Schluchterner Zckunß
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. 65. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. «5.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
.M 82.
Samstag, den 14. Oktober 1911.
62. Jahrgang.
Amtliches.
J.'Nr. 12644, Ich mache im Interesse der Bevölkerung wiederholt darauf aufmerksam, daß die Sprechstunden bei dem Landratsamte, der Einkommensteuer- Veranlagungskommission und dem Kreisausschuß auf Dienstag und Freitag, vormittags 9 bis 12
Uhr festgesetzt sind.
Schlüchtern, den 10. Oktober 1911.
Der Königliche Landrat: V a l e n t i n e r.
Gegen die Kebensmittelteuerung.
Ein ministerieller Runderlaß vom 26. September ordnet an: In dem Runderlaß des Ministers für Landwirtschaft, Domänen und Forsten an die Landwirtschaftskammern vom 11. August d. Js., in welchem die durch die anhaltende Dürre dieses Sommers der Landwirtschaft und dem gesamten Volke drohenden Gefahren besprochen und Maßnahmen zur Abhilfe empfohlen wurden, ist bereits auf die in diesem Jahre außergewöhnlich hohe Spannung zwischen den amtlich ermittelten Preisen für Schweine auf den Schlachtviehmärkten und den Preisen für Schweinefleisch im Kleinhandel hingewiesen worden. Wie zu erwarten war, hat diese Feststellung in Fleischerkreisen lebhafte Erregung und zum Teil auch offenen Widerspruch hervorgerufen. So hat die Berliner Fleischerinnung die Verwertung der amtlichen Preisstatistik für Vergleiche als unzulässig bezeichnet, weil die gegenwärtig übliche Methode der Feststellung der Fleischpreise im Kleinhandel unrichtige Ergebnisse liefere. Die Innung hat hierbei übersehen, daß die Feststellung der Kleinhandelspreise in den vergleichsweise angeführten Jahren 1909 und 1911 nach gleichen Grundsätzen erfolgt ist, etwaige Mängel der Ermittlung also deren Ergebnisse in gleicher Richtung hätten beeinflussen müssen. Von der Entwicklung der Spannung zwischen Vieh- und Fleischpreisen geben daher die Ergebnisse der amtlichen Statistik ohne Zweifel ein zutreffendes Bild. Diese Ergebnisse zeigen aber mit Deutlichkeit, daß das für die Volksernährung mehr und mehr an Bedeutung gewinnende und namentlich für die Bedürfnisse der unbemittelteren Volksklassen wichtige Schweinefleisch auf dem Wege von der Eczeugungsstätte zum Verbraucher in außergewöhnlichem Maße verteuert wird. Dieses Mißverhältnis zwischen Schweinepreisen und Schweinefleischpreisen wird auch neuerdings in der Mehrzahl der Tageszeitungen fast aller politischen Parteirichtungen
gebührend beleuchtet, wobei dringend Abhilfe verlangt wird. Selbstverständlich kann ,es nicht Aufgabe des Staates sein, unmittelbar einzugreifen ; hier müssen die Kommunen eintreten.
Eine wirksame Betätigung der städtischen Verwaltungen auf diesem Gebiete erscheint um so dringender, als die lange Dürre dieses Jahres eine Anzahl anderer notwendiger Nahrungsmittel, darunter das wich- tigsteNahrungsmittelunbemittelterenBevölkerungsklassen, die Kartoffel, teils schon in bedauerlichem Maße verteuert hat, teils zu verteuern droht. Daher wird in denjenigen Stadien, in denen ein Bedürfnis hierzu besteht, auf die Gemeindeverwaltungen, soweit sie nicht von selbst schon Schritte getan haben, dahin einzuwirken sein, daß Maßnahmen zur Verbilligung der Lebensrnittel, insbesondere aber der Fleischversorgung, getroffen werden.
Es wird sich im wesentlichen darum handeln, daß — zweckmäßigerweise durch besonders zu bildende Ausschüsse — mit den Fleischern über eine den Viehpreisen angemessene Festsetzung der Fleischpreise verhandelt wird. Sollten diese Erörterungen keinen Erfolg haben und die Behörden zu der Ueberzeugung gelangen, daß die Fleischpreise zu hoch sind, so muß dringend empfohlen werden, die unmittelbare Versorgung der Bevölkerung mit Fleisch durch von den Städten einzurichtende Verkaufsstellen in Angriff zu nehmen, wie solches während der vor zwei Jahren herrschenden Fleischteuerung mehrfach mit Erfolg geschehen ist. Des weiteren käme die Frage der billigeren Beschaffung von Seefischen und ihrer.Abgabe an die Bevölkerung auf besonders einzu- richtenden städtischen Fischmärkten in Betracht. Eine Reihe von Städten ist bekanntlich schon in dieser Richtung mit Erfolg tätig gewesen. Endlich würde noch zu prüfen sein, ob nicht auch durch den regelmäßigen Bezug von anderen Nahrungsmitteln des Massenverbrauchs, beispielsweise von Kartoffeln, Hülsen, flüchten, Kohlarten, eine Verbilligung der täglichen Lebenshaltung der städtischen Bevölkerung erreicht werden kann. Um eine solche Wirksamkeit zu erleichtern, hat das Staatsministerium in seiner Sitzung vom 16. d. Mts. bereits beschlossen, Gemeinden und gemeinnützigen Organisationen, die Lebensmittel dieser Art zu oder unter den Selbstkosten verteilen, bei dem Bezüge besondere Frachtermäßigungen zu gewähren. Auf diese Sondervergünstigung ist besonders aufmerksam zu machen.
