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Schlüchterner Zeitung

mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. 6». Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat". Telefon Nr. es.

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 88.

Samstag, den 4. November 1911.

62. Jahrgang.

Amtliches.

Unter Bezugnahme auf die Bekanntmachung vom 3. Januar d. Js., Amtsblatt Nr. 2 vom 11. Januar 1911, wird hierdurch erneut bekannt gegeben, daß der nächste Termin der durch das Gesetz vom 18. Juni 1884 vorgeschriebenen Prüfung von Schmieden über ihre Befähigung zum Betriebe des Hufbeschlag­gewerbes hierselbst am Sonnabend, den 9. Dezember, vormittags 9 Uhr, in der Schmiede des Schmiede­meisters H e l l w i g, Wörthstraße 4, wird abgehalten werden.

Cassel am 6. Oktober 1911.

Der Vorsitzende der staatlichen Prüfungskommission: _________Veterinärrat Buch.

Die Kebensmittetpreise^

Eine Preissteigerung für eine Reihe von Lebens- mitieln, die hauptsächlich die Volksernährung sicherstellen müssen, ist im Zusammenhänge mit der Schädigung der deutschen Landwirtschaft durch die anormalen Witterungserscheinungen des vergangenen Sommers eingetreten. Diese Tatsache wird, wie es nicht anders sein kann, von denjenigen Bevölkerungsklassen, die von der Hand in den Mund leben müssen, peinlich empfun­den. Es ist daher nur recht und billig, daß die Staats­regierung und die Stadtgemeinden bestrebt sind, durch zweckentsprechende Maßnahmen einer übermäßigen Ver­teuerung der alltäglichen Lebensmittel zu begegnen. Leider hat aber eine gewissenlose Hetze der Teuerungs­frage sich bemächtigt und sucht an der Hand von ein paar willkürlich herausgegriffenen Zahlen den Volks­massen einzureden, daß in Deutschland erschreckliche Teuerungsverhältnisse platzgegriffen hätten. Ueber den Zweck solcher maßlos aufgebauschten Behauptungen kann ein Zweifel nicht bestehen. Durch die fortgesetzte Be- rufung auf dieHungerpreise" soll gegen^ie b'ewaWe Wirtschaftspolitik und diejenigen von deoew letztere vorzugsweise gestützt tote, 'oeptarfe Entrüstung wachgerufen werden. Das pomisch?Ziel heiligt auch hier die verwerflichen Mittel.

Diesem unverantwortlichen Treiben gegenüber kann nicht oft genug darauf hingewiesen werden, daß die gegenwärtigen Lebensmittelpreise keineswegs im Ver­gleich zu früheren Zeiten besonders hoch sind. Selbst­verständlich dürfen die Vergleiche über die Lebensmittel' preise nicht auf Zeitverhältnisse zurückgreifen, die weit hinter uns liegen und daher ganz anders geartet waren. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

beispielsweise trug das Wirtschaftsleben einen von den Zuständen der Gegenwart völlig abweichenden Charakter. Der Preis des Geldes stand damals viel höher, während der Arbeitslohn nicht entfernt so hoch war wie jetzt. Immerhin können wir getrost in der Betrachtung der Preisbewegung auf ein halbes Jahrhundert zurückblicken, was zweckmäßig ist, um die Preise auch aus solchen Zeiten heranzuziehen, wo noch keine Getreide- und Viehzölle bestanden.

Die Statistik des Brotgetreides zeigt nun, daß dessen Preise seit etwa einem Menschenalter nicht in die Höhe gegangen, sondern gesunken sind. So bleibt der Durchschnittspreis für Wetzen und Roggen in der Zeit« Periode 18801911 weit hinter dem Durchschnitt der vorangegangenen 30 Jahre von 18501880 zurück. Dieselbe Erscheinung tritt uns bei den Kartoffeln ent­gegen. Hier haben die Großhandelspreise infolge der ungeheuren Fortschritte des deutschen Karwffelbaues im Durchschnitt der Jahre eine Senkung erfahren. In der Bewegung für Schlachtvieh ist bei Rindern, Kälbern und Schafen besonders im letzten Jahrzehnt eine stetige Preissteigerung festzustellen, während eine solche Preis­erhöhung bei den Schweinen im wesentlichen nicht wahrnehmbar ist. Die Preise für Schlachtschweine unterliegen entsprechend dem Ausfall der Kartoffel- und Futtermittelernte gewaltigen Schwankungen von einem Jahr zum andern.

Eine durchschnittliche Preissteigerung ist indessen bei allen Fleischarten festzustellen, so bei Speck u. Schinken, ferner bei Geflügel. Doch ist hierbei zu beachten, daß zwischen den Großhandelspreisen für Schlachtvieh und den Preisen im Kleinverkauf zumeist eine Spannung besteht, die über den berechtigten Zwischengewinn häufig weit hinausgeht.

