuch.
C Fräulein Elsheim schwatzte so eifrig, daß sie nichts
die Aufnahme des Kalkgehaltes bei den Tieren sei man sich nicht einig. In futterarmen Jahren sei in dem Heu und Stroh nicht genügend Kalk vorhanden, um die Ernährung des Jungviehes sicherzustellen. So habe man die Erfahrung gemacht, daß sich gegen Frühjahr Knochenbrüchigkeit einstelle. Hier sei eine Zufütterung von Schlemmkreide und phosphorsaurem Kalk eine gute Pflege. In der Jetztzeit werde mit Recht darauf hingewiesen, daß ein Fleischnotrummel zu erwarten ist und der Landwirt alle Ursache habe, die Aufzucht der guten Kälber sorgfältig zu betreiben. Der Viehbestand müsse von allem schlechten Vieh befreit werden. Nachdem er auch noch einiges über die Steigung der Milchpreise angedeutet hatte, ging er zu den Streumitteln über, Um sich mit dem geringen Strohvorrat zu behelfen, empfiehlt er Torfstreu, die Vorteile wie Nachteile habe, auf die er im einzelnen hinwies. Ein anderes Streumittel, das nicht so sehr zu empfehlen sei, auch nur für den kleineren Besitzer in Betracht komme, sei das Heidekraut. Die Torfstreu habe aber auch noch einen indirekten Vorteil. So habe man in der Provinz Sachsen ermittelt, daß durch Torfstreu bessere Pflanzenerträge erzielt werden.
Ueber die Notwendigkeit der Verwendung von Futterkalk gab der Vortragende mehrere Beispiele, die man besonders in Süddeutschland gemacht habe. Ausführlich besprach er noch die Bereitung und Verwendung von Sauerfutter. Gerade in diesem Jahre sei auch die Verfütterung der Rübenblätter zu empfehlen, wobei aber keine feuchten Blätter gefüttert werden dürfen, da diese den Tieren schädlich seien. Er empfahl auch das Einmieten der Blätter, wodurch aber ein bedeutender Nährstoffverlust erfolge.
Die Verfütterung von Kraftfuttermitteln sei jetzt wieder schwieriger geworden, da die Preise jetzt recht hohe seien, doch ließe sich schwer sagen, ob sie auf dem Höhepunkt angelangt seien oder noch mehr steigen würden. Von auswärtigen Ländern seien in den letzten Jahren bedeutende Mengen Kraftfuttermittel eingeführt worden. Allein an Futtergerste wurden 1901 nicht ganz 6 Mill. Dz. eingeführt, während es 1910 schon 28 Mill. Dz. waren.
Eine interessante Tabelle über die Verkaufspreise von Futtermitteln im September d. Js., die der Vor» tragende zusammengestellt hat, wurde, jedem Anwesenden ausgehändigt, und wurden die Preise im allgemeinen vom Redner besprochen.
Zum Schluß kam der Vortragende noch auf die
sagte, als der Herr die Komtesse grüßte, sie nickte leicht und trottete weiter.
Eine glühende Röte färbte Alwinas Gesicht, ärgerlich biß sie sich auf die Lippen und kaummerklich senkte sie das blonde Haupt.
„Alwina, wie gefällt es Dir auf Mörenholm?" wiederholte die Großmutter noch einmal an jenem ersten Abend. Das junge Mädchen kniete neben dem Rollstuhl nieder und schmiegte die blühende Wange an das Knie der alten Dame; wie ein Jubelruf klang die Antwort: „O! es ist hier wunderschön! Ich bin froh, hergekommen zu sein!"
Da war er wieder jener, warme Herzenston, der sich selten Bahn brach und die sonstige Kälte der Komtesse Mören mit einem Schlage dahinschmelzenlließ, daß das schöne, strenge Gesichtvon einem Licht durchleuchtet wurde, das es doppelt anziehend erscheinen ließ. Großmutter und Enkelin plauderten noch eine Weile. Dann trennte man sich für die Nacht, Graf Adolf war müde und meinte, auch Alwina müsse es sein.
Nein, sie war es nicht, sie saß am weit offenen Fenster ihres Zimmers. Die Luft strömte sommerlich warm herein, und doch mischte sich schon ein Hauch des nahen Herbstes darin, eine frische Herbheit drang vom Fluß herüber.
E8 war ganz windstill und das bunte Laub der Bäume flüsterte leise. Aus einer der Villen drunten klang Gesang in abgerissenen Tönen, eine traurige, schwedische Volksweise, von einer Frauenstimme gesungen. Das Licht des Mondes war noch neu, aber zahllose Sterne durch- funkelten den Himmel, und der Strom glitzerte in ihrem Schein.
Alwina hatte den Kopf auf die Hand gestützt, sie dachte an die kurzen Tage, seit sie von Hause abgereist, an die lange Eisenbahnfahrt und .. an die Seereise.