Deutsches Reich.
— Der Kaiser und die Kaiserin sind Mittwoch morgen 8 Uhr 10 Min. auf Station Werbelinsee eingetroffen und haben sich nach dem Jagdschloß Huber- tusstock begeben.
— Konteradmiral Graf von Platen-Hallermund, der bisherige Kommandant der „Hohenzollern," war bereis vor kurzem zum Oberhofmarschallamt des Kaisers in Berlin kommandiert worden und galt seitdem als Nachfolger des erkrankten Grafen Henckel v. Donners- marck als der künftige Hofmarschall des Kaisers. Sein jetziges Ausscheiden aus der Marine zwecks Uebertritls in den Hofdienst kann keinen Zweifel mehr darüber lassen, daß Graf Platen für diesen Posten ausersehen ist.
— Fürst Bülow gründet sich in Deutschland ein eigenes Heim und will zu diesem Zwecke in dem Hamburger Vorort Kleinflottbeck Grundbesitz erwerben. Der Fürst hat bekanntlich in Hamburg nahe verwandtschaftliche Beziehungen. Das gibt ihm jetzt Veranlassung, sich bei Hamburg auzusiedeln und zwar will er in seinem Geburtsort Kleinflottbeck an der Elbe im eigenen Heim einen Teil des Jahres verleben. Er hat einen Teil des Rücker Jenischen Parkes erworben, um dort eine Villa bauen zu lassen. Daß der Fürst, der bisher den größten Teil des Jahres in Rom weilte, in Zukunft länger in Hamburgs unmittelbarer Whe wohnen will, geht auch daraus hervor, daß seine umfangreiche Bibliothek nach Hamburg geschafft werden soll.
— Der Kultusminister hat unter Hinweis auf die -e.hetzende Wirkung der von der Zentralstelle für die arbeitende Jugend Deutschlands in Berlin herausgegebenen Zeitung „Die Arbeiterjugend" die Kreisschul- inspektoren beauftragt, die ihnen unterstellten Lehrer anzuweisen, darauf zu achten, ob etwa diese Zeitung schon in den oberen Klassen der Volksschulen vertrieben wird, und ihrer Verbreitung mit allem Nachdruck ent- gegenzuwirken. Die Schulleiter haben über besondere Beobachtungen auf diesem Gebiete Bericht zu erstatten.
— Für die Besetzung fiskalischer Waldarbeiterstellen durch deutsche Rückwanderer nach Möglichkeit Sorge zu tragen, hat der preußische Landwirtschaftsminister an die beteiligten Regierungen Weisungen ergehen lassen. Man hat bisher gute Erfahrung mit der Führung und Leistungsfähigkeit der Rückwanderer als Waldarbeiter gemacht, so daß sich eine weitere Besetzung solcher Stellen durch Rückwanderer empfiehlt. Der Fürsorgeverein, welcher Rückwanderer, die in Waldbezirken ge«
Hesühnt.
Roman von G. v. Schlippenbach.
24
„Und ist es nicht der Deine?" fragte die Fürstin mit hochmütiger Betonung.
„ -Mein Wunsch ist der, mein Kind glücklich zu sehen," versetzte die Freifrau innig.
tten^am^ ^^d die Unterhaltung der beidenFreundin- ,. Mit dem Scharfblick der Mutter hatte Frau von Eben- stedt erkannt, daß Felix nichts zu hoffen hatte. Sie brauchte
auszuforschen, die kühle Art, wie sie ihn sich fernhielt, das Abwehrende ihres Benehmens, dann wieder der gelangweilte Ausdruck ihres Gesichtes be;.
