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mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. 63. vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat". Telefon Nr. 63.

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

Sedan.

O stolze Zeit! Des grimmen Korsen Erben

Sahst du in Demut vor Luisens Sohn, Gebeugt und todesmüde bis zum Sterben, Sein Zepter sank, und niederbrach sein Thron.

Das war noch nie! Mit Rossen und mit Reitern,

Mit allem, was nur Waffen tragen kann, Ein Heer von über hunderttausend Streitern Umklammert und erdrückt Geschütz und Mann.

Und als, besiegt von Deutschlands scharfer Wehre, Der Frankenfürst sein Schwert zu Boden legt, Gott war mit uns, ihm sei allein die Ehre!" Sprach unser großer König tiefbewegt.

Vorbei des Abenteurers Spiel mit Kronen

Vorm Geist der Treue und der ernsten Pflicht; Wer Wind gesät, dem werden Stürme lohnen, Die Weltgeschichte ist das Weltgericht. G. R.

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Jum 2. September.

Der 2. September ist jener unvergeßliche Tag^ an dem vor nunmehr 41 Jahren die Glocken von Turm zu Turm durchs Land die Kunde trugen von dem Falle der Festung Sedan und der Gefangennahme des fran­zösischen Kaisers. Diesen Tag festlich zu begehen, ist des deutschen Volkes Recht und Pflicht, und mit beson­derer Befriedigung ist es zu begrüßen, daß auch in diesem Jahre wieder der preußische Kultusminister die Schulen angewiesen hat, den alten guten Brauch der Sedanfeier zu wahren. Die Jugend soll sich erbauen und erheben an den Bildern aus den großen, gewal­tigen, gesegneten Tagen, von denen namentlich der Tag von Sedan in Wahrheit und in des Wortes eigenster Bedeutung der Grundstein wurde zur Einigung Deutsch­lands unter dem Banner des neuerstandenen deutschen Kaisertums. Er sollte zur Erfüllung bringen, was der Dichter Oskar von Redwitz beim Ausbruche des Krieges dem Kaiser der Franzosen zugerufen hatte:

Gesühnt.

Roman von G. v. Schlippenbach. 11

Felix' hübsches Gesicht," so hieß es in dem Briefe inerter,färbte sich rot bei der Andeutung auf sein kna­benhaftes Wesen und verfinsterte sich bei Erwähnung des Direktors.Wenn Sie mir die Laune nicht verder­ben wollen, Baronesse, so sprechen Sie mir, bitte, nicht von dem Menschen. Ich mache mir übrigens nichts aus den dummen Beeren." Wir betraten den Park, der 0118 alten Bäumen besteht, hohe, ernste Tannen und da­zwischen Laubholz, überall wohlgepflegte Gänge, grüne Bänke und Tische, Brücken, die über tiefe Schluchten füh­ren und, ein munter rauschendes Büchlein, das sich hin­durch schlangelt. Mir wurde plötzlich ganz traurig zu Mute, es erinnerte an Mittenhof, nur war hier, in Mon Varsange, alles weniger großartig, es kam mir wie eine Miniatur unseres herrlichen Parkes vor. Felix plauderte lebhaft, ohne daß ich ihm antwortete; endlich fragte er mich um den Grund meines Verstummens. Da erzählte ich ihm von unserem verlorenen Heim und dem Leben rm Stift.Ich habe durch meine Mutter gehört, daß Sie rm Städtchen Stunden geben; es muß schrecklich

_ J§> lachte.Nein," versetzte ich fröhlich,die Arbeit gewahrt immer Befriedigung, es liegt ein Segen darauf, ^zch konnte nicht mehr ohne sie leben."Aber «InubenSte! fprubeUe Felix hervor,ist es Ihnen nicht entsetzlich, Geld zu verdienen, die Kinder von Menschen zu unterrichten, die weit unter Ihrem Stande stehen? Wissen Sie, daß in Ihren Adern das blaueste Blut rollt? Sie stammen durch Ihre Mutter von den BourbonS ab; ehe Sie kamen, habe ich mich genau orientiert " Es zuckte, glaube ich, spöttisch um meinen Mund. So?" sagte ich ruhig.Sind Sie nicht stolz darauf?" fragte Felix.Nein, es ist mir gleichgültig. Ich achte den Menschen erst dann, wenn er etwas leistet. und die Arbeit ist meiner Ansicht nach das beste Adelsdiplom."

Samstag, den 2. September 1911.

Der Heldengeist der Freiheitskriege, Er braust durchs Volk mit auferstand'ner Macht. Wenn jetzt ein Arndt und Körner niederstiege, Sie glaubten, ihre Zeit sei neu erwacht.

Wie über deinen Ohm und Namensvetter Wird Fluch um Fluch auch über dich ergeh'n! Und, wie bei Leipzig einst, ein Schlachtenwetter, Das dich vernichtet das ist unser Flehn!

