mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 6». Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. 65.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Amtliches.
J.-Nr. 13524. Die Herren Bürgermeister des Kreises mit Ausnahme derjenigen von Steinau und Soden werden an die umgehende Erledigung meiner Verfügung vom 11. Mai d. Js. — I. Nr. 5565 — Kreisblatt Nr. 18, betreffend die Einrichtung des Wetternachrichtendienstes, erinnert.
Schlüchtern, den 30. Oktober 1911.
Der Königliche Landrat: I. V. Schultheis.
Bekanntmachung.
Das unterzeichnete Kommando stellt am 1. Oktober 1912 einige Zweijährig-Freiwillige (Schreiber) ein.
Nur Leute mit gewandter schöner Handschrift, welche auf einem Büro mit Erfolg tätig waren und eine tadellose Führung nachweisen können, werden bei der Annahme als Schreiber berücksichtigt.
Bewerber wollen sich umgehend unter Beifügung eines selbstgeschriebenen Lebenslaufes, der Schul- und sonstigen Zeugnisse melden.
Hanau, den 25. Oktober 1911.
Königliches Bezirkskommando Hanau a. M.
Die neuen Grenzlinien.
Der Abschluß des Marokkoabkommens ist in Sicht. Die französische Presse weiß wieder mehr als die deutsche, und da ihre Angaben oft zugetroffen haben, müssen wir ihnen auch diesmal Beachtung schenken.
Sansanne Mangu in Togo soll französisch werden und die Kameruner Grenze soll in Zukunft wie folgt verlaufen:
Don der Küste etwas südlich vom Muniflusse, also das berüchtigte Gebiet der Fangstämme einschließend bis zur Flußgabel Dscha-Ssanga, an der die französische Station Wesso liegt. Von Weffo soll die neue Grenze am linken Ufer des Likuela entlang laufen, uns also diese Wasserstraße ebenso vorenthalten, wie uns in Südwest der Oranjefluß von den Engländern nicht zu-
den Franzosen belassen. Bei Kilometer 6 würde sie bent total vergrasten Gras-Likuela stromauf folgen und üch von dessen Quellgebieten ostwärts bis zum Lobay» flusse wenden, von da wieder in südöstlicher Richtung dem Laufe dieses Flusses bis zur Mündung in den Ubangi folgen. Gegenüber der belgischen Station Mongumgee folgt die Grenze wieder 5—6 Kilometer
Mittwoch, den 1. November 1911.
dem Ubangi, jedoch ebenfalls auf dem rechten Ufer und die vorgelagerten zahlreichen Inseln den Franzosen und Belgiern lassend, biegt sie dann parallel zum Lobayfluffe nach Noden um und erreicht den Logone, welcher — hoffentlich ist der östliche Logone gemeint — dann bis zu seiner Mündung in den Schari die weitere Grenze bildet. Das Dreieck Ham-Fort Lamy—Fort Bretonnet, also die halbe Landschaft Musgu, würde damit an Frankreich fallen. In Togo würden wir dann den schmalen Lagunenstreifen von Anecho bis Groß-Popo erhalten und dafür die reiche Landschaft Sansanne Mangu opfern, den nördlichsten Teil der Kolonie. Das wäre ein Gebiet von rund 7500 Quadratkilometern oder der elfte Teil der ganzen Kolonie.
Eine kurze Schilderung dieses Gebietes dürfte von Interesse sein. Wer von Dahomey kommend vom Jumbermagebirge hinabsteigt in das deutsche Gebiet, tritt in eine öde, mit Felsgeröll bedeckte wellige Landschaft ein, die von reißenden Gewässern durchzogen wird. An den Ufern, namentlich dort, wo die Berge etwas zurücktreten, herrscht eine üppige Vegetation. Garten reiht sich an Garten. Oft freilich ist auch das Land total versumpft, sodaß es nur mit den größten Anstrengungen möglich ist, hindurchzukommen. Ein wenig weiter nach Nordwesten gelangt man dann an eine Kette herrlich bewaldeter Berge, an deren scharfen Linien man sich kaum satt sehen kann. Nur der Rhein fehlt, sonst würde man die burgartigen Gebäude, welche die Höhen krönen, für die rheinischen Gebirge halten können. Ein runder Wall aus gebranntem Lehm umschließt die turmartigen, ofi mit spitz zulaufenden Grasdächern bewehrten Wohnhütten, Kornspeicher, Geräteschuppen und den Aufstiegsraum, neben dem auch der Pferdestall untergebracht zu sein pflegt. Die Berglandschaft nimmt immer groteskere Formen an. Weit in bläulicher Ferne erblickt man von den Höhen die Ebene des Oti, eines Nebenflusses des Volta, der in seinem Mittelläufe die Grenze nach der britischen Goldküsten- kolonie bildet. Nun wechselt wieder Savanne mit; mannshohem Gras und Sumpf.
