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SchlüchternerZeitung

mit amtlichem Kreisblatt. 2Konatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. «5. Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat". Telefon Nr. «L.

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

.*» 44.

Samstag, den 3. Juni 1911.

62. Jahrgang.

Erstes Blatt.

Pfingsten.

Ein zarter blauer Märchenduft Weit über dem Gelände, Darüber gleitend Frühlingsluft Wie weiche Frauenhände.

Die junge Erle, lichtbelaubt, Herwinkend vom Gemäuer, Und um der schlanken Birke Haupt Des Maien Hochzeitsschleier.

Fern Kuckucksruf und Lerchensang, Des Finken scheues Schlagen, Der Schlehdorn selbst am braunen Hang Will weiße Blüten tragen.

Und über Nacht im Fliederstrauch Der Nachtigallen Lieder, So geht, durchweht von Gottes Hauch, Das Fest der Pfingsten nieder. «. HME«,».

Nfingstgedanken.

Pfingsten, das liebliche Fest, ist gekommen, und jubelnd klingen die Glocken von Turm zu Turm. Linde, balsamische Düfte, leuchtendes Blau, Fluten von beleben­dem Licht, in denen sich die neu erwachte Erde wonnig badet, um in verjüngter Pracht daraus hervorzugehen: das ist Pfingsten! Der Höhepunkt der Natur, das Fest, in dem Ströme von Leben über unsere Erde ausgegossen zu werden scheinen. Die Erde M je^i ein großer Tempel, in dem alles, was da atmet, dem Geiste der Schöpferkraft, der Lebensfreude lobsingt, und die Weihrauchdüfte, die den Altar umwallen, sind die Wolken von Wohlgerüchen, die den Tausenden von Blüten entsteigen und Wald und Flur in eine Art von Festatmospäre einhüllen.

Denn morgen soll die Heil'ge Feier Des ausgegoss'nen Geistes sein! Und dazu weiht der hehre Weiher Die Welt mit seinen Flammen ein. Wie jener Wetter falbe Kerzen Am Horizonte lodernd sprühn, So soll in allen Christenherzen Ein heilig Geistesfeuer glühn.

Darum will auch das Menschenherz sich losringen von den Sorgen und Nöten des Alltages, sich empor-

scywingen über seinen Staub, seine bedrückenden Dünste | Vertretung bei der Jahrhundertfeier der Breslauer

in reinere Regionen, in die des irdischen Zwiespaltes ewige Dissonanz nicht hinaufreicht. Und speziell wir Deutschen, die wir bewust oder unbewußt das Pfingstfest als den Rest eines altgermanischen Frühlingsfestes anerkennen, indem wir, gleich unsern heidnischen Vor­fahren, Haus und Stube mit grünen Maien schmücken, hallen es auch als Fest der neu erwachten und nun­mehr köstlich geschmückten Lenznatur besonders hoch.

Aber Pfingsten ist nicht nur das Fest der Natur, das Fest der Freude, sondern vor allem das Fest des Geistes. Jede Blume, jeder Baum, jeder Halm weist nach oben hin. Das geistige Leben findet seinen Ur­sprung und seinen Abschluß, sein Ziel und seine Wahr» Heil in Gott. Wer das Wirken des Geistes anerkennt, aber sich gegen das Dasein Gottes sträubt, der ist ein Narr, der leugnet obwohl er den Fluß sieht, die Quelle, der tappt im Dunkeln, obwohl die Sonne leuchtet, weil er die Augen sich verbindet. Pfingsten ist das Siegesfest des Geistes, aber nicht des Zeitgeistes, sondern des Ewigkeitsgeistes, nicht des Weltgeistes, sondern des Gottesgeistes. Der Zeitgeist ist schwan­kend und wechselnd dem Truge unterworfen der Ewigkeitsgeist ist stark und stetig, der trügt nie. An den Weltgeist heften sich die schweren Klumpen irdischen Wahns, der Gottesgeist schwebt frei und leicht hoch über dem niedrigen Staube.

Wer aber beim Klänge der Pfingstglocken vom Pfingstgeiste den stärkenden, erhebenden, beseligenden Hauch verspürt, der lacht ob des Spottes derer, die im Banne des Zeitgeistes am niederen kleben und sich nicht erheben können über den an die Sohlen sich heftenden Schmutz der Gewöhnlichkeit. O, daß die Menge derer, die um den Ewigkeitsgeist sich scharen, immer größer werde! So erweckt jedes Pfingstfest, an dem wir die äußere Natur sich wiederum erneuern sehen, in uns Hoffnungen auf eine innere Wiedergeburt der Menschheit. Darum

Laß nur zu deines Herzens Toren ' Der Pfingsten vollen Segen ein ; Getrost, und du wirst neu geboren Aus Geist und Feuerflammen sein!

Deutsches Reich.

