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Her Reichstag beschäftigte sich am Donnerstag noch immer mit den Teuerungsinterpellationen. Den Anfang in der Debatte machte der Präsident des Bauernbundes Wachhorst de Wente (natl.), der wider Erwarten eine ganz agrarische Rede hielt und sich sogar gegen die Einfuhr argentinischen Fleisches erklärte, während er im zweiten Teil seiner Rede scharf gegen die Regierung sprach. Auch der Landwirtschaftsminister Freiherr von Schorlemer griff nochmals in die Debatte ein, um einige Irrtümer des Abg. Pachnicke (fortsch. Vp.) richtig zu stellen und die gegen seine Ostmarken» Politik gerichteten Verdächtigungen des Abg. Wachhorst de Wente glänzend zu widerlegen. Es wurde noch weiter zwecklos hin-und hergeredet, ohne daß die Besprechung zu Ende geführt wurde. Am Sonnabend wurde vor fast leerem Hause über die Interpellationen des Zentrums und der fortschrittlichen Volkspartei über den Umfang der Maul- und Klauenseuche und die von der Reichs­regierung geplante Schadloshaltung der Landwirte ver­handelt. Staatssekretär Dr. Delbrllck beantwortete die Interpellationen, indem er ausführte, eine Isolierung der Seuche sei in diesem Jahre nicht möglich gewesen. Das neue Viehseuchengesetz solle am 1. April 1912 in Kraft treten. Auf das vom Abg. Fegter (fortsch. Vp.) gestellte Verlangen, Reichsmittel für die Erforschung der Seuche bereit zustellen, gab der Staatssekretär den Bescheid, daß zunächst die Ergebnisse der vom preußischen Staate veranlaßten wirtschaftlichen Arbeiten abgewartet und, wenn diese Forschungen kein possives Ergebnis liefern, Reichsmittel aufgewendet werden sollen. Land- Wirtschaftsminister Frhr. v. Schorlemer berichtete über die den kleinen Landwirten gewährten Erleichterungen in der Durchführung des Viehseuchengesetzes. Nach weiterer Debatte vertagte sich das Haus bis zum 7. November, ohne daß die Besprechung der Teuerungs- inlerpellalionen beendet wurde.

Die Teuerungsdebatten im Reichtag veranlaßten den Reichskanzler, sich am 23. Oktober 1911 über die gegenwärtige Wirtschaftspolitik des längeren zu ver­breiten. Da in den Ausführungen des Leiters der Reichspolitik auch mit den sozialdemokratischen Un­wahrheiten über unsere wirtschaftliche Lage abgerechnet wurde, verbreitet derReichsverband gegen die Sozial- demokratie" die Rede des Reichskanzlers in einem neuen Flugblatt (Nr. 143), das betitelt ist:Der Reichs­kanzler und die deutsche Wirtschaftspolitik." Das neue Flugblatt ist zu beziehen durch die Hauptstelle des Reichsverbandes gegen die Sozialdemokratie", Berlin SW. 11, Dessauer Straße 30.

Bei der Reichstagsersatzwahl in Ratibor erhielt von 18257 Stimmen Grundbesitzer Stadtrat Sapletta (Z.) 8675, Pfarrer Banas (Pole) 4341, Landschafts­syndikus Regierungsrat a. D. Luedke (Rp.) 3445, Schwob (Soz.) 1793 Stimmen. Es findet somit Stich­wahl zwischen Sapletta und Banas statt.

Bei der Reichstagsstichwahl in Konstanz-Ueber- lingen erhielt Gärtner Schmid (lib.) 15114 Stimmen, Landgerichtsdirektor Freiherr v. Rüpplin (Z.) 14045 Stimmen. Schmid ist somit gewählt.

Beider Landtagswahl in SchubinHohensalza Strelno erhielt von 549 abgegebenen Stimmen Gerichts- assessor a. D. Dr. Levy (nall.) 311 Stimmen, Probst Laubitz (Pole) 238 Stimmen. Dr. Levy ist also ge­wählt.

Die Parteizusammensetzung in der zweiten Kammer von Elsaß-Lothringen wird sich nach Be­endigung der Nachwahlen folgendermaßen zusammen­setzen: 24 Zentrum, 9 Liberale, 11 Sozialdemokraten, 10 lothringer Block, 6 Unabhängige und zwar 4 liberale Unabhängige und 2 zentrumsgesinnte Unabhängige.

