Schlüchterner Zeitung
Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
mit amtlichem Areisblatt Telefon Nr. 65.
Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat".
Telefon Nr. 65
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10
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Mittwoch, den 23. August 1911.
62. Jahrgang
Die deutsche Magge im Auslande.
Ueber die deutsche Flagge in den außerdeutschen Häfen werden in der Statistik des Deutschen Reichs Uebersichten veröffentlicht.
Wenn die Bedeutung der deutschen Seeschiffahrt richtig gewürdigt werden soll, muß neben. dem Anteile der deutschen Flagge am Seeverkehre des eigenen Landes auch ihr Anteil am Seeverkehr der außerdeutschen Länder in Betracht gezogen und mit dem Seeverkehre der Schiffe anderer Staaten in Vergleich gestellt werden. Zu diesem Zweck ist in der Nachweisung neben einer Darstellung des Seeverkehrs der einzelnen Länder und ihrer wichtigsten Häfen der Anteil der deutschen Flagge, der Flagge des betreffenden Landes und der am Seeverkehr überhaupt am stärksten beteiligten britischen Flagge gegeben. Um die Entwicklung des Seeverkehrs während einer Reihe von Jahren verfolgen zu können, werden die erforderlichen Zahlen, soweit es möglich war, für die Jahre 1895, 1900, 1905 und 1907 bis 1909 geboten.
Aus der Veröffentlichung geht hervor, daß der Anteil der deutschen Flagge am Weltseeverkehre von Jahr zu Jahr an Bedeutung gewinnt. An erster Stelle, noch vor der Landesflagge, stand sie im letzten Berichtsjahr im Auslandsverkehre der russischen Häfen an der Ostsee, am Weißen und am Stillen Meere, an zweiter in dem von Rußland im ganzen, von Großbritannien, Belgien, Portugal, Portorico, Brasilien, Chile, Algerien, Kapland, Natal, Persien, Britisch Indien, Ceylon, der Philippinen, des Australischen Bundes, von Queensland, Neusüdwales, Victoria, Süd- und Westaustralien, im Verkehre der Vereinigten Staaten von Amerika mit Europa, Asien und Afrika, sowie an wichtigen Verkehrspunkten, wie dem Suezkanal, in Gibraltar, Malta, Aden, Singapore und Honkong. Die dritte Stelle behauptete die deutsche Flagge im Auslandsverkehr Schwedens, Dänemarks, der Niederlande, Frankreichs, Spaniens, Mexikos, der Kanarischen Inseln, Marokkos, Niederländisch Indiens, Französisch Jndochinas, Japans und im Gesamtverkehr der Vereinigten Staaten von Amerika mit dem Auslande.
Deutscher Reich.
— Die Kaiserliche Familie wohnte Sonntag vormittag dem Gottesdienst in der Schloßkapelle bei, bei dem Her< Pfarrer Weber die Predigt hielt. Die Musika sacra führte den Kirchengesang aus. Am Nachmittag
stattete die Kaiserin in Begleitung der Prinzessin Viktoria Luise dem Diakonissenhaus einen Besuch ab, während der Kaiser mit dem Oberleutnant Seebohm Tennis spielte. Montag vormittag traf der Prinz Adalbert in Schloß Wilhelmshöhe ein.
— Ein polnischer Vorstoß gegen die Kriegervereine findet sich im „Kuryer Slonski", welcher schreibt: „Alle Katholiken und Polen müssen aus diesem Verhande austreten. Nicht ein Fünkchen Schamgefühls und eigener Selbstachtung besitzt der Katholik und Pole, welcher weiter in den Kriegervereinen verbleibt. Pol» nisches Volk, besinne dich, erwache und bedecke dich nicht weiter mit Schmach! Jeder anständige Mensch muß den Polen verachten, der sich dort hineindrängt, wo man ihm ins Gesicht speit! Bedecket euch nicht weiter mit Schande, sondern tretet hinaus wie ein Mann aus den hakatistischen Vereinen." — Bekanntlich ist in den Kriegervereinen jeder Pole willkommen, der ein loyaler Preuße ist. Aber solche Polen besitzen für den „Kuryer Slonski" allerdings „nicht ein Fünkchen Schamgefühl".
— Aus Anlaß des durch die außergewöhnliche Hitze und Dürre herbeigeführten schlechten Ausfalls der Futtermittelernte hat der Minister der öffentlichen Arbeiten für den Gesamtbereicb der preußisch-Hessischen Staatsbahnen während der Zeit vom 22. August 1911 bis 20. Juni 1912 eine Ermäßigung der Eisenbahnfrachtsätze der Futtermittel um 50 Prozent eintreten lassen. Hoffentlich wird diese Maßnahme mit dazu beitragen, die landwirtschaftlichen Kreise von dem voreiligen Abstößen ihrer Viehbestände abzuhalten.
