SchWerner Zeitung
mit amtlichem Areisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber, ra-f-n Nr.«». Vierteljährliche Beilage: „Unsere k^imat". re>rf°i< Nr. «s.
Erscheint Mittwoch und Samstag — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 42.
Samstag, den 27. Mai 1911.
62. Jahrgang.
Drutsches Deich.
— Der Reichstag erledigte sam Sonnabend bei der Writerberatung der Reichsversicherungsordnung den Rest des vierten Buches, das von der Invaliden- und Hinterbliebenenversicherung handelt, und das fünfte Buch, welches die Beziehungen der Versicherungsträger zu einander regelt. Es steht nur noch das sechste Buch (Verfahren) aus. An den Kommissionsbeschlüssen wurde keine Aenderung vorgenommen. — Am Montag wurde ohne bemerkenswerte Debatte unter Ablehnung der sozialdemokratischen Anträge die zweite Lesung der Reichsversicherungsordnung beendet und mit der ersten Lesung des deutsch-schwedischen Handelsvertrages begonnen, die vom Staatssekresär Dr. Delbrück mit einer Rede eingeleitet wurde. Er betonte, daß es gegenüber dem neuen schwedischen Zolltarif in vielen Fällen nicht gelungen sei, die Aufrechterhaltung des Status quo oder gar seine Ermäßigung zu erreichen, aber eine Reihe von Erfolgen hätten wir doch erzielt. Abg Dr. Roesicke (kons.) verlangte Schutz der deutschen Seefischerei gegen die schwedische Konkurrenz. Abg. Dr. Stresemann (natl.) erkannte an, daß zahlreiche bedeutsame Zollermäßigungen erzielt worden seien und gab der Hoffnung Ausdruck, daß es gelingen möge, die deutschen Interessen an den Eisenerzen in Marokko zu wahren, Abg. Frhr. v. Kamp (Rp.) betonte, daß die Regierung alles getan hätte, was sie tun konnte. Schließlich wurde die Vorlage einer besonderen Kommission überwiesen.
— DaS preußische Abgeordnetenhaus nahm am Sonnabend in dritter Lesung mit 157 gegen 155 Stimmen das Feuerbestattungsgesetz sowie einen Zentrumsantrag an, der zur Errichtung von Krematorien die Zweidrittel-Mehrheit der Gemeindevertretung verlangt. Dann wurde die Ostmarkendenkschrift, bei der Landwirtschaftsminister v. Schorlemer nochmals seine Haltung gegen den Ostmarkenverein verteidigte, durch Kenntnisnahme für erledigt erklärt. Es folgte die Denkschrift zur Lage der stattlichen Bergwerke. Abg. v. Pappenhcini (kons.) wünschte, daß die Regierung sich an den Bestrebungen zur Neubildung des Rheinisch- Westfälischen Kohlensyndikats beteiligen solle. Handelsminister Sydow erklärte, daß der preußische Staat dem Syndikate beitreten wolle, wenn es angemessene Bedingungen und die Gewähr für eine hinreichende Sicher- stellung der allgemeinen Interessen biete. — Am Montag wurde die Beratung fortgesetzt. Abg. Dr. Röchling
Aus eigener Kraft.
Roman von Nora Denkes. 37
Am Vorabend des Waldfestes, da Thielecke Lenchen nicht persönlich begrüßen kann, weil er einer ärztlichen Sitzung beiwohnen muß, hat ein Gärtnerjunge ein prachtvolles Gewinde von, noch halb in der Knospe befindlichen Lafrancerosen an Fräulein Klingers Adresse überbrackt.
Dazu eine Karte, in der Artur Thielecke die liebliche Frühlingsfee bittet, sich am morgigen Tage mit den Rosen zu schmücken. „Sind es doch die ersten, die meine Hände einem Weibe zu Füßen legen. Möge die Sprache, mit der ihre stummberedten Lippen Sie schmeichlerisch umwerben, in Ihrem Herzen einen süßen Widerhall finden."
