marschieren, sondern mit derWahn befördert werben. Ferner wurde bestimmt, daß die verseuchten Ortschaften, wenn angängig, durch die manöverierenden Truppen-, teile vermieden werden sollen, wenn die Manöverdispo- sitionen dies zulassen. Sollte dies nicht angängig sein, dann sind wenigstens die verseuchten Gehöfte unter keinen Umständen mit Truppen zu belegen, um auf diese Weise eine Verbreitung der Seuche durch die weiterziehenden Truppen zu verhüten. Eventuell muß dann ein vermehrter Gebrauch von Biwak gemacht werden, vorausgesetzt, daß der Gesundheitszustand der Truppen dies nur irgendwie zuläßt. Was aber bisher über die Aufgabe oder Aufschiebung der Manöver dieses Jahres gesagt wurde, ist unzutreffend. In keinem Falle können die großen Manöver mit Rücksicht auf die Maul- und Klauenseuche verschoben oder verlegt oder sonst in den grundlegenden Dispositionen irgendwie beeinflußt werden.
— Ruhrepidemie auf dem Truppenübungsplatz Döberitz. Bei der zweiten Gardeinfanteriebrigade, die sich zurzeit auf dem Truppenübungsplatz Döberitz befindet, sind in den letzten Tagen mehrere Fälle von Ruhr festgestellt worden. Ueber die Ansteckungsquelle schweben noch Untersuchungen, doch ist, da die Hygie- nischen Verhältnisse des Lagers einwandsfrei sind, mit der Möglichkeit zu rechnen, daß eine Einschleppung der Krankheit durch eingezogene Mannschaften des Beur- laublenstandes erfolgt ist. Das Generalkommando des Gardetorps hat vorläufig das Lager in Döberitz gesperrt und die sonstigen Maßnahmen getroffen, um einer Heiterverbreikung der Krankheit vorzubeugen und für die erkrankten Mannschaften die nötige Behandlung und Pflege zu sichern. Das Befinden der bisher erkrankten Leute gibt vorläufig zu keiner Besorgnis Anlaß.
— Die sozialdemokratische Moral wird wieder einmal durch folgende Aeußerung gekennzeichnet. Ein Redakteur der sozialdemokratischen „Leipz. Volksztg." wurde kürzlich zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er den Vertreter des Reichsverbandes gegen die Sozial- demokratie Dr. Henrici beleidigt hatte. Der Rechtsanwalt des Angeklagten Hai bei der Verhandlung wörtlich gesagt: „Wer auf den politischen Schauplatz tritt, der muß darauf gefaßt sein, daß er in allem, auch in seinem Privatleben, angegriffen wird, und er mag froh sein, wenn ihm nicht auch noch das Stehlen vorgeworfen wird." — Es ist sehr wertvoll, aus dem Munde eines Sozialdemokraten bestätigt zu hören, welchen Niederträchtigkeiten man sich aussetzt, wenn man es wagt, mit den Herren „Genossen" die Klingen zu kreuzen Es ist, wie einst der Abgeordnete Fischbeck so treffend sagte, die „Taktik der Wegelagerer unb Strolche". Und eine Partei, die mit solch schmutzigen Waffen persönlicher Angriffe kämpft, maßt sich an, die Menschheit mit ihrer „Kultur und Gesittung" beglücken zu wollen!
— Die Generalkommission der sozialdemokratischen Gewerkschaften hat für den sozialdemokratischen Verband der Land- und Forstarbeiter in kurzer Zeit nicht weniger als 86 165 Mk. ausgegeben, ohne aber erheblichere Erfolge zu erzielen. Man will nun die Agitation noch weiter ausgestalten und im Herbst hundert Agitatoren in die ländlichen Bezirke entsenden, um die Landarbeiter für die Sozialdemokratie zu gewinnen.
— Zum Streik im mitteldeutschen Braunkohlen revier wird aus Menselwitz berichtet, daß die seit 11 Wochen im Streik stehenden Bergarbeiter in stark besuchten Versammlungen beschlossen haben, den Streik fortzuführen. Ein großer Teil der Streikenden glaubt immer noch an einen Erfolg. Eine Anzahl Arbeiter hat anderwärts Beschäftigung gefunden. Die Ernte bietet für manchen Gelegenheil zur Arbeit. Es sind nicht alle Streikenden für Fortführung des Lohnkampfes gewesen, da die Bergarbeiter selbst einsehen, daß nichts erreicht werden kann. Daß der Streik so lange dauern würde, haben die meisten Bergarbeiter nicht,gedacht. Im Jahre 1906 dauerte der Streik neun Wochen.