Das Land ist reich an Raubwild. Löwe, Leopard, Gepard, Zibetkatze, Serval sind die bekanntesten Vertreter. Im Oti Hausen Flußpferde und Krokodile und geführten die Uebergänge. Sie treten, wie auch der Elefant, in ganzen Scharen auf. Auf den zahllosen Inseln und Sandbänken des Oti Hausen riesige Scharen von Vögeln, Reiher, Marabuts, Bachstelzen, während in den Bäumen zahllose grüne Papageien sich belustigen.
62. Jahrgang.
Daß auch der Affe, die Landplage Afrikas, nicht fehlt, braucht kaum gesagt zu werden.
Die Eingeborenen haben früher viel unter den kriegerischen Stämmen der Umgebung zu leiden gehabt. Sklavenhändler durchzogen das Land, und so sehen wir eine Anzahl kleiner Stämme hier zersprengt in den unzugänglichen Bergen, Sümpfen und Wäldern. Die großen Stämme weisen starken arabischen Einschlag auf und sind sehr kriegerisch. Daher ist die Verwaltung auch noch nicht bis hierher ausgedehnt worden. Die Grenzexpedition, die 1899 unter Hauptmann Prell hierher ging, hat ständig in Gefechtsbereitschaft arbeiten müssen. Insbesondere taten sich die Kabure, Jamberma und Tschaudjo hervor. Die Leute bedienen sich noch heute vergifteter Pfeile, die in kaum einer Minute den Tod des Getroffenen herbeiführen. Vielfach haben sie aber auch schon die Feuerwaffe akzeptiert. Die Bewohner sind fast durchweg Mohammedaner, doch spielt der Fetischdienst noch eine bedeutende Rolle.
Die Landschaft ist sehr reich an Vieh. Ein deutscher Resident repräsentiert die deutsche Macht, die nur mühsam durch Verhandeln aufrecht erhalten wird, da es der Kolonie an militärischen Machtmitteln ja fast völlig fehlt, so ist unsere Herrschaft hier nur eine Scheinherrschaft, die erst sich anders gestalten könnte, wenn die Bahn über Attakpame bis in dieses Gebiet vordringen tönnte, das für Baumwollkultur wie geschaffen scheint. Daher würden wir die Hergabe dieses Landes besonders bedauern müssen, denn gerade der Norden ist das wertvollste zukunftsreichste Stück Tokos.
Deutsches Reich,
— Der Kaiser ist am Sonntag abend vom Neuen Palais aus in Berlin eingetroffen und verblieb über Nacht im Königlichen Schloß. Heute mittag um 127t Uhr empfing der Kaiser im Beisein des Staatssekretärs des Reichskolonialamts von Lindequist in Audienz den Bischof Munsch, apostolischen Vikar von Kilimandscharo, vor seiner Rückreise nach Deutsch-Ostafrika, und den Pater Provincial Acker der Väter vom Heiligen Geist und unbefleckten Herzen Mariä. Die Herren überreichten bei der Audienz ein Album mit Ansichten von der Abtei und Kirche zu Knechtstede in der Rheinprovinz.
— Nach einer Allerhöchsten Kabinettsorder finden 1912 Kaisermanöver des 3. (Brandenburg) und des 4. (Sachsen) Armeekorps gegen die beiden Königlich Sächsischen (12. und 19.) Armeekorps statt.
BH2
Gesühnt.
Roman von G. v. Schlippenbach. 29
Sie ahnte nicht, daß Klingbergs Sinne sich im tollsten Aufruhr befanden, es war Qual und Wonne zugleich, sie so nahe zu haben, den süßen Veilchenduft zu atmen, das rotbraune, weiche Haar an seiner Wange zu fühlen, denn er hatte den Kopf tief geneigt, uNd das Verlangen, die seidige Fülle zu küssen, übermannte ihn fast; bedurfte es doch seiner ganzen Energie, um das : Nicht zu verraten, was ihn gewaltig gepackt hatte.
„Nun ist er oben," sagte jemand von den Arbeitern. Nora öffnete die Augen. Sie war sehr blaß, ihre seinen Nasenflügel vibrierten, sie trat ins Freie hinaus und lehnte still an der Mauer. Nach einiger Zeit kam auch Klingberg aus dem Werk und sagte, daß David wieder wohlbehalten zur Erde angelangt sei, und nur ein geringfügiger Schaden am Schornstein die Störung rm Betrieb verursacht habe. Es war inzwischen dunkel geworden, erst jetzt bemerkte es Nora mit leichtem Schrek-
* na$ Varsange zurück," sagte sie, „meine ^)vsie werden gar nicht wissen, wo
I JZ'V ^V Sie mich über den See,
. dann bin ich schneller drüben."
