Einzelbild herunterladen
 

Slhliichtemer Zeitung

mit amtlichem Kreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. 65. Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat". Telefon Nr.««.

Erscheitit Mittwoch unb Sanistag Preis mitKreisblaik" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen lösten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 69.

Die Zwischenpause.

Die Zwischenpause der deutsch-französischen Verhand­lungen über Marokko wird von den Franzosen, wie es scheint, eifrig ausgenützt. In Paris finden täglich Konferenzen der leitenden Männer statt, Frankreichs beste Botschafter sind nach Paris geeilt, und die Presse spricht sich gegenseitig Mut zu. Diesem geschäftigen Treiben in Paris gegenüber ist es bei uns recht still.

Dieser Unterschied entspricht der Situation. Es ist an Frankreich, sich schlüssig zu werden, ob es die deutschen Forderungen annehmen oder ablehnen will. Solange sie sich darüber nicht klar geworden sind, haben wir keinen Grund zu besonderer Gehässigkeit.

Wie die französischen Entschlüsse ausfallen werden, läßt sich heute noch nicht sagen. Wenn man nach den französischen Preßstimmen urteilt, so wird der franzö­sische Botschafter neue Vorschläge Frankreichs mitbringen, die von der französischen Presse stolz als die letzten bezeihuet werden. In Paris wird jetzt, wie es scheint, auf die Formel des deutschen politischen Verzichts auf Marokko besonders Gewicht gelegt. Die Franzosen tun so, als hätten sie auf diesen politischen Verzicht schon nach deut Abkommen von 1909 Anspruch gehabt, und als habe Deutschland sich an dieses Abkommen einfach nicht gehalten. Diesmal, meinen sie, müßte jedes Mißverständnis ausgeschlossen, die Formel präzise und bindend sein.

Wie steht es nun aber mit dem Abkommen von 1909? Die Franzosen, die uns Vertragsbruch vor- wersen, scheuen sich, das Abkommen ganz zu zitieren. Das Abkommen ist nämlich ausgebaut auf den t^^en Prinzipien der Algecirasakte, also der Integrität und Unabhängigkeit Marokkos und der Souveränetät des Sultans. Diese Prinzipien bilden die Basis und mit­hin einen integrierenden Bestandteil des Abkommens. Wenn nun auch die französischen Zeitungen nicht ein­gestehen wollen, daß Frankreich diese Prinzipien ge­brochen und mithin selbst das Abkommen von 1909 verletzt habe, so können wir doch darüber eine Dis­kussion gar nicht zulassen. Die deutsche Regierung hat auch schon vor der Expedition nach Fez, am 30. April, in derNorddeutschen Allgemeinen Zeitung" auf diese Konsequenzen des französischen Vorgehens aufmerksam gemacht, und wenn sie auch von Ueberraschuug und deutschem Vertragsbruch reden, so ist das nichts weiter als eitel Spiegelfechterei.

Hesühnt.

