mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr.Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. «S,
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen tosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 53.
Bekanntmachung des Heimatbundes.
Wie schön sind doch Blumenbänke an den Fenstern. Schlichte Bretter und einfache Stäbe und Stäbchen in kreuzweiser, senkrechter oder wagrechter Anordnung. Mit lustigen Farben gestrichen und mit Hunten Blumenstöcken gefüllt, heben sich leuchtend von den weißen Fensterkreuzen ab. Sie grüßen schon von weitem und schmücken auch das ärmlichste Häuschen, sodaß es freundlich und heimatlich aussieht — wie kein Palast es könnte.
Ein wohlgepflegtes Blumenbrett sagt uns aber auch, daß in dem Hause eine sorgsame, gemütreiche Hausfrau waltet. Denn nur wer Gemüt und Ordnungsliebe besitzt, hat Sinn für Blumenpflege. Und umgekehrt kann die Blumenpflege in den Kindern schon frühzeitig jene Tugenden wecken. Nur darf sie nicht zum sogenannten Luxus, zur Verschwendung ausarten. Nur mit billigen Blumen, deren Aufzucht mehr Liebe als Zeit beansprucht, — muß man seine Blumenbänke schmücken und diese selbst dürfen nicht aus kostspieligem Material bestehen.
Deshalb hat der Heimatbund eine Anzahl von Preisen im Gesamtbetrag von 50 Mark aus- gesetzt für die schönsten Blumenbänke, die mit den einfachsten Mitteln hergestellt und mit den billigsten und am besten gepflegten Blumen besetzt sind.
Die Preisverleilung wird der Vorstand Ende August vornehmen. Alle unsere Freunde werden gebeten, diese Bekanntmachung in Stadt und Dorf soviel als möglich zu verbreiten.________________
Deutsches Reich.
— Travemünde. Der Kaiser ging am Freitag um 7 Uhr von dem „Meteor" und begab sich an Bord der „Hohenzollern" die inzwischen eingetroffen war und auf der Reede Anker geworfen hatte. Der Kriegsminister von Heeringen sowie der Chef des Militärkabinetts Freiherr von Lyncker sind zum Vortrag beim Kaiser hier eingetroffen und haben sich an Bord der „Hohenzollern" begeben.
— Ihre Majestät die Kaiserin ist in Begleitung der Prinzessin Viktoria Luise von Eckernförde kommend am Freitag abend 8 Uhr 7 Min. auf der Fürsten- station Wildpark eingegetroffen und hat sich ins neue Palais begeben.
- Das preußische Herrenhaus nahm am Dienstag das Wertzuwachssteuergesetz und die Novelle über Ein-
Mittwoch, den 5. Juli 1911.
führung der Provinzialordnung über Westfalen nach kurzer unerheblicher Debatte an. Ueber die Petition des Antiultramontanen Neichsverbandes auf Aufhebung der diplomatischen Vertretung beim päpstlichen Stuhle empfahl Herr v. Puttkammer zur Tagesordnung Überzugehen. Unter Hinweis auf die Erklärungen der Regierung bei den Antimodernisten-Debatten vertrat er die Ansicht, daß die Entscheidung, ob die diplomatische Vertretung beim Vatikan aufrecht zu erhalten sei oder nicht, der Regierung überlassen bleiben müsse. Diesem Ansicht schloß sich das Haus debättelos an. — Am Mittwoch wurde zunächst erneut die Vorlage über die Reinigung öffentlicher Wege beraten, an der das Abgeordnetenhaus mehrere Aenderungen vorgenommen hat, und die deshalb nochmals ans Herrenhaus zurückgehen mußte. Das Herrenhaus konnte sich jedoch nicht entschließen, den Abänderungen des Abgeordnetenhauses zuzustimmen, sodaß die Vorlage gescheitert ist. Dann folgte das Ausführungsgesetz zum Viehseuchengefttz, das nach kurzer Beratung unverändert nach den Beschlüssen des Abgeordnetenhauses angenommen wurde. Schließlich. wurden noch einige Petitionen beraten. Damit war die Tagesordnung erschöpft, und Präsident Freiherr v. Manteuffel schloß die Tagung mit einem dreimaligen, begeistert aufgenommenen Hoch auf den König.
— Das preußische Abgeordnetenhaus verabschiedete am Dienstag nach kurzer.Debatte entgültig die beiden Zweckverbandsgesetze nach den Beschlüssen des Herrenhauses. Dann folgte die Beratung des freisinnigen Antrags, noch in der laufenden Session einen Gesetzentwurf vorzulegen, der unter entsprechender Abänderung der Verfassungsartikel für die Wahlen zum Abgeordnetenhaus das allgemeine, gleiche und direkts Wahlrecht mit geheimer Stimmabgabe zur Einführung bringt und zugleich eine anderweite Feststellung der Wahlbezirke herbeiführt. Abg. v. Heyoebrand (kons.) legte noch einmal die Gründe dar, aus denen die Konservativen an bem bewährten Wahlrecht nicht gerüttelt haben möchten. Schließlich wurde der Antrag gegen die Stimmen der Fortschrittlichen Volkspartei, des Zentrums, der Sozialdemokratie und der Polen abgelehnt. Am Mittwoch sollte zunächst über die rheinische Gemeindeordnung abgestimmt werden, es ergab sich jedoch Beschlußunfähigkeit des Hauses. Es wurde vom Präsidenten v. Kroger eine zweite Sitzung anberaumt, aber die gesamte Linke verließ den Saal, sodaß das Haus wieder beschlußunfähig war. In der
