Schluchterner Zeitung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.
Telefon Nr. «5. Vierteljährliche Beilage: „Unsere Heimat". Telefon Nr. «S.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 43.
Mittwoch, den 31. Mai 1911.
62. Jahrgang.
Amtliches,
J.-Nr. 6875. Unter Aufhebung meiner Verfügung vom 8. Dezember v. Js. — J.-Nr. 14978 — Kreisblatt Nr 51 — habe ich dem Polizeidiener Noll in Salmünster die Schlachtvieh- und Fleischbeschau für den I. Bezirk der Stadt Salmünster, umfassend die Hausnummer 1 bis 125 einschließlich und 141 übertragen. Die Schlachtvieh und Fleischbeschau in dem II. Bezirk, umfassend die Hausnummer 126 bis Schluß — mit Ausnahme des Hauses Nr. 141 — und dem Gutsbezirk Salmünster, übt, wie bisher, der Fleischbeschauer Johann Harnischfeger in Salmünster aus. Die beiden Beschauer vertreten sich gegenseitig.
Schlüchtern, den 29. Mai 1911.
Der Königliche Landrat. Valentiner.
Deutsches Reich.
— Der jüngste Sohn des Kaiserpaares Prinz Joachim hat sich am Montag vormittag in Döberitz eine Verletzung an einem Fuße zugezogen. Die ärztliche Untersuchung ergab einen Bluterguß ins rechte Kniegelenk.
— Der Reichstag erledigte am Freitag die erste und zweite Lesung des Herbstdiälengesetzes und de Novelle znm Zündwarensteuergesetz. Ferner wurde di elsaß-lothringische Verfassungsreform in dritter Lesung, also definitiv, mit 211 gegen 93 Stimmen angenommen. Dann begann die dritte Lesung der Reichsversicherungs- or-nung. Abg. Trimborn (Z) hatte zunächst eine Auseinandersetzung mit der Sozialdemokratie, der er „angenehme" Aussichten für den kommenden Reichstagswahlkampf eröffnete. Zwar enthalte das Gesetz lange nicht das, was man gern noch hineingebrach hätte, aber das Erreichte sei doch immerhin eine Leitung, mit der man zufrieden sein könnte. Abg. Schickert (kons.) wendete sich scharf gegen die Behauptungen der Sozialdemokratie, daß die Reichsversicherungsordnung auch in der jetzigen Form völlig unzulänglich sei, weil die vielen sozialdemokratischen Anträge nicht berücksichtigt worden seien. Wer an den Vorzügen der Reicvsversicherungsordnung zweifle, dem sei nicht zu helfen.
— Das preußische Abgeordnetenhaus verwies am Freitag das Ausführungs^esetz zur Reichswertzuwachssteuer nach kurzer Debatte an die Kommission zurück. Der Antrag des Abg. Dr. Gottschalk (natl.) auf Vorlegung eines Gesetzes, durch das für ganz Preußen die Dauer der Schulpflicht und die Strafen für Schulver-
Aus eigener Kraft.
Roman von Nora Denkes. 88
Es ist als gleite sie mit den Wolken. Oder mit dem märchenhaften Schwanenritter Lohengrin über den dun- kelgrundigen See der Liebe. Und als sie die kurze Strecke Wegs zurückgelegt haben und der Wald sichtbar wird, hören die Insassen des „Wagens mit dem vollgepackten Korb", das Klingen, Pauken und Dröhnen der Militärkapelle, die die nahenden Gäste mit einem fröhlichen Tusch begrüßt.
Dazu Lachen und Jauchzen, und ihre verwunderten Augen blicken in eine Zauberwelt von wehenden Wimpeln und Fahnen, Blumengirlanden und buntleuchtenden Lampions, die sich von Baum zu Baum schlingen. Dazu prächtig geschmückte, hin und her huschende Mädchen, denen die Lebenslust aus den Augen sprüht und die Hoffnung, recht viele Eroberungen zu machen.
Das Ehepaar Römer mit seiner jungen Schutzbefohlenen, der gar viele bewundernde Blicke folgen, hat sich nach längerem Suchen eine der im Wald verstreut herumstehenden weißgedeckten Tafeln als Landungsplatz erkoren. Onkel Römer erklärt, ein wenig verschnaufen zu müssen.
Nach kurzer Rast erheben sie sich und Tillitante nimmt ihr liebes Männchen an den einen und Lenchen an den andern Arm, damit sich keines in dem Trubel verliere und sie treten eine Wanderung durch das „Narrenhaus" an.