Roman von G. v. Schlippenbach. 10

Freifrau von Ebenstedt las gespannt weiter: Wie Sie gehört haben, ist Herr Klingberg hier, ein höchst intelligenter Mann, der mir seit Jahren ein lieber Nachbar ist."Ist er verheiratet?" fragte ich ziemlich gleichgültig.Er war es, seine Frau starb nach einjähriger Ehe. Jetzt führt seine Mutter ihn, den Haushalt und erzieht jetn Söhnchen, das drei Jahre alt ist." Du siehst, ich war gut über den Fabrikdirektor unterrichtet, als wir den Salon betraten und er mir von der Fürstin vorgestellt mürbe. Er stand am Fenster und machte, oorlretend, eine tadellose Verbeugung, seine mäch- tigen, dunklen Augen ruhten mit einem eigenen Aus­druck auf meinem Gesicht.Dieser Mensch sieht einem durch und durch bis in den verborgensten Herzenswin­kel," das war mein erstes Gefühl bei der neuen Bekannt­schaft; trotzdem hob ich den Blick zu seiner stattlichen Höhe und kam mir dabei winzig vor, obgleich ich doch sonst als groß gelte.Auf der Fahrt von der Station hierher habe ich bereits die Schornsteine Ihrer Fabrik bemerkt," sagte ich, um etwas zu sagen;ich finde sie recht häßlich, sie stören die schöne Landschaft." Da hatte ich in meiner Verlegenheit wieder einmal etwas rechtUnniitzes heroorgesprudelt, liebes Mutti, Du weißt, mir läuft die Zunge in solchen Momenten fort. Aber warum war ich eigentlich verlegen? Ich ärgerte mich bariiber und wurde glühend rot."Sie haben recht, Ba­ronesse," sagte die klangvolle Männerstimme,auch ich bedauere oft, daß ich gerade diesen Platz zum Bau wäh­len mußte, doch war er der beste, und ich brauche das Wasser des Sees, der sich nach Süden hier erstreckt. Es ist oft unmöglich, das Nützliche mit dem Schönen zu vereinen, eins muß dabei leiden." In der Tiir war Fürst Felix erschienen; er hatte offenbar eine gewählte Toilette gemacht, der Helle Tennis-Anzug, Kravatte, alle

Mittwoch, den 30. August 1911.

Deutsches Deich.

D. Meyer f. Aus Zwickau kommt eine Trauer­botschaft, die in weitesten Kreisen des deutschen Pro­testantismus erschütternd wirken wird; einer seiner besten und volkstümlichsten Männer, der Geheime Kirchenrat D. Friedrich Meyer-Zwickau ist in den frühen Morgen­stunden des Mittwoch zur ewigen Ruhe eingegangen.

Nach einem Beschluß des preußischen Kultus­ministeriums sollen die sogenannten Kurzstunden von 45 Minuten, welche in den meisten Berliner höheren Lehranstalten bereits eingeführt sind, auf sämtliche höheren Schulen Preußens ausgedehnt werden. In dem Erlaß macht der Minister jedoch den beteiligten Direktoren zur Pflicht, sorgsam darüber zu wachen, daß die Hausarbeiten durch die Kürzung der Unterrichtszeit keine Zunahme erfahren, damit besonders die freien Nachmittage der körperlichen Erholung in frischer Lust und der geistigen Selbstbetätigung gewidmet werden, eventuell durch Einwirkung auf das Elternhaus. Zu­gleich weist der Minister darauf hin, daß die Schüler zur Teilnahme an den wahlfreien Fächern durch die Schule in keiner Weise gezwungen werden sollen.

Herstellung und Besteuerung von Zündwaren- Jm 3. Vierteljahrshefte zurStatistik des Deutschen Reichs", Jahrgang 1911, ist eine Statistik der Her­stellung und Besteuerung von Zündwaren im Deutschen Zollgebiete für die Zeit vorn 1. April 1910 bis 31. März 1911 veröffentlicht. Während dieser Zeitraum ein volles Jahr umfaßt, beziehen sich die Vergleichs­zahlen nur auf ein halbes Jahr, nämlich auf die Zeit vom 1. Oktober 1909 bis 31. März 1910. Es waren 74 (vorher 74) Betriebe vorhanden, welche zusammen durchschnittlich 1746 (vorher 2188) männliche und 2180 (vorher 2660) weibliche Arbeiter beschäftigten. An Zündhölzern wurden 78 757 Millionen Stück, an Zündspänchen 908 Millionen Stück hergestellt; im vor­hergehenden Halbjahr waren es 47 941 bezw. 295 Millionen Stück. Vom Auslande wurden 415 Millionen Stück Zündhölzer und 4 Millionen Stück Zündkerzchen gegenüber 109 und 3 Millionen Stück im Halbjahre vorher eingeführt. Der Ertrag an Zündwarensteuer ergab für Zündhölzer 17 677 404 Mark, für Zünd- kerzchen 27 142 Mark, zusammen 17 704 546 Mark für das Rechnungsjahr 1910, während in den vorher­gehenden sechs Monaten 7 068 771 Mark für Zünd­hölzer, 10 237 Mark für Zündkerzchen, zusammen 7 079 008 Mark vereinnahmt worden waren.