Die Junggesellensteuer ist nun in Reuß ä. L. vom Landtag angenommen worden. Danach sollen alle steuerpflichtigen Personen männlichen sowohl weiblichen Geschlechts, die das dreißigste Lebensjahr überschritten haben, ohne verheiratet zu sein, bei einem Einkommen von 3000 bis 6000 Mk. einen Steuerzuschlag von 5 Prozent und bei einem Einkommen über 6000 Mk. einen Zuschlag von 10 Prozent zu zahlen haben.

Ausland.

Ueber die Ereignisse im italienisch-türkischen Krieg lauten die Nachrichten sehr widersprechend. Nach aus türkischer Quelle stammenden Nachrichten hat zwischen den östlich von Benghasi landenden Italienern und türkischen Truppen sowie Freiwilligen der Senussi, die sich hinter der Dattelpflanzung von Hadade versteckt hielten, ein neuer Kampf stattgefunden, in dem 400 Italiener gefallen sein sollen. Nach einer der Pforte zugegangenen Meldung der türkischen Kommandanten in Tripolis leistete die Garnison von Derna den Ita­lienern tapferen Widerstand und brächte ihnen große Verluste bei. Schließlich zogen sich die Türken in Ordnung nach einem früher ausgearbeiteten Plan zu­rück und nahmen eine sichere Stellung ein. Hingegen wissen die Italiener von neuen großen Verlusten der Türken bei Tripolis zu melden. Nach einer offizieller italienischen Meldung unternahmen Dirken und Araber zwischen El Meari und dem Brunnen Bummeliana einen heftigen Angriff auf die Italiener, wurden aber auf allen Seiten mit großen Verlusten zurückgeschlagen. Die Verluste der Italiener sind gering.

DieTribuna" erklärt bezüglich der von ita­lienischen und ausländischen Blättern veröffentlichten

k Mitteilungen über du Kosten des tripolitanischen Feld­zuges: Auf Grund der Erfahrungen in den früheren Feldzügen in Afrika seien die leitenden Kreise der An­sicht, daß die Kosten, auch wenn der Krieg sich noch einige Monate hinziehe, hundert Millionen Lire nicht überschreite. Der Staatsschatz befinde sich in ausge­zeichneter Verfassung und könne das für die außer­ordentlichen militvrischen Ausgaben erforderliche Geld ohne Maßnahmen liefern.

Die Revolution in China. Das Außenamt in Peking gibt die Wiederaufnahme des Zugverkehrs der Eisenbahn Hankau-Peking am nächsten Montag bekannt ebenso die Wiedereinnahme zweier Städte in Szechuan die von den Ausständigen eingenommen worden waren.

Die Unruhen in Mexiko dauern fort. Der Re­bellenführer Zapata befindet sich mit etwa 5000 Mann vor den Toren der Hauptstadt. Präsident Madero wurde von dem neuen Anmarsch auf die Hauptstadt benachrichtigt- Er legt jedoch diesem Umstand wenig Bedeutung bei und wird in den nächsten Tagen wieder nach der Hauptstadt zurückkehren. Die Bundestruppen haben in dem Kampfe mit den Anhängern Zapatas 200 Mann verloren.

Ein Krieg zwischen Peru und Chile ist, wenn man den Nachrichten der argentinischen Blätter trauen darf, bevorstehend. Der Streit zwischen diesen beiden amerikanischen Republiken soll sich dermaßen verschärft haben, daß peruanische Truppen bereits die chilenische Grenze überschritten haben.

Lokales und Provinzielles.

Schlüchteru, 31. Oktober 1911.

* Sonntag auf Montag Nacht hat sich der erste Frost eingestellt. Die Natur zeigt schon ein ziemlich winterliches Bild.

* Bei dem am vorigen Samstag auf dem Felsenkeller" stattgefundenen Gänsekegeln erhielten folgende Herren erste Preise (bestehend in einer Gans): H. Heil, K. Simon, A. Müller, F. Simon. Geldpreise erhielten die Herren; G. Ebert (2 Preiset, A. Müller (2 Preise), H, Heil, O. März, F. Simon, L. Freund, G. Müller. Nächsten Samstag werden Gänse, Enten und Hasen zum Auskegeln kommen.

* Aus der Theaterkanzlei wird uns mitgeteilt, daß Mittwoch Benefiz für Frl. Milly Goritz ist. Zur Aufführung gelangtDie goldene Spinne", Lustspiel von Schönthau. Der Name des Autors verbürgt einen vergnügten, amüsanten Abend. Freitag:Eine tolle Sache", Schwank in 3 Akten von Winkelmann. Der Titel charakterisiert den Inhalt ganz prächtig. Selbst der anspruchvollste Zuhörer' wird hierbei nicht zu kurz kommen. Sonntag: Letzte Sonntagsvorstellung.