Der Kronprinz und die Kronprinzessin sind nach neuntägigem Aufenthalt in Klein-Ellguth bei Oels nach Berlin zurückgekehrt. Wie aus Breslav gemeldet wird, hat der Kultusminister dem rector magnificus angezeigt, daß der Kaiser den Kronprinzen mit seiner

Universität am 1. bis 3. August beauftragt hat.

Auslandsbesuche des Prinzen von Wales. Das Journal" meldet aus London: Der deutsche Kaiser hat, den Prinzen von Wales eingeladen, zu ihm nach Potsdam zu kommen. König Georg hat diese Einladung für seinen Sohn angenommen. Das Datum ist noch nicht endgültig festgesetzt. Andererseits wird mitgeteilt, daß der Zar den Prinzen zu einem Besuche nach Petersburg eingeladen habe. Es ist nun wahrscheinlich, daß König Georg, um eine falsche Auslegung dieser Besuche zu verhindern, seinen Sohn nach sämtlichen europäischen Hauptstädten senden wird. Der Prinz von Wales wird u. a. einen längeren Aufenthalt in Paris und zwar Anfang nächsten Jahres, nehmen. Der erste Besuch wird jedoch in Berlin erfolgen.

In nahezu neunstündiger Sitzung ist es am Montag im Reichstage mit Mühe uud Not gelungen, die ersten zwei Bücher der Reichsversicherungsordnung in dritter Lesung zu erledigen. Ein Kompromißantrag Schultz und Genossen zum § 210 verlangte bekanntlich, den besonderen Verhältnissen auf dem platten Lande Rechnung tragend, bei den Landkrankenkassen die Zu- lässigkeit der Herabsetzung der Dauer des Wochengeld­bezuges für Mitglieder, die nicht der Gewerbeordnung unterstellt sind, von acht auf vier Wochen. Der Kom- promißantrag wurde unter Ablehnung aller anderen Anträge mit 192 gegen 119 Stimmen bei zwei Stimm­enthaltungen angenommen. Alsdann gab es noch einige interessante Auseinandersetzungen zwischen den christlichen Arbeitersekretären und den Genossen über den Terror in den socialdemokratischen Kassenver- Wallungen, und schließlich kam noch eine namentliche Abstimmung. Zu § 525» hatten die Mehrheitsparteien in der Frage des Wahlrechtes der Berginvaliden einen der äußersten Linken sehr entgegenkommenden Kompro- mißantrag eingebracht. Dieser wurde einstimmig ange» nommen, nachdem ein weitergehende Forderungen ent­haltender Antrag der Soziuldemokraten mit 205 gegen 97 Stimmen abgelehnt worden war.

Der deutsche Ostmarkenverein hat soeben seine Tagung abgehalten. Aus diesem Anlässe hat zwischen dem Verein und dem Reichskanzler ein höchst freundlich gehaltener Depeschenwechsel stattgefunden:Die,Nord­deutsche Allgem. Ztg/ schreibt hierzu:Man darf in dem Begrüßungstelegramm des deutschen Ostmarken- Vereins an den Reichskanzler ein Zeichen dafür erblicken, daß jener die Dom Landwirtschaftsminister Frhr- von

BSKn^SJ

Aus eigener Kraft

Roman von Nora Denkes.

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Auch das Innere der Muschel ist dem ganzen ent­sprechend dekoriert, und besonders der Felseusitz, von dem aus die Meerfrau ihre Gäste bedient, ganz mit Far- renmoosen und nickenden Schilfen überwuchert. Auf einer Pyramide von glitzerndem Gestein stehen, gar lieblich anzusehen, unzählige Gläslein und Fläschchen voll der zaubertätigen Tränte aus dem berühmten Hollmann- schen Keller.

Jedes Fläschchen ist außerdem mit einem geheim­nisvollen Spruch etikettiert, der, gleich dem Inhalt, die Kaufenden in die heiterste, angeregteste Stimmung ver­setzt.

Das Ganze ist eine so auffallende und phantastische Maskerade, in der ein wirklich feinfühliges und dabei weniger effekthascherisches Geschöpf sich nicht wohl be­finden würde. Agnes aber liebt diese Art, sich besonders zu geben und das Publikum klatscht der reichen Erbin auch gewöhnlich Beifall, um nachträglich um so schär­fer Kritik zu üben und die Bewunderte für verrückt zu er­klären.

. Auch der schöne Artur wird ja, an dem goldenen Fädchen der Neugier, allmählich zu dem Wunder des Ta­ges gezogen.

Eigentlich wäre er lieber davon geblieben, denn er fühlt die Rosen, die er Lenchen gewidmet, doch wie ein Band, das ihn mit ihr verknüpft. Außerdem hat der Anblick ihrer Schönheit ihn aufs neue bezaubert und die Sehnsucht nach ihr macht ihn ganz nervös. Aber er ist ein riesig exklusiver Herr, der schöne Doktor, und die Gesellschaft dieser Römers paßt ihm absolut nicht. Der Ball beginnt natürlich erst am Abend.