Das feinfühlige und jedenfalls auch standesstolze Lenchen fühlt sich schrecklich unbehaglich an dem fleischigen Arm ihrer aufgeblähten Tante. Sie, die früher viele Feste, aber immer nurin Begleitung ihrer mit echter Vornehmheit auftretender Eltern besucht hat, hat nun die unangenehme Empfindung, daß sie mit ihren Beschützern als wandelndes Kleeblatt einen lächerlichen Anblick bieten müssen. Und im Strudel der Menschenmenge sich zu ver
säumnis einheitlich geregelt werden, ging an die Unterrichtskommission. Unverändert nach den Beschlüssen des Herrenhauses wurde die Wegeordnung für Ostpreußen angenommen. Zu einer längeren Debatte kam es bei der Beratung des Gesetzentwurfs über die Beschulung blinder und taubstummer Kinder. Die Polen sahen in dem Gesetz wegen der Nichtberücksichtigung der polnischen Sprache ein Ausnahmegesetz gegen ihre Landsleute, und das Zentrum wünschte den konfessionellen Charakter der Schulen mehr betont zu sehen. Die Abänderungsanträge wurden jedoch abgelehnt.
- Zum Streik im mitteldeutschen Braunkohlenrevier wird aus Meuselwitz geschrieben, daß in der letzten Zeit mehrfach Streikposten über die hohe Einfriedigung der Grube „Heureka" gestiegen sind nnd Arbeitswillige herausgeholt haben. Zwei solche Streikposten sind verhaftet worden. Der katholisch-polnische Verein in Meuselwitz hat bereits bei den dortigen Geschäftsleuten für die streikenden Bergleute Gelder gesammelt. Der deutsch-katholische Verein in Meusel- Witz veröffentlicht dazu eine Zeitungserklärung, daß die Sammlung nicht von ihm, sondern von dem polnischkatholischen Verein ausgehe.
Der Abschluß der deutsch - amerikanischen Kaliverhandlungen ist perfekt geworden, nachdem die Verträge zwischen dem Kalisyndikat und dem Nordtrust, dem Südtrust, den unter dem Namen „Jndependents" verbündeten über 50 Firmen und den Packers über den Bezug ihres Bedarfs an Kalisalzen von jetzt ab bis Ende 1916 unter beide Teile befriedigenden Bedingungen vollzogen worden sind. Die Preise entsprechen füe konzentrierte Salze dem Reichskaligesetz, während für 20prozentige, 16,4prozentige und 12,4- prozentige Rohsalze eine Preiserhöhung zugestanden ist. Vom 1. Januar 1914 ab kann das Syndikat die Preise um höchstens 3 Prozent, vom 1. Januar 1916 ab um weitere höchstens 3 Prozent erhöhen. Der Abschluß von Kalilieferungsverträgen mit anderen Kali« Produzenten als dem Kalisyndikat ist für die ganze Vertragsdauer ausgeschlossen. Dem Kalisyndikat ist eine Einwirkung bei der Erledigung der Streitigkeiten mit den Kaliwerken Aschersleben und der Gewerkschaft Sollstedt eingeräumt.
Auslanö.
— Bei Einbringung der Wehrreformvorlage hat es große Sturmszenen im ungarischen Reichstag gegeben. Julius Justh, Graf Baltyany und viele andere extremen lieren ist, bei der auffallend hübschen Erscheinung des Mädchens, unmöglich.
An einer Tafel, in Gesellschaft eines kinderreichen Kollegen, sowie mehrerer Offiziere, sitzt Doktor Thielecke. Er steckt wieder in seinem lichten Sommerstaat und schaukelt sich in elegantester Haltung auf einem Rohrsessel.
Als er Lenchen erschaut, springt er sofort auf und macht, seinen Hut bis zur Erde schwenkend, eine begrüßende Verbeugung. Sie dankt, etwas verlegen lächelnd. Thielecke steht noch eine Weile in unschlüssiger Haltung, als ob er sich dem Mädchen anschließen wolle: auch Lenchen macht eine Bewegung, als ob- sie in Erwartung dieser augenscheinlichenTatsacheetwas sagen möchte. Doch schließlich bleibt es beiderseits beim Wollen und so schreitet Tillitante mit dem ahnungslosen Römer energisch weiter. Auch sie hat Thielecke mit ihrem breitesten Lächeln beehrt, in Erwartung, daß er das schmeichelhafte dieses Umstandes anerkennen und die Gesellschaft oierblätterig machen werde. Nun nichts dergleichen geschieht, macht sie ihrem Aerger ganz ungeniert Luft: „Na natürlich, wie sollte er von den aufgeblasenen Herrschaften zu uns geringen Leuten kommen. Als ob wir vom Magistrat nicht eben so viel Eintritt bezahlt hätten. Aber so hinterrücks aus Fenster schleichen, wenn ihn die noble Bande nicht schaut, das versteht er. Und Du sitzt ihm natürlich auf."
LenchenS empfindsames Gemüt krümmt sich unter diesen Geißelhieben der Derbheit. Mein Gott, sie, die doch in derselben Gesellschaft aufgewachsen ist, soll sich nun denselben Menschen untergeordnet fühlen?
Eine unerträgliche Oual für sie und sie möchte so gerne in die Einsamkeit des Waldes flüchten, sich von den häß- lichen Eindrücken zu befreien.