— Der Gebrauch der deutschen Sprache in Masuren nimmt ständig zu. Während vor 25 Jahren auf dem flachen Lande fast zwei Drittel der Bevölkerung polnisch sprachen, ist auch dort eine Abnahme der polnisch Sprechenden um fast 30 Prozent festzustellen. Gemeinden mit rein polnisch sprechender Bevölkerung gibt es jetzt überhaupt nicht mehr. Bedeutsam ist dabei der Umstand, daß Familien, die früher rein polnisch waren und jetzt noch an derselben Stelle seßhaft sind, schon teilweise zur deutschen Sprache übergegangen sind oder in ihren Kindern deutsch wurden. Im Jahre 1890 war bei 63 Prozent aller Dorfschulkinder die Mntter- sprache, die zu Hause gesprochen wurde, polnisch. Im Jahre 1900 gaben von den masurischen Schulkindern noch 49 Prozent das Polnische als Muttersprache an, im Jahre 1910 nur noch 33 Prozent.
Ausland.
— Im englischen Unterhaus? kam es zu großen Lärmszenen bei der Eröffnung der Debatte über den Vorschlag, daß das Haus über die Abänderungsanträge der Lords zur Vetobill beraten solle. Premierminister Asquith wurde bei seinem Eintritt mit einer großen Ovation empfangen. Die Anhänger der Regierungspartei und die Nationalisten erhoben sich von den Sitzen mit begeisterten Zurufen und Schwenken ihrer
Taschentücher. Als Asquith sich erhob, um eine Er-' klärung abzugeben, wurde der Ruf „Verräter" von einigen Plätzen der Opposition vernommen. Der Lärm wurde so stark, daß Asquith nicht sprechen konnte. So oft er seine Rede begann, kam es zu neuen Ruhestörungen der Opposition trotz energischer Mahnungen des Sprechers an die unionistischen Mitglieder, welche Asquith unterbrachen. Man vernahm Zurufe: „Lassen Sie Redmond zuerst sprechen, er ist der wirkliche Führer. Er soll uns die Bedingungen des Handelsgeschäfts zwischen ihm und der Regierung sagen." Die Verhandlungen mußten vertagt werden.
— Bei dem Riesenbrand in Konstantinopel sind nach dem offiziellen Bericht 2224 Häuser, über 300 Kaufläden, 16 Moscheen, 2 Regierungsgebäude, 2 Bäder, 1 Mausoleum, 2 Dcrwischklöster, sowie einige Schulen und Gendarmeriewachthäuser niedergebrannt. Der Bericht stellt fest, daß das Feuer durch die Unvorsichtigkeit eines Persers namens Mehmet entstanden ist. Mehmet und sein Kamerad Muhtar wurden verhaftet. Bei dem Brande sind zwei neunjährige Mohammedanerinnen aus Kreta und ein Armenier umgekommen. Das jungtürkische Komitee stellte seine Klublokale zur Unterbringung der Obdachlosen zur Verfügung, die auf den Höfen der Moscheen und den freien Plätzen kampieren. Das Komitee verteilte Lebensmittel; die Regierung spendete 5000 Pfund für die Betroffenen. Die meisten türkischen Zeitungen eröffneten Subskriptionslisten- — Der Zustand des Kriegsministers ist befriedigend.
- Die Prinzessin Helene von Serbien hat sich mit dem Prinzen Johann, dem Sohne des Großfürsten Konstantin Konstantinowitsch, verlobt.
— Um die französische Hauptstadt endlich von dem revolutionären Gelichter zu säubern, das den Schrecken und die Plage aller anständigen Leute bildet, entfaltet die Pariser Polizei seit einiger Zeit eine rege Tätigkeit. Der Plan,' alle Verdächtigen mit einem Male zu verhaften, schlug allerdings fehl, weil durch einen noch unaufgeklärt gebliebenen Vertrauensbruch die Bedrohten rechtzeitig Wind von der Sache bekammen. Allein, der Polizei lieferten doch einige Haussuchungen wichtiges Material, und so haben es hervorragende Führer der Roten wie die Arnachisten Merle, Tissier, Perceau und der Herausgeber des „Sozialen Krieges" Aldereyda vorgezogen, das Weite zu suchen. Sie sollen sich in das Ausland geflüchtet haben
Perfien.
