Schlüchterner Zeitung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. «5. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. «5.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
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Mittwoch, den 28. Juni 1911
62. Jahrgang
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Schlüchtern und weit noch über denselben
Die im 62. Jahrgang erscheinende Schlüchterner Zeitung mit amtlichem Kreisblatt ist mithin die älteste und verbreitendste Zeitung im Kreise hinaus und finden Inserate in derselben wirksame Verbreitung.
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Zu recht zahlreiche« Beftellunge« auf das mit dem 1. Juli 1911 beginnende neue Vierteljahr ladet freundlichst ein
die Expedition der „Schlüchterner Zeitung".
Amtliches.
J.. Nr. 8157. Der Hof Entenfang und die Ge» meinden Mauswinkel und Kirchbracht, Kreis Gelnhausen, scheiden aus dem, wegen der Maul- und Klauenseuche gebildeten Sperrbezirk aus und treten zu den Beobachtungsgebiete über.
Schlüchtern, den 26. Juni 1911.
Der Königliche Landrat: Valentiner.
Deutsches Reich.
— Kiel. Der Kaiser verweilte am Sonntag abend beim Prinzen Adalbert. Zu der Festlichkeit waren u. a. geladen: Dr. Krupp v. Bohlen und Halbach, Graf V. Reventlow, Landeshauptmann Graf v. Platen» Hallermund usw.
— Die Ankunft Ihrer Majestät der Kaiserin auf Schloß Wilhelmshöhe wird voraussichtlich am 4. Juli erfolgen. Die Kaiserin wird von der Prinzessin Viktoria Luise und wahrscheinlich auch von Prinz Joachim begleitet sein. — Die inneren Räume des Königlichen Schlosses zu Wilhelmshöhe werden von jetzt ab bis auf weiteres dem Publikum nicht mehr gezeigt.
— Turin. Prinzessin Klothilde, die Mutter des Prinzen Viktor Napoleon, der soeben die Prinzessin Klementine von Belgien geheiratet hat ist am Samstag nachmittag 5 Uhr 45 Min. im Schlosse zu Moncalieri gestorben.
— Das preußische Herrenhaus hat am Dienstag die Feuerbestattungsvorlage mit 6 Stimmen Mehrhei angenommen. Für die Vorlage sprachen besonders Oberlandsgerichtspräsident von Plehwe, Professor Dr. Adolf Wagner, Professor Waldeyer und Graf Pork von Wartenburg, gegen dieselbe D. Dryander, Graf Zielen Schwerin, Kardinal Fischer, Feldmarschall Graf Haeseler und Graf Oppersdorf. Der letztere brächte eine Reihe von Abänderungsanträgen ein, die im Falle ^ra!Mffi^'sffi^^fos^|^>?^^^a'3SBfl^^»y»1p“^'^^^^ff*^^gg^!>^^^^ff■^;^^^ff^^^«^^■^^^^flj^^3q^^fffl^^
Aus eigener Kraft.
Roman von Nora Denkes. 50
Und doch stand die Sache eigentlich nicht ganz so. Helene hätte kein Weib sein müssen, um nicht zu erkennen, daß Thieleckes Interesse für sie, hinterderMaske einer kalten Außenseite mächtig glühte. Das erzählte ihr schon das verhaltene Feuer seiner Augen, wenn auch der Mund schweigen mußte. Sie hätte aber auch kein Weib sein müssen, um unter ihren Verhältnissen ganz gleichgültig dagegen zu bleiben. Denn Artur Thieleckewar, wenn auch nicht „himmlisch interessant", so doch irdisch anziehend. Er war es immer und jetzt noch mehr, gerade zufolge des melancholischen Ernstes, der sein Wesen beherrschte, seit er in bitterer Erfahrung zu der Ueberzeugung gekommen war, daß es einen bösen Rechenfehler bedeute, das ideale Glück dem materiellen aufzuopfern. Und so wäre es denn eigentlich Unnatur gewesen, wenn ihn das zum schönen Weib gereifte Geschöpf, das als Mädchenblume sein Liebesgefühl entflammt hatte, heute gleichgültig gelassen hätte. War er doch auch ein Hungriger geblieben.
Helene allerdings stand auf einen anderen Standpunkt, wenn auch immerhin nicht auf dem Kothurn, auf dem zu stehen ste sich einredete. Kalt ließ sie das stumme Werben der einst so geliebten Augen nicht. Aber erstens war sie gebunden, was einem so streng sittlichen Geschöpf, wie sie es ist, Halt verlieh. Und dann war sie damals die Beleidigte, die tödlich Beleidigte gewesen. Und so ein Peitschenhieb verwindet sich nicht leicht. Und vielleicht sagt der stolze Bibelspruch „Aug um Auge, Zahn am Zahn" der Menschennatur überhaupt mehr zu, als Die fromme Mahnung, Brot für den Stein zu werfen.