Damit darf sie aber Tillitante nicht kommen, denn die hat dafür gezahlt, daß sie ihre runden Aeuglein überall herumschicken, sich unendlich verwundern und .. gehörig ausklatschen darf
Achtundvierziger schrien fortwährend: „Zuerst allgemeines Wahlrecht! Früher gibts keine Wehrreform I Nieder mit der Regierung!" Die Sozialdemokraten warfen von der Galerie Tausende von Zetteln in den Saal mit der dringenden Forderung des allgemeinen Wahlrechts.
— Ueber die monarchistischen Bewegungen in Portugal meldet die Londoner „Morningpost" daß der Ausbruch der Gegenrevolution in Lissabon von der Regierung mit außerordentlichen Machtmitteln niedergehalten wird. Die Monarchisten in Opvrto sind zum größten Teil verhaftet und die Polizei durch Matrosen ersetzt. Dennoch herrschen ernste Befürchtungen. Mehrere in den Hafen einlaufende Schiffe wurden geplündert. Ein Dekret der Regierung ordnete die Schließung der Waffen und Munitionshandlungen an.
— Der Kommandeur des 6. französischen Armeekorps, General Goiran, hat das Kriegsministerium übernommen.
— Zu den Wirren in Marokko wird aus Paris gemeldet, daß das Eindringen der französischen Truppen in Fez in der französischen Hauptstadt überall lebhafte Genugtuung erregt habe. Declasss komme die Ehre zu, die französische Aktion in Fluß gebracht zu haben, er habe recht gehabt, als er den örtlichen Widerstand der Marokkaner gering veranschlagte. Jetzt wird auch zugegeben, daß die Lage in Fez durchaus nicht so bedenklich gewesen sei, wie es französischerseits immer versichert wurde. Endlich läßt man, durchblicken, daß die eigentliche Aufgabe (!) der französischen Truppen in Fez nun erst beginne, und zwar mit der Wiederaufrichtung der Autorität des Sultans, wozu ein längeres Verweilen der Truppen in Fez erforderlich sei. Die Spanier sind unablässig bemüht, sich einen möglichst großen Teil der marokkanischen Beute zu sichern. Nach Mitteilungen von Reisenden, die aus Ceuta eingetroffen sind, haben die spanischen Truppen weitere Punkte der Däfilss von Aixa, sieben Kilometer westlich von Negeon-Berge, besetzt.
— In der südamerikanischen Republik Uruguay ist der Generalstreik in Montevideo erklärt worden. Fünfunddreißig Handwerkerverbände schloffen sich den Ausständigen an. Die Straßen sind ohne Verkehr. Auch sind bereits Ruhestörungen vorgekommen.
— Aus Kalkutta werden wieder einmal Unruhen in Indien gemeldet. Stammeszwistigkeiten zwischen Mohammedanern und den Ramasudras, einem Ackerbau treibenden Hindustamm von niedriger Kaste, haben plötzlich in dem Khulnadistrikt, westlich von Kalkutta,
Auch mit einigen Nachbarsfrauen aus der Zottelgasse macht sie imVorübergehen ein Pläuschchen und Lenchen steht wortlos daneben, wie eine verwunschene Prin- Zeß.
Endlich kommen sie im Weiterschreilen an einen Punkt, wo sich die Menge staut. Da muß was Besonderes los sein, konstatieren Römers befriedigt, denn sie gehen am liebsten ins Dicke hinein. Richtig. „Komm, Lenchen. schau, guck!" kreischt die Tante halblaut sein sollend auf und schiebt das Mädchen wider willen nach vorne.
In einer ganz mit Efeu, natürlich auf künstlichem Wege, überwachsenen Grotte leuchtet, wie aus zahllosen Steinen und Muschelchen zusammen gesetzt, die Wun- der-Riesenmuschel Agnes Hollmanns. Natürlich ist die ganze Herrlichkeit aus Pappe, aber sehr wirkungsvoll und täuschend nachgeahmt. Agnes selbst bietet einen geradezu berückenden Anblick, kein Wunder also, daß das originelle Werk ihres überspannten Köpfchens nicht nur von sonstigen Neugierigen, sondern auch von jungen Männern der „Gesellschaft" förmlich belagert wird. Natürlich wallt und flattert auch heute alles an ihrem lan» gen, schlanken Körper.
Erstens das rötliche Haar, das durch die Kunst des Friseurs einen gewaltigen Vorschub erhalten hat. Es fließt, kaum merklich gewellt, wie ein Mantel über Schulter und Rücken, bis zu den Knien hinab.
Ihr Gewand, aus eigenhaft grünlicher Seide, umwogt sie so reichlich, als-ob ihre biegsame Gestalt, mit den immer in Bewegung befindlichen weißen Armen wirklich aus märchenhafter Flut emporrage. 182,18*
In dem bauschenden Zeug aber flimmern Hunderte von Perlen, Sternchen und allerhand derartiges Ge- funkel, während die Aermel nur aus langen Halmen bestehen, zwischen denen die um die Arme gewundenen Ko- rallenschnüre hervorglühen. Solche schmücken natürlich auch den stark dekolletierten Hals, und großsternige Wasserrosen, wie vom Zufall hingeweht, das knisternde Haar,