In Stettin hatte sie den Dampfer gegen Abend bestiegen um nach Kopenhagen zu reifen, sie fürchtete sich
Behandlung der Tiere im Stalle zu sprechen, forderte hinreichend Licht und vor allem eine gute Ventilation. Kühe, die nicht zu warm ständen, kämen am besten durch. Die Wichtigkeit der Lüftung sei auch dadurch erwiesen, daß eine Kuh pro Tag 1 Liter Milch mehr gebe, wenn gute Lüftung vorhanden sei.
Der Vorsitzende sprach dem Redner für seine interessanten und anregenden Ausführungen den Dank der Versammlung aus, worauf in die Besprechung,des Vortrages eingetreten wurde, die sich zu einer recht regen gestaltete. Vor allem wurde hierbei erwähnt, daß es eigentlich gar nicht die Teuerung sei, die den Landwirten so viel zu schaffen mache, sondern vor allem die Maul- und Klauenseuche, die den Viehbestand verschlechtert habe, und nun müsse der Landwirt schon im Volksinteresse so viel wie möglich tun, den Viehbestand wieder aufzubessern. Lege er jetzt Gewicht auf gute Pflege des Viehes, so würden die Mehrkosten, die ihm jetzt entständen, im Frühjahre auch wieder reichlich gedeckt werden. Der Landwirtschaft werde die Teuerung fälschlich zugeschoben. Es mußte von feiten der land» wirtschaftlichen Vereine alles zur Aufklärung getan werden, damit das Volk wisse, wer an der eigentlichen Teuerung schuld sei und was die Landwirte für ihr Vieh erhalten.
Das Schlußwort nahm dann noch Herr Dr. Reeder, womit die Versammlung ihr Ende erreichte.
Ein gemütliches Beisaunnensein folgte den Verhandlungen.
Deutsches Deich.
— Kieler Kaisertage. Der Kaiser, die Kaiserin und Prinzessin Viktoria Luise sind in Kiel eingetroffen, wo am Sonnabend der Stapellauf des Dreadnought- Panzers „Ersatz Hagen" und die Vereidigung der Marine-Rekruten der Ostseestation und der Hochseeflotte stattfanden. Am Sonntag statteten die Majestäten dem neuen Rathaus in Kiel einen Besuch ab. Die Kaiserin und die Prinzessin nahmen im Kieler Stadtschloß Wohnung, der Kaiser an Bord des FlottenflaggschiffS „Deutschland". Die gesamte Hochseeflotte war versammelt. Auch Prinz Heinrich von Preußen und Prinzessin Irene waren anwesend. Die Taufrede bei der Taufe des „Ersatz Hagen" hielt Großadmiral v. Koester, den Taufakt vollzog die Tochter des Kaiserpaares, Prinzessin Viktoria Luise. Prinzessin Viktoria Luise taufte das Schiff auf den Namen „Kaiserin". Um 12 Uhr wurden die Marinerekruten im Exerzierhaus
vor der Seekrankheit und hatte sich gleich in ihrer Kajüte ausgestreckt. Erst als es unerträglich heiß in dem engen Raume wurde und das Schnarchen ihrer Kajüten» genossin, einer dicken, alten Dame, sie am Einschlafen hinderte, als das Schiff still auf offenem Meer dahin» glitt, von keiner Welle gehoben, erst da entschloß die Komtesse sich, auf Deck zu gehen. Sie kleidet sich leise an und warf einen langen, dunklen Mantel um, ein Spitzenshawl verhüllte halb den Kops, dann ging sie nach oben.
Alle Passagiere schliefen, es mußte fast Mitternacht sein; lautlos stand der Steuermann auf seinem Posten, und der Dampfer glitt durch das Wasser, das sanft plätschernd an die Planken schlug. Alwina lehnte sich an die Schutzwand des Schiffes, sie war so tief in Gedanken, daß sie die Schritte überhörte, die sich ihr näherten. Sie dachte an Lenner, und daß er jetzt mitten im Manöver war; ihre letzte Unterredung mit ihm war entscheidend gewesen, sie hielt sich für gebunden. Ein Gefühl tödlicher Langeweile kam über sie, wenn sie sich ihr zukünftiges Leben vorstellte, und sie gähnte herzhaft. Und plötzlich hatte sie das Gefühl, daß sie sich ausleben möchte, daß sie gern die Leidenschaft kennen würde, von der sie in den Büchern gelesen, daß sie viel zu empfangen und alles hinzugeben fähig sei.
Ein leises Geräusch ließ sie aufschauen, ein Mann stand neben ihr, er blickte auf sie nieder und sagte: »Ich hoffe, ich störe Sie nicht, mein Fräulein."
Alwina warf den Kopf in den Nacken zurück.
„Ich denke, eS ist genug Raum für Sie und mich auf dem Verdeck, mein Herr," entgegnete sie sehr von oben herab.
Der Fremde lachte leise. „Das soll heißen: Wärmn entfernen Sie sich nicht?" versetzte er mit einer fremd- ländischen Betonung. „Nun, ich dachte, daß jemand angesichts dieses großartigen Schauspieles nicht an Kleinigkeiten denkt." 187.18*-