Wenn schließlich die auf den Lebensmittelmärkten gegenwärtig geforderten Preise mit dem Preisniveau vor etwa einem Jahr verglichen werden, so ist gleich­falls aus den amtlichen Ermittlungen nachzuweisen, daß die Preisaufschläge sich keineswegs auf alle Lebensmittel erstrecken und im großen und ganzen nicht hinausgehen über die durch die ungünstigen Marktkonjunkturen be- dingten Steigerungen. Wir stehen zurzeit in einer wirtschaftlichen Kalamität, deren Wirkungen durch sach­gemäße Maßnahmen nach Möglichkeit eingedämmt werden muß, zu einer zügellosen Agitation aber geben die Lebensmittelpreise in ihrer derzeitige» Höhe keinen Anlaß.

Eine Kundgebung ;ur MaroKKofrage.

Angesichts der schweren Schädigungen, die durch die schwebenden Marokkoverhandlungen den nationalen und kolonialpolitischen Interessen des deutschen Volkes drohen, hält es der Main-Weser-Gauverband der Deut­schen Kolonialgesellschaft auf Grund eines mit über­wiegender Mehrheit gefaßten Beschlusses für geboten, die folgenden grundsätzlichen, von der Deutschen Kolo­nialgesellschaft schon bisher vertretenen Gesichtspunkte nochmals öffentlich zum Ausdruck zu bringen.

Es entspricht weder der Würde noch den Interessen des Deutschen Reiches, die ihm durch die Algeciras- Akte in Marokko gesicherte politische und wirtschaftliche Stellung ohne zwingende Gründe aufzugeben. Wir laufen die Gefahr, unser bisheriges Ansehen in der Welt zu verscherzen. Zugleich dürfte es auch eine ver- hängnisvolle trügerische Hoffnung sein, wenn man glaubt, daß durch Preisgabe unserer Stellung in Marokko unsere politischen und wirtschaftlichen Gegner dazu be­stimmt werden können, auf die Dauer von ihrer Gegner­schaft abzustehen. Sogenannte Reibungsflächen werden auf diese Weise nicht beseitigt, sondern eher neu geschaffeiz.

Wir müssen das Verlangen stellen, daß in Marokko ein Zustand bleibe, der es unserem Handel, unserer Industrie und Landwirtschaft gestattet, in ganz Marokko sich frei und unbeengt durch die Geltendmachung der hinlänglich bekannten kolonisatorischen Tendenzen Frank­reichs zu entwickeln. Läßt sich dies aus etwaigen politischen Rücksichten nicht erreichen, so ist mindestens West-Marokko dem französischen Einfluß vorzuenthalten. Zugleich wird, wenn Ost-Marokko für die Dauer end« gültig dem französischen Einfluß anheimfällt, über Kompensationen territorialer Art auf anderen Gebieten nur geredet werden können, wenn deren Wert demjenigen entspricht, den Ost-Marokko für Frankreich hat.

Zurückzuweisen ist jede Entgegennahme einer Gebiets­abtretung, die unrentable finanzielle Lasten für uns im Gefolge haben würde. Als eine unerhörte Zumu- tung an das deutsche Volk muß der von französischen Blättern verbreitete Gedanke zurückgewiesen werden, daß Deutschland sich aus seiner wichtigen Stellung in Marokko zurückzieht und für Fetzen unbrauchbaren Landes Millionen an französische Ausbeutungsgesell­schaften zahlt."

Diese Kundgebung entspricht dem Standpunkt, den die Deutsche Kolonialgesellschaft von vornherein in der

Hesühnt.

Roman von G. o. Schlippenbach. 30

Es tut mir wirklich leid," sagte Nora, als sie in das halb erstaunte, halb klägliche Gesicht ihres Freiers sah. Sie hatte Angst, daß er weinen würde; er kam ihr wie ein Knabe vor, dem man einen Wunsch versagt. Bittend streckte Nora ihm die Hand hin:Ich habe Sie sehr gern, wie einen Bruder.

Felix richtete sich im Sattel auf.

Apropos," sagte er, ohne auf die Worte des jun­gen Mädchens zu achten,ich habe gehört, daß Sie einen Bruder haben, der über See gegangen ist, vor vielen Jahren. Er soll .. hm .. ziemlich unsaubere Sachen los- gelassen haben."

Wie boshaft klingt die eben noch flehende Stimme.

Noras Haupt ist tief auf die Brust gesunken, als sie das Gesicht aufrichtet, ist alle frische Farbe aus ihren Wangen gewichen.

Mein Bruder hat sein Ehrenwort gebrochen, er war lin Rausch als er es tat," entgegnet sie tonlos.

«Sie sehen, wie groß meine Liebe zu ihnen ist, daß ich trotz dieses Fleckens auf Ihrem Namen um Sie an- hielt. Der Fürst Degenhart Hütte seinem Schwager eine Stelle gegeben .. Sie haben es nicht gewollt."

Emil Otto wird wiederkehren, er wird sich selbst re­habilitieren, er ist in den vielen Jahren ein anderer geworden," lautet Noras Antwort,es ist zu hart, wenn man ihm eine Jugendsünde noch jetzt anrechnet, der reife Mann hat gesühnt, was der Jüngling verbrach."