MMHBMMHMlIIMmil Öl il TOlllIlsMWITsnm*1 ir.^frWM^ --~^<4£7i£a^^ -.^Sa

Einzelheiten waren nach der neuesten Mode, selbst das blonde Schnurrbärtchen, das dem weiß und rosigen Ge­sicht wenig Männliches verlieh.

Nach erfolgter Vorstellung verwickelte mich Felix in ein lebhaftes Gespräch; er fragte, ob ich gern Tennis spiele, ob ich schon ein Reitpferd bestiegen, und schien erfreut, als ich für diese beiden Dinge meine Vorliebe äußerte. Der Diener meldete, daß das Frühstück serviert sei. Auf einen Wink der Fürstin reichte ihr Sohn mir den Arm, sie selbst schritt mit dem Direktor voran. Ich hatte meinen Platz bei Tisch neben Tante Heloise, mir gegen- über saß Herr Klingberg; das Tageslicht fiel voll auf ihn, und während der Dauer des Mahles hatte ich Muße, sein Gesicht zu studieren. Es war jedenfalls ein bedeu­tendes, Klugheit und Energie sprachen aus den Linien dieses Charakterkopfes; er ist nicht eigentlich schön, aber man kann diesen Mann nicht übersehen, Mutti, das sagte ich mir schon bei der ersten flüchtigen Bekannt­schaft. Es ging ziemlich steif bei der Tafel zu. Felix war sehr höflich gegen seinen Gast, aber durch diese Höflich­keit schimmerte der Wunsch hindurch:Möchte er bald gehen " Das Gespräch drehte sich um Theater und Kunst; es wurde hauptsächlich von Tante Heloise und Herrn Klingberg geführt, während Felix ein gelangweilt bla­siertes Gesicht machte. Bald nach bem Frühstück emp­fahl sich der Direktor unb schritt über den Kiesplatz in den Park, von wo man, wie ich erfuhr, in einer hal­ben Stunde die Fabrik erreicht.Nun sind mir, Gott Lob, endlich unter uns!" rief Felix und wehte mit dem seidenen Taschentuch,die Luft ist rein."Aber Felix!" tadelte seine Mutter ärgerlich.Ich begreife nicht, Mama, weshalb Du eine so unmotivierte Vorliebe für jenen schwarzen Schmied hast!" rief der Fürst.Der Mensch tut, als sei er unseresgleichen, ich rann ihn nicht aus­stehen "Dein verstorbener Vater hielt viel von un- serem Nachbar," bemerhe Tante Heloise.Papa hätte es nie erlauben dürfen, daß die Fabrik so nahe von Mon Varsange erbaut wird," eiferte Felix;ist es für uns

62. Jahrgang.

In Berlin hat eine sozialdemokratische Protest­versammlung wegen Marokko stattgefunden, in der Redakteur Däumig vomVorwärts" als einziger Redner sprach. Es wurde selbstverständlich eine der üblichen geschwollenen sozialdemokratischen Resolutionen gefaßt. Besonders möchten wir die folgenden bezeichnenden Sätze aus der Rede desGenossen" Däumig hervor­heben:Die Gewerkschaften würden unter einer Mobil­machung ganz außerordentlich leiden, da ein sehr großer Teil ihrer Mitglieder als Reservisten und Landwehrleute eingezogen werden würde, Beiträge würden nur noch in geringem Maße eingehen, dagegen hätten sie unge­heuer große Unterstützungen der Arbeitslosen zu zahlen. Für die sozialdemokratische Partei wäre also der Aus- bruch eines Krieges eine Frage von Sein oder Nicht­sein. Es ist deshalb dringend notwendig, die Arbeiter einmal für den politischen Massenstreik vorzubereiten, der das mögen sich die Herrschenden gesagt sein lassen kein Spaß ist." - Nun, bis dahin wird's noch wohl seine gute Weile haben.

