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SchluchtemerAitung

mit amtlichem Rreisblatt. Monatsbeilage: Landwirtschaftlicher Ratgeber.

Telefon Nr. es. Vierteljährliche Beilage:Unsere Heimat". Telefon Nr. 65.

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 41.

Mittwoch, den 24. Mai 1911.

W

62. Jahrgang.

Am Tage der Himmelfahrt.

Das ist ein wunderliebliches Fest, das so mitten hinein ins Blühen und Duften der Naturwelt fällt, das einen Vorklang zum Pfingstfeste bedeutet, das so recht die österliche Heilsfreude noch einmal in die Menschenherzen hineinläuten möchte: Himmelfahrt! Die chrichstliche Kirche bekennt an diesem Tage:Ewig unser Haupt zu sein, gingst Du in den Himmel ein!" Erde und Himmel! Wie haben die bedeutendsten Köpfe dar­über philosophiert! Wo sind die Grenzen des einen, wo fangen die Gefilde des andern an? Kann menschlich- irdisches Denken und Wollen überhaupt jemals die Tore zum Uebelsinnlichen öffnen? Man hat es verneint. Radikale Geister haben die Schlußfolgerung daran geknüpft, daß der Himmelsgedanke auch nur eine von den vielen Illusionen des Lebens sei. Aber man wollte doch nicht darauf verzichten, ein Stückchen Himmel ans diese Erde zu zaubern. Die Versuche hierzu sind feinerer oder gröberer Art gewesen. Etwas besonders Berau­schendes hat immer die Agitation für ein wirtschaftlich- soziales Himmelreich gehabt, und die ausschweifendsten Phantasien sind mitgelaufen. Aber das alles ist doch nur eine Spiegelung armer, menschlicher Ich-Gedanken, deren heiße Sehnsuchtslräume vom Staube ihren Aus» gang nehmen und letzten Endes am Staube haften bleiben. Das christliche Himmelfahrtsfest betont das Ueberirdifche, das Göttliche, das höchste Objektive. Als ein Geschenk, eine Gnade, soll es des Menschen höchstes Glück sein. Im Erlöser Jesus Christus Himmel und Erde verbunden! Das ist eine Aussage- des Glaubens, oer Religion. Ob man über das Weltall im kopernikanischen oder in sonst einem naturwissen­schaftlichen Sinne reflektiert, das ist in diesem Falle völlig gleichgültig. Aller Himmel Höhen und Tiefen fassen ihn nicht, den wunderbaren König, den Gott sandte, die Menschheit zu erlösen und über sie zu herrschen. Und dennoch wiederum, die sieghafte Majestät des erhöhten Christus kann in jeder Menschenseele klar und deutlich aufstrahlen und ihr den wirklichen Himmel zeigen.

Vom Troste der Himmelsfahrt zu reden, ist kein müßigästhelisches Gedankenspiel. Der unerschütterliche Glaube steht dahinter, daß es für all die Rätsel und Wirrnisse dieser Erde doch noch eine höhere Lösung geben muß. Das fromme Bild, daß Jesus von Wolken getragen nach oben steigt, es wird zum Symbol jener heiligen Zuversicht, daß auch dem irrenden, suchenden Menschenkinde ein letztes und schönstes Auf und

Aus eigener Kraft.

Roman von Nora Denkes. 36

Lenchen wechselt die Farbe bei den leidenschaftlich hervorgestoßenen Reden Thieleckes und erstickt fast an den aufgeregten Atemzügen ihrer Brust. Aber so süß ist der Honig des Augenblicks, nach all dein Bittern, so süß. Ihre weißen Zähne schimmern zwischen den roten Lip­pen. In ihren Augen liegt der Widerschein der Liebe so klar und groß. Und der Mann an ihrer Seite blickt hinein tief und ungehindert. Und als er sein eigenes Sehnen darin findet, kommt er um alle Beherrschung.

Wie lange hat er an sich gehalten in Anbetracht der Armut Lenchens und seiner vielen Verpflichtungen; und nun sprudelt es hervor was er seit Monaten zurückge- dräugt hat:Meine Liebezu Dir ist so machtvoll, Mäd­chen, so unbezwinglich, daß ich lieber sterben will mit Dir, als leben ohne Dich. Du mein süßes Augenlicht! Mein Abgott! O wie ich Dich liebe." Und das sollte Lenchen nicht berauschen? Wie viel hundertmal hat sie sich ähnliche Worte vorgesagt, wenn ihre Gedanken sich mit dem Geliebten beschäftigten? Jetzt ist sie der Erde und ihren tausend Sorgen völlig entrückt. Kaum weiß sie, daß sie in den Garten eingetreten ist und die weißen Fliederdolden über ihren Häuptern zusammenschlagen. Sie fühlt nur die Seligkeit der ersten Liebe, und die Glut ver Lippen, die berauscht die ihren suchen.

