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Schlüchtenm Zeitung

mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. es. Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat". Telefon Nr. es.

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

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Mittwoch, den 26. Juli 1911.

62. Jahrgang.

Amtliches.

Kreispolizei Verordnung.

Auf Grund des § 142 des Gesetzes über die all­gemeine Landesverwaltung vom 30. Juli 1883 und der §§ 5 und 6 der Verordnung vom 20. September 1867 verordne ich mit Zustimmung des Kreisaus- schusses für den Umfang des Kreises Schlüchtern was folgt :

8 1. Die im Kreise Schlüchtern befindlichen Deckbullen dürfen nur im Handsprunge zum Bedecken fremder Kühe zugelassen werden.

§ 2. Jeder Gemeindebullenhalter ist verpflichtet, ein Bullen-Sprungregister zu führen, und in dasselbe jede von den Gemeindebullen gedeckte Kuh (oder Rind) sofort nach vollzogener Deckung einzutragen, unter Angabe des Datums, des Namens des Besitzers, einer kurzen Beschreibung der Kuh (Name, Nummer, Farbe) des Alters und einer Angabe darüber, ob und wie oft das betreffende Tier seitdem letzten Kalben umgerindert hat.

8 3. Vor dem Sprunge hat der Bullenhalter nicht nur den Bullen, sondern auch die zu belegenden Kühe einer genauen Untersuchung, namentlich an den Geschlechtsteilen zu unterwerfen. Findet er hierbei verdächtige Krankheitserscheinungen, so hat er hiervon der Ortspolizeibehörde unverzüglich Anzeige zu machen und erst nach Genehmigung durch diese die Vornahme der Begattung zu gestatten.

§ 4. Kühe, welche seit dem letzten Kalben mehr als 4mal umgerindert haben, dürfen ferner nicht mehr zur Deckung zugelassen werden.

§ 5. Die Sprungregister sind auf Erfordern jeder­zeit dem beamteten Tierarzte und den von der Orts­poltzeibehörde dazu beauftragten Personen vorzulegen.

§ 6. Zuwiderhandlungen gegen die §§ 15 werden mit 510 Mk. bestraft, sofern nicht eine höhere Strafe nach 8 327 des Straf-Gesetz Buches zu verhängen ist.

§ ?. Diese Verordnung tritt mit dem 1. April 1901 in Kraft.

Schlüchtern, den 23. März 1901.

Der Königliche Landrat: Roth.

J.-Nr. 3876 K. A. Vorstehende Kreispolizeiver­ordnung wird hiermit erneut veröffentlicht.

Schlüchtern, den 11. Juli 1911.

Der Landrat. I. V. Berta.

Deutsches Reich.

Ballestrem. Der Kaiser hielt am Sonntag vormittag an Bord derHohenzollern" in gewohnter Weise Gottes­dienst ab. Das Wetter war trübe und regnerisch.

Der Kronprinz wird in der kommenden Jagd­saison einer Einladung des Königs von Sachsen zur Teilnahme an Jagden im Revier Guttentag in Ober­schlesien entsprechen und während dieser Zeit auf dem dem König von Sachsen gehörigen Schloß Guttentag Wohnung nehmen.

Als dringende Warnung vor der französischen Fremdenlegion mag ein Vorkommnis dienen, das aus Düsseldorf gemeldet wird. Die Strafkammer hat dieser Tage den Arbeiter Brasa aus Hilden wegen Entziehung der Wehrpflicht zu einer Geldstrafe von 160 Mk. ver­urteilt. Das Erkenntnis betrifft einen jungen Menschen, der sich im Alter von 18 Jahren bei der Fremden­legion hatte anwerben lassen. Auf eine Erkundigung der Eltern hin ist aus dem französischen Kriegs­ministerium folgendes Schreiben eingegangen:Der Kriegsminister macht mit Bedauern die Mitteilung, daß der Soldat Brasa am 13. November 1909 aus dem Lager von Tasoralt (Grenze von Marokko) ver­schwunden ist. Die Vermutung seines Todes kann als wahr angenommen werden." Große Nachforschungen scheint man darnach auf französischer Seite nicht ange­stellt zu haben.

Ueber das Testament desGenossen" Paul Singer macht derVorwärts" die folgenden Angaben: Paul Singer hat letztwillig die Genossen A. Bebel und Hugo Heimann zu Erben seines Nachlasses eingesetzt mit der Bestimmung, daß der nach Abzug verschiedener Legate und eingegangener Verpflichtungen verbleibende Vermögensrest für die Bestrebungen, denen er sein Leben gewidmet hatte, Verwendung finde. Diese Aus­einandersetzung ist nunmehr beendet, und die beiden Genossen haben den Vermögensrest in Höhe von 48054,87 Mk. der Parteikasse überwiesen. Wenn nach Abzug verschiedener Legate und eingegangener Verpflichtungen als Rest eine so stattliche Summe übrig geblieben ist, mußGenosse" Singer doch ein recht reicher Mann gewesen sein. Die Hungerlöhne, die er als Mäntelfabrikant seinen Arbeiterinnen zahlte, haben also ihre Früchte getragen.