Das war schön gesagt; und Lenchen hat die charakteristischen Schriftzeichen unzählige Male mit ihren Lippen berührt.
Kein Wunder, daß sie beim Abendbrot keinen Hunger hat, und alles der „lieben herzigen Mama" überläßt.
„Die ersten Rosen, die er einem Weibe zu Füßen gelegt." Dieser Satz liegt ihr unaufhörlich in dem Sinn.
Ob es aber auch die Letzten sind?
Nun ist der große Tag des Festes angebrochen und schon in allerHerrgottsfrüh rollen Equipagen und Miets- kutschen dem auf einer Anhöhe gelegenen, nahen Eichenwalde zu. Das Fest soll eine Art idealisierten Jahrmarkt vorstellen, auf dem die Damen des Ausschusses in schön dekorierten Zelten der verschiedensten Form, Getränke, Eßwaren, Zuckerwerk und Früchte, dann Blumen, Spielzeug, auch Zigaretten und Ansichts- und Bilderkarten usw.' verkaufen, wobei sie von jungen Mädchen in Volkstrachten und Phantasiekostümen unterstützt werden. Natürlich gibt es neben den Verkaufsständen noch allerlei Jux- und Zauberbuden, wo man sein Geld auf angenehme Weise los werden kann. So wird unter anderein Don einer ganz merkwürdigen Riesenmuschel gefaselt in
(natl.) führte den Rückgang in den Einnahmen der Betriebe des Saarreviers vor allem auf organisatorische Mängel zurück. Abg. Gyßling (fortsch. Vp.) warnte vor jeder Schwarzseherei und lobte vor allem die günstige Entwicklung der Bernsteinwerke von Palmnicken. Der Rest der Debatte erschöpfte sich in einer Polemik zwischen dem Zentrum und der Sozialdemokratie. Die Denkschrift wurde durch Kenntnisnahme für erledigt erklärt.
— Im Meuselwitzer Braunkohlenrevier sind neue Ausschreitungen streikender Bergarbeiter vorgekommen. Als abends in der zehnten Stunde vier Arbeitswillige mit dem Zuge von Leipzig kamen und aus Haltepunkt Wintersdorf ausstiegen, um nach der Grube „Heureka" zu gelangen, wurden sie von 4 Gendarmen in dunkler Nacht begleitet. Etwa 100 Streikposten versuchten nun die vier Arbeitswilligen in Empfang zu nehmen. Als die Streikposten den Worten der Gendarmen nicht Folge leisteten, fielen Schüsse. Es soll ein Gendarm in die Luft geschossen haben, um die Streikposten ein- zuschüchtern. Erst nun entfernten sich die Streikposten. Die Sireiklage ist auch in der dritten Wocheun verändert.
Ausland.
— Nach der Fertigstellung der deutsch' ostafrikanischen Zentralbahn und nach Vollendung der geplanten belgischen Schienenwege am Kongo wird von Daressalam bis zur Mündung des Kongostromes ein Verkehrsband geschlossen sein, das den Indischen mit dem Atlantischen Ozean verbindet. Es ist ein glücklicher Zufall, daß das in der kolonialen Verkehrspolitik so lang rückständig gewesene Deutschland an dieser ersten großen Querverbindung Afrikas einen bedeutenden Anteil haben wird. Die Reise von Boma nach Daressalam wird 32 Tage in Anspruch nehmen, die Fahrt in umgekehrter Richtung 22 Tage, unter Einrechnung der erforderlichen Ruhetag. Von dem 4540 km langen Wege entfallen rund 2400 km auf die Eisenbahn, der Rest auf den Wasserweg. Zurzeit fehlen an der Gesamt- verbindung freilich noch die Bahn von Lualaba zum Tanganjika auf belgischer Seite und von dem derzeitigen Endpunkte der Zentralbahn bis Udjidji oder Kigoma auf deutscher Seite.