62. Jahrgang.
nunmehr anberaumten dritten Sitzung wurde dem Präsidenten ein Schriftstück überreicht, nach dessen Lektüre der Präsident mitteilte, die Regierung habe soeben geschrieben, daß die gemeinsame Schlußsitzung um 5 Uhr stattfinden solle. Die Sitzung wurde daher mit einem Hoch auf den König geschloffen, während die Sozialvemokraten die übliche Komödie des Ab- Marsches aufführten. In der gemeinsamen Schluß« sitzung beider Häuser des Landtags verlaß Ministerpräsident v. Bethmann Hollweg die königliche Botschaft, durch welche die Session des Landltags geschlossen wird, und überreichte dem Präsidenten die Urkunde. Präsident von Manteufel brächte das Schlußhoch auf den König aus.
— Zur Förderung der Jugendpflege hat der preußische Landtag aus Staatsmitteln einen Fonds von 1. Million Mark zur Verfügung gestellt. Von den Provinzialregierungen, denen inzwischen der ent« sprechende Anteil überwiesen wurde, werden jetzt aus diesem Fonds die Beihilfe zur Verteilung gebracht. Berücksichtigt werden alle Vereinigungen, die sich die Pflege der Jugend auf nationaler Grundlage zur Richtschnur gesetzt haben, wobei die Konfession natürlich keinen Ausschlag gibt. Sportvereine, Turnvereine, Lehrlings- und Jünglingsversine, freie oder ZwangS- fortbildmtgsschulen usw. erhalten je nach Stärke und nach Umfang ihrer Wirksamkeit Beträge bis zu 1000 Mark. Bedürftigen Gemeinden, in denen noch kein allgemeiner Sport- und Spielplatz vorhanden ist, werden für die Anlage eines solchen Beihilfen überwiesen. .Ueber die Verteilung sowie die praktische Verwendung dieser Beihilfen ist am Jahresschlüsse den Regierungen Bericht zu erstatten.
— Der Streik der Bergarbeiter im Meuselwitzer Revier dauert auch in der achten Woche fast unverändert fort. Es lassen sich aber Anzeichen wahrnehmen, die auf eine Wendung schließen lassen. In den letzten Tagen haben in der Leitung des Streikes Verhandlungen stattgefunden, deren Ergebnis noch nicht bekannt ist. Es ist aber bestimmt anzunehmen, daß Verhandlungen mit den Grubenverwaltungen angebahnt werden sollen, und daß die Streikleitung Wohl den Tarifvertrag fallen lassen wird. Jedenfalls sehen die Bergarbeiter ein, daß unter den jetzigen Verhältnissen die Durchdrückung des Tarifvertrages unmöglich ist. Jedenfalls sind die Grubenverwaltungen bereit, mit zu verhandeln, zumal wenn die Streiter einen Teil der Forderungen fallen lassen.
Aus eigener Kraft.
Roman von Nora Denkes. 53
Lenchen saß und sann nach dieser Rede. Die Schwägerin aber verstand, was in ihr vorging. Sie hieb den Knoten durch: ^.Nehmen Sie die Kleine da mit, Liebe, denn auch ihre Schwungfedern rumoren gewaltig."
Und so hatte Frau von Eldria mit der vor Glückseligkeit lachenden und weinenden Helene das Uebereinkommen getroffen, daß diese sie als Reisegesellschafterin begleiten sollte, so lange ihr das Wanderleben zusagte.
„Ich nehme natürlich in Städten und Gegenden, wo ich es besonders schön finde, längeren Aufenthalt, da es durchaus nicht meine Gewohnheit ist, wie der ewige Jude durch die Welt zu rasen. Sie können also den Sehenswürdigkeiten der Natur ihr vollstes Interesse nähmen, sönnen Werke des Altertums und der Neuzeit, die Ergebnisse der bildenden Kunst und Musik, überhaupt alles Schöne, Häßliche, Große und Kleine mit Muße studieren und auf sich wirken lassen, wie es der deutschen Gründlichkeit gemäß ist. Gewöhnen Sie sich nur allmählich daran mit mir zu denken: überall bin rch zu Hause. Und Sie werden finden, daß dieses inner- ^^b Losgelostseln von der Fessel der Gewohnheit Ihnen ern Gesicht der Freiheit verleiht, das Sie über alle Kleinlichkeiten des Alltags, an denen der Seßhafte sich so gerne wundsticht, hinaushebt."