WerwiirdedasTriumphgefühlin einem vierund zwan- zigjährigen Frauenherzen nicht begreifen? Nur langjährige Lebenserfahrungen streifen solche Schlacken von der Seele.
ihrer Annahme eine Rückverweisung des Gesetzentwurfs an das Abgeordnetenhaus zur Folge gehabt hätten. Er drang aber mit seinen Anträgen nicht durch. Die Regierungsvertreter beteiligten sich nur wenig an der Erörterung, abgesehen von den einführenden Worten des Ministers des Innern von Dallwitz und den juristischen Einwendungen des Justizministers Dr. Beseler gegen einige Abänderungsanträge. — Am Mittwoch stand zunächst der Bericht der X. Kommission über den vom andern Hause unter Abänderung der Regierungsvorlage angenommenen Entwurf eines Zweckverbands- gesetzes auf der Tagesordnung. Anträge, welche bv Streichung der auf die Zwangsbildung bezüglichen Paragraphen verlangten, wurden abgelehnt. Ein Antrag Scholtz, wonach dem § 6 des Gesetzes folgender Absatz 3 hinzugefügt werden soll: „Eine den Zwecken des Verbandes dienende Einrichtung, welche einem Beteiligten gehört, verbleibt dem bisherigen Eigentümer; dieser kann indessen verlangen, daß das Eigentum an 'er Errichtung gegen Entschädigung auf den Verband über- geht," wurde angenommen und schließlich das ganze Gesetz in namentlicher Abstimmung mit 59 gegen 45 Stimmen. — Am Donnerstag wurde zunächst der Bericht der Eisenbahnkommission über den vom Abge- ordnelenhause unverändert angenommenen Entwurf eines Eisenbahnanleihegesetzes (Sekundärbahnvorlage) erstattet. Die Kommission empfahl durch ihren Bericht» erstatter Dr. v. Burpsdorff die unveränderte Annahme des Gesetzentwurfs und die Ueberweisung der dazu ein« gegangenen Petitionen an die Staatsregierung als Material. Es wurde in diesem Sinne beschlossen. Nachdem alsdann noch einige andere Gegenstände minderer Bedeutung erledigt waren, berichtete namens der Handelskommission Graf v. d. Schulenburg-Grün- thal sehr ausführlich über die Petition der deutschen Mittelstandsoereinigung zu Berlin um Inkraftsetzung
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Nachdem der blütenflockenstreuende Mai Abschied genommen und das Königsszepter dem üppigleuchtenden Sommer übergeben hatte, begannen die Rosen in Müh- lenberg ihre herrlichen Kelche zu erschließen. Und nicht am wenigsten reich hingen sie dufttrunken an den zahlreichen Stämmen und Sträuchern im Major Andersschen Garten.
Eine solche Fülle von Schönheit lagerte über dem mit einer mauerhohen Buchenhecke eingefriedeten Park, daß Helene, die mit einem Buch in der Hand auf bequemem Gartenstuhl im Lindenschatten ruhend, all die Pracht vor Augen sich in einem Zauberreich wähnte. Und ihr eigenes Schicksal überdenkend, fühlte sie sich erst recht veranlaßt, an einen außernatürlichen Zustand zu glauben. Jung und blühend, mit einem Herzen, das den Reichtum der Jugend noch völligunverbraucht in sich gehäuft hielt, war sie durch einige Worte aus dem Munde eines Menschen der Gebefähigkeit verlustig geworden. Und es tat ihr nicht weh. Nein, sie empfano ein wohliges Behagen dieses Wallen und Schwellen in ihrer Brust verschließen zu können, wie die dunkelroten Rosen zu ihren Häuptern die Kraft der Schönheit, die so geheimnisvoll in ihnen treibt. Ach, Schönheit und Duft ausströmen, aber mit keinem Blick verraten, daß sie sich vielleicht auch an einem Kuß der Liebe berauschen möchte.
Wie ein sinneumspinnender Zauber strichen die Gedanken durch HelenesKopf, bisihre Lider von der Schwüle des Tages schwer wurden und unbewußt über die Augen fielen. Blühende Röte lag auf ihren Wangen und ein leises Lächeln auf den Lippen, während sie in gesundem Schlaf rein und ruhig atmete.
Da betrat Doktor Thielecke den Garten, was er bis jetzt nie getan hatte. Denn der Major kam überhaupt nicht mehr herunter, und ein Alleinsein mit der schönen Gemahlin des Majors zu suchen, hätte er schon aus Furcht vor deren Ungnade nicht gewagt. Heute aber war das Motiv die ärztliche Pflicht.