Weil die Eroberung der Staatsgewalt durch den Sozialismus gar so langwierig sich gestaltet, möchte der deutsche Anarchismus, wie ein Artikel im anar«

chistischen Wochenblatt verrät, die Umwälzungdurch direkte Aktion" beschleunigen. Durch das Mitspielen in den Parlamenten werde die Befreiung nur aufge­halten, daher sollte die Tatkraft schärfer einsetzen. Hierzu werden empfohlen Boykott, Generalstreik, Sabo­tage, Konsumentenorganisation, Organisation des Volts­gerichts usw. Die einzelnen Methoden der direkten Aktion wären wie zum Schluß erläuternd hinzuge« fügt wird zwar noch kein Anarchismus;wenn sie aber gründlich gefördert werden, dann haben wir die Anarchie". Die bürgerliche Gesellschaft, möchten wir zu solcher Renommisterei bemerken, wird aber schon bei den ersten Handlungen derdirekten Aktion" den Anarchisten gründlich heimleuchten.

Vom preußischen Kultusministerium werden augenblicklich Erhebungen über die Jugendfürsorge ver- anstaltet. Es soll festgestellt werden, wie groß in den einzelnen Kreisen die Anzahl der Jugendheime ist, wie­viel Jugendliche sich zu patriotischen Jugendvereini­gungen zusammengeschlossen haben und im Anschluß an welche Schulen das evtl. geschehen ist, schließlich wieviel Jugendliche sich an sonstige Vereine angeschloffen haben, die in vaterländischem Sinne geleitet werden. Auf Grundlage dieser Erhebungen soll die Förderung der Jugendpflege nach einheitlichen Gesichtspunkten betrieben werden. Bekanntlich sind die verschiedenen Fonds, welche in den einzelnen Ministerien für diesen Zweck zur Verfügung standen, kürzlich dem Kultusministerium zur einheitlichen Verwendung übergeben worden.

Ueber die Einrichtung und'die Lehrpläne gewerb­licher sowie kaufmännischer Fortbildungsschulen hat der preußische Handelsniinister neue Bestimmungen erlassen. Sie gelten auch den kaufmännischen Fachklassen an gewerblichen Fortbildungsschulen. Die neuen Vor­schriften werden vom Schuljahre 1912 an durchgeführt, womöglich in allen Klassen, sonst von Jahr zu Jahr von unten heraus. Dasselbe geschieht mit den Lehr- Plänen. Die Bestimmungen sollen aber nicht die Ein­richtungen der einzelnen Schulen in ein Schema bringen. Aus den sehr umfangreichen Vorschriften sei folgendes mitgeteilt: Die Gliederung einer Schule richtet sich in erster Linie nach der Zahl, in zweiter nach dem Beruf, in dritter nach der Befähigung der Schüler. Die Zahl der Schüler einer Klasse soll nicht mehr als 30, nicht weniger als 20 betragen. Eine Klasse ist zu teilen, wenn die Zahl dauernd 40 überschreitet. Für Zeichen« und einklassige Schulen beträgt die höchste Zahl 30. Die jährliche Unterrichtszeit beträgt mindestens 240

SS

Aus eigener Kraft.

Roman von Nora Denkes. 59

Helene konnte in diesen Tagen das erste Resultat ihrer Schule der Oeffentlichkeit übergeben; nämlich fünf Weißnäherinnen, die den Kursus absolviert hatten.

Davon waren zwei bei Frau Hipper, die dieses Ge­schäft noch immer in großem Maßstab betrieb, alsHilfs- näherinnen eingetreten. Der geschicktesten hatte Helene einen Platz in einem Wiener Wäscheerzeugungsinstitut verschafft und die beiden letzteren hatten sich gemeinsam eine selbständige Werkstätte errichtet.

Dieser Erfolg bestätigte die Lebensfähigkeit der An- dersschen Handarbeitsschule, die die öffentlichen Kreise bisher mehr als die Utopie eines überspannten Frauen- kopfes betrachten wollten. Auch die Lokalblätter spra­chen sich in anerkennender Weise über die Gründerin und ihre Anstalt aus.

Dieser letztere Umstand veranlaßte Doktor Thielecke ln der Abendkühle, da er die Damen im Nachbargarten lustwandeln und plaudern hörte, Sidi Tontch war näm­lich zu der Freundin übergesiedelt, feine Aufwartung zu wachen, um Frau Major zu diesem moralischen Erfolg zu gratulieren. Erna war heute den ganzen Tag bei den Großeltern, die ihr eine Kindergesellschaft geladen ha­ben und der Doktor infolgedessen allein zu Hause.

Nachdem er seinen Glückwunsch abgestattet hatte, fragte er die ihm wärmstens dankende Helene, wie sie sich die Verwertung der Arbeitsergebnisse denke,es ist mir näm­lich unmöglich zu glauben, daß für unser kleines Städt­chen mit seinen mäßig bemittelten Bewohnern so viele Kunstarbeiten und übrigens auch Bekleidungsartikel nö­tig wären, wie aus den Händen der Schule doch notge­drungen hervorgehen müssen."