Und durch die Bäume streicht sekundenlang leises Schauern. Das ist das Glück, das der Erde einen Kuß au die Stirn gedrückt hat, um dann stille, lautlos wei­ter zu flattern. * *

Als Lenchen mit großglänzenden, verträumten Au­gen unter dem blassen Ampelschein des Schlafgemaches ihre abendlichen Obliegenheiten versteht und Frau Ma­thilde sie, ob ihres veränderten Wesens, ganz verwun»

Empor beschieden sei. Das Kirchenlied des 17. Jahr­hunderts hat das in schlichte, tapfere Verse gefaßt: Auf Christi Himmelfahrt allein ich meine Rückfahrt gründe

Und allenZweifel,Angst und Pein hiermit stets überwinde; Denn weil das Haupt im Himmel ist, wird seine Glieder Jesus Christ

Zur rechten Zeit nachholen!"

Der Glaube an ein ewiges, seliges Jnseils gehört zur christlichen Himmelfahrt. Möge er sich nicht beunruhigen lassen durch christentumsfeindliche Weltanschauungen, in denen eine tiefe Not und Armut steckt. Am Tage der Himmelfahrt soll es die Christenheit aus eigensten be­seligendsten Ueberzeugungstiefen bekennen:Ich weiß, an wen ich glaube, ich weiß, was fest besteht!" . . . .

Deutsches Deich.

Der Kaiser und die Kaiserin mit der Prinzessin Viktoria Luise haben am Sonnabend London verlassen und sind um 3 Uhr 15 Min. von der Viktoriastation nach Port Viktoria abgefahren. Der'König und die Königin, der Prinz von Wales, Prinzessin Mary, der Herzog und die Herzogin von Connanght, Prinz Arthur und Prinzessin Patricia von Connaught, Prinz und Prinzessin Christian von Schleswig-Holstein begleiteten das Kaiserpaar und die Prinzessin Viktoria Luise an die Station. Die JachtHohenzollern" ist Sonntag früh kurz vor 8'/, Uhr mit dem Kaiser, der Kaiserin und Prinzessin Viktoria Luise nach Vlissingen ilt See gegangen.

Das deutsche Kronprinzenpaar, das jetzt wieder in Berlin bezw. Potsdam weilt, ha: unvergeßliche Tage am Zarenhofe verlebt. Großen Eindruck machte auch die Parade. Die Kavallerie defilierte im Trab, die Kosakenbatterie in Karriere. Nach der Parade zeigten die Kosaken erstaunliche Reiterkunststücke, sie standen im Sattel und hoben Dolche vom Boden in der Karriere auf. Auf der Rückfahrt stattete der Kronprinz in Kalisch seinem Dragonerregiment einen kurzen Besuch ab.

Der Reichstag setzte am Donnerstag die zweite Lesung der Reichsversicherungsordnung beim Abschnitt Landwirtschaftliche Unfallversicherung" fort. Die Be­ratung ging in beschleunigtem Tempo vorwärts. Sämt­liche gestellten Anträge wurden abgelehnt und die Kom­missionsbeschlüsse aufrecht erhalten. In rascher Folge wurden die Paragraphen über die Seeunfallversicherung erledigt die bis zum § 1211 gehen, und das gesamte dritte Buch war damit in zweiter Lesung verabschiedet.

dert betrachtet, da kann sie doch nicht länger an sich hal­ten. Vor der Mutter niederkniend, weint sie ihres Her­zens Frühlingssturm auf dem Schoße der geduldig Still­haltenden aus. Unaufhörlich drückt sie ihre taufrischen Lippen auf die vor Magerkeit trockenen Hände ihrer Mama. Es ist ihr, als müßte sie mit dem großen Glück in der Brust der Leidenden Abbitte tun, weil sies egoistisch in sich verschließt.

Schweigend läßt die Mutter sich liebkosen und doch besteht ein Einverständnis, ein Wissen zwischen den bei­den, das mehr als Worte spricht und aus dem Gefühl der Liebe zwischen Mutter und Kind entspringt.

Wie im Flug sind die wenigen Tage bis zudem, ganz Mühlenberg in Aufregung versetzenden Waldfest-Sonn­tag auch für Lenchen vergangen.

Sie haben ihr neben der höchsten Glückseligkeit auch genug der Wermutstropfen gebracht. Fast scheint es, als ob sie seit dem Tage, da sie Frau Hollmanns Aner­bieten abgelehnt, auch von anderen Kunden gemieden würde.

Eine Näherin darf denen gegenüber, die ihr Geld zu verdienen geben, den natürlichen Stolz, den jeder denkende Mensch besitzt, nicht zeigen.

Daß sie als Gegenleistung genau denselben Wert, oft eigentlich noch mehr bietet, wird nicht in Betracht ge- Sm. Es ist ein Tauschgeschäft, daß den einen erhebt den andern erniedrigt.

Nun ist also in der kleinen Klingerschen Wirtschaft die Finanzfrage ein steter Punkt der Aufregung, so daß zwei arme Frauenherzen, die im Grunde so warm für einander schlagen, eigentlich beständig auf dem Kriegs­fuß stehen. Denn Lenchen kann nicht immer nachgeben, trotzdem sie fast Uebermenschliches an Selbstverleugnung leistet.

