Schluchterner Zeitung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. es. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. es.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Mittwoch, den 7. Juni 1911.
BH
62. Jahrgang.
Deutsches Reich.
— Berliner Frühjahrsparade. Am Donnerstag vormittag nahm der Kaiser die Frühjahrsparade über die Truppen der Garnison Berlin und der umliegenden Garnisonen auf dem Tempelhofer Feld ab. Das Wetter war präcktig. Um 73/, Uhr stieg der Kaiser, der vom Neuen Palais im Automobil gekommen war, am Steuerhaus zu Pferde, mit ihm der Kronprinz, die Prinzen Eitel Friedrich, August Wilhelm, Oskar und die Prinzessin Viktoria Luisein ber Uniform ihres Leibhusaren-Regiments.
Die Kaiserin bestieg in Begleitung der Prinzessin August Wilhelm einen sechsspännigen Galawagen. In weiteren Wagen folgten die Kronprinzessin mit der Prinzessin Eitel Friedrich und die Prinzessin Friedrich Leopold mit Tochter. Der Kaiser ritt, gefolgt von einer glänzenden Suite zunächst die Front ab und nahm an der einsamen Pappel den zweimaligen Vorbeimarsch der Truppen ab. Beide Male führte der Kaiser der Kaiserin das zweite Garderegiment vor. Nach der Kritik ritt der Kaiser an der Spitze der Fahnen- kompagnie nach dem Kgl. Schloß, wohin sich die Kaiserin zu Wagen begab. Die Majestäten waren fortdauernd der Gegenstand lebhafter Ovationen. Nach Einbringung der Fahnen ließ der Kaiser sich durch den Gouverneur Dr. Solf im Schloßhof den samoanischen Oberhäuptling Temaseso vorstellen.
— Potsdam. Beim Prinzen Joachim ist Samstag früh der Bluterguß aus dem rechten Kniegelenk durch Punktion entfernt worden. Hiervon erhoffen die Aerzte eine Linderung der Schmerzen.
- Am Dienstag fand im Reichstage die Gesamt- abstimmung über die Reichsversicherungsordnung statt. Das große Reformwerk wurde mit 232 gegen 48 Stimmen bei 15 polnischen Enthaltungen angenommen. In der Opposition befanden sich außer der Sozialdemo- kratie nur ein Teil der Freisinnigen. — Am Mittwoch wurde schnell und debattelos sowohl das Einführungs- gesetz zur Reichsversicherungsordnung wie der Niederlassungsvertrag mit der Schweiz, der Handelsvertrag mit Schweden, das Provisorium mit Japan und die Novelle zum Zündwarensteuergesetz wie auch schließlich die Vorlage betr. die Herbstdiäten angenommen. Alsdann dankte Präsident Graf Schwerin dem Hause für seine Ausdauer in dieser arbeitsreichen Session. Der Abg. Bassermann zollte im Namen des Hauses der gerechten und wohlwollenden Geschäftsführung Dank, was der Prädent nochmals zum Anlaß nahm, auf die
Aus eigener Kraft.
Roman von Nora Denkes. 42
„Alles verloren! Alles, alles in derWelt!"schreit die Arme auf. „Hilf mir, Vater! Helfen Sie mir! Gott, erbarme! Ich kann nicht mehr!"
„Mein gutes Kind, mein gutes, liebes, teures Kind! Wie soll ich .. sag, wie soll ich Dir helfen? Ich tue doch alles was Du willst! Sag'mein Liebling! O, o, meine arme Kleine!"
„So nehmen Sie mich, wie Sie eS immer gewollt haben. Sie haben mich ja immer nur im Scherz begehrt. Nehmen Sie mich; ich will nur Ihnen gehören. Ihre Frau will ich sein.. und Ihr Kind. Nur Ihre Augen sind gut, nehmen Sie mich! Ich hasse das Leben. Ich bin gebrochen., gebrochen! Nehmen Sie mich; o nehmen Sie mich."
Der Major zieht die halb wahnsinnig Flehende zu sich empor, auf seinen Schoß und streichelt ihr Haar und Hände: „Ja, so, so soll es sein. So. Sanft mein Kind, sanft. Mein bist Du jetzt."
„Mama wollen wir schön einbetten. In lauter Blumen und Pracht; wie sie es geliebt hat ihr Lebtag."
„Und dann wollen wir fortgehen. Weit, weit fort von hier. Mein Kind, mein Kleinod!"
„Ach ja, fort!" bricht es von den Lippen der halb Bewußtlosen. „Fort! Ach ja, fort!" Und dann schmiegt sie sich vertrauensvoll an die Brust, die ihr künftighin Heimat sein soll. * *
Nachdem Major Ludolf Anders mit seinem kindlich jungen Weibe -bereits in die Ferne gezogen ist, so wollen mir die Ereignisse seit dem Tode Frau Mathilde Klin- gers nur kutI berichten.