— Im Anschluß an die Bestimmungen über die Hebung der Selbständigkeit der Baubeamten der Staats» Hochbauverwaltung hat der Minister der öffentlichen Arbeiten neuerdings auch für den Bereich der staatlichen Wafferbauverwaltung über die Entlastung der Ortsbaubeamten von minder wichtigen Dienstgeschäften nähere Anordnungen getroffen. Die Ortsbaubeamten der Wasserbauverwaltung sind danach befugt, den ihnen zugeteilten technischen Bureaubeamten die selbständige Erledigung von Dienstgeschäften, die keine Entscheidung oder Verpflichtung in sich schließen, allgemein oder für besondere Fälle zu übertragen. Außerdem können sie bestimmen, daß die von ihnen allgemein oder in besonderen Fällen angeordneten Benachrichtigungen und Aufforderungen an die ihnen untergeordneten Beamten und an die mit der Verwaltung in ständigem Verkehr stehenden Personen und Firmen, sowie Feststellungen regelmäßiger und minder wichtiger Art im inneren
Geschäftsbetriebe unmittelbar durch die technischen Bureaubeamten erfolgen. Ferner können die technischen Bureaubeamten zu auswärtigen Dienstverrichtungen insoweit herangezogen werden, als die Erledigung der Bureaugeschäfte dies gestattet und nicht geeignete Beamte des Außendienstes zur Verfügung stehen. Endlich kann bei Verhinderung eines Ortsbaubeamten in Fällen, in denen ein höherer Baubeamter des Wasserbaufachs aus dem Bezirk nicht zur Vertretung herangezogen werden kann, die Vertretung nach näherer Bestimmung der Provinzialbehörde dem einzigen oder dem ersten etatS- mäßig angestellten technischen Bureaubeamten übertragen werden.
— Das größte wirtschaftliche Unternehmen der Erde ist die preußische Eisenbahnverwaltung, da kein anderes bezüglich der beschäftigten Personen und des Etats mit dieser konkurrieren kann. Die Einnahmen und Ausgaben des Ordinariums belaufen sich auf 2 201 784 000 Mark, wozu noch ein nicht unerhebliches Extraordinarium Hinzutritt. Etwa 350 000 Eisenbahnhandwerker und -Arbeiter und 150 000 Beamte werden von der Verwaltung beschäftigt. Für Besoldung, Wohlfahrtseinrichtungen usw. werden 731 551300 Mk. aufgewendet. Wie es ja auch bekannt ist und auch der Eisenbahnminister v. Breitenbach kürzlich in der Budgetkommission besonders darauf aufmerksam machte, steht die Betriebssicherheit auf preußischen Eisenbahnen unerreicht da. Eine Statistik ergibt, daß nur aus 12 000 000 Personen in Preußen eine tödliche Verletzung kommt, während in Chile auf eine -halbe Million dasselbe zu verzeichnen ist.
Ausland.
— Der 81. Geburtstag des Kaisers Franz Josef wurde in der ganzen österreichisch-ungarischen Monarchie sestlich begangen. Die Blätter veröffentlichten herzlich gehaltene Festartikel. In den Kirchen und sonstigen Gotteshäusern wurden feierliche Gottesdienste abgehalten. Wien trug reichen Festschmuck auf den Straßen. In Jschl, der Sommerresidenz des Kaisers, wohnten die dort weilenden Mitglieder des Kaiserhauses und Prinz Leopold von Bayern mit Familie dem Hochamte in der Pfarrkirche bei. Der Kaiser hörte eine Messe in der kaiserlichen Villa.
— In Olmütz sind Tschechenkrawalle bei einer Regimentsfeier vorgekommen. Das Infanterie-Regiment Graf Starhemberg beging die Feier seines 250jährigen Bestandes. Es ist eins der ältesten Regimenter der
Gesühnt.
Roman von G. v. Schlippenbach.
8
Nora lernte von Fräulein von Rosen das Spinnen, es sah hübsch aus, wenn die weißen Finger den feinen Faden zogen, und das leise Schnurren des Rades mischte sich mit dem Prasseln der großen Holzscheite in dem weiten Kamin.
Sie hatten einen hübschen Namen für Nora erfunden, die alten Fräulein, sie nannten sie: „Augentrost", und oft streichelten welke Hände das frische Gesicht, oft war die junge Hausgenossin die Vertraute eines einsamen Herzens, das einst einen Jugendtraum begraben.
Und dann kam Weihnachten, das schönste Fest des Jahres: geheimnisvolle Sendungen von der Post kamen an, es wurde geflüstert und beraten, auf allen Gesichtern lag eine erwartungsvolle Freude.
3n der steingepflasterten Stiftsküche half Nora bei den Bäckereien, die Honigkuchen füllten das Haus mit threm Dust.
Die ehrsame Jungfer Henriette Paulsen war die Beherrscherin der unteren Regionen; seit mehr als dreißig Jahren war sie bereits angestellt und kam sich wie die Hauptperson in dem großen Haushalt vor.
Wie gern hätte Nora doppelt so viel Geld gehabt, um alle ihre alten Freundinnen zu beschenken; sie rechnete und zahlte, es wollte gar nicht langen. Da, o Jubel. Kurz vor dem Fest ein Geldbrief aus Transvaal'
, E'ml Otto schrieb und schickte für Mutter und Schwe- ster 100 Dollars Er war sehr erschüttert vom Tode des Vaters, aber glücklich, daß er ihm vergeben - ein sehnsüchtiger, weicher Ton wehte durch den Brief und er bat um baldige Nachrichten.
