ZchlüchlernerMung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
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Verlag und Redaktion der „Schlüchterner Zeitung".
Amtliches.
W Die alsbaldige Einzahlung der Krankenversicherungsbeiträge für die Zeit vom 2. Juli bis Ende September d. Js. wird hiermit in Erinnerung gebracht.
Vom 16. Oktober 1911 ab erfolgt die zwangsweise Einziehung aller dann bestehenden Rückstände.
Schlüchtern, am 20. September 1911.
Der Vorstand der Kreiskrankenkasse:
.__________________________________Pfalzgraf._____________
Rekruten Einstellung 1911.
Sämtliche Rekruten und Freiwilligen aus dem Landwehrbezirk Hanau können ihre Gestellungsbefehle bei den Bürgermeisterämtern gegen Abgabe der Re- kruten-Urlaubspässe bezw. Annahmescheine in Empfang nehmen.
Diejenigen Rekruten, welche keinen Gestellungsbefehl erhalen, kommen voraussichtlich in diesem Jahre nicht zur Einstellung und haben sich im nächsten Jahre erneut zur Stammrolle anzumelden.
Hanau, den 16. September 1911.
Königliches Bezirks-Kommando.
Das Deichs- und das Staatsschuldbuch.
Die Einrichtungen des Reichs- und des Staatsschuldbuchs sind in weiten Kreisen des Publikums noch immer zu wenig bekannt, obwohl sie den Besitzern großer und kleiner Kapitalien mannigfache Vorteile bieten; nämlich unbedingte Sicherheit gegen Verluste durch Diebstahl, Unterschlagungen, Verbrennen, Ab
Gesühnt.
Roman von G. v. Schlippenbach. 18
Nora sprang aus dem Wagen, noch ehe Felix die Pferde beruhigt hatte, sie eilte zu der Verunglückten, die das Bewußtsein verloren, und kniete neben ihr nieder, das greife Haupt in ihren Schoß bettend. Man hörte die dro- henden Stiinmen der Arbeiter, die sich herandrängten.
„Es ist die alte Wüste, sie hat den Arm gebrochen," sagte jemand.
Nora fühlte sich tief erschüttert, gewann aber sofort lhre Ruhe wieder, als sie die Leute sagen hörte: „Da kommt der Herr."
Ehrfurchtsvoll machten alle Platz, als Klingberg erschien. Einige Worte klärten ihn über den Sachverhalt auf, er stand über die Greisin und Nora gebeugt, und in seinem Gesicht arbeitete eine mächtige Empfindung, für den Augenblick versagte ihm die Sprache.
„Wird sie sterben?" fragte Nora leise. „Sehen Sie, es ist nicht der Arm allein, sie blutet am Kopf und steht wie eine Tote aus. O, es wäre entsetzlich."
Ein träneuloseS Schluchzen hob desjungenMädchenS Brust und sie blickte auf das arme Weib nieder, baß noch immer regungslos dalag.
„Schafft eine Trage her aus dem Krankenhause, Leute! Schwester Gabriele soll kominen. Du,Möller, reitest nach F. zum Arzt!"
Klar und befehlend wurden diese Anordnungen er* teilt.
„Beruhigen Sie sich, gnädiges Fräulein; sehen Sie, die arme Alte regt sich, sie schlägt die Augen auf. Aber ich will Sie in Ihrem freiwilligen Samariterdienst ab* lösen lassen, eine der Frauen wird Ihre Stelle «inneh- men."
„Nein," entgegnete Nora fest, „lassen Sie mich hier, ist so wenig, was ich tun sann, und mein Herz ist voll Mitleid für da», maß sich ereignet hat."
Samsv;g, den 23. September 1911.
