WjjchtemerMtung
mit amtlichem Areisblatt. • Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. «5. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". r-lcso» Nr. «S.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Samstag, den 12. August 1911.
62. Jahrgang
Amtliches.
J.-Nr. 4516. K.-A.
k Dn unterm 4. ds. Mt^. auf den 16. A gust an« beräumte Ztegerrbock Körung wird hiermit auf
Sonnabend, den 16. Sept., norm. 11 Uhr verlegt. Die Herren Bürgermeister ersuche ich, dies wiederholt öffentlich bekannt machen zu lassen.
Glei-zeitig mache ich die Gemeinden wiederholt auf die ihnen durch das Gesetz v. 12. 6. 1909 auferlegie Verpflichtung zur Ziegenbockh iltung aufmerksam. Ich erwarte, daß die hiernach vorgeschriebene Anzahl Böcke nunmehr beschafft ist.
Schlächtern, den 10. August 1911.
Der Landrat. I. V.: B e r t a.
J.-Nr. 4504. K.'A.
Dem bei Herrn Amtsrat Kaiser zu Hundsrück in Dienst stehenden Schäfer Heinrich Faust ist für langjährige treue Dienstzeit eine Prämie von 10 Mk. aus Kreismitteln bewilligt worden.
Schlüchtern, den 4. August 1911.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses.
I. V.: B e r t a.
Deutsches Reich.
— Die Flottenschau vor dem Kaiser, die am 5. September in der Kieler Bucht stattfinden soll, wird, so schreibt man der „Köln. Ztg.", alle ihre Vorläufer übertreffen. Rund 140 Kriegsschiffe mit einem Ge- samtverdrang von etwa 400 000 To. und einer Besatzung von gegen 25 000 Mann, das ist annähernd Die Hälfte aller Marineangehörigen, werden zur Stelle sein. Es beteiligen sich 22 Schlachtschiffe, die alle sieben Typen seit dem Beginn der Schaffung einer leistungsfähigen Heimflotte aufweisen, von der Brandenburgklasse bis zur Helgolandklasse. Dazu kommen noch 4 Panzerkreuzer, etwa 10 kleine Kreuzer, 66 moderne Hochseetorpedoboote, 24 Minenboote, 2 Minen- dampfer, eine Anzahl Unterseeboote. Auf eine Einladung des Kaisers wohnt der österreichische Admiral Graf Montecuccoli der Flottenschau bei.
— Automobilunfall des Prinzen Heinrich. Das Automobil des Prinzen Heinrich, in dessen Begleitung sich sein Adjutant, Korvettenkapitän v. Usedom, befand, ist von Holland kommend bei Cloppenburg, wie es heißt, gegen ^einen Baum gefahren. Der Chauffeur erlitt einen Schädelbruch. Der Adjutant wurde leicht verletzt, während Prinz Heinrich unversehrt ist. Er
Gesühnt.
Roman von G. v. Schlippenbach. 5
»Ich muß jemand haben, mit dem ich über meine Jungen sprechen kann," versetzte die Freifrau innig, „er hat Unrecht getan; aber ein Mutterherz hört nicht auf, sein Kind zu lieben, selbst wenn es eine Schuld trägt. Du warst zum Glück gerade auf einige Wochen bei Verwandten auf Besuch, als Emil Otto eines Abends spät nach Mittenhof kam. Er war toten bleich und sah ails, als sei er schwer krank gewesen. „Ehrlos, Vater, Matter, ehrlos!" stöhnte er und stürzte zu unseren Füßen nieder; „ich habe mein Wort gebrochen, man hat mich aus dem Korps gestrichen, ich bin ein Schuft, bem man nicht mehr die Hand reicht. Emil Otto hatte schon frü- Jer eine Neigung zum Kartenspiel gezeigt, die uns Sorge ereitete, aber wir ahnten nicht, daß es die Klippe sein würde, an der er Schiffbruch leiden sollte. Es scheint, daß er trotz aller guten Vorsätze doch wieder der unseligen Leidenschaft stöhnte. Da nahm der Senior des Korps ihm in Gegenwart von Zeugen das Ehrenwort ab, nie wieder Hazard zu spielen. Eines Tages, als er mehr als gut dem Becher zugesprochen, brach er sein Wort; er war einigen Gaunern in die Hände gefallen, die ihm eine große Summe abgewannen. Die Sache wurde ruchbar, und unser Sohn wurde schmachvoll aus dem Kreise seiner Verbindungsgenossen verstoßen."
Frau von Ebenstedt hielt inne, sie zitterte so heftig daß Nora den Arm um sie legte, sie war tief erschüttert und konnte nicht sprechen. Lange blieb es still, keine der Frauen fand ein Wort; endlich fuhr die Freifrau fort.
„Laß mich über daS schweigen, was sich an jenem schrecklichen Tage zwischen Vater und Sohn begab, ich schaudere in der Erinnerung daran, mein Kind. Emil Otto stand vor uns, sein blühendes Aussehen war das
hält sich noch in Cloppenburg auf. Nähere Einzelheiten fehlen noch.