Eilgenie war sehr glücklich, sie und Nora hielten sich innig umarmt, und Freud entränen glänzten in der Mutter Augen.
Nunkonnte Nora alle ihre kleinen Wünsche befriedigen, sie kaufte einen ganzen Tag ein. Die Läden in X ließen
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manches zu wünschen übrig, aber in der frohen Weihnachtsstimmung übersah mau die Mängel.
Einige von den Stiftsdamen waren zum Fest zu ihren Verwandten gefahren, etwa zwölf blieben, und mit ihnen feierten Frau von Ebenstedt und ihre Tochter den heiligen Abend. Wohl rauchte manche trübe Erinnerung an das vorige Jahr in beider Herzen auf, da lebte der Gatte und Vater noch, und das geliebte Mit- tenhof war nicht verkauft. Auch des Fernen gedachten sie. Wie mochte Emil Otto Weihnachten feiern? Würde die strahlende Tanne die drei Menschen, die zu einander gehörten, noch einmal vereinen? Würde der Heimatlose wiederkehren in den Schoß seiner Familie?
Mit diesen Gedanken blicken die Freifrau und ihr Kind auf den hohen, herrlich geschmückten Baum, Hand in Hand stehen sie da, und sie verstehen sich auch ohne Worte.
Nach Weihnachten bekain Nora noch mehrere Schülerinnen, ihr Tag war jetzt reich besetzt, und das Bewußtsein, etwas zu leisten, hob ihr Selbstgefühl und trug zu ihrer Befriedigung bei.
Im Frühjahre herrschte dieJufluenza recht bösartig, und auch im Stift forderte sie ihre Opfer; zwei von den alten Fräulein starken und wurden in der Stiftskapelle beigesetzt, bis die entfernten Verwandten die Särge abholen kamen.
Nora war sehr betrübt und hatte ihre greifen Freundinnen treu gepflegt, bis sie selbst von der heimtückischen Krankheit ergriffen wurde; doch überwand sie sie bei ihrer Jugend leicht, nur blieb ein böser Husten nach, der ihre Mutter besorgt machte.
Eines Tages im Juni erhielt die Freifrau einen Brief, er war von ihrer Jugendfreundin, der Fürstin Degen- hart; sie schrieb sehr herzlich und meldete sich auf der Durchreise für einige Stunden an. Lange hatte Eugenie nichts von der einstigen Gespielin gehört, die gleich ihr Französin war und mit der sie in derselben Pension erzogen wurde. Das Leben hatte die beiden Frauen getrennt, der Briefwechsel wurde immer lauer und zuletzt
hörte er ganz auf. Nun war Frau von Ebenstedt recht gespannt, die Freundin wiederzusehen, für die sie noch immer eine herzliche Zuneigung empfand. Der verstorbene Gemahl der Fürstin hatte zu einer Seitenlinie von einem kleinen mediatisierten Herrscher gehört; er trauerte nic^t , sonderlich um die Duodezkrone und heiratete die Kom- lessevon Eltville, für die er eine tiefeLeidenschaft empfand, die ebenso erwidert wurde. Jetzt, wo die Schranke fiel, konnte das Paar sich vereinigen. Das große Vermögen beider Gatten machte ihnen ein genußreiches Leben möglich ; sie blieben die erste Zeit in Paris, hier wurde ihr Söhnchen geboren, das den Namen Felix erhielt. Der Fürst besaß in Süddeutschland herrliche Güter und ein reizendes Jagdschlößchen im köstlichsten Walde, das den Namen: „Man Varsange" führte.
Die Freifrau und 9tbra stehen auf dem Bahnsteig und erwarten die Reisenden. Etwas bleich steht daS junge Mädchen noch aus. Sie hat den Stiftsgarten um seine schönsten Blumen geplündert und hält einen Strauß in Händen, den sie der Fürstin Degenhart überreichen will. Zum ersten Mal hat Nora die Trauer abgelegt und trägt ein Helles Sommerkleid. Sie sieht sehr lieblich aus. Erwartungsvoll spähen beide Damen nach dem Zuge aus, der nur zwei Minuten an der Station hält.
9hm ertönt in der Ferne der Pfiff der Lokomotive, und etwas später umarmen die Jugendfreundinnen sich.
„Das ist meine Tochter, liebe Heloise," sagt die Freifrau, Nora vorstellend.
„Kommen Sie, mein Kind, lassen Sie sich umarmenI“ sagt die Fürstin herzlich und küßt das junge Mädchen mitgewinnender Freundlichkeit. „Sie gleichen ganz Ihrer Mama, das macht Sie mir teuer."
Die Fürstin ist eine noch immer schöne, stattliche Dame von unverkennbar vornehmer Herkunft, sie überragt die mittelgroße Gestalt Eugenies, und ihre lebhaften Augen, das schwarze Haar, das noch keinen weißen Silberfaden aufweist, lassen sie jung erscheinen, obgleich auch sie die Fünfzig überschritten hat. 187,18*