handenkommen, wie sie bei Wertpapieren vorkommen können, ferner kostenlose laufende Verwaltung und portofreie Zusendung der Zinsen. Die Begründung von Schuldbuchforderungen ist denkbar einfach: man zahlt den Betrag durch einen Bankier oder bei einer Regierungshauptkasse oder einer Kreiskasfe oder auch bei einem Postamt auf das Postscheckkonto der Reichsbank — für das Reichsschuldbuch — oder der Seehandlung (Preuß. Staatsbank) für das Staals-Schuldbuch ein und gibt dabei an, für wen die Buchschuld eingetragen und an wen und wie die Zinsen gezahlt werden sollen. Näheres ist an den genannten Stellen zu erfahren. Die Zinsen werden dann je nach Wunsch portofrei durch die Post zugesandt oder auf ein Bankkonto überwiesen; sie können auch bei den Staatskassen oder Reichsbank- anstalten abgehoben werden. Wer bereits Schuldverschreibungen des Reichs oder Preußens besitzt, kann diese mit dem Antrag auf Umwandlung in eine Buchschuld an die Verwaltung der Schuldbücher (Berlin S. W. 68, Oranienstraße 92—94) einsenden und ist dann aller Sorge und Kosten wegen der Verwahrung der Wertpapiere überhoben. Auf diese Weise können Staatsrenten von 3 Mk. jährlich an — entsprechend einem Kapital von 100 Mk. Nominalwert — erworben werden. Für die laufende Verwaltung werden keine Gebühren erhoben. Um Sicherheit zu haben, daß nicht ein Unbefugter über die Forderung verfügt, ist für Anträge auf Aenderungen der Eintragung öffentliche Beglaubigung vorgeschrieben, die bei den öffentlichen Kassen kostenfrei erfolgt. Wer die Buchschuld wieder veräußern muß und nicht sofort jemanden findet, der sich an seiner Stelle eintragen lassen will, kann jederzeit die Aushändigung von Schuldverschreibungen gegen eine geringe Gebühr verlangen und die Papiere dann durch einen Bankier verkaufen. Besonderen Anklang bei dem Publikum hat es gefunden, daß zugleich eine zweite Person — z. B. die Ehefrau — eingetragen werden kann, die nach dem Tode des Rentenbesitzers allein gegen Vorlegung der Sterbeurkunde ohne sonstige Förmlichkeiten der Erbeslegitimation über die Rente verfügen und bestimmen kann, auf wen sie um- geschrieben werden soll.
Welche Beliebtheit die Schuldbücher jetzt schon haben, obwohl sie noch lange nicht genug bekannt sind, beweisen folgende Zahlen: am 31. März 1911 waren im Reichsschuldbuch Kapitalien von 1 037 Millionen Mk. und im Preußischen Staatsschuldbuch von 2 744 Millionen Mk. zu 4, 3'/, und 3% eingetragen. Von den rd. 55 000
-. Sie hob den Kopf und blickte zu Klingberg hinauf; er stand noch immer über sie gebeugt. Nora schloß eine Sekunde die Lider wie geblendet. Was war das? Dieser Ausdruck der dunklen Männeraugen ließ sie im tiefsten Innern erbeben, es lag eine leidenschaftliche Zärtlichkeit in des Fabrikbesitzers ganzem Antlitz, wie eine Flamme zuckte eß darüber hin und umlohte es mit heißer Glut.
Auch die Fürstin war jetzt aus dem Wagen gestiegen, gefolgt von ihrem Sohn, der sehr verlegen dastand, das winzige Schnurrbärtchen drehend.
„Ich beklage aufrichtig den Vorfall," sagte die Fürstin zu Klingberg; „hoffentlich ist eß nichts Bedeutenderes." «
Felix zog seine Börse hervor. „Erlauben Sie, daß ich ein Schmerzensgeld spende," sagte er und hielt einige Goldstücke in der Hand.
„Bitte, behalten Sie Ihr Geld; ich bin, gottlob im stände, allein für meine Leute zu sorgen," versetzte Kling- bergin dumpfrollendem Ton.
Wie ein dummer Schuljunge stand Felix da und wußte nichts zu antworten.
Unterdessen waren die Arbeiter mit der Trage her- beigeetlt, die Schwester und einige Männer hoben die Verunglückte vorsichtig auf. Ein qualvolles Stöhnen entrang sich ihrer Brust, der rechte Arm hing schlaff hernieder.
„Kommt Ihr endlich!" rief Felix ungeduldig, die Pferde wollen nicht mehr stehen."
Höflich begleitete Klingberg die Damen und hob sie in den Wagen, erst die Fürstin, dann Nora.
„Gott segne Sie," sagte er so leise, daß nur sie es hörte, und der warme Druck seiner Hand wurde ebenso von ihr erwidert.
„Ich werde kommen und mich nach der Kranken er* kundigen," sagte Nora laut. Dann zogen die Pferde an, Felix grünte kaum und ließ die Peitsche herausfordernd knallen
62. Jahrgang.
Konten des Staatsschuldbuches lauten rd. 22 000 über Kapitalbeträge bis 4000 Mk., 12 000 über solche zwischen 4000 und 10 000 Mk. und mehr als 17 000 über solche zwischen 10 000 und 100 000 Mk., was gewiß zeigt, daß gerade die Besitzer kleiner und mittlerer Kapitalien die Vorzüge dieser Anlage zu schätzen wissen.___________________________________________________
Deutscher Deich.
