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Schlüchterner Zeitung

mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. 65. Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat". Telefon Nr. 65.

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mt.Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Psg.

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Samstag, den 24. Juni 1911.

62. Jahrgang

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Die im 62. Jahrgang erscheinende Schlüchterner Zeitung mit amtlichem Kreisblatt ist mithin die älteste und verbreitendste Zeitung im Kreise Schlächtern und weit noch über denselben hinaus und finden Inserate in derselben wirksame Verbreitung.

daher in der Zustellung unserer Zeitung durch die Post beim bevorstehenden Quartalswechsel vermeiden will, der wolle dieselbe so bald wie möglich bei dem betreffenden Vostauite bestellen. Nur diejenigen auswärtigen Postabonnenten, welche bis spätestens 28. Juni unsere Zeitung wieder bestellt haben, können verlangen, j daß ihnen unsere Zeitung vom 1. Juli ab pünktlich von der Post geliefert wird. Wer später bestellt, muß nach den amtlichen Bestimmungen für Nachlieferung der ersten Nummern des neuen Quartals eine besondere Gebühr von 10 Pfg. bezahlen. Jede Postanstalt

und jeder Landbriefträger ist verpflichtet, Abonnements-Bestellungen anzunehmen.

Zu recht zahlreichen Bestellnngen aus das mit dem 1. Juli 1911 beginnende neue Vierteljahr ladet freundlichst ein

die Expedition derSchlüchterner Zeitung".

Zum Soft am 25. 3unL

Vor 100 Jahren wurde unserm Volke eine Frau geschenkt, die nach Gottes Fügung dazu ausersehen war, der höchsten Stellung unter den deutschen Frauen teilhaftig zu werden, Augusta, die erste Kaiserin des neuen deutschen Reiches, deren lebendiges Andenken ebenso unvergänglich fortbestehen wird wie die herrliche Erinnerung an ihren erhabenen Gemahl, der nach Siegen ohne Gleichen nimmer müde wurde in der Fürsorge für seines Volkes Wohl.

Vor 40 Jahren wurde unserm Lande der Friede geschenkt, welcher der Ausgangspunkt einer gedeihlichen Friedensperiode und gesegneten Entwickelung auf allen Gebieten unsres nationalen Lebens geworden ist.Vor 40 Jahren ist der Hammer Gottes herniedergefahren, um die Schlacken auszutreiben und den Stahlblock zu schmieden; der Stahlblock ist entstanden und hat seit 4 Jahrzehnten seine Festigkeit erwiesen:" so lauten die Worte unsres Kaisers, darin er uns neuerdings die Bedeutung jener großen Tatsachen vor Augen führt.

Laßt uns die Erinnerung solcher Ereignisse pflegen ! Laßt uns angespornt durch den Blick auf die große Vergangenheit mit einander wetteifern in Taten, aus denen Nutzen und Segen erwächst für viele unserer

Ein M der deutschen Iran.

In einer im Verlage von Afred Michaelis in Leipzig erschienenen höchst lesens- und empfehlenswerten Schrift des Kirckenrats Otto Fleischmann:Wie kominen unsere jungen Männer wieder zu passenden Hausfrauen?" wird auch der große Patriot und Nationalökonom Justus Möser angeführt, wie er in seinen unsterblichen Patriotin schen Phantasien" eine tugend- und arbeitsame Frau der guten alter Zeit darstellt. Ein überlebender Ehemann widmet seiner verstorbenen braven Ehefrau folgenden schönen Nachruf:

Der Himmel weiß, daß ich es nie verlangt habe, aber meine Selige stand alle morgen um 5 Uhr auf, und ehe es 6 Uhr schlug, war das ganze Haus aufgeräumt, jedes Kind angezogen und bei seiner Arbeit, das Gesinde in seinem Beruf und hatte des Winters an manchem Morgen oft schon mehr Garn gesponnen, als just in manchen Haushaltungen binnen einem ganzen Jahr ge- Wonnen wird. Das Frühstück ward nur beiläufig ein­genommen, jedes nahm das seinige in die Hand und arbeitete seinen Gang fort. Mein Tisch war zu rechter Zeit gedeckt und mit zwei guten Gerichten, welche sie selbst mitWahl und Reinlichkeit simpel, aber gut zubereitet hatte, besetzt. Käse und Butter, Aepfel, Birnen und Pflaumen, frisch oder trocken, waren von ihrer Zubereitung. Kam ein guter Freund zu uns, so wurden einige Gläser mit Eingemachten! aufgesetzt, und sie verstand alle Künste, so dazu gehörten, ohne es eben mit einer Menge von Zucker verschwenderisch zu zwingen; was nicht davon genossen wurde, blieb in dem sorgfälltig bewahrten Glase . . .