Aber Mama muß eben dies und jenes haben, wenn man es auch nicht beschaffen kann. Und so legt sie oft Geld für Dinge aus, auf die arme Leute verzichten müs­

Am Freitag begann die Beratung des vierten Buches der Reichsversicherungsordnung das die Invaliden« und Hinterbliebenenversicherung behandelt. Zu einer ausgedehnten Debatte kam es beim § 1242, der die Altersgrenze für die Erlangung der Altersrente auf das 70. Lebensjahr festsetzt. Fortschrittliche Volks« partei und Sozialdemokratie beantragten die Herab­setzung auf das 65. Lebensjahr. Beide Anträge wurden abgelehnt. Auf eine Anfrage des Abg. Dr. Polthoff (fortschr. Volksp) erklärte Staatssekretär Dr. Delbrück, das Gesetz über die Versicherung der Privat- beamten habe den Bundesrat schon passiert und werde dem Reichstage in den nächsten Tagen zugehen.

Das preußische Abgeordnetenhaus erledigte am Donnerstag die zweite Lesung der Feuerbestattungs­vorlage, die mit 176 gegen 158 Stimmen angenommen wurde. Auch 36 Konservative stimmten für das Gesetz. Dann folgte die Beratung der Denkschrift für 1910 über die Ausführung des Ansiedlungsgesetzes in West­preußen und Posen. Die Debatte wurde mit einer Rede des Landwirtschaftsministers v. Schorlemer einge­leitet, der ausführte, von einer grundsätzlichen Aenderung der Ansicht der Regierung in der Polenfrage sei keine Rede. Freilich die Parole, die letzte Scholle polnischen Bodens in deutschen Besitz überzuführen, könne schon aus finanziellen Gründen nicht befolgt werden. Das können nur politische Kurpfuscher fordern. Wenn die Ansiedlungskommission die Ankäufe vermindert habe, so sei das auf den hohen Stand der Preise zurückzu- führen. Die Befestigung des Deutschtums haben in den letzten Jahren erfreuliche Fortschritte erzielt. Am Freitag wurde die dritte Lesung der Feuerbestattungs­vorlage vorgenommen. Nach Ablehnung eines Zentrums­antrages, die Genehmigung zur Errichtung von Krema­torien nur Privatpersonen und privaten Vereinigungen zu erteilen, wurde das ganze Gesetz debattelos erledigt. Es bleibt nur noch die Abstimmung über den dritten Paragraphen. Dann wurde vor fast leerem Hause die Ansiedlungsdenkschrift weiterberaten. Landwirt­schaftsminister V. Schorlemer ging kurz auf die in der Debatte vorgebrachten Einwände ein und hob hervor, daß die Steigerung der Bodenpreise auch durch die Tätigkeit der Ansiedlungskommission mit hervorgerufen sei. Die Qualität der Ansiedler habe den Erwartungen der Staatsregierung durchaus entsprochen.

Die Reichstagskommission für den elsaß-lothringi« schen Verfassungsentwurf erledigte in zweiter Lesung das Wahlgesetz unter Einführung der gleichen Wahl

sen; und wenn dann die Kreuzer für das Notwendige fehlen, muß doch wieder Lenchen ein Heer von Vorwür- fen und Jeremiaden über sich ergehen lassen.

So schleichen die Tagesstunden schwer und traurig dahin. Nach bem Vieruhrkaffee legt Lenchen die Er­werbsarbeit nieder und näht an ihrem weißen duftigen Festkleid, bis ihr die Dunkelheit die Nadel aus der Hand zwingt. Es besteht aus zartem durchbrochenen Batist, den ihr Tillitante mit einer wahren Triumphatormiene als Geschenk übergeben hat.

Ein Modeblatt hat ihr Major 2lnders aus der Buch­handlung gekauft und Doktor Thielecke die Fasson aus» wählen helfen.

War das eine schöne Stunde. Er hat so lange herum gesucht und verworfen. Nichts wollte ihm zu Lenchens Erscheinung passen. Nicht ideal, nicht duftig, nicht künst­lerisch genug, meinte er, abwechselnd die Zeichnung und Lenchens schlankes Persönchen mit Kenneraugen betrach­tend.

Mit besonderer Vorliebe allerdings der Lippen Pur­pur, die einmal ihn berauscht. Nun koinmt er in der Dämmerstunde, wenn er sich den Reisestaub abgeschüttelt hat, an das Fenster, wo er Lenchen an ihrem Staat arbeitend weiß. Ein halbes Stündchen nichts- und doch sovielsagenden Geplauders, dann ein durch alle mög­lichen Neckereien verzögerter Abschied, um schließlich mit einem Gefühl im Herzen auseinander zu gehen, dessen seliges Nachzittern bis zu derselben Stunde des kom­menden Tages währt.

Die Schwelle der Klingerschen Wohnung aber hat Thielecke seit seinem ersten formellen Besuch nicht über­schritten.

Dieser Umstand ist es, der Major Anders, der das süße Getändel von der Höhe seiner Blumenwirtschaft, und nicht immer mit günstigen Augen und Ohren, kon­trolliert, schon mehrmals zu der ärgerlichen Bemerkung ausgestachelt hat: «Und er ist doch ein Filou!" 182,18*