Das Wort des Dichters ist bei Sedan in Erfüllung gegangen. Jene Stunde der Begeisterung, jene Ver­brüderung nicht nur der siegreichen Waffengefährten, sondern aller Deutschen im Süden und im Norden, sie wog die Jahrzehnte und Jahrhunderte bitteren Leides der deutschen Völker auf und schuf endlich die Ver­wirklichung des Traumbildes, welches den besten deutschen Männern vorgeschwebt hatte. Es war ein gewaltiger Hauch, der Deutschland durchwehte, als die Kunde von dem nahezu unglaublichen Geschehnis die Lande durcheilte. Ein einziger Pulsschlag bewegte Millionen Herzen. Wohl noch niemals war Deutsch­land von so einmütiger Begeisterung ergriffen. Die überwältigende Größe der Wirklichkeit, die Gewißheit, daß nun das deutsche Volk einig sei, steigerte sich zu einem andächtigen Gefühle, welches in dieser Eigenart und Stärke in Jahrhunderten nicht wiederkehrt, und aus dem Volke der Grübler, Denker und Träumer war mit einem Male ein selbstbewußtes, entschlossenes und tatkräftiges Volk geworden.

Darum soll mit Recht die Wiederkehr dieses glor­reichen Tages gefeiert werden. Der Name Sedan wird heute und immerdar im deutschen Volke ein erhabenes Gefühl des Stolzes, eine Empfindung der wahren und reinen Vaterlandsliebe erwecken, weil von dem Tage von Sedan an das Bewußtsein der Zusammengehörig­keit, der Einheit im deutschen Volke eine Kraft erlangte, die zur Begründung dieser Einheit, zur Begründung des Deutschen Reiches notwendig führen mußte. Wenn wir uns aber siegesstolz der Saat jener Tage erinnern, so gedenken wir auch der Kämpfer, welche auf den blutgetränkten Gefilden den Heldentod erlitten, fowie aller derer, welche dort mitgefochten haben, vor allem aber des großen Otto v. Bismarck, welcher die deutschen Völker mit Blut und Eisen zusammenschweißte. Der Sedantag sei uns aber zugleich eine Mahnung, allezeit das Dichterwort zu beherzigen:Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an!"

Zwar hat der Tag von Sedan den erhofften und ersehnten Frieden nicht sogleich mit sich gebracht. Aber

Unglaublich einfältig starrte mich Felix an.Pah," sagte er ärgerlich,Sie wollen mich nicht verstehen." Ich habe von jeher für Vorurteile kein Verstüud- nis gehabt," entgegnen ich ruhig.Vorurteile nen­nen Sie, was wir mit der Muttermilch einsaugen?" Wieder lachte ich hellauf.Sievergessen, daß die meisten vornehmen Frauen Ammen halten," versetzte ich trocken; können Sie es sich vorstellen, Fürst, daß Sie an ihrer Brust großgezogen sind?" Er sah mich zweifelnd an. Ich, ich glaube, Sie machen sich über mich lustig," sagte er empfindlich. In würdevollem Schweigen schreiten wir eine Weile neben einander her. Felix sieht verstimmt aus, und ich nehme mir vor, in Zukunft das heikle Thema zu vermeiden. Wir stehen auf dem höchsten Punkt des Parkes. Von hier hat man einen freien Blick, die Aus­sicht ist sehr schön. Zu unseren Füßen dehnt sich ein großer See, an seinem Ufer ist die Fabrik Klingbergs erbaut; staunend betrachte ich die vielen hohen Essen, die rie­sigen Gebäude und Maschinenschuppen. Es wimmelt von hin- und hereilenden Arbeitern; die Mittagspause ist zu Ende, alle kehren zu dem Werk zurück. Weiter hin­unter am See schimmern eine Menge kleine, saubere Häu­ser, die, von hier gesehen, wie das Spielzeug eines Kin­des anmuten. Auf halber Höhe des Waides, der sich gleich hinter dem See aufbaut, erhebt sich ein schloß- artiges Gebäude im reinsten Stile der Renaissance. Das ist wohl Herrn Klingbergs Heim?" frage ich und erhalte Felix' spöttische Antwort: ,Ja, dort wohnt der Schmied, recht protzig sieht das Haus aus. Finden Sie nicht?" Hätte ich nicht soeben den Entschluß gefaßt, ihn nicht zu reizen, ich hätte meine Meinung in folgende Worte gekleidet: Ich finde es nicht, Verehrtester, warum soll ein Mann, der alles seiner eigenen Kraft verdankt, nicht sein Heim nach seinem Geschmack aufbauen, um darin von der Arbeit auszuruhen?" Felix schien auf keine Er­widerung meinerseits gewartet zu haben. Er fing an, über Pferde zu sprechen, sein Lieblingsthema, wie ich bald merkte, hier war er jedenfalls gut orientiert. Wir

der 2. September wird dessen ungeachtet für alle Zeiten der herrlichste, glorreichste Tag der deutschen Geschichte bleiben, wäre es auch nur deshalb, weil er wie keiner vor ihm und nach ihm die heilige Flamme der Vater» landsliebe in Millionen deutschen Herzen hat empor­lodern lassen. Sein Andenken wird gesegnet bleiben, und immer aufs neue wird bei seiner Wiederkehr Geibel- Mahnruf durch die germanischen Gaue brausen:

Nun laßt die Glocken

Von Turm zu Turm Durchs Land frohlocken Im Jubelsturm!