Auf den telegraphischen Ruf ihres Bruders kam sofort Die in Wien lebende verwitwete Schwester Major Anders in dessen Laus aeeilt. um dem verwaisten Len-
Unterstützung und Arbeitswilligkeit aller Mitglieder im Hause hinzuweisen. Darauf erhob sich der Reichskanzler und verlas die kaiserliche Verordnung, wonach der Reichstag bis zum 10. Oktober vertagt wird.
— Das preußische Abgeordnetenhaus ‘ erledigte am Dienstag zunächst einige Petitionen und trat alsdann in die zweite Betratung des Eisenbahnenleihegesetzes ein. Bei dieser Gelegenheit gab Minister von Breitenbach die Erklärung ab, daß die Staatsverwaltung die Absicht habe, sobald als möglich für die Berliner Stadt- und Ringbahn den elektrischen Betrieb einzuführen. An die zweite Lesung schloß sich unmittelbar die dritte an. Nachdem auch diese zu Ende geführt und das Gesetz im ganzen in der Gesamtabstimmung angenommen worden war, vertagte sich das Haus bis nach Pfingsten. Die nächste Sitzung wird voraussichtlich am 16. Juni stattfinden.
— Der Deutsche Flottenverein hat in Nürnberg seine Tagung abgehalten. Es wurde nach einem Vor- trage des Vorsitzenden Großadmirals von Köster eine Resolution eingebracht, in der die Regierung aufgefordert wird, vom Jahre 1912 ab jährlich nicht zwei, sondern drei große Panzerschiffe zu bauen, also jährlich einen Panzerkreuzer mehr auf Stapel zu legen, als es dem Flottenbauplan entspricht. Die Resolution wurde einstimmig angenommen.
— Der definitive Abschluß der Eisenbahnverwaltung für 1910 gestaltet sich noch beträchtlich günstiger, als bei den Monatsabschlüssen zu erwarten war. Voraussichtlich werden dem Ausgleichsfonds nahezu 70 Millionen Mark zugeführt werden können. Der Betriebs- koeffizient ist beträchtlich unter 68 Prozent herabgedrückt worden. Die ersten Monate des laufenden Jahres gestalten sich weiter ebenso günstig wie die des Vor- jahres.
Ausland.
— Die Norddeutsche Allg. Ztg." teilt folgendes mit: „Nachdem die Regierung der Vereinigten Staaten von Nordamerika der deutschen Regierung zu erkennen gegeben hatte, daß sie gewillt sei, ebenso wie mit England, so auch mit anderen Mächten einen Schiedsvertrag auf breiterer Grundlage abzuschließen, hat die Kaiserliche Regierung den Wunsch ausgesprochen, den von der amerikanischen Regierung ausgearbeiteten Entwurf kennen zu lernen und ihre Bereitwilligkeit erklärt, in eine Prüfung des Entwurfs einzutreten. Herr Knox hat dem Grafen Bernstroff daraufhin den Entwurf
chen »instweilen ihren Schutz angedeihen zu lassen. Zu Römer überzusiedeln, dazu war Lenchen nicht zu bewegen. Man verschwieg der Tante zwar die Weigerung, um sie nicht zu kränken, aber Doktor Buntrock erklärte, daß die seelische Depression Lenchens, jedenfalls noch unterstützt von monatelanger, körperlicher Ueberanstren- gung, diesmal derart tiefgreifend sei, daß beinahe für ihren Verstand zu fürchten sei. Frau Römers derbresolutes Wesen sich durchaus nicht zur Behandlung einer Seelenleidenden eigne.
Also kam Frau Theolinde damit Lenchen im Hause des Majors verbleiben konnte, der ihr eine, an Zartheit alles überbietende Sorgfalt widmete.
Anders Schwester ist eine ebenso feinfühlige, als gebildete Dame, die das sechzigste Lebensjahr gerade überschritten hat. Von ihrem verstorbenen Gatten Gustav Zabel, der ein glücklicher Geschäftsmann gewesen ist, hat sie ein Haus in der inneren Stadt Wiens und eine schöne Vorstadtvilla geerbt. Die kinderlose Frau ist eine vorzügliche Verwalterin ihres Vermögens und so in der glücklichen Lage, viele Wohltaten ausüben zu können, eine Beschäftigung, in der ihre eigentlichen Lebensinteressen wurzeln. Darum hat sie sich auch in die ihr zugeteilte Rolle, Hüterin des schönen, gemütskranken Mädchens zu sein, schnell und gerne gefunden.
Vier Wochen nach der Beerdigung der Frau Mathilde Klinger fand die, für die Stadt Mühlenberg so sensationelle Trauung Major Anders'mit Lenchen Klinger statt, nachdem sie das treumeinende Geschwisterpaar noch eindringlich zu ernstester Ueberlegung dieses so außerordentlich folgeschmeren Schrittes ermähnt hatte. Aber ihr Schutz- und Ruhebedürfnis war so groß, daß sie sich wie eine vergehende Blume an den wohlwollenden Freund klammerte und jede Vorstellung von sich wies.
Es war ein förmlicher Aufruhr in der Stadt, als der dichtverschlossene Wagen vor dem Kirchenportal vor- fuhr und ihm der auch in Blaukparade immerhin recht bejahrt aussehende Anders mit dem schlanken Mädchen
mitgeteilt, dessen Eintreffen in kurzer Zeit zu erwarten ist."