Der Kampf gegen die Schundliteratur wird in Braunschweig energisch durchgeführt. Dort haben sich sämtliche Schreibwarenhändler, mit Ausnahme von zweien, verpflichtet, keine Schundliteratur zu führen. Von denzwei Aufrechten" wird hinfort nichts mehr gekauft werden, da an die Schulkinder ein derartiges Verbot ergangen ist. Wenn irgendwo, so ist das letzte Mittel, der Boykott, sicherlich hier am Platze.

Der Fürsorgeverein für deutsche Rückwanderer hat bis, zum 1. Juli 1911 in seiner rund zweijährigen Tätigkeit bereits über 10 000 Personen nach Deutsch- rand uvergeführt. Mit dem vor Bestehen-des Fürsorge - Vereins nach Deutschland gekommenen Rückwanderern sind jetzt mindestens 7000 Familien in der alten Heimat neu angesetzt. Der Fürsorgeverein bringt seine Rück­wanderer systematisch in allen Provinzen unter, die größte Zahl auf Landarbeiterstellen. Ein Teil erhält Waldarbeiterstellen, vorzugsweise in fiskalischen Revieren, ein anderer Teil Ansiedlerstellen kleineren und größeren Umfanges. Neuerdings sind auch wohlhabende Rück­wanderer zur Verfügung des Vereins gewesen, und es verdient Beachtung, daß allein in der Provinz Ost­preußen während der letzten sechs Monate von Rück­wanderern für fast l1/» Millionen Mark angekauft worden ist. Die gleiche Unterbringung der Rückwan­derer wird in den Provinzen Ostpreußen und Pommern durch die zuständigen Organe der Landwirtschafts­kammern vorgenommen.

nicht unausstehlich, den Qualm einzuatmen, fortwährend das Pfeifen der Fabrik zu hören, die Arbeiter Sonntags im Parke herumlungern zu sehen? Ich für meinen Teil hasse so etwas."Du sprichst wie ein törichterKnabe," schalt die Fürstin.Du weißt recht gut, daß ich nur die wilde Hälfte des Parkes den Leuten zu benutzen gestatte; sie sind mir sehr dankbar für diese Erlaubnis, die uns in keiner Weise schädigt und für sie viel wert ist. Aber lassen wir dieses Thema, das wir schon oft erörtert ha­ben. Führe unseren lieben Gast im Garten umher und zeige ihm alles Sehenswerte." Felix lag recht nach­lässig im Schaukelstuhl und rauchte eine Zigarette; er sprang auf und rief:Ja, eS wird besser sein, als über den Schmied ^u diskutieren. Kommen Sie, Baronesse!" Obgleich ich Felix'Art und Weise nicht billigen konnte, stimmte ich ihm doch in einer Beziehung bei.

Auch ich hatte ein Gefühl der Erleichterung, alS der Direktor sich verabschiedete. Diese dunklen, forschenden Augen hatten mit einem Ausdruck auf meinem Gesicht geruht, der mir sehr peinlich mar. Warum mußte er mich so ansehen? Mon Varsange ist ein kleines Paradies, der Garten ist nicht groß, aber entzückend. Wir, bat heißt: Felix und ich, haben ihn durchstreift; zuerst be­sahen wir die Blumen und künstlich angelegten Teppich- beete ; viele seltene Pflanzen und Bäume erregten meine Bewunderung.Kommen Sie in den Gemüsegarten, wir wollen Erdbeeren essen," schlug Felix vor,wir ha- den wahre Riesenbeeren." Natürlich sagte ich fröhlich zu, und wir pflückten die duftenden Früchte, die rot zwischen den Blättern leuchteten. Recht wie die Kinder, dachte ich, und plötzlich stellte ich mir Klingberg bei dieser Beschäftigung vor.

Ich konnte nicht anders, ich mußte laut lachen.Wa- rumlachenSie, Baronesse?" fragte Felix neugierig.Ich versetzte mich um zehnJahre zurück," erwiderte ich,eben jetzt bin ich elf, und Sie fünfzehn Jahre alt. Und dann versuchte ich mirden Schmied" vorzustellen.,Wie komisch müßte der Riese in derselben Stellung aussehen, bie Sie soeben einnehmen, Fürst!" 187,18t