Auf jedes Stück Holz, das ins Feuer kam, hatte sie acht. Nie wurde ein großes Feuer gemacht, ohne mehrere Absichten auf einmal zu ei füllen. Sie wußte, wieviel Stunden das Gesinde von einem Pfund Tran brennen mußte. Ihre Lichte zog sie selbst und wußte des Morgens an den Enden genau, ob sich jedes zur rechten Zeit des

Abends niedergelegr hatte. Das Bier ward im Hause gebraut, das Malz selbst gemacht, und der Hopfen daheim besser gezogen, als er von Braunschweig eingeführt wurde. Der Schlüssel zum Keller kam nicht aus ihrer Tasche. Sie wußte genau, wie lange ein Faß laufen und wieviel ein Brot wiegen mußte. Butter und Speck gab sie selbst aus, und ohne geizig zu sein, bemerkte sie das Gesinde so genau, daß nichts davon verbracht werden konnte. Ebenso machte sie es mit der Milch. Sie kannte jedes Huhn, das legte, und fütterte nach der Jahreszeit so, daß kein Korn zu viel oder zu wenig gegeben wurde ...

Was in der Dämmerung geschehen konnte, geschah nicht bei Lichte, und die Arbeit war danach abgepaßt. Ihre schmutzigeWäsche untersuchte sie alle Sonnabende und hing solche des Winters einige Tage auf Leinen, damit sie nicht zu feucht weggelegt oder stockig werden möchte. Wenn die Seitlicher in der Mitte zu sehr abgenutzt schienen, schnitt sie solche los und kehrte die Außenseite gegen die Mitte. Auch die Hemden wußte sie auf ähnliche Weise umzukehren und die Strümpfe zwei- bis dreimal anzustricken. Alles, was sie und ihre Kinder trugen, wurde im Hause ge­macht ... Ihr Garten war zu rechter Zeit und mit selbstgezogenem Samen bestellt. Im Frühjahr erholte sie sich in demselben von der langen Winterarbeit, indem sie säte und jätete. Die Früchte lachten dem Auge entgegen, ob sie gleich kaum den halben Dünger verbrauchte, den ihre Nachbarn ohne Verstand untergruben. Da sie allem Un­kraut zeitig widerstand, so hatte sie nicht die halbe Arbeit. Alles, was sie pflanzte, geriet recht wunderbarlich, und ihr Vieh gab bei kluger Fütterung bessere und mehr Milch, als andere mit doppeltem Futter erhalten konnten. Keine Feder wurde verloren, und kein Brocken fiel auf die Erde.

Das Bewußtsein ihrer guten Eigenschaften gab ihr einen ganz trefflichen Anstand. Alles, was bei Tische ge­gessen wurde, war die schmeichelhafteste Lobrede für sie. Das Tischzeug konnte nicht bewundert 'werden, ohne daß

Aus eigener Kraft.

Roman von Nora Denkes. 49

Aber so schöne Augen sind mir gefährlich. Und wenn Frau Helene mich anschaut und mir zuredet, ich möchte auf meine alten Tage noch Tanzmeister werden, was gilts, sie kriegt mich herum."

In fröhlichster Stimmung verließ diejungeFrau, als -er Abend hereinbrach, das freundliche Haus. Natürlich unter dem Schutze Doktor Hans Tontchs. Sie war zu­frieden mit sich, denn sie wußte, sie hatte ein gutes Werk getan, indem sie dem Herzenseinsamen Mädchen ein Le­bensinteresse erkämpft hatte. Sich selbst aber hatte sie eine treue, anhängliche Freundin gewonnen.

Das war zur Herbstzeit. Nun war der Winter ge­kommen und hatte schlimme, sehr schlimme Tage für den armen Major Anders gebracht. Er mußte das Bett hüten und hatte große Schmerzen, trotzdem er sie mit höchster physischer Anstrengung zu verleugnen suchte, weil er sah, daß der Ausdruck seiner Leiden auf Helene so niederschlagend wirkte. Der Zerstörungsprozeß in den Gelenkteilen schien fortzuschreiten, Doktor Buntrock aber über die Art der Behandlung nicht im klaren zu sein. Auf Helenes energisches Zureden entschloß sich Anders, seinen Wiener Arzt zu einer Konsultation zu berufen.

Doktor Finster war nun schon den dritten Tag am Lager seines alten Patienten und machte ein sehr un­zufriedenes Gesicht.

Draußen war alles so prächtig verschneit. Die frische reine Winterluft durchflutete alle Gassen und strömte auch durch die häufig geöffneten Fenster in die Zimmer, daß es Helene ganz weihnachtlich ums Herz werden wollte.