^'Run, letztere eigentlich ja. Die Mode zwingt heute auch bescheiden fixierte Frauen, sich ihre Kleidung von

fachniäßig Gebildeten arbeiten zu lassen, wenn sie sich durch eigene mangelhafte Anfertigung nicht größeren Scha­den, als die Arbeitskosten betragen, anrichten wollen. Die Form und Herstellung der Gewänder früherer Jahr­zehnte war geradezu primitiv zu nennen, im Vergleich zu den nach künstlerischen Motiven gebildeten Frauen- kleidern der Gegenwart. Also auf diesem Gebiet wer­den gut arbeitende Hände, noch für lange Zeithinaus, lohnende Beschäftigung finden. Ueberhaupt,dadas Selbst- erwerben bei dem weiblichen Geschlecht immer mehr Re­gel wird, jeder Berufsarbeiter aber naturgemäß nur in seinem Fach arbeiten kann und so in die Notwendigkeit versetzt wird, andere Arbeitenden zu unterstützen. Und das ist selbstverständlich gut so. Also die Abteilung der Damenschneiderinnen macht mir gar keine Sorgen. Für die sorgt die natürliche Eitelkeit der Frauen. Uebrigens etabliere ich den Ueberschuß nötigenfallsin größeren Markt­orten. Nun, und die sogenannten Kunftarbeiten machen mir erst recht keine. Dieser Artikel ist doch für Export- zwecke ganz ausgezeichnet geeignet, und Verbindungen anzuknüpfen soll mir, da ich die großstädtischen Ver­hältnisse des In- und Auslandes auf diesem Gebiet sehr genau kenne, gar nicht schwer fallen. Aufrichtig gestan­den, erweckt gerade dieser Kursus mein größtes Interesse. Eben des genannten Umstandes wegen. Denn Arbeits­werte in Kapital umzusetzen, das uns aus dem Aus­lande zugeht, ist doch eigentlich ein positiverer Gewinn, als der Umlaufes) aus einer Hand in die andere im Rah­men unserer kleinen Gemeinde."

Stimmt," entgegnete der Doktor mit nachdenklichem Gesichts ausdruck.Stimmt." Dann nach einer Pause: Und wird die Arbeits-und Verantwortungslast, die Sie da im Interesse anderer auf ihre Schultern geladen ha­ben, Ihnen mit der Zeit nicht zu schwer werden, gnä­dige Frau?"

Mit der Zeit.. Nun also, welche Veränderungen die Zeit in ihrem unaufhaltsamen Fortschritt in und um uns hervorrufen wird, ist ja unberechenbar. Gegenwär­

tig fühle ich mich so arbeitsfreudig, so kraftvoll arbeits« freudig, als hätte ich in den Jahren, da ich als Neh­mende die Ländergebiete der Erde durchquerte, mir einen ganz gewaltigen physischen Ueberschuß angeschafft, auS dem ich augenblicklich nur zu schöpfen brauche. Und eS ist köstlich, daß ich auf die Geschichte gekommen bin, aus- zustreuen von dem Segen, den mir ein dunkles Schick­sal in den Schoß geworfen. Köstlich! Denn sonst: nicht? nützen. Zu nichts nütze sein: .Welch ein bettelarmes Le­ben!"

So denken aber nicht viele, gnädige Frau."

Also man muß vor allem andern selbst so denken. Uebrigens, so schlimm ist es in dieser Richtung auch gar nicht. Es gibt sehr viele'Leute, die daS Bedürfnis gutes zu tun, tn sich tragen. Sie haben nur nicht den Mut mit der Tatsache herauszurücken. Besonders in der kleinen Stadt, wo man neue, unausgetretene Geleise scheut wie Feuer und Schwert. Ja ja! Man muß den Leuten nur die Nasenspitze in die angemessene Richtung bringen, dann geht's, wie meine kleine Sidi beweist. Wenn ich mir sie nicht mit Gewalt aus der väterlichen Burg herausgeholt hätte, würde sie noch heute an den Knöpfen zählen: Soll ich .. soll ich nicht. Und waS sie mir für eine Helferin ist. Sündhaft, solchen Schatz so zu vergraben."

Ja, unter einem so lieben General ist das Arbeiten auch ein Vergnügen," gestand Sidi, sich freudig an ihre Freundin schmiegend. 182,18*

Der Sommer ging zu Ende. Eine in leise Melan­cholie getauchte Herbststimmung lagerte sich über die in Gold- und roten Farbentönen wechselnde Landschaft. Die Natur ist jederzeit schön," erzählte die von einem Spaziergang heimkeyrende Helene dem in der Garten­türe lehnenden Thielecke, dessen Augen in Sinnen ver­loren, von dem tiefblauen Himmel zu dem sich im Duft der Ferne verlierenden Bergeskranz schweifen, um end­lich auf der stattlichen Majorswitwe haften zu bleiben.