Helene sog den betäubenden Duft des aus Blumen aller Zonen gewundenen Zukunftskranzes mit Entrücken ein und rüstete sich emsig zur Abfahrt.
Frau Theolinde, die menschenkundige, ließ sie gerne ziehen. Sah sie doch, daß die breiten Schwingen des jungen Weibes nach der Luft der Höhe drängen. „Jeder in seiner Art," sagte sie und wischte sich die Äbschiedsträ- nen von den trotz ihrer sechzig Jahre noch immer rosigen Wangen. „Der eine klebt, der andere schwebt. Und
wenn Dich in den Palmengärten und Orangenhainen die Sehnsucht nach einem warmen Ofenwinkel anfliegt, so komme nur flugs zu der alten Theolinde nach Wien, mein Herz, die macht Dir gleich ein weiches Bett."
So war Jahr um Jahr dahin gezogen. Der flug- fröhliche Vogel war zwar ab und zu in Frau Theo- lindes Ofenwinkel eingekehrt, hatte aber seine Schwingen bald wieder ausgebreitet, denn die waren noch nicht ersättet von der Lust der Höhe. Acht Jahre! Eine lange Zeit erscheint es, wenn so die Worte kahl vor einem stehen. Und wie schnell verrauschen sie doch. Sommer und Winter vergeht und Frühling und Herbst und ein Jahr ist um. Und noch eins und noch eins und dann etliche und ehe wir uns in dem ewigen Interesse an uns selbst recht besinnen, kommen.. die Silberfäden. Und mit ihnen etwas Schönes: die Klarheit und Ruhe der Seele; dem der überhaupt die Gabe hat sie zu erlangen. Dann sieht das Leben so merkwürdig anders aus, als in dem tollen Rausch der Brausejahre.
O der Herbst ist eine schöne, reiche Zeit.
♦ •
*
Eines Tages, daherum, ivenn die Astern und Georginen mit den Rosen um die Herrschaft zu streiten beginnen, war eine Danie in einem grauen Reisekleid in Frau Theolindes Hinterstube eingetreten und hatte die eben Kaffee Einschenkende kräftig, in die Arme geschlossen und auSgerufen: „Nun her mit dem Ofenwinkel, alte, treue Seele, aber definitiv. Die Kosmopolitin ist abgetan für ewige Zeiten. Theoliude, ich bin schauerlich reisemüde."
Das war nun wieder unsere Helene Klinger. Die kleine Dame aber hätte vor Vergnügen beinahe einen Purzelbaum geschlagen; dann aber hatte sie die angekommene Schwägerin herzlich willkommen geheißen und abgeküßt.
„Aber, Du, von DeinerMüdigkeitbin ich doch noch nicht überzeugt, Du drückst mir ja die Knochen fast entzwei."
„Na, na, kleine Urtante in den Muskeln sitzt die Geschichte mir durchaus nicht. Ich fühle im Gegenteil eine Kraft in mir, daß ich das Leben noch einmal von vorn anfangen könnte. Nur über das Wie bin ich mir noch nicht im klaren."
„So werde ich Dir Kaffee einschenken, denn so ein Trank ist der geborne Plänemacher. Hast Du Deine Koffer mitgebracht?" -
„Die kommen nach, teuere Theolinde. Hilf mir nur gütigst aus diesem aschgrauen Reisehabit. So, Herzige, danke! Und dann hängen wir den Kerl in den äußersten Bodenwinkel, damit Freund Ahasoer für ewig abgetan sei."
Nun war Frau Helene schon über eine Woche bei der Schwägerin und ließ sich's wohl sein in den freundlichen, friedlichen Hofzimmer, ohne einen Fuß auf die Straße zu setzen.
„Laß mich, Theolinde," wehrte sie deren Borschlag, sie bei ihren Ausgängen zu begleiten ab: „Es gibt doch nichts, was ich nicht schon gesehen hätte. Die Amerikanerin wird sich schwer häuten, da das Gewebe während fast zwei Jahren, die wir in der neuen Welt verbracht haben, kräftig geworden ist. So mein Herz; und dann kommen erst noch einige andere dünne Häutchen; und bis das alles herunter geht, braucht s Weile."
„Hm! Acht Jahre, Theolinde!Kannst Du's glauben? Acht Jahre. Jung und blühend bin ich ausgezogen; mit Linien an Stirne und Wangen komme ich wieder."
„Nun, nun!" entgegnete die Schwägerin mit gutmütigem Spott. „Die Schönste können wir alleweil nicht bleiben. Bist immerhin noch ein oerfliA interessanter Kerl, mit dem kühnen Profil und den blitzenden Augen. Und die paar Silberfäden in dem üppigen Haar lassen sich ganz gut an." 182,18*
Helene lachte belustigt auf. „O Du gutes Herz. WiL sie mich noch trösten. Nein, nein! Glaube mir, ich trauere nicht nach den glatten Wangen und neckischen Grübchen,"