Aber wenn sie auf den Leidenden blickte, so erfüllte ie Trauer, und es war wirklich rührend, wie der Ma­ar sich bemühte, ihr zur Liebe heiter zu erscheinen. Ueber sie Christbescherung machte er allerhand geheimnisvolle

Andeutungen und ermähnte Helene, ja eine schönegroße Tanne auszusuMn und mit den Vorbereitungsarbeiten fleißig zu sein, denn er wolle sein lahmes Bein nur vom allerschönsten Weihnachtsbaum bestrahlen lassen.

Doktor Musters Untersuchung ergab, daß der Krank­heitsprozeß im Gelenk tatsächlich große Fortschritte ge­macht hatte. Da sich aber Doktor Buntrock auf diesem Gebiet weniger auszukennen schien, so war es unerläß­lich, einen fachkundigeren Arzt zur Behandlung zuzuzie- hen, ohne den alten Herrn direkt vor den Kopf zu sto­ßen.Und zwar," ordnete Doktor Finster weiter an, wird dies ein junger Kollege sein, der, meines Wissens, hier seine Praxis ausübt, in Wien aber in demselben Krankenhause, wo ich amtiere, unter meiner Aufsicht ge­arbeitet hat. Ich meine den Herrn Doktor Artur Thie­lecke. Es ist dies eigentlich ein Spezialfall und ich kann Ihnen zur weiteren Behandlung nur diesen jungen Mann empfehlen, dessen Kenntnisse aus diesem Gebiet mir be­kannt sind."

Das nach diesem Vorschlag eingetretene Schweigen hätte Doktor Finster befremden müssen, wenn er es nicht auf Rechnung der bei Anders periodisch sich einstelleu- den Schmerzen gesetzt hätte. Helene hatte plötzlich ein Gefühl, als krampfe sich ihr Herz in Empörung zusam­men. Doch das ging vorüber. Dann raffte sie sich stramm auf und erklärte mit fester Stimme:Wir werden also den von Ihnen vorgeschlagenen Arzt zur Behandlung zu- -iehen, Herr Doktor."

Der Major hüstelte und warf sich aufgeregt im Bett herum, aber die junge Frau strich ihm beruhigend über den ergrauten Kopf:Laß nur gehen, Ludolf, das ist die Hauptsache, daß Du in richtiger Behandlung bist. Und Buntrock soll auch weiter kommen; denn den alten Freund wollen wir nicht kränken."

Also," meinte Anders,wenn Du einverstanden bist, mein Kind, so soll es geschehen."

Und so wurde Thielecke noch am selben Tag zur

Konsultatton berufen, weilDoktorFinstermitdem Abend­zug abreisen sollte. Da Helene die Pflege ihres Gatten allein besorgte, so war sie bei der Besprechung natürlich, zugegen, um über alles unterrichtet zu sein.

Die Begrüßung zwischen ihr und Thielecke war, rote sie unter diesen Umständen nicht anders sein konnte, ernst und höflich. Gleichzeitig legte sie dar, daß die Vergan­genheit als eingesargt zu betrachten sei.

So war allmählich Woche um Woche verronnen und zu Monden geworden und der Winter begann die Rüst­zeugs seines Wirkens einzupacken. Die Sonne sendete wäh­rend einiger Tagesstunden schon so warme Strahlen aus die sehnsüchtig harrende Erde, daß die Mühlenberger Kinder haufenweise aus den Türen quollen und mit, Bällen, Reifen und Knöpfelspiel die Straße belebten.

Mit Major Anders war insofern keine große Ver­änderung vorgegangen, als die gewissenhafte und genaue Behandlung Thieleckes die Krankheit im Zügel hielt. Mehr konnte er auch nicht erreichen. Der Pattent konnte zwar das Bett mit dem Liegestuhl vertauschen, wenn er even­tuell in der durchsonnten, von herrlichen Frühlingsblu- men angefüllten Treibhausveranda ruhen wollte, der Transport aber mußte mit Hilfe einer Krücke bewerk­stelligt werden. 182,18*

Frau Helene und Doktor Thielecke waren zwar, durch den täglichen Verkehr bedingt, in dem Austausch ihrer Reden etwas wärmer und ungezwungener geworden, jedoch ohne die Schranken zu überbrücken, die jener schick­salsschwere Konflikt zwischen ihnen aufgerichtet hatte. Sehr oft traf es sich, daß Thielecke den Nachmittags­kaffee oder ein Gabelfrühstück bei Anders einnahm,wenn sein Krankenbesuch gerade in diese Zeit fiel. Dann wurde von allen Anwesenden so harmlos über allgemeine und persönliche Angelegenheiten geplaudert, daß die, anfangs über den Zuzug Thieleckes ganz entsetzte Tillitante einen heiligen Eid schwören wollte, daß die Geschichte so aus sei, als wenn man einen Toten in die Erde gesenkt hatt«,