* Eine Zigeunergruppe (5 Erwachsene und 10 Kinder) passierten heute mittag '/»2 Uhr unsere Stadt. Dieselben wurden durch die Gendarmerie von Hanau nach Fulda verbracht.

* Eine festtagsreiche Zeit werden die Weibnachts­tage und die Jahreswende diesmal mit sich bringen. Da der Weihuachtsheiligabend auf einen Sonntag fällt, hat man gleich mit drei Feiertagen zu rechnen. Dem Neujahrstag (Montag) geht als Sonntag Sil­vester voraus. Das sind innerhalb 9 Tagen nicht weniger als 5 Feiertage.

* Gelnhausen. Der Kreistag hat in seiner kürzlich stattgehabten Sitzung beschlossen, einen Polizeihund für den Kreis anzuschaffen. Zur Anlage einer elektrischen Feuer-Alarm-Einrichtung für die hiesige Feuerwehr stiftete die Aachen-Münchener Feuerversicherungs- Ge­sellschaft 200 Mk. In der am letzten Donnerstag abgehalten Kreistagssitzung ist Landrat Graf von Wartensleben als Kommunallandtagsabgeordneter, Bürgermeister Dr. Schmidt in Gelnhausen als Kreis­deputierter und Oekonomierat Knauer in Altenhaßlau als Mitglied der Landwirtschaftskammer gewählt worden.

* Gelnhausen. In letzter Zeit kam es mehrmals vor, daß auf der Strecke der Frankfurt-Bebraer Eisen­bahn zwischen den Stationen Gelnhausen und Salmünster Züge gestellt werden mußten, weil von dem auf den Wiesenweiden an der Bahnstrecke unbeaufsichtigt herum­laufenden Vieh Tiere auf den Bahntörper geraten waren und die Gleise sperrten. Vor kurzem wurden sogar kurz hintereinander zwei Kühe von durchfahren­den Zügen überfahren und getötet. Jetzt macht der Landral von Gelnhausen auf Veranlassung der Eisen­bahndirektion Frankfurt die Landwirte in einer Be­kanntmachung darauf aufmerksam, daß durch das unbeaufsichtigte Umherlaufen des Viehes der Eisenbahn­betrieb erheblich gefährdet sei und die Besitzer solcher, den Bahnbetrieb störenden Tiere, wegen fahrlässiger Eisenbahntransport - Gefährdung gerichtlich bestraft werben.

* Bad Orb. Ein junger Mann aus Burgjoß kam auf der Würzburger Chaussee bei Orb an einer ab­schüssigen Stelle mit seinem Fahrrad zu Fall und erlitt erhebliche Verletzungen, an denen er, da Wund­starrkrampf hinzutrat, verschied.

* Die städtischen Körperschaften in Hanau haben bekanntlich beschlossen, zur Milderung der vorhandenen Teuerung Kartoffeln und Weißkraut int Großen anzu- kaufen und zum Selbstkostenpreise im Kleinen, wozu auch der volle Winterbedarf an Barzahlung gehört, an die minderbemittelte Bevölkerung (Arbeiter und gleich­

gestellte Personen, z. B. kleine Beamte und Handwerker) abzugeben. Der Aufforderung des Magistrats zur Anmeldung des Bedarfs ist in weitem Maße entsprochen worden. Bis heute sind 5250 Zentner Kartoffeln und 100 Zentner Weißkraut bestelli worden. Die Kartoffeln (gute weißfleischige Ware) liefern zwei hiesige Groß­händler. Die Abgabe erfolgt zu 7.20 Mk. pro Malter frei Keller.

* Zum landirtschaftlichen Maschinenmarkt zu Frank­furt (Main), welcher in den Tagen vom 18. bis 21. Mai nächsten Jahres in der Landwirtschaftlichen Halle abgehalten wird, sind die Anmeldungen jetzt schon derart zahlreich eingegangen, daß voraussichtlich auch die Nebengebäude in Benutz gezogen werden müssen. Erfreulicherweise steht auch eine würdige und rege Vertretung des Auslandes in Aussicht und man kann bereits heute sagen, daß der Markt an Größe und Reichhaltigkeit die Erwartungen aller Voraussicht nach weit übertreffen wird. Die landwirtschaftlichen Korpo­rationen und Vereinigungen weisen ihre Mitglieder auf diese Veranstaltung hin und fordern sie auf, diese Ge» legenheit zur Anschaffung der erforderlichen Maschinen und Geräten zu benutzen. Der veranstaltende Frank­furter landwirtschaftliche Verein wird durch entsprechende Anordnungen dafür Sorge tragen, daß das Unter» nehmen den Charakter eines Marktes erhält und daß dememsprechender Umsatz erzielt wird. Für die Leitung des Maschinenmarktes hat der Verein aus seinen Mit­gliedern ein Comitee eingesetzt, in welchem nachstehende Herren ehrenamtlich fungieren: Waldemar Freiherr von Günderrode, Heinrich Hlltter, Amlsrat W. Lindheimer auf Domäne Klein Schwalbach, Fritz Broch, General­direktor Blumenthal, Carl von Gosen auf Römerhof, Architekt Peter Walluf, Moritz Weil und Generalkon­sul van Pauleuys.