I Dvot, und die kraftvollen Ruderschläge
| K^ngbergs gelben die ,?15xe" über den blanken Wasser- | Riegel, zu schnell, wie der Fabrikbesitzer denkt. Sie spre- | ^en fast Nichts während der Fahrt. Nora hat die eine Hand in die kühle Flut gleiten lassen, die andere rubt lässig auf dem Rand des Kahnes. Die roten Strahlen ; der nntergehenden Sonne hüllen die helle Mädchenge-- l statt mit ihrem Licht ein, in den weichen Zügen liegt eine große Sehnsucht, etwas Neues, eben Geborenes, eine Frage spricht aus den weit offenen Augen, ein
-s rrauuierisches Lächeln teilt die frischen Lippen.
Das Boot stößt an das Ufer, Nora erhebt sich langsam.
„Leben Sie wohl!" sagt sie sehr leise.
Sie reicht ihm die Hand, wie sie es das erste Mal getan, als er sie hinübergerndert hat, Sie geht einige Schritte, dann bleibt sie stehen und wendet sich zu ihm.
„Das waren schöne Stunden," sagte sie. „Ich werde sie nicht so bald vergessen. Emil Otto soll bald seine Festung bekommen, das bestellen Sie ihm."
Jetzt lacht sie wieder fröhlich wie ein Kind.
Klingberg hat den Strohhut vom Kopf gezogen und steht an der Spitze des Bootes.
„Leben Sie wohl!" ruft er hinauf, denn Nora ist schon den Berg nach Mon Varsange emporgestiegen; „auf Wiedersehen," fügt er hinzu.
Sie verschwindet eben vor seinen Augen.
Es ist dunkel geworden. Klingberg kettet das Boot an den Pflock, er geht durch den Wald heim.
Allein, aber nicht einsam.
„Ich sage Dir, liebste Eugenik, daß Du Deiner Tochter zu viel Freiheit gönnst, Du erziehst sie nicht gut, dafür ist ihr gestriges Betragen der Beweis. Es war schon Nacht, als sie endlich nach Mon Varsange zurück- kam."
„Das nun wohl nicht, Heloise," erwiderte der Frei- frau sanfte Stimme, durch die gleichwohl ein etwas ärgerlicher Ton klingt, „es war halb neun, die Sonne war eben erst untergegangen."
„Ganz einerlei, es kommt hierbei nicht auf die Minute an, es handelt sich um die Frage, ob Du diesen Besuch Noras in Doloresruh billigst," rief die Fürstin heftig werdend, indem sie hochaufgerichtet dastand und sprühenden Blickes auf die Jugendfreundin niedersah.
Frau von Ebenstedt schüttelte den Kopf.
„Ich habe Nora darüber gesagt, was ich denke; sie ist eine impulsive Natur, die leider oft hingerissen wird. Als sie uns gestern erzählte, wo sie gewesen war, tat
sie es in ihrer freimütigen Art, ohne irgend etwas zu verheimlichen."
„Mein Gott, man muß doch vorsichttger sein. Klingberg ist unverheiratet. Noras Besuch in Doloresruh ist ein Entgegenkommen, das ihn ermutigen könnte, sich ihr weiter zu nähern und Du würdest es gewiß selbst nicht wünschenswert finden, wenn der Name Deiner Tochter in mißliebiger Art mit dem des Fabrikbesitzers in Verbindung gebracht würde."
„Davon ist nicht die Rede, wir reisen ja bald ab," versetzte die Freifrau gelassen; „Nora wird wahrschein« lich Klingberg nie wiedersehen."
Sehr erstaunt sah die Fürstin Heloise aus.
„Es wäre doch möglich, hast Du nicht daran ge- dacht, liebe Eugenie, wenn Felix und Nora ein Paar werden. Jedenfalls müßte ich dann ernstlich mit Dei- ner Tochter sprechen. Eine Fürstin Degenhart darf sich nicht solche unüberlegten Streiche zu schulden kommen lassen."
Beide Damen schwiegen.
Eine ungemütliche Stimmung hatte fett dem Abend geherrscht, als Nora bei ihrer Rückkehr nach Mon Bar« sänge die beiden Freundinnen wiedergesehen.
Sofort hatte das junge Mädchen offen erzählt, wo sie gewesen und erst durch die plötzlich eisige Haltung der Fürstin war es ihr klar geworden, daß sie ihr Miß« fallen geweckt. Felix war nicht zugegen, er war länger im Walde aufgehalten worden, Nora sah ihn erst am andern Morgen. Während sich die beiden Frauen auf der Veranda unterhielten und die erregte Fürstin Degenhart ihrem Herzen Luft machte, ritten Felix und die Baronesse durch den Forst bis zu der ziemlich entfernten Stelle, die gestern die Anwesenheit des Besitzers von Mon Varsange erheischt hatte.
„Jetzt kann sie mir nicht entgehen," dachte der Fürst, „auf dem Rückwege werde ich mich mit ihr verloben."
Statt der so bestimmt vorausgesetzten Verlobung er« hielt Felix ein zierliches Körbchen. 187,18*