— Ein Gegenverein des „Deutschen Böhmerwald- Bundes" ist der „Tschechische Böhmerwald Bund", ein Propagandaverein, der es auf die Tschechisierung deutschen Sprachgebietes abgesehen hat. Dieser Kampfverein unterhält gegenwärtig 57 Schulen mit 12 540 Kindern, und er hatte nach den Mitteilungen der der irgend eine Wasserfee oder sonst dergleichen schönes Ungetüm Zaubertränke und Sprüche feilhalten wird.
Und dieses Rätselwesen ist richtig niemand anders als Agnes Hollmann, die hypermodern angehaucht, für alles hochgeschraubt seltsame schwärmt. Lenchen hat den Antrag in einem Verkaufszeit zu bedienen, dankend abgelehnt, da es das erste Fest ist, das sie nach des Vaters Tod besucht; sie dem größten Trubel also noch ausweichen will.
Dafür aber freut sie sich auf den Tanz, den sie sehr liebt.
Römers haben für zwei Uhr nachmittags den Fiaker bestellt, auf den die Tante auch einen mit Getränken und Eßmareu gefüllten Korb ladet. An die verwunderte Bemerkung Lenchens, daß doch Lebensmittel und Getränke feilgeboten werden, erklärt sie, daß man dort für schweres Geld nur Scheinessen bekäme, von dem Onkel Römer nicht satt zu kriegen sei. Sie aber ist nicht so dumm, sich schröpfen zu lassen.
Lenchens Mama ist heute ganz merkwürdig bleichund kraftlos. Nämlich noch mehr als sonst. Dabei aber außergewöhnlich sanft und geduldig. Gar nicht launisch; daß Lenchen ein ihr unerklärliches Bangen erfaßt und sie schon wiederholt gefragt hat: „Mütterchen, aber wirst Du Dich allein ängstigen? Läßt Du mich auch gerne zu dem Fest?"
„Ja, mein Kind. Ich freue mich so sehr, daß Du Dich nach der monatelangen Plage, auch einmal unterhalten sollst. Sei nur recht fröhlich und denk dabei auch an Deine Mama, die Du ja trotz ihrer Schrullen, doch immer lieb gehabt hast. Nicht wahr, mein Kind?"
Da hat sich Lenchen mit leidenschaftlicher Innigkeit an ihre Brust geschmiegt und versichert, wie sie niemand so gern habe, wie ihr liebes, zartes Mütterchen. Ja die beiden haben vor Rührung und Zärtlichkeit reichliche Tränen vergossen.
Major Anders aber, der, wie er erklärt, sich aussol- chen Mumpitz nichts macht, bleibt daheim. Ihn hat Lenchen besonders gebeten, ein wenig auf die einsame Mama
tlchechischen Blätter im letzten Vereinsjahre eine Ein- nahmi vv» rund 353 700 Kronen. Neuerrichtet wurden im deutschen Sprachgebiete zwei tschechische Schulen, und zwar in Sitzkreis (Bezirk Schweinetz) und in Krousen (Bezirk Bergreichenstetn), für welch letztere allein 51 000 Kronen anfgewendet wurden. Im Hinblick auf die dürftigen wirtschaftlichen Verhältnisse, in denen ein großer Teil der deutschen Böhmerwäldler lebt, und angesichts der rührigen Agitation der nationalen Gegner, bedarf die wichtige und schwere Arbeit des „Deutschen Böhmerwald - Bundes" ausgiebiger Unterstützung der Volksgenossen und der deutschen Hilfsvereine.