Nun, die Ehrbegriffe sind eben verschieden, der Fabrik­besitzer hat Ihnen vielleicht seine laxen Ansichten bei­gebracht, als Sie gestern so lange bei ihm waren."

Sie vergessen sich, Fürst!" rief Nora empört.Ich finde es kleinlich, daß Sie so sprechen, aus Rache, daß ich Ihre Werbung nicht aunehme."

Sie können es ja allen erzählen, daß Sie mir soeben einen Korb gegeben haben," ruft Felix außer sich.

Schämen Sie sich, Fürst, ein Mädchen behält so etwas für sich," lautete Noras Erwiderung.Ich ver­spreche Ihnen, daß niemand etwas erfahren soll. Das Wort einer Frau soll ebenso bindend sein wie das Wort des Mannes."

Hoffentlich gleichen Sie Ihrem Bruder darin nicht."

Diesen letzten Hieb mußte er ihr noch versetzen.

Entrüstet treibt Nora ihr Pferd an, sie galoppieren stumm nebeneinanderher,bis sieMonVarsangeerreichen. Felix ist denn doch etwas beschämt, er will Nora aus dem Sattel helfen, sie gleitet schnell zur Erde und tut, alssähe sie nicht die Hand, die er ihr hinhält.

Ich danke," sagte sie kalt und geht erhobenen Haup­tes davon.

Ueber das Gesicht Felix' gleitet ein häßlicher Zug, er knirscht mit den Zähnen. So stolz denkt er bei sich. Nun, ich will Dir das ankreiden, was heute zwischen uns geschehen, wir wollen sehen, wer die Zeche be­zahlt." ...

Am anderen Tage sind Mutter und Tochter abgereist nach einem recht kühlen Abschieds.

Felix dreht das blonde Schnurrbärtchen, seine bloß oberflächliche Verliebtheit ist der Erbitterung gewichen.

Ich reise noch heute nach Wien, Mama," erklärt er,ich habe das Landleben satt."

In der österreichischen Residenz ist die niedliche Eveline Rifcher beim Ballett angestellt, eine sehr gute Freunoin des Fürsten Degenhart, dorthin trägt Felix seine Ent­täuschung und sem vieles Geld.

Nora hat am Morgen ihrer Abreise noch einmal das Grab DoloreS' besucht und wieder einen Strauß Feld­blumen auf den Hügel niedergelegt, ein letzter Gruß für die Tote. ,

Klingberg findet den Strauß noch an demselben Tage, er bückt sich und entnimmt ihm einen halbwelken Ver­gißmeinnicht-Stengel, den er in seine Brieftasche legt.

Du zürnst mir deshalb nicht, mein toter Liebling," denkt er, als er lange im Walde umherschweift, fern vom geschästigen Treiben der Fabrik, allein mit seinen Gedanken und doch nicht mehr einsam, denn es ist ihm, als halte er wieder die warm pulsierende Menschen­hand umspannt, als fühle er Noras Nähe.

*

Mörenholm, das Stammschloß der Familie Mören, lag im goldenen Nachmittagssonnenschein unter den ho­hen Bäumen. Eine stattliche Allee von Nadelbäumen führte zu dem Herrensitz, und gleich hinter dem schloß- artigen Gebäude erhoben sich die rotgrauen Felsen, die, hin und wieder mit niederem Gesträuch bewachsen, jetzt im bunten Schmuck des herbstlichen Laubes malerisch anzusehen waren.

Die Grafen Mören zählten zum alten Adel Schwe­dens, sie hatten unter Gustav Wasa gekämpst und auf den Tafelnder Geschichte mit des Schwertes Spitze ihren Namen eingeschrieben. In der schönen Ritterholmkirche in Stockholm hing das blau und silberne Wappen der Mörens als eins der ersten. Weitverbreitet war das blühende Geschlecht, es zählte hohe Staatsbeamte und Offiziere, große Grundbesitzer und Würdenträger, die stolz auf ihre Abkunft waren.

Von Gothenburg kommend, erreicht der Reisende die kleine Bucht Waßbotten, die mit der Götaelf durch einen Kanal verbunden ist. Gleich zu Anfang der Götaelf be­finden sich die Anfänge des Trollhättafalles, darunter der Wasserfall bei Rannem, der neunzehn Fuß Höhe hat. Wundervoll ist der Bergstrom, die Halle und Hunne­berge erheben sich links mit ihren schroffen Granitwän­den und waldbedeckten Scheiteln, auf der entgegenge­setzten Seite dehnt sich eine weite Fläche aus, hier sieht man im Sommer wogende Kornfelder, saftige Wiesen und hin und wieder freundliche, weißgetünchte Häuser. Zu beiden Seiten des Stromes liegen verschiedene Her­rensitze, und reizende Villen locken jedes Jahr erholungs­bedürftige Gäste herbei. 187,18*