Schlüchterner Zeitung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. es. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. es.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 46.
Samstag, den 10. Juni 1911.
62. Jahrgang.
Amtliches.
J.-Nr. 3516 K. A. Die Herren Bürgermeister der Stadt- und Landgemeinden ersuche ich unter Bezugnahme auf die Kreisblatt-Verfügung vom 4. Mai 1905 — J.-Nr. 1354 K. A. den am 1. Juni er. festge- stellten Bestand an Kühen, deckfähigen Rindern und sprungfähigen Bullen mir innerhalb 8 Tagen mitzuteilen.
Schlüchtern, den 6. Juni 1911.
Der Königliche Landrat: Valentiner.
J.-Nr. 3332 K. A. Seit zwei bis drei Jahren greift der ansteckende Scheidenkatarrh unter dem Rindvieh unseres Kreises mehr und mehr um sich. Die Anzahl der Gemeinden, in welchen diese äußerst schädliche Viehkrankheit herrscht, wächst von Monat zu Monat, weil sie sich sehr leicht überträgt und weil offenbar nur eine geringe Kenntnis von ihrer Schädlichkeit in der Bevölkerung des Kreises vorhanden ist.
Eine Versammlung des landwirtschaftlichen Kreisvereins, welcher am Sonntag, den 28. Mai in Gegenwart des Herrn Kreistierarztes und der Herren Privat- tierärzte in Elm stattfand und in welcher ich diese Angelegenheit zur Beratung gestellt hatte, sprach sich übereinstimmend dahin aus, daß unbedingt etwas geschehen müsse, daß aber nur dann Erfolg erwartet werden könne, wenn der Kampf gegen jene Viehkrankheit von den Gemeinden ausgenommen werde.
Ich lade deshalb die Herren Bürgermeister sämtlicher Städte und Landgemeinden des Kreises auf
Montag, den 19. Juni, nachmitt. 2'/- Uhr zu einer Besprechung im Kreistagssaale ein. Sehr erwünscht ist es, daß auch noch andere Interessenten an der Besprechung teilnehmen, worauf die Herren Bürgermeister in ihren Gemeinde hinweisen wollen.
Schlüchtern, den 6. Juni 1911.
__Der Königliche Landrat. Valentiner.
' Deutsches Reich.
— Der, Kaiser und die Kaiserin haben sich am Mittwoch vormittag mittels Sonderzuges von Wildpark nach Neustrelitz begeben. Es ist seit vier Jahren der erste Besuch des Kaisers am großherzoglich mecklenburgischen Hofe. Die Prinzessin Viktoria Luise, die zuerst an der Reise teilnehmen sollte, befindet sich nicht in der Begleitung des Kaiserpaares. Wie verlautet, ist von ihrer Teilnahme an der Reise abgesehen worden, um dem an den geplanten Aufenthalt in Neustrelitz
Aus eigener Kraft.
Roman von Nora Denkes. 44
Lautlos gleitet der Fittich der Zeit über Leben und Tod, über Kampf und Frieden, ausgleichend den Schmerz, heilend die Wunden, denn die weise Natur hat den Menschen zwar zum Leiden geschaffen, aber auch zur Freude, und so lange das Herz klopft, stirbt auch das Bedürfnis, ein regsames Glied in der Kette der Menschheit zu sein, nicht ab. Und so finden wir auch Lenchen Klinger, die das Schicksal auf so ungewöhnliche Weise zur Frau Major Anders gemacht hat, in Oesterreichs Metropole mit frischen Wangen und hellen Augen wieder.
Allerdings sind bereits drei Jahre verstrichen seit dem ereignisschweren Maifest des Frauenvereins von Müh- lenberg. Drei Jahre, die die junge Frau, nachdem sie die ersten schweren Monde seelischer Zerrissenheit überwunden hatte, zur Ausbildung ihres geistigen Wesens gar wohl verwendet hat. Gerade der Umstand, daß das Verhältnis, das sie an ihren Gatten bindet, naturgemäß nicht die Liebe sein kann, die die Geschlechter zu einander zwingt, hat sie veranlaßt, diese Lücke ihres Daseins in anderer Weise auszufüllen. Und da die Bedingungen zu einer solchen Erweiterung ihres Gesichtskreises ihr nun in jedem Maße verfügbar sind, so hat sie nun mit freudigster Zustimmung ihres nur für ihr Wohl lebenden Gatten an ihrer geistigen Ausgestaltung gearbeitet. Die Klavierstunden, die sie zu Lebzeiten ihres Vaters ziemlich oberflächlich betrieben hatte, hat sie wieder auf- nenommen und zwar unter der Leitung eines tüchtigen Meisters und so durch Ausbildung dieser edlen Kunst ihrem Leben einen neuen, schönen Inhalt gegeben. Auch in Sprachkursen ist Lenchen eine sehr fleißige Schülerin gewesen und hat sich durch Konversation Uebung und Fertigkeit auf diesem Gebiet angeeignet. Schöngeistige und wissenschaftliche Vorträge haben an ihr eine eifrige Besucherin und aufmerksame Hörerin gefunden. So hat
geknüpften Verlobungsgerüchte die Spitze abzubrechen. Bei der Ankunft in Neustrelitz ist dem Kaiserpaar ein großer militärischer Empfang bereitet worden, an den sich eine Parade der dortigen Truppen anschloß. Nach der Parade fand eine große Frühstückstafel statt.