AgneS Hollmanns Gesicht belebt sich, als sie Thielecke langsam, lässig ihrem Stande zukommen sieht. Seine Au­gen irren allerdings immer suchend in der Menschenflut

herum. Aber Lenchen ist beim Anblick der gleißnerisch um sich lächelnden Agnes schnell fortgeeilt und Onkel und Tante mußten ihr schließlich folgen und ihre schau­lustigen Augen an anderen Herrlichkeiten sättigen.

Die uni die Wundergrotte gruppierten Sitzgelegen­heiten sind natürlich allesamt besetzt und Agnes muß sich der List bedienen, um einen Leutnant zum Aufstehen zu bewegen, damit Doktor Thielecke sich bei ihr niederlassen kann.

Nun sie ihn mal da hat, wird sie schon sorgen, daß er nicht bald wieder entschlüpft. Mit solchen Gedanken läßt sie das Feuer eines südlichen Weines in ein Kelch­glas rieseln und, während sie den Becher kredenzt, kreu­zen sich ihre verlangenden Augen unter den schwarzen, gemalten Brauen, mit den ironisch blickenden Doktor Thieleckes.

Macht nichts, wenn Du anfangs ein wenig kühl bist, mein Herr Ritter, spintisiert sie heimlich weiter. Wirst schon warm werden. Ich kenne Deine Schwäche für das aromatische Naß aus meines Vaters Keller. Und ich glaube kaum, daß die Rosen der schönen Weißnäherin Dir so angenehm duften.

Ein wahres Raketenfeuer von Witzen zuckt zwischen der leichtlebigen Gesellschaft der Riesenmuschel hin und her und auch Doktor Thielecke wird nach jedem Gläs­chen munterer, obwohl ihn ein inneres Gefühl immer zu der anderen zieht.

Kurze Zeit darauf erblickt er Lenchen wieder in der Menge wandelnd, und zwar in Begleitung zweier Rechts­hörer, mit denen sie in lebhaftester Unterhaltung begrif­fen ist. Das Gespräch dreht sich augenscheinlich um ihre Rosen, die sie mit dem Fächer beschützt, während die jun­gen Männer ihre leeren Knopflöcher zeigen.

Aber nur eine Knospe, Fräulein Lenchen," bittet der eine, während der andere, Hans Tontch, sie an die Freund­schaft mit seiner Schwester erinnert, die sie verpflichte, die Rosen des Lebens auch mit dem Bruder zu teilen.

Teilen Sie aus, Fräulein Lenchen, dann bilden wir heute das Rosentrio und verschanzen uns hinter diese Ver­bindung, die uns nicht gestattet, mit anderen Sterblichen zu verkehren. Und so tanzen Sie abwechselnd mit mir und Freund Oskar, brrrl und der schöne Artur platzt vor Neid."

Lenchen, die zum Glück mit ihrem Haar in einem Gi- cheuzweig hängen geblieben und so ihre Verlegenheit in der Bemühung sich zu befreien untergegangen ist, wäre nicht einmal abgeneigt, diesen Vertrag einzugehen. Denn ihren suchenden Augen ist die Anwesenheit ihres Don Juans im Zelte der Agnes Hollmann nicht entgangen.

Aber die Rosen will sie doch nicht opfern. Diese Rache wäre ihr zu kleinlich. Und dann ist ihre Fröhlichkeit ja überhaupt nur fingiert, denn im Herzen ist es ihr bitter weh. Das Gefühl offiziell von Thielecke verleugnet zu werden, nimmt immer mehr Besitz in ihrer Brust. Ob­wohl sie nicht leugnen kann, daß Agnes die Leute ein» fängt auch gegen ihren Willen. Thielecke hat ihr dat einmal sogar selbst erzählt...

Nun ist der Abend gekommen. Die Verkaufsbuden sind so ziemlich ausgeleert und wahrscheinlich auch die Taschen der Kauflustigen.

Auch Lenchen hat hier und da Kleinigkeiten eingehan­delt und so Anders' Goldstück wohl angebracht.

Nun lockt die Musik zum Tanz. Hans Tontch enga­giert Lenchen und sie treten mit einigen anderen Paa­ren zum ersten Walzer an.

Nachher kommt ein anderer und lo fort. Lenchen tanzt unaufhörlich, denn an Tänzern fehlt es dem schönen Mädchen natürlich nicht, was die gardierende Tillitante mit großem Behagen konstatiert, nachdem sie hinter die Hoffnung auf Thielecke schon ein Kreuz gesetzt hat. Er zeigt sich gar nicht auf dem Tanzplatz, und das roteLicht, das Agnes' Ampel ausstrahlt, ist noch immer von zahl» reichen Köpfen umstanden. 182,18*