— In dem in Paris unter dem Vorsitz des Präsidenten der Republik abgehaltenen französischen Ministerrate erstattete der neue Kriegsminister General Goiran Bericht über die Situation in Marokko. Der Minister hat die nötigen Maßregeln getroffen, um binnen kürzester Frist eine regelmäßige Verbindung durch drahtlose Telegraphie mit der Hauptstadt Fez herzustellen. Der General Tonte, welcher die Truppen am Muluya kommandiert, hat mitgeteilt, daß der Stamm der Hauaras am 26. Mai seine Unterwerfung angeboten hat. Zu neuen Zwischenfällen ist es am Muluya nicht gekommen.
— König Georg V. von England vollendete am Pfingstsonnabend sein 45. Lebensjahr.
— Dillon stellte im englischen Unterhause die Anfrage, ob die französische Regierung der englischen eine Mitteilung darüber gemacht habe, wie lange sie die Besetzung von Fez aufrecht zu erhalten beabsichtige, ober ob sie irgend eine Mitteilung über ihre Absichten hinsichtlich der Besetzung von Fez gemacht habe. Staatssekretär Grey erwiderte, die erklärte Absicht der französischen Regierung sei, das Leben der Europäer in Fez sicher zu stellen, die Souveränität des Sultans und die Integrität seines Reiches aufrecht zu erhalten und die Freiheil des Handels zu sichern, die von der Aufrechterhaltung der Ordnung und der Sicherheit ab« hänge. Die Instruktionen an den französischen Oberbefehlshaber gingen dahin, daß er nicht länger als unbedingt notwendig in Fez bleiben solle.
— Die „Köln. Ztg." meldet aus Konstantinopel: Der russisch-türkische Zwischerfall ist erledigt. Die Beziehungen zwischen Montenegro und der Türkei haben sich soweit gebessert, daß ein Besuch des Königs Nikita gesichert ist. Der Tag der Ankunft wird nach der Rückkehr des Sultans festgesetzt werden.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchter«, 2. Juni 1911.
—* Hk. Deutsch-schwedischer Handelsvertrag. Der soeben vom Reichstag angenommene, am 1. Dezember er. in Kraft tretende neue Handelsvertrag mit Schweden kann von Interessenten auf der Handelskammer zu Hanau eingesehen werden.
—* In dem diesjährigen Kaisermanöver wird ein Garde-Reserve-Armeekorps aus aktiven und Reservestämmen formiert werden und bei der Armeeabteilung des Generalobersten von Kessel Verwendung finden. BWBMMwmwMMiu^rerejggvwW^^fr1^^^'^ ^7^’Wft^^ " am Arm entstieg, dessen unendlich schmal geworden«- Gesicht auS dem schwarzen Krepp wie eine weiße Lilie leuchtete. Das Gotteshaus war, auf Wunsch des in tiefer Trauer befindlichen Brautpaares, den Neugierigen un- ; zugänglich.
In allen Kreisen aber tut sich nun ein geradezu fanatisches Mitleid mit dem Mädchen kund, das die Verhältnisse zu diesem außerordentlichen Schritt gedrängt hatten. Ganz besonders bei den Frauen. Diese Herrat bildete ein unerschöpfliches Gesprächsthema in den Kaffeegesellschaften, und des schönen Arturs linker Ohr mochte gewaltig klingen, denn sein feiger Rückzug, der natürlich wie üblich in kleinen Städten schnell bekannt geworden war, wird mit lodernder Empörung verurteilt.
So war die Stimmung in Mühlenberg. Und Doktor Thielecke mußte, trotz seiner Verlobung mit Agnes Holl- mann, einige Wochen Urlaub nehmen und inS Gebirge zur Erholung gehn, da es ihm peinigend war, den vielen vorwurfsvollen Augen zu begegnen. Und in Wirklichkeit, er brauchte die Erholung. Denn wie ihn dieser unerwartete Fall zusammengeschmettert hatte, das erzählte er niemand. Am allerwenigsten seiner Braut. Hatt« er doch schon die lotbringende Waffe in der Hand gehalten. Und wahrlich nicht der Gedanke an Agnes, sondern das Pflichtgefühl gegen seine Eltern hatte sie ihm entwunden. Lenchen. . Anders' Weib und durch sein Verschulden! Dieser Gedanke macht ihn fast wahnsinnig. War doch die Liebe für das schöne Mädchen durchaus nicht in ihm erloschen, sondern durch diesen Umstand eher gewachsen. Dabei fühlte er sich vor sich selbst erniedrigt und so elend, daß er, um seinen Gebaut«» zu entrinnen, den ganzen Tag wie ein Narr in dem unwegsam«» Gebirge herum rannte.
Nun, es wird ja auch vorübergehn. Mensch ist Mensch und vergißt. Aber der Artur Thielecke, der er vor dem verhängnisvollen Waidfeste war, wird er seiner Tag«
nicht mehr sein.
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