— Die Nordlandreise des Kaisers wird nach den bisherigen Dispositionen im Anschluß an die Kieler Regattatage am 3. Juli ihren Anfang nehmen und bis zum 3. August dauern. Der Kaiser beabsichtigt nach der Rückkehr von der Nordlandreise den Anfang August in Alten - Grabow stattfindenden Kavallerieexerzieren der Garde-Kavallerie beizuwohnen und alsdann in Wilhelmshöhe Wohnung zu nehmen. Die Kaisermanöver sind auf den 11. bis 14. September festgesetzt, denen sich am 16. September eine Festungsübung bei Thorn anschließt, an der auch der Kaiser teilnehmen wird.
— Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen, der bereits wiederholt die landrätlichen Amtsgeschäfte des Kreises Frankenstein, in dem die Herrschaft Kamenz liegt, vertretungsweise geführt hat, ist, der „Schles. Ztg." zufolge, nunmehr kommissarisch mit der Verwaltung des Landratsamts in Frankenstein beauftragt worden. Der bisherige Landrat dieses Kreises, Freiherr von Schirnding, ist zum Oberverwaltungsgerichtsrat ernannt worden.
— Wirklicher Geheimer Rat Dr. Wever, früherer Unterstaatssekretär im preußischen Kultusministerium ist gestorben. Der „Reichs- und Sraatsanzeiger" widmet dem Verstorbenen folgenden Nachruf: „Ein Leben reich an Ehren, reicher noch an selbstloser Arbeit, ist abgeschlossen. In seiner mehr als zwanzigjährigen Tätigkeit im Kultusministerium ist er den Leitern, Mitgliedern und Beamten dieses Ministeriums ein unermüdlicher Mitarbeiter, ein treuer Beamter und eine nie versagende Stütze gewesen. Von herzgewinnender Liebenswürdigkeit und Güte war er immer bereit, dem Einzelnen zu freudiger Arbeit möglichste Freiheit zu lassen. Begeistert für die hohen Aufgaben des Ressorts, stellte er sein ganzes Leben in den Dienst dieser Arbeit. Insbesondere hat er entsprechend seiner anspruchslosen, gern zurücktretenden Persönlichkeit mit reicher Erfahrung, sicherem Takt und praktischem Blick stets eine vermittelnde, zusammenhaltende Tätigkeit ausgeübt. Von sich selbst vergessendem Pflichteifer, hingebender Treue und weitgehendstem Wohlwollen, war der Entschlafene das Vorbild eines preußischen Beamten. Mit ihm ist ein edler Mensch zu Grabe gegangen."
sich ihre Gedankenwelt erweitert, daß sie die besten Werke zeitgenössischer und klassischer Dichter und Schriftsteller mit vollem Verständnis in sich aufnehmen und sich in den Irr-und Wirrsalen der Menschenseelezurecht zu finden vermag.
Daß durch diesen geistigen Ausgestaltungsprozeß ihre äußerlich mit Schönheit begnadete' Erscheinung nur gewinnen kann, ist selbstverständlich ; und viele Augen haften an ihr, wenn sie sich in der Oeffentlichkeit zeigt, zumal im Theater und Konzerten, wo durch geschmackvolle Kleidung und wirkungsvolle Beleuchtung das Aussehen der Frauen noch gehoben zu werden pflegt.
Mancher junge Mann hat mit kopfschüttelnder Verwunderung erfahren, daß das schöne junge Weib nicht die Tochter, sondern Gemahlin des angejahrten Militärs ist, vielleicht auch vage Hoffnungen an diese Kenntnis geknüpft, die sich aber nicht erfüllen sollten.
Das gefahrvolle Experiment dieser Verbindung hat bis nun noch keine bösen Früchte gehabt, die sonst die Unnatur im Gefolge hat. Lenchen ist zufrieden.
Das Glück? Mein Gott, das Glück von dem sie einst überschwänglich geträumt hat. liegt in Trümmern. Für ewig. Dafür gibt es nach ihrer Ansicht kein Auferstehen, und so begnügt sie sich mit dem seelischen Gleichgewicht. Kein voller Ersatz, aber immerhin ein Ersatz.
Im dritten Jahre ihrer Ehe, also dem Zeitpunkt, wo unsere Erzählung wieder einsetzt, drohte dem friedlichen Leben der Familie Anders, zu der auch Theolinde gerechnet wird, allerdings eine Gewitterwolke. Des Majors „ruhmreiches Kriegsbein" machte sich nämlich immer unangenehmer bemerkbar. Die Sache wurde stets bedenklicher und hinderte den so gern tätigen Mann an seiner freien Bewegung.
Der Arzt untersagte das Treppensteigen und so bezog der Major mit seiner, ihn mit kindlicher Liebe umgebenden Helene das Erdgeschoß der Villa Theolindes. Aber auch das wollte die Tatsache, daß einmal eineKugel durch die Sehne gefahren war, nicht aus der Welt schaffen.