Des Flammenstoßes Geleucht facht an! Der Herr hat Großes An uns getan!

Ehre sei Gott in der Höhe!

Deutsches Reich.

Zum Statthalter von Pommern hat der Kaiser den Prinzen Eitel Friedrich ernannt, der bekanntlich Großmeister des Johanniterordens ist. Schon einmal hat ein Großmeister des Johanniterordens die lange Zeit unbesetzte Stelle des Statthalters innegehabt, und zuletzt Kronprinz Friedrich Wilhelm, der nachmalige Kaiser Friedrich.

Bei der Landtagsersatzwahl in Witten-Hattingen, welche durch den Tod des nationalliberalen Landtags­abgeordneten Oberbürgermeister Dr. Haarmann-Witten notwendig geworden war, wurde Bergwerksdirektor Knupe-Linden (natl) mit sämtlichen abgegebenen Stimmen gewählt.

Die sozialdemokratischen Gewerkschaften gründen weiter Konsumvereine. In mehreren sozialdemokratischen Versammlungen in Berlin wurde kürzlich abermals wie auf Parole unter Zustimmung hervorgehoben, daß der Mittelstand niemals rascher ruiniert und der sozialde- mokraiischen Gefolgschaft einverleibt werden könne als durch Entziehung der Kundschaft, d. h. die Gründung von Konsumvereinen. Man empfahl auch die Heran­ziehung des kleinbürgerlichen Publikums. Und da gibt es immer noch zahlreiche Bäcker, Fleischer, Milch­händler, Gastwirte usw., die Sozialdemokraten wählen und diese unterstützen, obgleich diese sie ruinieren wollen. Doch, wie sagt ein Sprichwort: Nur die allergrößten Kälber wählen ihre Metzger selber!

Ausgabe eines neuen Postwertzeichens. Am 1. Oktober tritt zu den im Reichs-Postgebiete geltenden

gingen in den Stall, und er zeigte mir die wirklich schö­nen Tiere.Hier ist der Schimmel meiner Mutter. Su reitet nicht mehr, seit sie im Winter die Ischias-Schmer- zen gehabt; dieses Pferd wird Ihnen zur Verfüglmg ge­stellt, Baronesse; bitte, betrachten Sie es als Ihr aus- schließliches Eigentum für die Dauer Ihres hiesigen Aufenthaltes." Er sagte das in so liebenswürdiger Art, daß ich wieder ganz gewonnen wurde. Mich wandelte di< Lust an, gleich das langentbehrte Vergnügen zu erpro­ben.Ob wir nicht..?" fing ich an.Aber selbstver. stündlich!" rief Felix erfreut,das ist eine famose Idee, ich lasse gleich den Schimmel und meinen Fuchs sat­teln." Eine Viertelstunde später saßen wir im Sattel Es war doch gut, daß ich mein Reitkleid nach Mon Varsange mitgenommen habe. Tante Heloise stand auf der Veranda und sah zu, wie wir davonritten. Ich hab« selten etwas so sehr genossen ivie diesen Ritt. Der Schim­mel trägt herrlich. Erst trabten wir über den breiten Park­weg, der auch zum Fahren benutzt wirb, dann nahm der Wald uns auf. Die kleine Verstimmung zwischen Felix und mir war gewichen, und wir scherzten und plau­derten fröhlich mit einander. Ich glaube, schon nach der kurzen Bekanntschaft mein Urteil über den jungen Fürsten Degenhart zu haben; er ist ein ganz netter Mensch, an. genehmer Causeur, solange das Gespräch nicht liefergeht.

Ich denke wir werden uns ganz gut vertragen. Ein« weiß ich schon jetzt; gefährlich kann er mir nicht werden, dazu ist er zu unreif. Mutti, wenn ich einmal liebe, dann muß es ein ganzer Mann sein, jemanb, zu dein ich emporblicke, der viel besser und klüger als Deine Noro ist. Ich werde ihn aber wahrscheinlich nie entdecken und im Stift mein Leben beschließen. Als wir auf dem Rück­wege dicht am Hause des Fabrikdirektors vorbeiritten. sah ich im Garten ein bildschönes, dreijähriges Büb- chen, das munter hin und her lief, es mußte den Schritt unserer Pferde gehört haben, denn es blieb stehen und schaute uns an, gerade mit solch großen, dunklen Augen wie die Klingbergs." 187,18^