— Die beiden ältesten Söhne des Prinzen Friedrich Leopold von Preußen sind am Sonnabend um 6 Uhr durch den Prinzen Friedrich Leopold in das Erste Garde Regiment zu Fuß eingestellt worden, und zwar wurde der 19jährige Prinz Friedrich Sigismund der sechsten Kompagnie und der 18jähttge Prinz Friedrich Karl der siebenten Kompagnie zugeteilt. Dem Akte wohnten die direkten Vorgesetzten bei. Abends schloß sich dann ein Diner im Jagdschlösse Glienicke an. Am Montag taten die Prinzen bereits Dienst in der Front.
— Am Sonntag abend 9 Uhr 10 Min. ist plötzlich am Herzschlag der Vize-Oberzeremonienmeilter der Kaiserin Kammerherr vom Dienst von dem Knesebeck im vollendeten 60. Lebensjahre im Vaterländischen Krankenhause Rotes Kreuz zu Kassel gestorben. Exz. von dem Knesebeck hat sich vor etwa 14 Tagen einer Darmoperation unterziehen müssen, die vom Chefarzt Dr. Bertelsmann ausgeführt worden war und sehr gut gelang. Der Zustand des Kammerherrn war insofern bedenklich, als der im April 60 Jahre alt gewordene Herr an einer sehr veralteten Arterienverkalkung litt, die ständige Herzschwäche im Gefolge hatte.
— Einen erfreulichen Rückgang der Unfälle haben die gewerblichen und landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaften feststellen können. Im Berichtsjahre 1909 wurden bei den 48 landwirtschaftlichen und 66 gewerblichen Berufsgenossenschaften rund 139 000 Unfälle gezählt. Im Jahre 1908 waren es noch fast 143 00u und im Jahre 1907 beinahe 145 000. Der Rückgang der Unfälle ist also stetig. Auch die Unfälle mit tödlichem Ausgange sind gesunken. Im Jahre 1908 wurden 9586, dagegen im Jahre 1909 nur noch 9363 solche Unfälle gezählt. Für Unfallverhütung sind im Jahre 1909 über 15 Millionen Mark aufgewendet worden.
— Die „Genossinnen" wünschen, daß eine besondere sozialdemokratische Modenzeitung herausgegeben und dem Organe der sozialdemokratischen Frauenbewegung „Gleichheit" beigelegt werde. Der Parteivorstand soll sich bereits mit dieser bedeutsamen Angelegenheit beschäftigt haben. Ob die Gründung eines solchen Blattes zu einer besonderen sozialdemokratischen Frauenmode führen werde, wird abzuwarten sein. Es wäre nicht übel, wenn man die „Genossinnen" gleich an ihren Kleidern erkennen könnte.
eines Greises, tiefe Ringe umgaben seine Augen, und Falten gruben sich in feine Stirn und um den Mund."
„Bitte, verzeih mir, Mutti," sagte er leise, „ich will Euch nie wieder unter die Augen treten."
Noch einmal fühlte ich seine Lippen meine Hand berühren, dann war er fort. Ein markerschütternder Schrei rang sich aus des Vaters Brust, er stürzte zu Boden, ein 'Nervenschlag hatte ihn getroffen."
„Aber Ihr habt von Emil Otto gehört; es sind viele Jahre her,seit er Mittenhof verließ," sagte Nora.
„Er hat einige Male geschrieben, erst aus Amerika und dann aus Transvaal. Wir haben durch Landsleute von ihm gehört, Alle stimmten darin überem, daß er ein ganzer Mann geworden sei."
„O, Mutter, er muß jetzt zurückkommen," rief das junge Mädchen, „er soll wieder in der Heimat leben."
Die Freifrau schüttelte traurig das Haupt. „Das ist unmöglich," sagte sie ernst. „Welche Stellung nähme er ein, wenn er zurückkehrt? Man urteilt sehr scharf in solchen Dingen, ein Mann, der sein Ehrenwort brach, ist ein Parja, der sein Leben lang einen Makel trägt.“
„Aber das ist empörend."
Nora ist aufgesprungen, blitzenden Auges steht sie da, leidenschaftlich sprudelt es über ihre Lippen: „Es ist nicht recht, jemand für eine Jugendschuld so hart zu strafen. Genügt es nicht, wenn man im späteren Leben durch tadelloses Verhalten das zu sühnen trachtet, was man in halb besinnungslosem Leichtsinn verübt? Emil Otto war fast noch ein Knabe, als er fehlte. Hat er nicht tausendfach gebüßt, hat er nicht als Mann gelitten, weil er sein Ehrenwort brach? Er ist vielleicht jetzt besser qls viele, die sich zu seinen Richtern aufwerfen. Käme er pur wieder, ich bin überzeugt, daß er es verstände, sich eine Stelle zu geben, den ihm gebührenden Platz einzu- nehmen,"
Traurig schüttelte die Mutter das Haupt.