* Frankfurt. Donnerstag abend gegen 9 Uhr fand man 300 Meter unterhalb der Dörmgheimer Bahn­station in der Richtung nach Frankfurt;zu die Leiche eines jungen Mannes mit schweren Kopfwunden und sonstigen Verletzungen. Der Körper lag mit dem Kopfe auf dem die Schienen entlang führenden Fußpfade und mit den Füßen an den Schienen selbst. Es handelt sich um den am 17. November 1890 in Bokeloh (Hannover) geborenen Kupferschmied Friedrich Fischer, der nach den bei der Leiche Vorgefundenen Militär­papieren erst am 30. September d. J. von der 8. Kompanie des Eisenbahnregiments Nr. 1 in Berlin nach Wunstorf (Hannover) zur Reserve entlassen wurde. In dem Besitze des Getöteten fand sich weiter ein polizeilicher Abmeldeschein von Wunstorf nach Hanau, datiert vom 24. d. Mls. Ob hier Selbstmord oder UnglückssaU vorliegt, konnte bisher nicht..iestaestellt werden.

* Seminar-Direktor Koch ist das Direktorat des Lehrer-Seminars in Homberg verliehen worden.

* Friedberg. Einen eigenartigen Unfall erlitt ein Landwirt in Ober-Mörlen. In den sogenannten Krautgärlen" hatte derselbe früher einen Brunnen, der seit längerer Zeit zugeschüttet ist. Als er mit dem Pfluge über die Stelle kam, versanken auf einmal die beiden Kühe mitsamt dem Pflug in die Tiefe. Die beiden Kühe konnte man noch nicht retten, den Pflug hat man herausgeholt.

* Der Kreisausschuß des Kreises Eschwege hat mit Rücksicht auf den großen Schaden, den die Erdratten (Wühlmäuse) im Laufe der letzten Jahre an den Obst­baumpflanzungen angerichtet haben, beschlossen, für das Einfängen und Töten dieser Schädlinge eine Prämie von 1 Mk. für jedes Stück zu bezahlen.

* Biedenkops. Bei einer in den fürstlichen Waldungen bei Berleberg kürzlich abgehaltenen Treib­jagd wurde auch eine völlig wildgewordene Kuh erlegt. Das recht gut genährte Tier war, wie sich bald heraus- stellte, im Juni dem Landwirt Schneider in Wundert- Hausen entlaufen und hatte sich während dieser Zeit in den wittgensteinischen Forsten umhergetrieben.

* Aus dem Kreise Ziegenhain. Zu der von der Landwirtschaftskammer auch in diesem Jahre veran- stalteten Prämierung ganzer Viehstämme bäuerlicher Besitzer waren 19 Ställe aus 10 Kreisen des Regie­rungsbezirks angemeldet, darunter auch solche aus den Kreisen Homberg und Ziegenhain. Es wurden eine größere Anzahl Preise verteilt. Bewertet wurden: Der ganze Viehbestand mit 80, die Haltung und Pflege mit 20, Bau und Einrichtung des Stalles mit 10, Kälber-Jungviehweiden mit 40 und regelmäßiges Probemelken mit 50 Punkten. Die höchsterrreichte Punktzahl betrug 184, die niedrigste 152.

* Auf dem Bahnhof in Brotterode wurde ein Granitsteinblock von etwa 600 Zentnern nach Hamburg verladen, der in einem Steinbruch bei Siebenstern ge­wonnen war.

* An der Fiedler- und Hegelsbergerstraße im Nord­osten der Stadt Cassel werden Arbeiter»Einfamilien- häuser im Werte von 6000 Mk. das Stück gebaut und für die jährliche Miete von 420 Mark an Arbeiter vermietet. Die Verträge werden so gehalten, daß die Häuschen mit der Zeit auch im Wege der Erbpacht als Eigentum erworben werden können.^ Der große soziale 'Plan geht von einem Privatmanne aus, der nicht ge­nannt sein will. Die Stadt läßt dem Unternehmen die tatkräftigste Unterstützung zuteil werden.