Das Aussehen des Majors erschien Thielecke sehr ver
des zweiten Abschnittes des Reichsgesetzes über die Sicherung der Bauforderungen vom 1. Juni 1909 in den Gemeinden, wo der Nachweis des Bauschwindels erbracht und die Inkraftsetzung von der Handwerks» kammer befürwortet wird, und beantragte, die Petition der Regierung als Material zu überweisen. Obermeister Plate beantragte Ueberweisung zur Berücksichtigung. Der Antrag Platte wurde angenommen.
— Im preußischen Abgeordnetenhaus« stand am Dienstag das Ausführungsgesetz zum Viehseuchegesetze auf der Tageordnung. Das Häuflein Sozialdemokraten benutzte wieder einmal die Gelegenheit, um agitatorische Reden zum Fenster hinaus zu halten. Sie holten sich aber dabei wie gewöhnlich eine kräftige Abfuhr. Schließlich gelangte das Gesetz zur Annahme. — Am Mittwoch stand zunächst der von bin Abgg. Albers (Z.) und Gen. eingebrachte Gesetzentwurf wegen Abänderung der Provinzialordnung der Provinz Westfalen zur zweiten Beratung. Der Gesetzentwurf wurde gegen die Stimmen der Fortschrittlichen Volkspartei ange< nommen. Es folgte die wiederholte Beratung des vom Herrenhause in abgeänderter Fassung zurückgelangten Gesetzentwurfes über die Beschulung blinder und taubstummer Kinder, die mit der Annahme des Entwurfes in der Herrenhausfassung endete. Zu längerer Debatte gab endlich die zweite Beratung des Entwurfes eines Ausführungsgesetzes zum Reichszuwachssteuergesetze Anlaß. Fortschrittler und Sozialdemokraten liefen bei dieser Gelegenheit wieder gegen die landesherrliche Steuerfreiheit Sturm. Treffend erwiderte ihnen Finanzminister Dr. Lentze: „Es ist in Preußen bisher noch niemals üblich gewesen, daß der Landesherr und die Landesfürstin besteuert werden. Es liegt keine Veranlassung vor, bei diesemGesctze eine Ausnahme zu machen." Der betreffende fortschrittliche Antrag wurde abgelehnt und das Gesetz im ganzen angenommen. — Am
ändert und wollte ihm gar nicht gefallen. Da er Frau Helene im Garten wußte, so fühlte er sich verpflichtet, sie von seiner Beobachtung in Kenntnis zu setzen. Aber er vergaß seine Mission über den Anblick der Schönheit, die sich ihm hier so ganz ohne die gewöhnliche kühle Reserve erschloß.
Er liebte Helene genau so leidenschaftlich wie vor Jahren. Das gestand er sich ein. Und seine Wünsche gingen auch weiter, ob er sie, anstandshalber, jetzt auch noch von sich wies. Daß er schon einmal seine Hand nach der Holden ausgestreckt und ein unseliges Verhängnis den fast geschlossenen Bund damals zerriflen hatte, machte ihm sie noch begehrenswerter. Nie wird er ein anderes Weib lieben als dieses. Und nun sah er sie so blendendschön, wie von der Hand des Künstlers hingegossen, und er durfte sie mit keinem Finger berühren, Herr Gott, er nicht.
Er hätte aufschreien können vor Empörung .. und da, wahrscheinlich von dem Geräusch einer Bewegung, schlug Helene die Augen auf. Erst wie im Traum in seine unverhüllt sprechende Blicke tauchend, sprang sie, plötzlich zum Verständnis erwacht, in flammender Erregung von ihrem Sitz auf. Mit fiebernder Schnelle brach er einen Zweig voll dunkelroter Rosen vom Sttauch und hielt ihn der Bebenden entgegen, die ihr volles Haar zurückstreichend, sein kühnes Benehmen offenbar in die Schranken weisen wollte und von den überquellenden Atemzügen ihrer aufgeregten Brust am Sprechen gehindert wurde.
Das kam Thielecke zu statten: „Frau Helene!" sprudelte er hervor, und dann wieder: „Frau Helene!" das erste Wort fast gehässig betonend, „so lassen Sie diese sprechen, wenn ich schweigen muß."
„Die? Dte Rosen ?" fragte Helene mit stolzem Hohn. „Ach ja die .. die sprechen wahr! Die Rosen ... haha!"
Da flammte es ihm über die Stirne. Er wußte .. und seine Füße stampften die herrlichen Blüten. „Gut. So schweigen die." _ . . 162,18*
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