»Ich denke wie Du, mein Kind." versetzte sie kummervoll. „die Menschen üben erbarmungslose Kritik an
— Folgende Warnung hat die Königliche Eisen- bahndirektion Berlin erlassen: „Es werden neuerdings lebhafte Anstrengungen gemacht, um die Beamten und Arbeiter der Staatseisenbahnverwaltung für die sozial- demokratischen Bestrebungen zu gewinnen. Zu diesem Zwecke werden insbesondere Flugblätter und periodische Agilalionsjchriften verbreitet. Vor derartigen Drucksachen, die das Ziel haben, Unzufriedenheit unter den Bediensteten zu erregen und das gute Verhältnis zwischen der Verwaltung und dem Personal zu stören, wird nachdrücklich gewarnt. Das Mitbringen solcher Flugblätter und sonstiger ordnungsfeindlicher Agitationsschriften zur Dienst- oder Arbeitsstätte oder ihre Weitergabe wird als Förderung sozialdemokratischer Bestrebungen angesehen, die ebenso wie jede andere Beteiligung in dieser Richtung die Einleitung des Disziplinarverfahrens auf Dienstentlassung oder die Kündigung des Dienstverhältnisses zur Folge haben wird." — Diese Warnung ist sehr zu begrüßen, denn wo soll es hinführen, wenn Arbeiter in Staatsbetrieben sich der antimonarchisch gesinnten Sozialdemokratie verschreiben würden? Wer von den Eisenbahnhandwerkern und -Arbeitern sich organisieren will, der kann sich dem auf christlich-nationalen Boden stehenden Elberfelder Eisenbahnerverband anschließen.
Ausland.
— Der Hafenarbeiterstreik in London hat eine riesige Ausdehnung angenommen. 75 000 Hafen- und Transportarbeiter lassen die Arbeit ruhen. Auch die Eiseilbahngesellschafteil drohen in den Streik hlneinge- zogen zu werden. In Liverpol ist ein Streik unter den Frachtverladern der Lancashire- und Aorshire-Bahn ausgebrochen. Auch die Angestellten der North-Eastern- Bahn in Hull und der Great-Western-Bahn in Bristol drohen mit dem Streik. In Manchester haben 13 000 in Eisenbahuschuppen und Kohlenlagern beschäftigte Leute die Arbeit niedergelegt und verlangen höhere Löhne. Man fürchtet, daß er sich noch auf andere Gesellschaften ausdehnt und den ganzen Eisenbahnverkehr lahmlegt.
— Nach einer Meldung aus Barcelona soll eine neue Karllstenpartei in Spanien gegründet werden. Einige Karlisten haben beschlossen, eine neue Gesellschaft zu bilden, welche die Karlisten von Barcelona und Umgegend gegen die Republikaner unterstützen soll. Diese neue Vereinigung, welche ihren Hauptsitz in Madrid haben wird, nennt sich „Santa Hermandad".
einander, wehe dem, der auf der Lebensbahn entgleiste. Emil Otto gehört zu ihnen."
„Das ist aber doch ..."
Nora unterdrückte den Rest, sie war zu erregt uni fürchtete, die arme Mutter zu kränken. Sttll setzte sie sich an das Fenster und blickte hinaus. Sie dachte über das eben Gehörte nach.
Nun kannte sie das düstere Geheimnis, das einen trüben Schatten über das Elternhaus geworfen; bei Vater war seitdem gelähmt und der stille Mann geworden, der sich von jeder Geselligkeit zurückzog. Ebenstedtß waren einst sehr wohlhabend, und so lange der Freiherr selbst das Gut bewirtschaftete, hatte die Familie ihr reichliches Auskommen gehabt. Langsam ging es bergab, die schlechten Ernten und gewissenlosen Verwalter tragen dazu bei, und als der Kranke starb, blieben seine Witwe und Tochter mittellos zurück.
Obgleich es wie ein Schatten über Noras Jugend gelegen, war sie eine sonnige Natur, immer zum Lachen bereit, die goldbraunen Augen strahlten in steter Heiterkeit, und der rote Mund plauderte und sang den ganzen Tag. Im Winter verlebten Ebenstedts in den beiden letzten Jahren einige Monate in der Stadt, man hielt den' alten Train auch dann aufrecht, als es schon recht schlimm stand und das Gut mit Hypotheken belastet war. Obgleich Nora von Ebenstedt recht gesellig lebte, Theater und Bälle mitmachte und sehr gefeiert wurde, fühlte sie sich nicht recht glücklich in der Stadt. Sie konnte es nicht erwarten, bis sie wieder in ihrem geliebten Mittenhof war. Jeden Fußbreit Erde liebte sie» alle Bauern kannte sie, und ein jeder bekam einen freundlichen Gruß, ein munteres Wort, wenn das gnädige Fräulein auf dem Rücken ihres braunen Pferdes soch. und durch Wald und Flur sprengte.
Ein Schluchzen hebt des jungen Mädchens Brust bet der Erinnerung an ihren vierbeinigen Liebling; sie blickt zur Mutter hinüber. 187,18*"