— Der Kaiser trifft, wie man hört, am 18. Okt. gegen llj/j Uhr auf dem Bahnhof in Aachen ein und nimmt nach der Denkmalsenthüllung an dem Festmahl im Rathause teil, wozu von feiten der Stadt Einladungen ergehen. Der Aufenthalt des Monarchen im Rathause dauert bis gegen 3 Uhr. Darauf erfolgt die Besichtigung der Wiederherstellungsarbeiten im Münster. Die Abreise des Kaisers ist für 4 Uhr in Aussicht ge» nommen.
— Der Oberpräsident v. Waldow in Posen ist anstelle des in den Ruhestand tretenden Oberpäsidenten Freiherrn von Maltzahn nach Stettin versetzt worden. Zu seinem Nachfolger in Posen ist der Unterstaatssekretär im Kultusministerium, Wirklicher Geheimer Rat D. Dr. Schwartzkopfs, ernannt worden.
— Der Prinzregent Luitpold von Bayern ist erkrankt, und der plötzliche Witterungswechsel mit dem jähen Temperaturrückgang haben das Befinden des greisen Regenten insofern recht ungünstig beeinflußt, als die rheumatischen Schmerzen wieder etwas stärker auftreten. Der Prinzregent hat sich deshalb auf Anraten der Aerzte entschlossen, dem Münchener Oktoberfest fernzubleiben nnd mit seiner Vertretung den Prinzen Lud- wig zu betrauen.
— Die Reichsbank erhöhte heute ihren Diskont von 4 auf 5 Prozent, den Lombardzinsfuß von 5 auf 6 Prozent.
— Max Liebermann v. Sonnenberg der, wie wir kurz meldeten, am Montag gestorben ist, wurde im Jahre 1848 in Weißwasser (Kreis Tuchel) geboren. Er widmete sich anfangs der militärischen Laufbahn und trat im Jahre 1866 in das dritte preußische Garderegiment ein. Zweimal wurde er verwundet, als er an dem Krieg gegen Frankreich teilnahm. In den Jahren 1872 bis 1875 gehörte er zu den Besuchern der Kriegsakademie. Im Jahre 1880 nahm er als Oberleutnant seinen Abschied, um sich der Politik in die Arme zu werfen und fortan in der antisemitischen Bewegung wie im Parlament eine bedeutsame Rolle zu spielen. Der
Einsilbig verlief die Fahrt bis Mon Varsange, erst dortangelangt sprach die Fürstin mit dem Sohn. Sie schalt ihn wegen seines ungezogenen Betragens gegen den Fabrikherrn ; Felix war verdrießlich und gab ungezogene Antworten. V ■
„Ich kann den eingebildeten Menschen nicht leiden. Mutter, Du verlangst, daß ich Rücksichten und wieder Rücksichten gegen ihn nehme, sind wir ihm denn in irgend welcher Art verpflichtet? Ich denke, der kann froh sein, wenn wir ihm erlauben, mit uns zu verkehren,"
„Felix, ich will Dir heute erst erzählen, war ich Dir bisher nicht gesagt. Wir schulden Klingberg großen Dank."
„Wir? Ich verstehe Dich nicht, Mama, wir ihm? Ich glaube, eS ist umgekehrt der Fall. Der Kerl kann stolz sein, daß er mit der fürstlichen Familie von Degenhart bekannt ist. Er wird sich wohl damit brüsten."
„Dazu ist Klinaberg zu klug," oersetzte Heloise zu- rechtweisend. „Weißt Du, daß der von Dir so Gering» schätzte mir ein treuer Freund und Helfer gewesen, alß Dein Vater starb und unser Vermögen durch einige schlecht berechnete Spekulationen auf dem Spiel stand. In meiner Sorge hat Klingberg mir zur Seite gestanden und mit seiner GeschäftskenntniS alles geordnet. Noch jetzt ist er in vielen Dingen mein Berater und hilft mir bei „ der Führung meiner Geschäfte."
„Und was zahlst Du ihm dafür?"
„Schäme Dich, Felix!" rief die Fürstin empört. „Wie kannst Du so etwas anssprechen? Solche niedrige Den- kungSweise liegt dem Manne fern, den ich achte und hochschätze. Ich muß Dich ernstlich bitten, ihm in Zukunft mit mehr Rücksicht zu begegnen als bisher. Dein un* gezogenes Benehmen fällt aus Dich zurück. Klingberg wird von mir eingeladen werden, wenn unsere Gäste hier sind. Ich erwarte, daß Du unserem Namen nicht Schande machst, eS ist unsere Pflicht, die Dehors zu wahren" 187,18*.