— Die royalistische Bewegung in Portugal macht, wie gerüchtweise verlautet, bedeutende Fortschritte. Sv soll sich bereits ein Komilee von Finanzleuten gebildet haben, die 5 Millionen Franks zeichneten. Das Komitee sendet Vertreter zu den Hauptstädten Europas, um dort die Finanzleute zn interessieren. Die Anleihen sollen angeblich zum Ankäufe von Minen und zu Eisenbahnbaulen gemacht werden. Weiter behauptet der belgische sozialistische „Peuple", daß ein Agent der portugiesischen Royalisten sich augenblicklich in Brüssel befindet, um den Versuch zu machen, bei belgischen Banken Gelder für die Gegenrevolution aufzunehmen. Er verspreche im Falle des Krieges Konzessionen auf Bergwerke und Eisenbahnen in Portugal. Die royalistische Gruppe habe bereits 5 Millionen, namentlich in Brasilien aufgebracht. Die Verschwörer unterhielten Berdingungen mit der Garnison von Oporto.
— Wie aus Madrid gemeldet wird, soll eine spanische Fremdenlegion gebildet werden. Die mit der Fassung eines Gesetzes über den obligatorischen Militärdienst betraute Kommission hat einen Entwurf betreffend Einrichtung eines Freiwilligen-Kolonialkorps genehmigt, worin die Anwerbung von Ausländern für Nordafrika und Spanisch-Guinea für zulässig erklärt wird. — Das fehlte auch gerade noch!
Lokales und Provinzielles. Schlichtern, 26. Mai 1911.
—* Die in der vorigen Nummer unserer Zeitung angekündigte Generalversammlung des Bürgervereins findet nicht Sonntagabend sondern Samstagabend statt, was wir hiermit berichtigen.
—* Den Lokomotivführern ist jetzt wie den Bahn- assistent:« das Tragen der Achselstücke verliehen worden.
—* Die Schweineseuche, diese gefährliche Krankheit der Borstentiere, greift im Landkreis Cassel immer acht zu geben. Das hat er ihr in seiner unverwüstlich liebenswürdigen Manier getreulich versprochen. Ihr zu gleicher Zeit eine Summe Geldes mit der Bitte übergeben, dafür in seinem Namen Einkäufe zu machen. Einerlei ob zum beißen, biegen oder brechen. Nur möchten die Damen des Komitees Sorge tragen, daß es ihm Sankt Petrus auch richtig buche, damit er seinerzeit einen Stein im Brett vorfinde. Lachend hat er sich, seinen Strohhut nach alter Gewohnheit tief im Naken, dann von Lenchen verabschiedet, die das Goldstück in ihr kleines Portemonnaie gleiten läßt. Gerührt blickt fie dem mit festen Tritten Abstampfenden nach.
Sie kennt ihn. Sie weiß ganz genau, daß er ihr auf diese feine Art das Deprimierende, mit leeren Händen herumschlendern zu müssen, ersparen will. Denn die Gesellschaft des kleinen Städtchens zählt die Kreuzer gar gut, die der eine oder andere Mitbürger bei solcher Gelegenheit ausgibt.
Wie ein Frühlingskind geschmückt steigt Lenchenpunki 2 Uhr, denn die Römers sind pünktlich, in dieetwas rumplige Mietskarosse. Die feinen Wagen sind natürlich heute teuer.
Das weiße Kleid von ihren, in solchen Sachen ungeübten Händen, allerdings nicht tadellos gearbeitet, steht ihrem graziös gebauten Körper, vielleicht gerade darum so durstig, weil es nicht zu sehr an die Schneiderin gemahnt. Den Gürtel mit der langen, schwarzen Bandschürze hat sie dem Winterkleid entnommen, weil sie ja nur eben ausgetrauert hat. Auch eine solche Schleife auf der Schulter befestigt.
Um den viereckigen Halsausschnitt aber schlingen sich die herrlichen Rosen, die „er" dem ersten Weibe zu Füßen gelegt hat.
Darin gipfelt ihr Stolz. Das hebt sie in Gedanken heraus aus dem in allen Fugen wackelnden Gefährt, von der Seite der geschnürten Tillitante mit den steifgestärkten und geglätteten Unterröcken und den verwachsenen Onkel Römer mit der übelduftenden Porloriko- zigarre im zahnlosen Mund. . 182,18*