Aus Persien kommen recht sensationelle Meldungen. Der Exschah Mohammed Ali, der bisher ruhig in einer österreichischen Sommerfrische seine stille Villa bewohnte, ist plötzlich wieder aufgetaucht. Er hat sich, wie es scheint, ganz still auf den Weg gemacht, unerkannt Rußland bis Baku durchreist, hat sich dann gegen Geld in die Südostecke des Kaspischen Meeres fahren lassen und ist dort plötzlich zu aller Ueberraschung gelandet. Die Turkmenen sollen sich für ihn erklärt, einige Trupps Reiter sollen sich ihm angeschlossen haben, und so liegt er nun in der Nähe der Stadt Astrabad in Nordostpersien. Von dort wird er wahrscheinlich gegen Teheran ziehen. Dort rüstet sich die parlamentarische Partei und die jetzige Regierung zu energischem Widerstand gegen den ehemaligen absoluten Herrscher. Ob ihnen der Widerstand gelingt, ob sich ihnen genügend Truppen zur Verfügung stellen werden, ist äußerst fraglich. Die Nachrichten lauten nicht gerade günstig für die Aussichten der Parlamentsregierung.
Die Ankunft des Exschahs scheint tatsächlich nicht nur die Perser, sondern auch die nächst beteiligten europäischen Mächte überrascht zu haben. Natürlich behaupten die englischen Zeitungen, das Wiederauftreten des Exschahs sei eine russische Intrigue. Der Gedanke liegt recht nahe. Der Einfluß Rußlands war unter dem alten Schah und dem autokratischen Regime stärker als heute. Er ist seitdem dauernd zurückgegangen. Die Rückkehr Mohammed Alis wäre aller menschlichen Berechnung nach günstig für Rußland, auch dann, wenn es nicht zu Wirren kommt, die Rußland als Gelegenheit zu aktivem Eingreifen benutzen könnte. Die Petersburger Regierung aber leugnet entschieden und stellt sich gänzlich überrascht. Möglicherweise verhält es sich tatsächlich so, wie sie sagt.
Das Erscheinen des Exschahs kann leicht die persische Frage wieder in Fluß bringen. Ob in für Persien günstiger oder ungünstiger Weise, steht dahin. Für den Handel und für die wirtschaftlichen Interessen der politisch und direkt interessierten europäischen Mächte ist jedenfalls die Hauptsache, daß Ordnung herrscht. Ob eine parlamentarische oder eine autokratische Herrschaft Ordnung schafft, ist eine Frage zweiten Ranges. Wenn es dem Exschah gelingen sollte, die Zügel zu ergreifen und in dem zerrütteten Lande die Ordnung herzustellen, die die Medschlisregierung nicht herzustellen vermochte, so werden am Ende auch die Engländer, die in erster Linie an der Sicherheit der südlichen Handels- straßen interessiert sind, damit zufrieden sein.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchteru, 28. Juli 1911.
—* Der Gemeinderechner von Heubach (Rhön) Herr Nicolaus Vögler fand dieser Tage auf einem Roggenfeld auf einem 1,90 m langen Halmen eine >19 cm lange Aehre mit noch 9 vollständig mit Körner
'besetzten Nebenähren, auf einer Seite 4 auf der andern 5 Aehren.
—* Verschiedener Umstände halber muß das für Sonntag morgen angesagte Konzert des hiesigen Schützen- Vereins ausfallen. Der Verein wird bestrebt sein, seine Gäste nachmittags für diesen Ausfall zu entschädigen. Von zwei seiner Mitglieder sind dem Verein zwei wertvolle in Oel gemalte Ehrenscheiben gestiftet worden, von denen die eine Samstag, die andere Sonntag herausgeschossen wird. Letztere Scheibe stellt die Stadt Schlächtern dar zur Zeit des 30 jährigen Krieges nach dem bekannten Merian'schen Stich und ist mit dem Schlüchterner Stadtwappen geziert.
—* Am vergangenen Freitag hat der 74jährige Steinklopser Lorenz Dietrich in Kerbersdorf Selbstmord verübt. Er begab sich auf den Speicher seines Hauses und erhängte sich. Den Grund, weshalb Dietrich dies getan hat, ist unbekannt.
—* Mitteilung der Handelskammer zu Hanau betr. Herbstbezüge und Wagengestellung. Die beteiligten Firmen werden nachdrücklich darauf aufmerksam gemacht, alle für den Herbstbedarf erforderlichen Waren tunlichst schon jetzt zu beziehen, damit der Herbstverkehr mit Gütern auf der Eisenbahn sich glatt abwickelt und Wagenmangel nach Möglichkeit vermieden werde. Hierzu können Versender und Empfänger wesentlich auch dadurch beitragen, daß sie die Wagen umgehend be- und entladen lassen und das Ladegewicht stets voll ausnutzen, namentlich bei den Güterwagen zu 15 t.