.^semadjten Wesen zeigten die unverkennbarste Gleichgültigkeit des jungen Mädchens.
din ^L^^"^ Bitte war die neugewonnene Freun- no* S T^e in Kreibach gewesen; sie schlössen sich telle mZ “n Glider, und die Zurückhaltung der Kom- warm"erwiderte. ^« Zuneigung, die Nora ebenso
die^Ruhe^d^Komi^"" Nora die Ueberzeugung, daß war, daß ße ein
spielte, war Stoma bimm^ « ^
in den blauen Augen, und'sie eS ^^ wandelt, das schöne Antlitz war von 1.™^ verklärt,' das es doppelt re^vM macht? ^icht
. ^ tzug selbst sehr schön, die nordischen Balladen " schwedischer Sprache klangen ergreifend und bS V*u durchzifferte verhaltene Leidenschaft die Melodien die Alwina bei einem Aufenthalt in Schweden gehört'
Einmal war auch Graf Lenner zugegen, als Komtesse stören sang; er sagte ihr einige sehr höfliche Worte
des Lobes in seiner zurückhaltenden Art, und sie nahm seine Anerkennung gleichgültig entgegen.
„Kühl bis ins Herz hinan," dachte Nora.
Die Tage, die sie bei Mörens verlebte, erschienen Nora doch recht lang, und mit heimlicher Freude sagte sie ihren Gastfreunden Lebewohl und fuhr nach Mon Var- sange zurück, von Felix im hochrädrigen Americainegekutscht. „Die drei Jungens," wie Nora die Leutnants und Fürst Degenhart für sich nannte, hatten ihr abwechselnd den Hof gemacht, ohne daß sich einer von ihnen eines besonderenVorzuges ihrerseits rühmen durfte.
Jetzt auf der Rückfahrt nach Mon Varsange war Felix nahe daran, eine Liebeserklärung zu machen, aber Nora .wußte es geschickt zu vermeiden, indem sie lebhaft über allerlei plauderte. Als sie vor dem Jagdschlößchen an- langten, erfuhren sie, daß die Mütter zur nahen Stadt gefahren und erst am Abend erwartet wurden. |
„Wie reizend!" rief Felix, „dann habe ich also ein Alleinsein von mehreren Stunden mit Ihnen, gnädiges Fräulein."
„O, ^ich habe Briefe zu schreiben," lautete Noras schnelle Entgegnung.
„Sie werden doch nicht so grausam sein," klagte Felix; „in Kreibach habe ich nie ungestört mit Ihnen plaudern können und ich habe Ihnen so viel zu sagen, ehe Sie Mon Varsange verlassen."
„Ich wüßte nicht, was Sie mir zu sagen hätten, Fürst," fiel eS eisig von NoraS Lippen.
Felix war im Begriff, seinem Herzen Luft zu machen und stampfte ärgerlich mit dem Fuß, als der Diener respektvoll meldete: „Der Revierförster ists da, Durchlaucht, und verlangt, sofort mit Durchlaucht zu sprechen, eS sei wichtig."
„Wie ärgerlich k" rief Felix in französischer Sprache und fügte hinzu: „Ich komme aber gleich wieder."
Er eilte davon, und Nora ging auf ihr Zimnierj; sie blickte zu den Schornsteinen der Fabrik hinüber, eben
pfiff es von dort her, es schien dem jungen Mädchen wie ein Gruß.
„Wie lange bin ich fortgewesen!" dachte sie, und doch waren es nur wenige Tage.
Zu seinem Aerqer mußte Felix den Förster begleiten, es war ein Waldfrevel begangen, ein Holzdiebstahl, bei dem die Anwesenheit des Fürsten notwendig war.
Und heute gerade wollte ich mich mit Nora verloben," schmollte Felix mißmutig, als er fortritt, nachdem er seinem Gast Mitteilung über sein Fernbleiben gesandt.
„Wie schön, daß ich allein bin!" dachte daS junge Mädchen, „ich werde über den See rudern und die Krank« besuchen."
Leichtfüßig eilte Nora durch den Garten und sprang in das Boot, schnell legte sie die kurze Sttecke zurück und betrat den breiten Weg, der mitten durch die Fabrikführt. Unter dem Strohhut lugte sie heimlich nach rechts und links, aber nirgends sah sie, was sie zu sehen hoffte, die hohe Gestalt Klingbergs. Hunderte von Arbeitern gingen geschäftig ab und zu, die großen Eisenhämmer, die Riesenräder und Walzwerke machten einen betäubenden Lärm.
Zögernd blieb Nora vor dem weit offenen Tore eines Gebäudes stehen; rote Glut erhellte den mächtigen Raum, berußte Männer mit nackten muskulösen Armen schärten die Flamme, mit bewundernswerter Präzision griff eins ins andere, wie ein Uhrwerk, durch den Willen desjenigen geleitet, der von allen seinen Arbeitern der „Herr" genannt wurde.
Nora schlug den Weg zum Krankenhause ein und fragte nach Guste Webell. Heute fand sie die Greisin bereits außerhalb des Bettes, in dem sonnigen Gärt- chen dicht am Walde, wo sie mit noch zwei Genesenden saß. Beim Anblick der Baronesse strahlte das gute, alte Gesicht, und Nora mußte sich auf die Bank setzen zwischen Guste und einen Mann, der eine schlimm« Brandwunde am Bein davongetragen. „ , 187,18*-