- In der „Elsaß-lothrinigischeu Volkspartei", dem Blatte des Herrn Blumenthal wird im Anschluß an den Bericht über den Ausflug der Landesausschußmitglieder nach Zabern das demnächstige offizielle Auftreten einer neuen gemeinschaftlichen politischen (Organisation für Elsaß - Lothringen angekündigt. Wie die Reichstagsverhandlungen gezeigt hätten, sei mit einer einseitigen Parteipolitik den Interessen des Landes zurzeit nicht gedient, es seien vielmehr mit Rücksicht auf die durch die Verfassungsgesetze gegebene neue Lage neue Maßregeln auf Grund gemeinschaftlichen Abkommens notwendig. Damit dürfte der Bund des Exdemokraten Blumenthal mit den klerkal-nationalistischen Freunden endgültigt besiegelt sein. Möge das neugeborene Kind Verfassungspartei heißen oder sonst einen Namen erhalten, sein Lebenszweck ist ^nur der, die politische Solidarität Blumenthals mit den klerikalen Freunden Wetterla, Preiß und Konsorten zu bemänteln und der klerikal-nationalistischen Partei als zugkräftiges Schlagwort für die bevorstehende Wahlkampagne zu dienen.
— Nach den jetzt geltenden Bestimmungen müssen sich die Anwärter der höheren Postlaufbahn einem akademischen Studium unterziehen. , Die Elevenzeit beträgt mindestens vier Jahre, wovon ein Jahr auf die Erlernung des praktischen Dienstes und drei Jahre auf das Studium der Staatswissenschaften, Rechtswissenschaft, Physik, Chemie und Elektrotechnik an einer Universität oder zumteil an einer technischen Hochschule entfallen. Von den unter den neuen Bedingungen eingetretenen Posteleven hat sich jetzt der erste nach Beendigung des Studiums der vorgeschriebenen Prüfung unterworfen und ist zum „Postreferendar" ernannt worden. Die Prüfung zum Postaffessor kann nach Ablauf der dreijährigen Referendarzeit vor dem beim Reichspostamt eingesetzten Oberprüfungsrat abgelegt werden. Der neue „Postreserendar ist der Oberpostdirektion in Stettin zur weiteren praktischen Ausbildung überwiesen worden.
— Der Oldenburger nationalliberale Verein nahm zu dem Schreiben der Zentralleitung der Partei in Berlin Stellung, in dem die oldenburgischen Nationalliberalen ersucht wurden, im Interesse der liberalen Einigung von der Aufstellung einer Kandidatur abzu- sehen. Nach der „Nordwestdeutschen Morgenzeitung" wurde einstimmig eine Resolution angenommen, in der unter ausdrücklicher Wahrung des eigenen Bestimmungsrechtes erklärt wird, daß man an der eigenen Kandidatur (Regierungsassessor Dr. Slöver) festhält. Aus dem
Anders ließ sich alle möglichen vom Arzt verordneten Bäder mischen und brauen und planschte darin herum wie ein Frosch. Aber die Schmerzen wollten nicht weichen und der Fuß war unbrauchbar.
Da meinte der Hausarzt: „Luftveränderung. Wien taugt Ihnen nicht."
„Na, auch gut, Doktor. Sagen Sie nur wohin wir unsere Schritte lenken sollen. Ein Wanderstecken ist aar bald geschnitten."
„Hm," sagte der Arzt. Ich sage nicht positiv wohin. Es soll etwas ähnliches sein, wie Sie es früher gewöhnt waren. So etwas wie Heimatlust."
Major Anders machte ein betretenes Gesicht und schielte auf Helene. Er kam sich ein wenig wie ein ertappter Schulbub vor. Denn derartiges hatte er schon selbst manchmal gedacht, aber um Gotteswillen nicht laut werden lassen.
Die junge Frau, die mit einer Handarbeit am Fenster saß, sah den Doktor so merkwürdig großäugig an. So, als ob sie einen Klang aus der Ferne vernommen hätte und mit dem Eindruck nicht fertig werden könnte. Dann sagte sie, aber noch immer ganz verloren, „Heimat- luft."
„Was meinst Du, Helene?" stagte der Major etwas ängstlich.
Nun richtete sie ihre Augen voll auf ihn, und es lag etwas darin wie verhaltene Sehnsucht. „Heimatlust, Lu- dolf." Das klang noch ziemlich ruhig. Dann, noch einem tiefen Aufatmen' noch einmal und voll Empfindung wie ein Glockenton: „Heimat!"
Und plötzlich sprang Helene aufgeregt von ihrem Sitz, daß Seide, Schere und Arbeit am Fußboden herumkol-- lerten, und warf sich dem Major stürmisch an die Brust: „Lieber, Guter! Wollen wir in die Heimat gehn? Ach, ja!"
Anders war anfangs sprachlos, fast erschreckt; obwohl diese Bitte mit seinen geheimen Wünschen gar sehr zusammentrifft. 182,18*