—* In ihrem 77. Lebensjahre ist vor wenigen Tagen in Pittsburg, Pa., Frau Catharina Förster, gebor. Klug, Witwe des verstorbenen August Förster, aus dem Leben geschieden. Die Verstorbene war in Flieden, Hessen, geboren und hinterläßt sechs Kinder.
* Erhängt hat sich in Hanau am Sonntag abend gegen 8 Uhr in seiner Wohnung in der Frankfurter- landstraße der Bankier Valentin Klug.
* Ein bewegtes Verbrecherleben. Der Schreiner Albert Adam Läpp, genannt Gärtner aus Hanau, ein vielfach wegen Diebstahls vorbestrafter Mensch, wurde am 30. Juni 1911 vor dem Schwurgericht Lüneburg mit 8 Jahren Zuchthaus bestraft, weil er auf dem Transport von Hamburg nach Hannoner einen Gefangenenaufseher im Transportgefangenenwagen überfallen und ihm 42 Stiche beigebraucht hat. Im Jahre 1903chatte L. mehrere Einbrüche hier begangen, worauf er flüchtete. Kurze Zeit darauf wurde er in Darmstadt wegen Einbruchsdiebstahls mit 2 Jahren Zuchthaus bestraft. Auf dem Transport von Darm-' stadt nach Hanau ging er flüchtig. Er trieb sich sodann im Auslande und Deutschland unter dem Namen Albert Fischer und Alb. Grimm umher, bis er in Hamburg wieder festgenommen wurde.
* Nach kaum einjähriger Spielzeit wird das Frankfurter Komödienhaus geschlossen, sobald das Gastspiel des Berliner Ensembles beendet ist. Dieses Ereignis haben Eingeweihte seit einiger Zeit vorausgesehen. Ueber das Komödienhaus dürfte in den nächsten Tagen Konkurs verhängt werden.
* Die Verlegung des Landgestüts Dilleuburg wird seit einiger Zeit angestrebt. Zu der Frage schreibt die „Franks. Ztg.": In interessirten Kreisen Kurhessens wird für eine Verlegung des Landgestüts Dilleuburg in einen kurhessischen Ort (vielleicht nördlich der Linie Marburg, Ziegenhain, Hersfeld) agitiert. Anlaß dazu ist die angebliche Absicht des Landwirtschaft sministeriums, das Gestüt von Dilleuburg in einen mehr im Zentrum der Provinz befindlichen Ort zu bringen, wo sich seine notwendige Vergrößerung mit der dadurch bedingten Erweiterung der ganzen Anlage leichter, sowie weniger kostspielig ausführen läßt und für den Geschäftsbetrieb günstigere Bedingungen geschaffen werden können. 1870 war das Gestüt als Landesgestüt des Kurfürstentums Hessen in dessen Hauptstadt Cassel. Nach der Verlegung wurde auf dem Gestütsgebäude das Gebäude der Bildergalerie erbaut. Der Regierungsbezirk Wiesbaden hatte 1910 22, der Regierungsbezirk Cassel 134 Hengststationen.
* Jossa, Kr. Fulda. Dienstag abend gegen 7 7a Uhr entlud sich über der Gegend zwischen Hauswurz und Hosen- feld, vor allem über unserem Ort ein schweres Unwetter, das großen Schaden anrichtete. Ein Blitzschlag traf das Anwesen des Franz Bischof und setzte es in Flammen. Das Feuer griff so schnell um sich, daß das Vieh nur mit knapper Not ins Freie gebracht werden konnte. Fast sämtliches Inventar ist verbrannt. Auch Bargeld und mehrere Sparkassenbücher sind dem Feuer zum Opfer gefallen, das Gebäude wurde eingeäschert. Ein weiterer Blitz schlug in das Anwesen des Johannes Hoffmann in Reichlos. Auch dieses brannte vollständig nieder. Ein gleichzeitig auftretender Sturmwind hat zahlreiche Bäume abgebrochen. Stämme und Aeste bedeckten die Straßen. Von dem Wind wurden Dächer abgedeckt und zahlreiche Fensterscheiben zertrümmert. Auch ging ein schwerer Hagelschlag nieder, der erheblichen Schaden auf den Fluren verursachte. Die Wetterkatastrophe, die all diese Zerstörung anrichtete, dauerter nur 15 Minuten. Dann schien die Sonne wieder.
< * Dienstag abend gegen 6 Uhr ereignete sich bei
dem Fliedener Bahnneubau, der durch die Firma Gebr. Schäfer ausgeführt wird, ein schwerer Unglücks- sall, wobei 5 Arbeiter verletzt wurden, davon 4 schwer,